mini|Die Industrie-Schule für jüdische Mädchen in Breslau um 1890 (Archivfoto in Leszek Ziątkowski: Dzieje Żydów we Wrocławiu, Wrocław 2000) Die Industrieschule für israelitische Mädchen (eröffnet am 15. Januar 1801 in Breslau, aufgelöst im Jahr 1922, anfangs Industrieschule für arme israelitische Mädchen genannt) war eine der ältesten Institutionen und die erste jüdische in Deutschland, die sich der Bildung und Erziehung von Mädchen und jungen Frauen widmete.
Gründung und Satzung Auf die 1780 in Breslau gegründete Gesellschaft der Brüder, die sich eine Erneuerung des Judentums aus dem Geist der Aufklärung zum Ziel gesetzt hatte (in der innerjüdischen Debatte mit dem Stichwort Haskala umschrieben), geht unter anderem die Gründung zweier Schulen und einer Synagogengemeinde zurück. Maßgeblich für die Bestrebungen des Vereins waren Benjamin Jakob Dohm (gest. 1798), der aus Verehrung für den freisinnigen Verfasser von Reformschriften Christian Konrad Wilhelm von Dohm dessen Namen angenommen hatte, und sein Sohn Lewin Benjamin Dohm (1754–1825), seit 1790 Syndikus der Breslauer Gemeinde, sowie der Arzt und Naturwissenschaftler Elias Henschel (1755–1839),Aron Heppner: Jüdische Persönlichkeiten in und aus Breslau. In: Breslauer Jüdisches Gemeindeblatt Jg. 7 (1930), Nr. 2 (Februar), S. 19 (Web-Ressource). der die Satzung des Vereins mitverfasste. Träger des Vereins waren in erster Linie General-Privilegierte und ihre Angehörigen, die sogenannten Stamm-Numeranten. Der Verein diente der Wohltätigkeit und Verbesserung der Lebensverhältnisse ärmerer Breslauer Juden; so gab es Stiftungen der Mitglieder zur Versorgung mittelloser Glaubensgenossen mit Bekleidung oder die Ausstattung armer Bräute.
Nachdem der liberale, für die Anliegen der Juden aufgeschlossene Graf Karl Georg von Hoym ein vom preußischen König Friedrich Wilhelm II. bestätigtes Reglement für die Verbesserung der bürgerlichen Verhältnisse der Breslauer Juden erlassen hatte, beantragte der Verein die Erlaubnis zur Errichtung einer „Jüdischen Bürgerschule“ für Knaben, die nach dem Vorbild der von David Friedländer und Isaak Daniel Itzig in Berlin gegründeten jüdischen Freischule Lehrinhalte und religiöse Belange trennen sollte. Alte Sprachen wie Hebräisch sollten als Sprachstudium, nicht zum Auswendiglernen der heiligen Schriften gelehrt, geeignete Lehrer ausschließlich vom preußischen Staat bestimmt werden. Im Direktorium der Wilhelms-Schule, dessen Vorsitz der Geograph und Kammer-Kalkulator Friedrich Albert Zimmermann (1745–1815) innehatte, saßen Lewin Benjamin Dohm und Elias Henschel. Bei der damals überwiegend traditionell orientierten Gemeinde stießen der Name und der geplante Ausschluss des Talmud-Studiums auf Widerstand. Am Ende wurde aus Dankbarkeit für den Landesfürsten der Name Königliche Wilhelms-Schule gewählt. Spannungen zwischen dem wachsenden Teil der Gemeinde, die sich der Reform verbunden fühlten, und den Orthodoxen um den Rabbiner Salomo Tiktin führten schließlich zur Verweigerung von Gemeindesteuern, weshalb die Königliche Wilhelms-Schule im Jahr 1847 schließen musste.
Demgegenüber war das ohnehin auf Spenden angewiesene Projekt der Industrieschule diesem Streit nahezu enthoben. Zu den in der Wilhelms-Schule angestellten Lehrern gehörte Tobias Hiller, der Französisch und Italienisch sowie Mathematik unterrichtete. Gemeinsam mit zwei Stamm-Numeranten,Aron Heppner: Die Stamm-Numeranten. Ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Breslau und eine Anregung zur jüdischen Familienforschung. In: Breslauer Jüdisches Gemeindeblatt. Amtliches Blatt der Synagogengemeinde zu Breslau Jg. 2, Nr. 1, 20. Januar 1925, S. 1 f. (Web-Ressource). Rebecka Dohm, geb. Berliner, Ehefrau des Gemeinde-Syndikus und Tochter des Altonaer Landesrabbiners, und Edel Fränckel, Tochter des Landesrabbiners von Schlesien Joseph Jonas Fränckel (eigentlich Itzchak Joseph ben Chajim Jonah Teomim, 1760–1838) und seiner Frau Treine, stiftete Tobias Hiller die „Industrieschule für arme israelitische Mädchen“ bzw. „Töchter“. Vier Jahrzehnte lang leitete er sie unentgeltlich und entwarf auch den ersten Lehrplan. Neben Dohm und Fränckel war eine dritte Frau, Jettel Zadig, geb. Perez im Vorstand, deren Ehemann Baruch Aron Zadig mutmaßlich Schüler von Salomon Maimon gewesen war. Mit dem Stifter Hiller teilte sich der Kaufmann Pinkus Heymann (später Philipp Heinrich, 1775–1854)Aron Heppner: Jüdische Persönlichkeiten in und aus Breslau. In: Breslauer Jüdisches Gemeindeblatt Jg. 7 (1930), Nr. 3 (März), S. 40 (Web-Ressource). in die Verwaltungsarbeit, der über ein halbes Jahrhundert im Schulvorstand war.Markus Brann: Geschichte der Anstalt während des ersten Jahrhunderts ihres Bestehens. In: 100. Jahresbericht über die Industrieschule für israelitische Mädchen, abgestattet vom Vorstande der Anstalt. A. Schüler, Breslau 1901, S. 1–35.
