mini|Samuel Pisar 2012 Samuel Pisar (* 18. März 1929 in Białystok; † 27. Juli 2015 in New York City, New York) war ein in Polen geborener US-amerikanischer Jurist, Autor und Holocaust-Überlebender. Er war der Stiefvater des späteren US-Außenministers Antony Blinken.

Leben Samuel Pisar hatte litauische Eltern, David und Helaina Pisar (geb. Suchowolski). Sein Vater gründete das erste örtliche Taxi-Unternehmen.

Nach dem Überfall Deutschlands auf Polen am 1. September 1939 gehörte das Gebiet, in dem Bialystok lag – gemäß dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 und dem Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. September 1939 – zur sowjetischen Zone. Samuel Pisar war zu diesem Zeitpunkt gerade zehn Jahre alt und besuchte fortan eine russische Schule.Samuel Pisar: Das Blut der Hoffnung. Reinbek bei Hamburg 1979, S. 31 und 60.

Nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 wurde Bialystok von der Wehrmacht besetzt, die jüdischen Bewohner der Stadt in einem Ghetto auf engstem Raum zusammengepfercht.Samuel Pisar: Das Blut der Hoffnung. Reinbek bei Hamburg 1979, S. 31.The United States Holocaust Memorial Museum (Hrsg.): Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933–1945, Band 2: Ghettos in German-Occupied Eastern Europa, Teilband A. Indiana University Press, Bloomington 2012, ISBN 978-0-253-00226-6, S. 866 ff.: Bialystok. Der Vater, David Pisar, arbeitete außerhalb des Ghettos und musste Fahrzeuge des aus Königsberg stammenden deutschen Stadtkommandanten instand halten. Er nutzte seine Stellung, um jüdische Kinder in einem Lieferwagen versteckt aus dem Ghetto herauszuschmuggeln, um sie in den nahegelegenen Dörfern bei polnischen Bauernfamilien zu verstecken. Als die NS-Schergen dies entdeckten, wurde er von der Gestapo gefoltert und in einem Wald vor der Stadt erschossen. Pisars Mutter und seine kleine Schwester Frida (geb. 1933)„Frieda Pisar“ (richtig: Frida – so Samuel Pisar in seiner Autobiographie Das Blut der Hoffnung)Foto der Familie von Samuel Pisar wurden später in einem Vernichtungslager ermordet.Samuel Pisar: Das Blut der Hoffnung. Reinbek bei Hamburg 1979, S. 42. Samuel Pisar selbst wurde in mehrere Arbeits- und Vernichtungslager deportiert: Majdanek, Bliżyn, Auschwitz, Sachsenhausen.Samuel Pisar: Das Blut der Hoffnung. Reinbek bei Hamburg 1979, S. 53 ff.

Als die Rote Armee gegen Kriegsende immer weiter nach Westen vordrang und sich den Grenzen Deutschlands näherte, ließ das NS-Regime die Rüstungsindustrie nach und nach in Richtung Westen verlegen. Wegen der immer massiver werdenden Bombenangriffe der Alliierten sollte nun vor allem in Bergwerken, Schächten und Tunneln produziert werden. Auch Samuel Pisar wurde nach Westen, zunächst in den KZ-Außenlagerkomplex Kaufering verbracht,Samuel Pisar: Das Blut der Hoffnung. Reinbek bei Hamburg 1979, S. 84. im Winter 1944 nach Dachau, wenige Wochen später nach Leonberg bei Stuttgart, um in den Röhren des Engelbergtunnels in zwölfstündigen Schichten Tragflächen für die Messerschmitt Me 262 zu montieren.Samuel Pisar: Das Blut der Hoffnung. Reinbek bei Hamburg 1979, S. 86.KZ-Gedenkstätte Leonberg: Das KZ in Leonberg Neben der schweren Arbeit im Tunnel wurden Pisar und seine Mithäftlinge mehrfach nach Bombenangriffen nach Stuttgart verfrachtet, um dort nach Überlebenden zu suchen und Trümmer zu räumen. „Mein einziger Gedanke war dabei stets, woher ich etwas zu essen bekommen könnte. Nach monatelanger Unterernährung war ich geschwächt und so hungrig, dass ich sogar Halluzinationen hatte.“„Mein Überleben sollte kein Zufall sein“, Stuttgarter Zeitung, 17. März 2014. Als die alliierten Truppen näherrückten, musste der Tunnel in Leonberg Anfang April 1945 aufgegeben werden und wurde gesprengt. Die Häftlinge sollten zu Fuß nach Bayern marschieren. Viele überlebten die Strapazen dieses Todesmarsches nicht, wurden erschlagen, erschossen oder brachen völlig entkräftet tot am Straßenrand zusammen. Als die Marschkolonne von Tieffliegern der US-Amerikaner, die fälschlicherweise annahmen, Soldaten der Wehrmacht vor sich zu haben, angegriffen wurde, gelang Samuel Pisar gemeinsam mit zwei Freunden die Flucht. Schließlich wurden sie von amerikanischen Soldaten gerettet.Samuel Pisar: Das Blut der Hoffnung. Reinbek bei Hamburg 1979, S. 91 ff.Samuel Pisar war Häftling im KZ Leonberg. Das Blut der Hoffnung, Stuttgarter Zeitung, 17. März 2014.

