Fälle von Sexuellem Missbrauch von Kindern oder Schutzbefohlenen in Gemeinden oder Einrichtungen der Evangelischen Kirche – durch Amtsträger und haupt-, neben- und ehrenamtliche Mitarbeiter – sind seit vielen Jahrzehnten dokumentiert, wurden aber erst in den 2010er-Jahren Gegenstand einer intensiveren Aufarbeitung. Die ForuM-Studie gab für die jüngere Vergangenheit im Januar 2024 einen ersten Überblick über Täter und Opfer.ForuM-Studie; abgerufen am 27. Januar 2024.
Bis Ende des 20. Jahrhunderts Über einen sexuellen Missbrauch berichtete im Jahr 1905 das Berliner Tageblatt unter der Überschrift Der Herr Pastor: Ein evangelischer Seelsorger aus dem Dorf Werder bei Rehfelde hatte sich über viele Jahre hinweg „schwerer Sittlichkeitsvergehen“ an Konfirmanden schuldig gemacht. Nachdem das Vergehen der Öffentlichkeit bekannt wurde und dem Geistlichen eine Zuchthausstrafe drohte, hat er seine Gemeinde heimlich verlassen und sich wohl ins Ausland abgesetzt.Der Herr Pastor (linke Spalte), Berliner Tageblatt, 16. September 1905.
Nach Angaben des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland sind im Bereich der Evangelischen Kirche und der Diakonie seit etwa 1950 881 Fälle sexualisierter Gewalt aktenkundig geworden.Forscher untersuchen sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche auf evangelisch.de, 4. Dezember 2020, abgerufen am 27. Januar 2021. Bis 2019 wurden rund 770 Opfer ermittelt, die meisten Heimkinder in diakonischen Einrichtungen. Aber auch in Kirchengemeinden gab es Übergriffe.Evangelische Kirche ermittelt 770 Opfer von sexuellem Missbrauch, zeit.de, 12. November 2019, abgerufen am 10. April 2021. Seit den 1980er-Jahren kam es in einzelnen Fällen zu strafrechtlichen Konsequenzen, die aber zunächst nur lokale Beachtung fanden.
Seit 2010
Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland Der Ahrensburger Missbrauchsskandal zog seit 2010 weite Kreise, weil hier auch der fragwürdige Umgang kirchlicher Vorgesetzter mit dem Täter zum Thema wurde. Die Bischöfin Maria Jepsen trat noch im selben Jahr zurück, weil sie bereits 1999 über den Missbrauch informiert worden war, aber nichts unternommen hatte. Eine im Auftrag der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland 2014 erstellte unabhängige Studie kam zu dem Ergebnis, dass auch weitere Missbrauchsfälle im kirchlichen Umfeld jahrelang vertuscht worden waren. Als Konsequenz verabschiedete die Landessynode 2018 ein Kirchengesetz zur Prävention und Intervention gegen sexualisierte Gewalt.; Pressemeldung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland.
Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens In der EvLKS begann Ende 2021 die Aufarbeitung des Falls Kurt Ströer; 38 Männer haben sich bisher (Stand April 2024) als Betroffene gemeldet, weil sie im minderjährigen Alter Opfer von Ströers spirituellem und sexuellem Missbrauch wurden. Ein weiterer umfangreicher Missbrauchsfall wurde in der Gemeinde Pobershau aufgearbeitet.https://www.evlks.de/aktuelles/alle-nachrichten/nachricht/vorstellung-des-abschlussberichts-zu-faellen-sexualisierter-gewalt
Mit einem ersten landesweiten Treffenhttps://www.zeit.de/news/2024-03/10/treffen-von-missbrauchsopfern-der-evangelischen-kirche begann im März 2024 die Vernetzung aller sächsischen Betroffenen und der Weg zum Aufbau ihrer Betroffenenvertretung.www.aufarbeitung-jetzt.org (Betroffenen-Homepage)
Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland 2018 Auch in anderen Landeskirchen wurden nach 2010 unabhängige Ansprechstellen oder Kommissionen eingerichtet und Verfahren entwickelt, um Betroffenen Beistand und Wiedergutmachung anzubieten. Etliche Opfer beklagten aber weiterhin einen Flickenteppich an Regelungen und undurchsichtige Strukturen.Burkhard Schäfers: Sexueller Missbrauch in Evangelischer Kirche. Die Aufarbeitung – eine schwere und langwierige Aufgabe auf deutschlandfunkkultur.de, 23. Juni 2019, abgerufen am 27. Januar 2021. Die evangelische Kirche habe aus Sicht Betroffener zu lange gezögert, und es sei notwendig, die Bedürfnisse der Betroffenen in den Mittelpunkt zu rücken.
Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland setzte das Thema auf die Tagesordnung der Herbsttagung 2018 und verabschiedete einen Elf-Punkte-Planekd.de: 11-Punkte-Handlungsplan gegen sexualisierte Gewalt, abgerufen am 6. April 2021.11-Punkte-Plan zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt auf evangelisch.de, 13. November 2018, abgerufen am 27. Januar 2021. zum Umgang mit sexualisierter Gewalt und Missbrauchsformen in der evangelischen Kirche.
Als konkrete Maßnahmen wurden beschlossen: Beteiligung Betroffener, Gründung eines Betroffenenbeirates Individuelle Aufarbeitung in den einzelnen Landeskirchen, um Anerkennungsleistungen materieller wie immaterieller Art gegenüber den einzelnen Betroffenen zu erarbeiten Institutionelle Aufarbeitung in einer externen wissenschaftlichen Gesamtstudie der Evangelischen Kirche in Deutschland Dunkelfeldstudie, um das „Dunkelfeld“ sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche und der Diakonie auszuleuchten Unabhängige zentrale Ansprechstelle der EKD, um eine kritisierte mangelnde Auffindbarkeit von kirchlichen Beratungs- und Hilfsangeboten zu vermeiden Einsetzung eines Beauftragtenrats zur Begleitung der Maßnahmen durch die Leitungsebene „Konstruktives Miteinander“ mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung Zentrale Meldestellen in den Landeskirchen Stärkung der Konferenz für Prävention, Intervention und Hilfe (PIHK) bei Fällen der Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung zwischen der EKD und den Landeskirchen Verbindliche Zusammenarbeit mit der Diakonie Sensibles und professionelles Verfahren im Kontext sexualisierter Gewalt unter Wahrung des Seelsorgegeheimnisses.
Umsetzung ab 2018 Um die geplanten Maßnahmen innerkirchlich wie auch außerkirchlich voranzubringen, wurde ein „Beauftragtenrat zum Schutz vor sexualisierter Gewalt“ eingerichtet, dem drei Bischöfe und zwei leitende Juristen angehören. Sprecherin war zunächst die Bischöfin Kirsten Fehrs, 2020 übernahm das Amt turnusmäßig Landesbischof Christoph Meyns.ekd.de: Beauftragtenrat der EKD, abgerufen am 6. April 2021.
Die unabhängige „Zentrale Anlaufstelle.help“, an die sich Betroffene von sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche oder der Diakonie oder Angehörige wenden können, nahm am 1. Juli 2019 ihre Arbeit auf.ekd.de: Unabhängige „Zentrale Anlaufstelle.help“ für Betroffene von sexualisierter Gewalt nimmt ihre Arbeit auf, 1. Juli 2019, abgerufen am 8. April 2021.
Ein Bewerbungsverfahren für den Betroffenenbeirat begann im Frühjahr 2020. Bei einem Auswahlverfahren wirkten zwei Mitglieder des Beauftragtenrates zum Schutz vor sexualisierter Gewalt der EKD, zwei Mitglieder des Betroffenenrates des UBSKM (Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs) und zwei Mitarbeitende aus spezialisierten Fachberatungsstellen mit. Im August 2020 wurde der 12-köpfige Betroffenenbeirat vom Rat der EKD für eine vierjährige Amtszeit berufen und begann mit seiner Arbeit. Er tagt nicht öffentlich. Seine Aufgabenstellung beschreibt die EKD wie folgt: „Der Betroffenenbeirat begleitet die Arbeit des Beauftragtenrates aus der Sicht Betroffener bei der Weiterentwicklung des Umgangs mit Fragen sexualisierter Gewalt in der EKD und der Diakonie. Er begleitet weiter den Austausch und die Vernetzung Betroffener im Bereich der EKD. Er ist Impulsgeber und erarbeitet eigene Positionen und Vorschläge hinsichtlich geplanter Maßnahmen und setzt sich kritisch mit vorhandenen Strukturen und Regelungen zum Umgang mit sexualisierter Gewalt in der EKD und Diakonie auseinander.“www.ekd.de: Konzept Betroffenenbeirat, abgerufen am 9. April 2021. Allerdings kritisierten bereits im Februar 2021 einige Mitglieder des Betroffenenbeirats, sie würden nicht in ausreichendem Maße in Beratungen eingebunden, bevor Entscheidungen gefällt würden, und es fehle an Information und Partizipation. Über die kirchlichen Aufklärungsbemühungen hinaus forderte der Beirat eine vom Bundestag berufene Wahrheitskommission, da der Staat die Rolle des Aufklärers übernehmen müsse und dies nicht den Kirchen überlassen dürfe.evangelisch.de: Betroffenenbeirat kritisiert EKD bei Missbrauchsaufarbeitung, 3. März 2021, abgerufen am 10. April 2021. Am 10. Mai 2021 entschied die EKD, die Arbeit des Betroffenenbeirats nach internen Konflikten und Rücktritten vorläufig auszusetzen und zunächst eine externe Evaluierung vornehmen zu lassen.evangelisch.de: Missbrauch: EKD setzt Betroffenenbeirat vorläufig aus, 11. Mai 2021, abgerufen am 12. Mai 2021.