Ursprünglich war die Schule ausschließlich für Zöglinge des jüdischen Waisenhauses vorgesehen, von denen bei der Eröffnung am 4. Januar 1801 nur zehn Schülerinnen aufgenommen wurden. Erklärtes Ziel war es, „die armen Mädchen der Gemeinde auf dem kürzesten Weg zu dem Ziele, vor Noth geschützt zu sein, hinzuführen“. Die Aufzunehmenden wurden durch eine Vorsteherin immatrikuliert und erhielten gegen Zahlung von fünf Silbergroschen ein Lesebuch und eine Aufnahmebescheinigung. Sie sollten älter als zehn Jahre sein und auf die Anforderungen einer den Religionsgesetzen gemäßen Haushaltsführung vorbereitet werden, aber auch Allgemeinbildung erhalten. Gerade die „wissenschaftlichen“ Dozenten (Tobias Hiller, Samuel Zülzer, Wilhelm Freund, Isaac Ascher Francolm und Eduard Munk (1803–1971), Bruder des in Paris lehrenden Orientalisten Salomon Munk) unterrichteten unentgeltlich; sie waren oftmals im Hauptberuf in der Gemeinde beschäftigt, Lehrer an der Wilhelms- oder an anderen Schulen oder Dozenten am Jüdisch-Theologischen Seminar Fraenckel’sche Stiftung. Viele Dozenten blieben der Einrichtung über Jahrzehnte treu, wie Benjamin Bloch (gest. 1899), der am 3. Januar 1833 als Hauptlehrer anfing und am 30. November 1883 in den Ruhestand trat.
Es gab ein monatliches allgemeines Gutachten über die Leistungen der Schülerinnen und jedes Quartal ein Spezialzeugnis. Der sechsköpfige Vorstand sah einen Vorsteher und dessen Stellvertreter, zwei Vorsteherinnen, einen Kassierer und einen Revisor vor; über die Einnahmen durch Spenden und Zuwendungen wurde jährlich Rechenschaft abgelegt. Eine besonders geführte Sparkasse diente der Aussteuer derjenigen Mädchen, die den vierjährigen Kursus absolviert hatten. Im Jahr nach dem Schulabschluss, in dem sie zumeist in Dienste getreten waren, hatten sie der Vorsteherin regelmäßig zu berichten und erlangten bei untadeliger Lebensführung Anspruch auf diese Beihilfe. mini|hochkant|Titelblatt des Jahresberichts zum hundertjährigen Bestehen der Schule (1901)
Geschichte der Lehranstalt Die Schulklasse war zunächst in einer Privatwohnung untergebracht. Graf Hoym hatte ein Ehepaar FreundNach anderen Quellen hieß das Ehepaar Freudel; Max Freudenthal: Die ersten Emancipationsbestrebungen der Juden in Breslau. Nach archivalischen und anderen Quellen dargestellt. In: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums Jg. 37 (1892–1893), H. 11, S. 526 (Web-Ressource). mit der Gründung konzessioniert und einen jährlichen Zuschuss von 100 Reichstalern in Aussicht gestellt. Die Kinder erhielten in einem separaten Zimmer Unterricht im Lesen, Schreiben und Zeichnen durch den bei der Wilhelms-Schule angestellten Lehrer Aron Freund, dessen Stiefmutter, Frau Löwenberg, die erste Handarbeitslehrerin war. Der Unterricht in Näh- und Handarbeiten führte zur Produktion von Kleintextilien, deren Verkauf ansehnliche Einnahmen bescherte. Der Erlös wurde für die Anschaffung von Winterkleidung für die ärmsten Schülerinnen verwendet. Als die Einnahmen stiegen, konnte die Schule auf 25 Mädchen vergrößert werden und zog in das Haus zum Goldenen Rad um, wo zwei Klassen parallel unterrichtet wurden. In zwei an das Klassenzimmer angrenzenden Zimmern, die tagsüber als Schulräume gebraucht wurden, übernachteten die Handarbeitslehrerinnen. Bei dieser Schülerinnenzahl blieb es für längere Zeit. 1827 waren es 44, 1830 70 Absolventinnen in drei statt der bisherigen zwei Klassen. Außer Waisenkindern wurden nun auch Töchter aus mittellosen Familien aufgenommen. Noch 1867 war im Namen der Schule das später weggefallene Beiwort „arme“ in Gebrauch.
