mini|Sebastian Röttinger, Kupferstich (Ausschnitt) von Lucas Kilian (1579–1631) mit einem Gedicht des Nürnberger Ratskonsulenten Georg Remus (1561–1625)
Sebastian II. Röttinger (Rettinger, Rättinger) (* Oktober 1537 in Nördlingen; † 11. Mai 1608 ebenda) war Ratsadvokat der Freien Reichsstadt Nördlingen, Konsulent der Fränkischen und Schwäbischen Reichsritterschaft und ein Hexenjäger.
Leben Sebastian Röttinger war der Sohn des Kürschners und Stadtamtmanns Sebastian I. Röttinger († um 1551/52) und der Dorothea Bachmann, Tochter des Arztes, Stadtphysikus' und Bundesrats des Schwäbischen Bundes Franz Schnitzer genannt Bachmann († 1533) aus Nördlingen, die 1559 in zweiter Ehe den Gerichtsschreiber Wolfgang Fischer aus Wallerstein heiratete.
Studium in Wittenberg Sebastian Röttinger immatrikulierte sich zusammen mit Bartholomäus Beuerlein aus Nördlingen am 6. Oktober 1553 in Wittenberg und erwarb „unter Phil. Melanchthon“ am 4. August 1558, als Petrus Vincentius (1519–1581) Dekan der Artistenfakultät war, den Magistergrad.
Ortenburger Hauslehrer 1559 wurde er für die Dauer von acht Jahren als Präzeptor (Lehrer) des Grafen Anton von Ortenburg (1550–1573) und des Grafen Maximilian Fugger (1550–1588), der später Komtur des Deutschen Ordens in Sterzing wurde, engagiert, die gemeinsam an der Universität Ingolstadt studierten.Gunter Wieland: Anton Graf zu Ortenburg (1550–1573) – frühes Ende einer großen Hoffnung. In: Förderkreis Bereich Schloss Ortenburg (Hrsg.): Ortenburg - Reichsgrafschaft und 450 Jahre Reformation 1563–2013. Ortenburg 2013, S. 96–100, bes. S. 97. Später begleitete er Graf Anton zum Studium nach Frankreich. Auf der Reise besuchte Röttinger Ulrich Fugger (1526–1584) in Augsburg. Im Juli 1561 trafen Graf Anton und sein Lehrer Johannes Calvin, Theodor Beza und Germain Colladon (1510–1594) in Genf.Vgl. Martha Schad: Die Frauen des Hauses Fugger von der Lilie (15.–17. Jahrhundert). Mohr, Tübingen 1988, bes. S. 79–88. 1561/62 studierten sie in Bourges, das sie nach dem Blutbad von Wassy beim Ausbruch des Ersten Hugenottenkrieges im Mai 1562 fluchtartig verließen, danach zusammen mit Graf Wilhelm II. von Oettingen-Wallerstein (1544–1602) in Dole,Am 31. Mai 1562 immatrikulierten sich „adolescens Dns. Anthonius comes ab Ortemburg“, „Dns. Wilhelmus comes in Öting“ und „Sebastianus Rottinger, Nordlingens., artium liberal. Magister“ an der Universität Dole. schließlich in Straßburg. Auf der Rückreise sprachen Graf Anton und Röttinger bei Herzog Christoph von Württemberg in Stuttgart vor, im April 1563 erreichten sie das ortenburgische Schloss Mattighofen.
Ortenburger Adelsverschwörung Während der sogenannten „Ortenburger Adelsverschwörung“ 1563/64 unterstützte Sebastian Röttinger den Grafen Joachim von Ortenburg (1530–1600), indem er Publikationen vorbereitete und zusammen mit dem Sekretär Hans Hager ein Verzeichnis von Decknamen und Begriffen für den Fall einer Inhaftierung anlegte.Brief von Sebastian Röttinger an Joachim von Ortenburg vom 19. November 1563 aus Ortenburg mit Beilage I Namenbuechel oder formular. In: Walter Goetz, Leonhard Theobald (Bearb.): Beiträge zur Geschichte Herzog Albrechts V. und der sog. Adelsverschwörung von 1563. (Briefe und Akten zur Geschichte des sechzehnten Jahrhunderts 6). Teubner, Leipzig 1913, S. 160–176, vgl. S. 467.Vgl. Friedrich Hausmann: Verzeichnis von Decknamen und Begriffen für den Briefwechsel des Grafen Joachim zu Ortenburg mit seiner Gemahlin Ursula für den Fall seiner Inhaftierung in München, November 1563. In: Hubert Glaser (Hrsg.): Um Glauben und Reich. Kurfürst Maximilian I. Katalog der Ausstellung in der Residenz in München 12. Juni–5. Oktober 1980, Bd. II (Wittelsbach und Bayern II/2), Hirmer, München 1980, S. 28–30; Walter Goetz, Leonhard Theobald (Bearb.): Beiträge zur Geschichte Herzog Albrechts V. und der sog. Adelsverschwörung von 1563 (Briefe und Akten zur Geschichte des sechzehnten Jahrhunderts mit besonderer Rücksicht auf Baierns Fürstenhaus 6), M. Rieger, Leipzig 1913, S. 467. Röttinger war Silvester 1563/64 als Präzeptor des Junggrafen Anton bei der von Albrecht V. von Bayern (1528–1579) befohlenen gewaltsamen Öffnung von Schloss Neu-Ortenburg durch den herzoglichen Rat Hans Neuchinger († 1582) anwesend und protestierte zusammen mit dem gräflichen Pfleger Trojanus Zinner gegen die Besetzung.Bayerisches Hauptstaatsarchiv (Grafschaft Ortenburg, Urkunden 1564 I 22, vgl. 1564 I 11).
