Der zu Tansania gehörende Sansibar-Archipel ist im Gegensatz zum tansanischen Festland überwiegend vom Islam geprägt. Im 19. Jahrhundert galt das durch die omanische Bū-Saʿīd-Dynastie geschaffene Sultanat von Oman und Sansibar als eine der führenden Seemächte im Indischen Ozean. Nach der Teilung in das Sultanat Oman und das Sultanat Sansibar blieb Sansibar bis zur sogenannten Sansibarrevolution 1964 eines der bedeutenden Zentren des ostafrikanischen Islams. Nach der Revolution wurde seitens der neuen Regierung unter Führung von Präsident Abeid Amani Karume versucht, die Insel zu säkularisieren.

Geschichte Erste Muslime erreichten Sansibar möglicherweise schon zu Zeiten des umayyadischen Kalifen ʿAbd al-Malik, der von 685 bis 705 regierte. Diese stammten mutmaßlich aus dem Südwesten der arabischen Halbinsel. Auch aus den Gebieten des heutigen Iraks, Irans sowie der Levante und Indien wanderten Muslime nach Sansibar ein. Sansibar ist demnach seit über 1300 Jahren mit dem Islam verbunden. Die erste Moschee im Archipel wurde im 8. Jahrhundert in der Ortschaft Mtambwe auf der zweitgrößten Insel Pemba gebaut. Zudem wurden dort Münzen des Dīnār-Typs gefunden, der seit dem 8. Jahrhundert in der islamischen Welt verbreitet war. Auf der Unguja vorgelagerten Insel Tumbatu finden sich Reste von Moscheen, deren Geschichte auf das zweite islamische Jahrhundert zurückgehen.Zaidī: “Taṭauwur at-taʿlīm al-islāmī fī Zanǧibār”. 2006, S. 410–411.

alt=ein kegelförmiges Minarett der ältesten Moschee in Stonetown|mini|334x334px|Die Bamnara-Moschee in Stonetown gilt als eine der ältesten Moscheen in der Hauptstadt von Sansibar. 1499 besuchte Vasco da Gama Sansibar. Das christliche Portugal kontrollierte im 16. und 17. Jahrhundert weite Bereiche des Indischen Ozeans. Die portugiesische Kolonialmacht versuchte auch Sansibar zu christianisieren und zerstörte alte islamische Kulturgüter.Zaidī: “Taṭauwur at-taʿlīm al-islāmī fī Zanǧibār”. 2006, S. 411.

Bis zur britischen Protektoratszeit galt Sansibar als das führende Zentrum der Muslime in Ostafrika. Dies lag vor allem daran, dass sich vor der Grenzziehung der Kolonialmächte die meisten der dortigen Muslime im sansibarischen Einflussbereich befanden. Der Sultan ernannte die jeweiligen islamischen Richter. Dabei galt der oberste Qādī als die höchste islamische Autorität an der Swahiliküste. Die Richter waren zumeist gleichzeitig Lehrer und verfassten Werke zu verschiedenen islamischen Themen.Nimtz: Islam and Politics in East Africa. 1980, S. 19–20.

Nachdem Sansibar 1872 von einem Zyklon getroffen wurde, der fast alle Handels- und Kriegsschiffe zerstörte, verlor das Sultanat seine Stellung und gelangte vermehrt unter den Druck der europäischen Kolonialmächte. Im November 1890 wurde schließlich das gesamte Staatsgebiet britisches Protektorat. Unabhängigkeitsbestrebungen im Jahr 1896 wurden seitens der Briten im 38 Minuten andauernden britisch-sansibarischen Krieg niedergeschlagen. Sansibar blieb bis zum 10. Dezember 1963 unter britischer Kontrolle.Loimeier: Eine Zeitlandschaft in der Globalisierung. 2012, S. 28, 39 Am Anfang der britischen Kolonialzeit, als das Deutsche Reich und das Vereinigte Königreich in Ostafrika konkurrierten, wurden verschiedene islamische Gelehrte des Landes verwiesen. Die britischen Beamten auf Sansibar vermuteten, dass diese ʿUlamā' den Deutschen Informationen vermittelt oder anderweitig Verrat begangen hätten.