Neben der Fortsetzung der Aufarbeitung in einzelnen Landeskirchen und diakonischen Institutionen soll in der beschlossenen umfassenden wissenschaftliche Studie „die systemisch bedingten Risikofaktoren speziell der evangelischen Kirche“ analysiert werden, besonders berücksichtigt wird die Gefährdung von Menschen mit Behinderungen. Ziel sind wissenschaftlich begründete Empfehlungen von verbindlichen Standards für Prävention, Intervention, Aufarbeitung und Hilfen. Ein Verbund von acht Forschungsinstitutionen wurde im Herbst 2020 mit der Ausarbeitung beauftragt und begann Ende 2020 mit der Arbeit; die Ergebnisse sollen im Herbst 2023 vorliegen.Forscher untersuchen sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche auf evangelisch.de, 4. Dezember 2020, abgerufen am 27. Januar 2021Studie untersucht Missbrauch in der evangelischen Kirche auf ndr.de, 4. Dezember 2020, abgerufen am 27. Januar 2021. Die Deutsche Bischofskonferenz hatte die sogenannte MHG-Studie zum sexuellen Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche bereits im September 2018 veröffentlicht. Für den Bereich der Diakonie wurde im November 2018 eine eigene wissenschaftliche Studie zu sexuellem Missbrauch in diakonischen Einrichtungen angekündigt; es existiere bereits ein Diakonie-Bundesrahmenhandbuch Schutzkonzepte vor sexualisierter Gewalt, in dem Präventions- und Schutzmaßnahmen vorgestellt werden.diakonie.de: Diakonie kündigt eigene Studie zu sexuellem Missbrauch an, 13. November 2018, abgerufen am 10. April 2021.
Stand 2023 Während die ForuM-Studie (das evangelische Gegenstück zur katholischen MHG-Studie) sich ihrer Fertigstellung näherte, trat im Herbst 2023 Annette Kurschus wegen des Vorwurfs der Missbrauch-Vertuschung von allen kirchlichen Ämtern – darunter dem der Vorsitzenden des Rates der EKD – zurück.EKD-Ratsvorsitzende Kurschus legt Ämter nieder. Stand: 20. November 2023; abgerufen am 25. Januar 2024.
Detlev Zander wies hinsichtlich der ForuM-Studie zu sexualisierter Gewalt in der Evangelischen Kirche darauf hin, dass die Fallzahlen „nicht allzu weit weg sind von der katholischen Kirche“. Zander ist Sprecher des Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt der Evangelischen Kirche, das 2022 ins Leben gerufen wurde. Das Forum kann bei Fragen sexualisierter Gewalt mitentscheiden. Zander wies darauf hin, dass es in den evangelischen Heimen und Pfarrhäusern so gut wie keine Strukturen gäbe, die solche Fälle aufdecken oder verhindern könnten. Detlev Zander wurde als Kind in einem Kinderheim in der Brüdergemeinde Korntal bei Stuttgart von mehreren Tätern vergewaltigt, geschlagen und erniedrigt. Die Evangelische Kirche hatte seine Leidensgeschichte abgetan und ihn als Lügner diffamiert. Erst als er an die Öffentlichkeit ging, habe sich die Kirche um Aufklärung bemüht.