rahmenlos|rechts|Tex Fletcher als Singender Cowboy Als Western Music oder Cowboy-Musik wird eine Musikrichtung bezeichnet, die, teils romantisch verklärend, die Eroberung des amerikanischen Westens und das Leben der Cowboys zum Inhalt hat. Ihre Anfänge gehen bis in die Zeit der großen Viehtriebe („Trails“) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Mit dem zunehmenden Interesse eines breiten Publikums für diese Epoche, besonders für die Figur des Cowboys, entwickelte sie sich Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer massentauglichen Musikrichtung und erreichte ihren Höhepunkt während der dreißiger und vierziger Jahre in Gestalt von Hollywoods Singing Cowboys.
Aufgrund ihres prägenden Einflusses auf die Country-Musik wird die Western Music als eine ihrer Unterkategorien angesehen. Dies ist nicht zuletzt auf den in der Vergangenheit vom amerikanischen Billboard-Magazin verwendeten Begriff Country & Western zurückzuführen.
Entwicklung links|mini|Thomas Moran, Under the Red Wall Grand Canyon of Arizona mini|Charles M. Russell, The Herd Quitter (1897) Western Music kann im weitesten Sinne definiert werden als „die westlich des Mississippi Rivers entstandene, auf volkstümlicher Überlieferung basierende Musik von im Bereich der Rohstoffgewinnung und der Viehzucht tätigen Gruppen, wie Pelzjägern, Bergleuten, Holzfällern, Gesteinshauern und umherziehenden Viehtreibern, die den amerikanischen Westen vor der Ankunft der Ackerbau betreibenden Siedlern bewohnt haben“.Thomas F. Johnson: That Ain’t Country: The Distinctiveness of Commercial Western Music, JEMF Quarterly. Jahrgang 17, Nr. 62, S. 75 – 84, hier: S. 75: „... the trans-Mississippi, folk-based, popular music of extractor and animal husbandry groups, such as trappers, miners, loggers, drifters, and nomadic herders (cowboys), who occupied the American West before the coming of agricultural settlers.“ Nach einer anderen, weniger weit gefassten Definition handelt es sich dabei einfach um „Lieder, die Leben und Arbeit und den geographischen Schauplatz des amerikanischen Cowboys feiern.“: „We sing western music, songs which celebrate the life and work and the geographical setting of the American Cowboy.“
Diese Definitionen kennzeichnen auch die beiden Stilrichtungen des Genres: Zum einen die Lieder der „echten“ Cowboys und anderer regionaler Gruppen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden sind, zum anderen die Musik der Singing Cowboys, die in den 1930er-Jahren die Radios und Kinos eroberten. Während sich erstere durch einfache Melodien auszeichnen und das einfache Leben der Cowboys thematisieren, wurden letztere von professionellen Songschreibern geschaffen und orientieren sich an der populären Musik der damaligen Zeit, teilweise auch am Jazz. Außerdem zeichnen sie ein romantisches Bild der Cowboys und schildern oft die Schönheit des amerikanischen Westens. In der Literatur sind diese Lieder darum auch mit Bildern von Albert Bierstadt oder Thomas Moran verglichen worden, während die ursprünglichen Lieder eher den realistischeren Bildern von Charles M. Russell ähneln sollen.Don Cusic: It’s the Cowboy Way!: The amazing true adventures of Riders in the Sky. University Press of Kentucky, 2003, ISBN 0-8131-2284-8, S. 21. Don Edwards, ein moderner Vertreter des frühen Stils, bezeichnet diesen auch als Cowboy Folk Music, die er sowohl inhaltlich als auch stilistisch klar vom späteren, eher verklärenden Stil abgrenzt.SCV NEWSMAKER OF THE WEEK: Don Edwards, Cowboy Singer Interview von Leon Worden, 29. Februar 2004.Bryan Woolley: Texas Road Trip: Stories from across the Great State and a few personal Reflections. TCU Press, 2004, ISBN 0-87565-291-3, S. 220.
Ebenso unterschieden sich die frühen Lieder der Cowboys deutlich von den Vorläufern der Hillbilly- bzw. Old-Time Music, die zeitgleich im Südosten der USA entstanden. Sowohl stilistisch als auch inhaltlich gab es zunächst wenig Gemeinsamkeiten, wobei die Grenzen mit der Zeit verwischt wurden: „While there was little musical or textual connection between cowboy songs and southern mountain tunes, the two would later be lumped together under the commercial designation Country and Western music.“Ronald D. Cohen: Folk music: The Basics. Routledge, Taylor & Francis Group, 2006, ISBN 0-415-97160-8, S. 29.