In den Trümmern Nachkriegsdeutschlands baute der damals 16-jährige Samuel Pisar gemeinsam mit zwei Freunden aus den KZs in der amerikanischen Besatzungszone ein florierendes Schwarzmarktgeschäft auf und handelte mit Zigaretten, Kaffee, Schuhen, Spirituosen, bis sie von der amerikanischen Militärregierung inhaftiert wurden.Samuel Pisar: Das Blut der Hoffnung. Reinbek bei Hamburg 1979, S. 102 ff.Politico 19. Januar 2021 : How Tony Blinken’s Stepfather Changed the World—and Him Von seiner Tante Barbara (Sauvage geb. Suchowolski),Barbara (Bashke) Cecille Suchowolski einer Schwester seiner Mutter, wurde sein Name auf einer Liste von ehemaligen KZ-Häftlingen entdeckt. „Meine Tante lebte damals in Paris. … Sie kannte mich noch als kleinen Jungen aus Białystok. Deshalb konnte sie es gar nicht glauben, als sie meinen Namen las. Ich war ja viel zu jung, um zu überleben. Kinder hatten keine Chance in den NS-Lagern.“ Nachforschungen ergaben, dass Samuel Pisar als Einziger seiner Familie in Polen überlebt hatte, auch alle seiner ehemaligen Schulkameraden waren ermordet worden.Wrestling With God, Haaretz, 1. Juni 2009. Die Tante brachte ihn nach Paris.Samuel Pisar: Das Blut der Hoffnung. Reinbek bei Hamburg 1979, S. 112 ff. Der Ehemann seiner Tante, der Journalist Léo Sauvage, veranlasste ihn, zu den Brüdern seiner Mutter, Larzar(us) und Nachmann (Suchowolski),Nachmann SuchowolskiLazar Suchowolski zu gehen, die beide in Melbourne, lebten, um dort seine Ausbildung fortzusetzen.

Pisar besuchte das Taylors College in Melbourne und studierte Jura an der University of Melbourne bis 1953. Nachdem er von einer Tuberkulose genesen war, ging er in die USA und promovierte an der Harvard University. Außerdem erhielt er einen Doktorgrad der Pariser Sorbonne.

Seit den 1950er Jahren arbeitete Pisar für die Vereinten Nationen in New York und Paris und kehrte 1960 nach Washington zurück, um für John F. Kennedy und verschiedene US-Institutionen zu arbeiten. Als Jurist, der sich besonders mit Welthandelsrecht befasste, hatte er die Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem Ostblock und den westlichen Ländern im Blick. Sein Buch Supergeschäft Ost-West (1970) empfahl einen verstärkten Ost-West-Handel, um den Kalten Krieg zu überwinden. In den USA und der BRD war dies eine Begründung für mehr Austauschgeschäfte mit der UdSSR, vor allem im Öl- und Erdgashandel (Deutsch-sowjetische Röhren-Erdgas-Geschäfte). Der französische Politologe Raymond Aron widersprach dem im Buch Le Spectateur Engagé. Entretiens avec Jean-Louis Missika et Dominique Wolton (1981).

Pisars Memoiren Of Blood and Hope erhielten 1981 den Present Tense literary award. Er schrieb eine Erzählung über seine Erfahrungen und seine Wut über Gott für Leonard Bernsteins 3. Symphonie „Kaddish“.

Pisar war einer der Begründer von Yad Vashem-France, ein Direktor der Fondation pour la Mémoire de la Shoah und Trustee der Brookings Institution in Washington.

Familie Samuel Pisar heiratete zweimal. Aus seiner ersten Ehe mit Norma WeinbergerPeople 25. August 1980: Sam and Judith Pisar Meld the Disparate Worlds of Cage and Kissinger in Their Marriage gingen die Töchter Helaina (Pisar-McKibbin) und Alexandra (Pisar-Pinto) hervor.The Scotsman 31. Juli 2015: Obituary: Samuel Pisar, lawyer and holocaust survivorYad Vashem: A Tribute to Dr. Samuel Pisar Nach der Scheidung dieser Ehe im Jahre 1971 heiratete Pisar in zweiter Ehe Judith Blinken (geb. Frehm). Judith Blinken war zuvor mit Donald M. Blinken verheiratet gewesen. Aus dieser Ehe war Antony Blinken hervorgegangen. In der Ehe von Samuel Pisar mit Judith Blinken wurde 1972 die Tochter Leah Pisar (Pisar-Haas) geboren.

Ehrungen Samuel Pisar wurde 2012 von französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy zum Großoffizier der Ehrenlegion ernannt, war Kommandeur des Verdienstordens der Republik Polen und wurde 1995 von Königin Elisabeth II. zum Ehrenoffizier des Order of Australia ernannt.

Schriften Supergeschäft Ost-West: Der Schlüssel zum Weltfrieden. Hoffmann und Campe, Hamburg 1970, ISBN 3-455-05923-6. Das Blut der Hoffnung. rororo, Reinbek 1979. ISBN 3-498-05237-3. mit Edmond Valère: Le Chantier de l’avenir. Entretiens avec Samuel Pisar. Favre, Lausanne 1989, ISBN 2-8289-0392-3.

Weblinks

Harvard Law Bulletin Profile

Einzelbelege

Kategorie:Autor Kategorie:Judentum in Białystok Kategorie:Häftling im KZ Auschwitz Kategorie:Häftling im KZ Dachau Kategorie:Häftling im KZ Sachsenhausen Kategorie:Häftling im KZ Majdanek Kategorie:Überlebender des Holocaust Kategorie:Officer des Order of Australia Kategorie:Mitglied der Ehrenlegion (Großoffizier) Kategorie:Träger des Verdienstordens der Republik Polen (Komtur) Kategorie:Immigrant in den Vereinigten Staaten Kategorie:Pole Kategorie:US-Amerikaner Kategorie:Geboren 1929 Kategorie:Gestorben 2015 Kategorie:Mann