Mit Einführung der allgemeinen Schulpflicht einigte sich die Gemeinde mit Tobias Hiller auf eine Subventionierung der Schule, wobei zugleich die Spendenwerbung unter den Gemeindemitgliedern verstärkt wurde. Bei der Neuordnung des jüdischen Schulwesens im Jahr 1824 erhielt Hiller durch den preußischen Kultusminister Altenstein erstmals eine unentgeltliche staatliche Konzession für den Schulbetrieb. Nach Hillers Tod 1841 übernahmen die Rabbiner Abraham Geiger und Francolm den wissenschaftlichen Unterricht und den Vorsitz des Direktoriums. Mit Billigung des Oberkollegiums wurde ein neues Statut entworfen, das die Anzahl der Vorsteherinnen auf drei erhöhte und die Gemeinde ermächtigte, einen Rabbiner als Inspizienten in den Vorstand zu entsenden.
In den Jahren des Richtungsstreits (1846–1858), als die Steuern eines Teils der Gemeinde ausblieben, musste die Ausstattungs-Sparkasse aufgehoben werden. Das Schulgeld und die Hälfte des Erlöses aus Handarbeiten sollte in den Schuletat einfließen, aus dem die angestellten Lehrkräfte nur bescheiden honoriert wurden; die andere Hälfte diente weiter der Aussteuer der bedürftigen Mädchen. Doch wurden gegen ein erhöhtes Schulgeld jetzt auch Töchter aus bemittelten Familien aufgenommen, deren Zahl ein Fünftel der gesamten Schülerschaft nicht überschreiten durfte. Im Schuljahr 1848/49 wurde der Kurs mit 83 Teilnehmerinnen eröffnet und schloss mit 103.(Industrie-Schule.) In: Der Orient. Berichte, Studien und Kritiken für jüdische Geschichte und Literatur Jg. 11, Nr. 2, 12. Januar 1850, S. 6 f. (Web-Ressource). Seit 1851 kam der Zeichenunterricht zu den bisherigen Fächern hinzu.
1843 befand sich die Schule in der Wallstraße neben dem damaligen jüdischen Hospital, 1844 im Fränkelschen Hospital auf der Antonienstraße, nach Auflösung der Königliche Wilhelms-Schule in deren Räumen im Gemeindehaus, Graupenstraße 11 b. Erst jetzt erhielt die erste Handarbeitslehrerin ein eigenes, nur zu Wohnzwecken bestimmtes Zimmer. 1863 zog sie die Schule in das Haus am unteren Bär Nr. 1, 1901 ins zweite Stockwerk der Friedrich-Wilhelm-Straße Nr. 1 B (später Nr. 5). 1908 wurden 130 Mädchen in der Fischergasse Nr. 8 beschult.Breslau, 15. Dezember. In: Der Israelit. Ein Centralorgan für das Orthodoxe Judenthum Jg. 49. Nr. 50, 17. Dezember 1908, S. 7 (Web-Ressource).
Für die Schule entwarf der Hauptlehrer Cassel Alexander 1884 neue Lehr- und Stoffverteilungspläne und legte eine Denkschrift vor, in der Vorschläge, die Industrie-Schule in eine Mittelschule umzuwandeln, angesichts der sozialen Zwecksetzung durch den Stifter verworfen wurden. Seit 1885 wurden vier Klassen nach Lehrplänen, die den städtischen Volksschulen entsprachen, unterrichtet, mit Ausnahme der Handarbeiten. Sie wurden noch 1901 in der ersten und zweiten Klasse wöchentlich sechsstündig, in der dritten vierstündig, in der vierten Klasse zweistündig unterrichtet und nur noch in dieser zusätzlich hauswirtschaftliche Kenntnisse (seit 1901 durch eine angegliederte jüdische Hauswirtschaftsschule) in der Industrieschule vermittelt. „Sie hat vielen jüdischen Mädchen [...] ein Wissen und Können vermittelt, das ihnen zur Grundlage ihrer beruflichen Bildung wurde und sie befähigte, sich im Leben durch eigene Kraft zu behaupten“, hieß es in einer Bilanz der Jahre 1907 bis 1909.Breslau, 30. Juni. In: Der Gemeindebote. Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ Jg. 74, Nr. 24, 8. Juli 1910, S. 2 (Web-Ressource).