Einige Lieder, die heute als Western- oder Cowboy-Songs gelten, sind bereits vor 1850 entstanden und haben keinen direkten Bezug zu den Cowboys. So entstanden bspw. Sweet Betsy from Pike und Oh My Darling, Clementine bereits während des kalifornischen Goldrauschs;Douglas B. Green: Singing in the Saddle: The History of the Singing Cowboy. Vanderbilt University Press, Nashville 2002, ISBN 0-8265-1412-X, S. 3 f. bei Oh! Susanna handelt es sich um einen Minstrel-Song von Stephen Foster aus dem Jahr 1848.Douglas B. Green: Singing in the Saddle: The History of the Singing Cowboy. Vanderbilt University Press, Nashville 2002, ISBN 0-8265-1412-X, S. 5. Gleichwohl sind alle drei in den von den Western Writers of America zusammengestellten Top 100 Western Songs enthalten.
Möglicherweise das erste Lied überhaupt, das einen romantisierten Westen zum Thema hat, ist The Blue Juniata von Marion Dix Sullivan, 1844 erstmals veröffentlicht und einer der erfolgreichsten „Parlor Songs“ (d. h. ein Lied, das in den Salons der vornehmen Gesellschaft gesungen wurde) des 19. Jahrhunderts.Gordon Morris Bakken: The World of the American West: A Daily Life Encyclopedia. ISBN 978-1-4408-2860-7, S. 38. Der Juniata River ist ein Fluss in Pennsylvania, wobei damals alles jenseits der Appalachen als „der Westen“ galt.Gordon Morris Bakken: The World of the American West: A Daily Life Encyclopedia. ISBN 978-1-4408-2860-7, S. 38. Nach Ansicht des Musikhistorikers Douglas B. Green taucht hier erstmals ein idealisierter Westen auf, der als Gegenpol zu einer hektischen Zivilisation geschildert wird, und – verknüpft mit einem „bold frontier hero“, hier in Gestalt eines indianischen Liebespaares – das Setting des Singenden Cowboys vorwegnimmt.Douglas B. Green: Singing in the Saddle: The History of the Singing Cowboy. Vanderbilt University Press, Nashville 2002, ISBN 0-8265-1412-X, S. 3.
Die Lieder der historischen Cowboys mini|Viehtrieb in Montana, ca. 1890 In der Zeit nach dem Sezessionskrieg herrschte im Osten der USA eine große Nachfrage nach Rindfleisch, während es insbesondere in Texas große Rinderherden gab, die teilweise noch auf die spanischen Konquistadores zurückgingen. Wagemutige Rancher begannen daher, ihre Herden durch Texas und das Indianerland im heutigen Oklahoma nach Kansas zu treiben, wo in den sog. „Cow Towns“ wie Abilene oder Dodge City Umschlagplätze mit großen Verladebahnhöfen entstanden. Die Männer, die mit den Herden ritten, nannte man „Cowboys“.
Nach einer verbreiteten Vorstellung sangen diese Cowboys den Rindern Lieder vor, um sie tagsüber in Marsch zu setzen und nachts zu beruhigen. Vor allem letzteres soll so verbreitet gewesen sein, dass die Nachtwache auch als „singing to ’em“ bezeichnet wurde.Holly George-Warren: Public Cowboy No. 1: The Life and Times of Gene Autry. Oxford University Press, 2007, ISBN 978-0-19-517746-6, S. 109. Es soll sogar Ranches gegeben haben, die nur Cowboys beschäftigten, die singen konnten.Jacqueline M. Moore: Cow Boys and Cattle Men: Class and Masculinities on the Texas Frontier. 1865-1900, NYU Press, 2009, ISBN 978-0-8147-5740-6, S. 129. Es gibt zahlreiche Berichte von Augen- bzw. Ohrenzeugen, die schildern, dass der Klang der menschlichen Stimme beruhigend auf die Tiere wirkte, und auf diese Weise Stampeden verhindert bzw. durchgegangene Herden beruhigt wurden.Douglas B. Green: Singing in the Saddle: The History of the Singing Cowboy. Vanderbilt University Press, Nashville 2002, ISBN 0-8265-1412-X, S. 13 f.Holly George-Warren: Public Cowboy No. 1: The Life and Times of Gene Autry. Oxford University Press, 2007, ISBN 978-0-19-517746-6, S. 109. Andererseits hat Jack Thorp, der 1908 mit Songs of the Cowboys erstmals einen Band mit Cowboy-Songs veröffentlicht hat, erklärt, er habe über einen Zeitraum von 50 Jahren hinweg bei vielen Nachtwachen nur selten irgendeine Art von Gesang gehört.Bruce Dillman: The CowBoy Handbook: A Guide to Your Cowboy Heritage. Lone Prairie Publishing 1994, ISBN 978-0-944112-20-5, S. 104: „It is generally thought that cowboys did a lot of singing around the herd at night to quiet them on the bed ground. I have been asked about this, and I’ll say that I have stood my share of night watches in fifty years, and I seldom heard singing of any kind.“ Dieses Zitat ist auch abgedruckt bei Green, S. 14, und gekürzt bei George-Warren, S. 109.