Nach der Revolution von 1964 waren die meist aus dem Hadramaut und den Komoren stammenden Gelehrten ohne große Macht. Der neue sansibarische Präsident Karume versuchte ihren Einfluss möglichst gering zu halten und lehnte eine Zusammenarbeit mit den ʿUlamā' ab. Nachdem ab 1972 wieder Religionsunterricht angeboten wurde, erteilten diesen nicht die Mitglieder der alten religiösen Elite, sondern neue, hauptsächlich aus Ägypten und dem Sudan stammende, moderne Gelehrte.Loimeier: “Zanzibar's Geography of Evil”. 2011, S. 7 Unter dem tansanischen Präsidenten Ali Hassan Mwinyi seit Mitte der 1980er Jahre wurde die Religion wieder ein Thema des öffentlichen Diskurses in Tansania und im Speziellen auch auf Sansibar. Es wurden wieder islamische Buchhandlungen und Universitäten eröffnet, Personen schlossen sich islamischen Gruppierungen an und auch Daʿwa wurde wieder betrieben.Turner: “These Young Men Show No Respect For Local Customs”. 2009, S. 238.

Nachdem sich 1988 die damalige Vorsitzende der Association of Tanzanian Women Sofia Kawawa dafür ausgesprochen hatte, das islamische Eherecht, das nach ihrer Ansicht die Frau diskriminiert, durch ein neues Gesetz zu ersetzen, erlebte die Insel die ersten religiös-begründeten Unruhen seit der Revolution. Ali Hassan Mwinyi, der Kawawas Forderung unterstützte, wurde scharf kritisiert. Ihm wurde unter anderem vorgeworfen, dass er Christen zu viele Rechte gewähren und gleichzeitig die islamischen Scheiche auf Sansibar unterdrücken würde.Loimeier: “Zanzibars Geography of Evil.” 2011, S. 9–10. 2001 wurde der Nachtclub „New Happy Lodge“ durch eine Explosion beschädigt, die als Zeichen gegen den öffentlichen Konsum von Alkohol verstanden werden sollte. 2004 wurden weitere Anschläge verübt, die jedoch bis auf ein abgebranntes Auto keinen nennenswerten Schaden verursachten.Loimeier: “Zanzibars Geography of Evil.” 2011, S. 10f.

Nach dem Tod des tansanischen Präsidenten John Magufuli im März 2021 übernahm die ihm seit 2015 als Vizepräsidentin dienende Samia Suluhu Hassan das Amt für die restliche Amtszeit bis 2025. Hassan wurde 1960 im Sultanat Sansibar geboren. Sie ist die erste Frau in diesem Amt und die erste muslimische und hidschābtragende Präsidentin eines afrikanischen Landes. Zudem gibt es mit ihr zum ersten Mal ein aus dem halbautonomen Sansibar stammendes Staatsoberhaupt.

Islamische Gruppierungen Die ibaditische Gelehrsamkeit Ibaditische Gemeinden sind auf Sansibar seit der Zeit des Sultans Said ibn Sultan in größerem Maße nachzuweisen. Dieser rief nach seiner Auswanderung nach Sansibar ibaditische und sunnitische Gelehrte dazu auf, die Insel zu ihrer Heimat zu machen. Der Gelehrte Nāsir ibn Abī Nabhān (1778–1847), der zusammen mit Sultan Saʿīd ibn Sultān nach Sansibar zog, galt zu seiner Zeit als der führende Denker der omanischen Ibaditen. Neben einigen bekannten Büchern, die er noch im arabischen Teil des Sultanats schrieb, verfasste er mit der sechsteiligen Enzyklopädie zu Fiqh und Theologie mit dem Titel al-ʿIlm al-mubīn wa-l-ḥaqq al-yaqīn („Das klare Wissen und die bestimmte Wahrheit“) sein bedeutendstes Werk auf Sansibar. Diese Enzyklopädie berichtet unter anderem über ein gemeinsames Treffen zwischen Gelehrten verschiedener Rechtsschulen und über einen starken Einfluss eines schiitischen Gelehrten auf die sansibarische Regierung. In as-Sirr al-ʿalī fī ḫawāṣṣ an-nabāt as-sawāḥilī („Das hohe Geheimnis in der Charakteristik der Swahili-Pflanzen“) beschäftigte sich Ibn Abī Nabhān mit der Flora auf Sansibar und ihrem Gebrauch im wissenschaftlichen und medizinischen Sinne, da die Pflanzen als Gegengift bei Schlangenbissen oder zur Austreibung von Dschinn genutzt wurden. Er beschrieb ebenfalls, wie Pflanzen in einem der Religion entgegenstehenden Sinne verwendet wurden wie beispielsweise zur Potenzstärkung oder zu magischen Zwecken. Nāsir ibn Abī Nabhān erklärte, dass es am Ende Gott ist, der über Gesundheit und Krankheiten entscheidet. Seine Beziehung zu Sultan Saʿīd soll anfangs schwierig gewesen sein, später bestand ein Vertrauensverhältnis zwischen den beiden, so dass der Gelehrte dem Sultan auch als persönlicher Berater diente.Valerie J. Hoffman: “Ibāḍīs in Zanzibar and the Nahḍa” in Abdulrahman Al Salimi und Reinhard Eisener (Hrsg.). Oman, Ibadism and Modernity Georg Olms, Hildesheim 2018. S. 129–144. Hier S. 129–130.