Unabhängig davon, ob die Cowboys nun tatsächlich ihren Tieren vorgesungen haben oder nicht, ist jedenfalls anerkannt, dass sich überall dort, wo Männer über einen längeren Zeitraum und unter besonderen Umständen isoliert waren, eine Gesangstradition mit Liedern über diese Männer und ihre Arbeit entwickelt hat, so bspw. bei Seeleuten, Holzfällern, Bergarbeitern etc.Douglas B. Green: Singing in the Saddle: The History of the Singing Cowboy. Vanderbilt University Press, Nashville 2002, ISBN 0-8265-1412-X, S. 13.Charlie Seemann: The Real Singing Cowboys. Rowman & Littlefield, 2016, ISBN 978-1-4930-2232-8, S. 1. Es sei daher anzunehmen, dass in Perioden der Isolation und Langeweile jeder Mann, der mit irgendeiner anderen Form der Unterhaltung als Kartenspielen aufwarten konnte, eine willkommene Abwechslung lieferte. „Zweifellos“ sollen sich daher die Kreativeren unter den Cowboys in den Schlafbaracken und Camps die Gedichte ausgedacht haben, aus denen in Verbindung mit altbekannten Melodien die Cowboy-Songs wurden.Douglas B. Green: Singing in the Saddle: The History of the Singing Cowboy. Vanderbilt University Press, Nashville 2002, ISBN 0-8265-1412-X, S. 14 f.
mini|Ein „echter“ Cowboy, ca. 1888 Zunächst aber sangen die Cowboys Lieder, die sie von früher kannten, bspw. Kirchenlieder oder Minstrel-Songs.Jacqueline M. Moore: Cow Boys and Cattle Men: Class and Masculinities on the Texas Frontier. 1865-1900, NYU Press, 2009, ISBN 978-0-8147-5740-6, S. 129. Bereits während des Kriegs hatte es verschiedene Liederbücher im Taschenformat gegeben, die die Soldaten mit sich führen konnten, und die eine bunte Mischung aus verschiedenen Stilen enthielten: neben schottischen oder irischen Balladen und Minstrel-Songs auch patriotische und sentimentale Lieder.Douglas B. Green: Singing in the Saddle: The History of the Singing Cowboy. Vanderbilt University Press, Nashville 2002, ISBN 0-8265-1412-X, S. 5.
Bis 1870 hatte sich aber auch ein eigenes Liedgut der Cowboys entwickelt. Zum einen wurden bekannte Lieder aus der „alten Welt“ umgeschrieben: So lässt sich etwa Streets of Laredo, auch bekannt als The Cowboy’s Lament, das von einem sterbenden Cowboy erzählt, auf das englische Volkslied The Unfortunate Rake (ca. 1790) zurückführen, das von einem Soldaten handelt, der an Syphilis stirbt. Das Seemannsgedicht The Ocean-Buried (auch The Ocean-Burial, ca. 1839) wurde zu Bury Me Not on the Lone Prairie, auch bekannt als The Dying Cowboy, indem man den Text „Bury me not in the deep, deep sea, where the dark blue waves will roll over me“ in „Bury me not on the lone prairie, where the wild coyote will howl over me, where the buffalo roams the prairie sea“ änderte.Cotton Smith: Douglas B. Green: Singing in the Saddle: The History of the Singing Cowboy. Vanderbilt University Press, Nashville 2002, ISBN 0-8265-1412-X, S. 15.Holly George-Warren: Public Cowboy No. 1: The Life and Times of Gene Autry. Oxford University Press, 2007, ISBN 978-0-19-517746-6, S. 109.