Ein Putschversuch seitens des späteren Sultans Barghasch gegen seinen als Sultan amtierenden Bruder Mādschid ibn Saʿīd 1859 schlug fehl. Unterstützer wurden nach Indien und zurück nach Oman ins Exil geschickt. Einer von ihnen war Sālih ibn ʿAlī, ein ibaditischer Gelehrter, der 1868 ʿAzzān bin Qais in Oman bei der Errichtung seines Imamats unterstützte. Generell scheint die Unterstützung der Imamatsbewegung innerhalb der omanischen Bevölkerung auf Sansibar zu dieser Zeit stark gewesen zu sein, insbesondere bei denjenigen, die auf Pemba lebten. Sultan Hamad bin Thuwaini ließ eine Delegation unter Führung von Sālih ibn ʿAlī zum Imam in Nizwa schicken, um eine Wiedervereinigung zu planen und gegen den omanischen Sultan Faisal ibn Turkī zu putschen. Dieser Versuch scheiterte.Amal N. Ghazal: Islamic Reform and Arab Nationalism. Expanding the Crescent from the Mediterranean to the Indian Ocean (1880s-1930s). Routledge, London/New York 2010. S. 25–27.

Sultan Barghasch ibn Saʿīd war sehr bestrebt, das Ibaditentum gegen die Ansprüche der Schafiiten zu verteidigen: Er gründete eine Druckerei, um die ibaditische Gelehrsamkeit zu fördern und ließ Personen bestrafen, die zum Sunnitentum konvertierten. Dennoch entwickelte sich in dieser Zeit ein reger Austausch zwischen Ibaditen und Sunniten. Viele der neuen ibaditischen Gelehrten kamen um die Jahrhundertwende aus Oman nach Sansibar und unterrichteten die einheimischen Sunniten in der arabischen Sprache. Im Gegenzug lernten die ibaditischen Gelehrten bei ihren schafiitischen Kollegen Inhalte sunnitischer Werke und des Sufismus kennen.Valerie J. Hoffman: “The articulation of Ibādī identity in Modern Oman and Zanzibar” in Muslim World 94/2 (2004) 201–216. Hier S. 211. Der spätere sunnitische Qādī ʿAbdallāh Sālih al-Fārsī verglich Sultan Barghasch mit Hārūn ar-Raschīd und beschrieb ihn als den größten Sultan der Bū-Saʿīd-Dynastie. Gleichzeitig verglich er ihn mit Hārūns Sohn al-Ma'mūn, der sich wie Barghasch mit vielen Gelehrten traf und diejenigen wegsperren ließ, die einer anderen islamischen Glaubensrichtung angehörig waren. Unter ihnen waren ʿAlī ibn Chamīs, ʿAbdallāh al-Mazrūʿī und ʿAbd al-ʿAzīz al-Amawī.Farsy: The Shafiʿi ulama of East Africa, c.a 1830–1970. 1989, S. 22. Abū Muslim al-Bahlānī war bis 1907 oberster ibaditischer Qādī auf Sansibar. Auch wenn viele omanischstämmige Ibaditen Rat bei sansibarischen Muftis suchten, so gab es auch regelmäßigen Kontakt und Fragen in Richtung des alten Heimatlands. Dies war vor allem in der Kolonialzeit der Fall, als sich Fragende sorgten, dass der britische Einfluss auf Entscheidungen zu groß werden könnte.Amal N. Ghazal: “Omani Fatwas and Zanzibari Cosmopolitanism: Modernity and Religious Authority in the Indian Ocean” in The Muslim World 105/2 (2015) 236–250. Hier S. 239.

mini|361x361px|Ein beliebtes Fotomotiv in Stonetown, die anglikanische Christ Church direkt neben der Jibril-Moschee. Als einer der heutzutage wichtigsten sansibarischen Islamgelehrten gilt der omanische und damit auch ibaditische Großmufti Ahmad al-Chalīlī, der 1942 auf Sansibar geboren wurde und im Zuge der Sansibarrevolution 1964 die Insel in Richtung der Heimat seiner Vorfahren verließ.

Die sunnitische Gelehrsamkeit