Fortsetzung der Tätigkeit als Hauslehrer 1564 reiste Röttinger mit seinem Schüler Anton von Ortenburg und dem Hofmeister Paul von Welsberg († 1588)1571 Hofmeister von Philipp Ludwig I. von Hanau-Münzenberg, später Hanauischer Rat und Oberamtmann; Grabplatte in der Hanauer Marienkirche. zum Studium nach Tübingen (Immatrikulation am 29. Oktober) und 1566 nach Orléans.„Sebastianus Redingherus“ bzw. „Sebastianus Rotthinger Nordlinghensis, praeceptor generosi comitis in Ortenburg“; vgl. Cornelia M. Ridderikhoff / Chris L. Heesakkers: Les livres des procurateurs de la nation germanique de l'ancienne Université d'Orléans: 1444 - 1602, Bd. II, Leiden: Brill 1988, S. 512 und 514. 1566 war Röttinger Stellvertreter des Kurators der deutschen Nation in Orléans, Johann Conrad Meyer (1544–1604).Aus Schaffhausen, Studium in Basel, Heidelberg, Orléans und Padua, später Dr. jur. und Bürgermeister von Schaffhausen, 1599 von dort wegen Überschuldung geflohen. In Orléans trug er sich in das Stammbuch des Dietrich von KettelerVermutlich Dietrich (Theodor) von Ketteler (* um 1549; † 1599) zu Assen, Lage und Schüttdorf, Sohn von Goswin II. Ketteler († um 1552) und Gräfin Cornelia von Rennenberg († 1573), ein Neffe 2. Grades von Wilhelm Ketteler, 1562 Widmungsempfänger von Johann Otho. ein.Vgl. Auktion Hauswedell und Nolte, Rare Books and Autographs, Hamburg 2015, Lot Nr. 776. 1567 wurde er in Bourges zum Dr. iur. utr. promoviert und schrieb sich in Paris in das Stammbuch des Hans Jakob d. Ä. vom Staal (1540–1615) aus Solothurn ein.Vgl. Rolf Max Kully, Hans Rindlisbacher (Bearb.): Der Liber Amicorum des Hans Jakob vom Staal. (Veröffentlichungen der Zentralbibliothek Solothurn 25). Zentralbibliothek Solothurn, Solothurn 1998, S. 185 und 393.
Anschließend begleitete Röttinger den jungen Grafen auf seiner Kavaliersreise durch Italien (Padua, wahrscheinlich Rom, Siena).Vgl. Walther Ludwig: ‚Non cedit umbra soli‘. Joachim Graf zu Ortenburg als Humanist und Leser von Justus Lipsius. In: Humanistica Lovaniensia 51 (2002), S. 207–243, bes. S. 213. In Regensburg unterzeichnete Röttinger im August 1569 für Graf Joachim von Ortenburg den Abschied des Bayerischen Reichskreises.Kreisabschied zu Regensburg, den 10. August, 1569. In: Johann Georg von Lori (Hrsg.): Sammlung des baierischen Kreisrechts. München 1764, S. 128–131 (Google-Books). Im Oktober 1569 musste Graf Joachim von Ortenburg „dem Präzeptor seines Sohnes Sebastian Röttinger, Doctor“, eine Schuldverschreibung über 900 Gulden ausstellen, weil er nicht mehr in der Lage war, ihm Besoldung, Kleider und Zinsen zu zahlen.Vgl. Bayerisches Hauptstaatsarchiv (Grafschaft Ortenburg, Urkunde 1569 X 2).
mini|hochkant|links|Sebastianus Rödinger als „Consiliarius Noribergensis“, Schabkunst von Johann Friedrich Leonart (1633–1680), um 1648/80 nach älterer Vorlage Nürnberger Consiliarius? Sebastian „Rödinger“ scheint vorübergehend Ratskonsulent in Nürnberg gewesen zu sein; als solcher wird er auf einer handschriftlich in Tinte „ab A°. 1570“ datiertenStadtarchiv Nürnberg (A 7/I Nr. 4240). Porträt-Zeichnung dargestellt.Vgl. Rolf Häfele: Die Studenten der Städte Nördlingen, Kitzingen, Mindelheim und Wunsiedel bis 1580. Studium, Berufe und soziale Herkunft, Bd. II. (Trierer historische Forschungen). Verlag Trierer Historische Forschungen, Trier 1988, S. 385. Da eine Tätigkeit Röttingers in Nürnberg sonst nicht belegt ist, dürfte es sich um eine Verwechselung von Noribergensis und Norlingensis handeln.
Nördlinger Syndikus Am 17. Mai 1570 wurde Röttinger Syndikus in Nördlingen und nahm im selben Jahr zusammen mit Bürgermeister Peter Seng d. Ä. (1512–1589)Gerichtsschreiber und ab 1566 Bürgermeister von Nördlingen, unterzeichnete 1579 für den Rat der Stadt die Konkordienformel. am Reichstag zu Speyer (13. Juli bis 13. Dezember) teil.
1571 erwirkte er beim kaiserlichen Hof in Prag gegen den Widerstand der Oettinger, in deren Gebiet Nördlingen eine Enklave bildete, sicheres Geleit für die zur Messe ziehenden Kaufleute.Vgl. Martin Crusius: Schwäbische Chronick, hrsg. von Johann Jacob Moser, Bd. II, Frankfurt am Main: Wohler 1738, S. 323. Röttinger und Bürgermeister Seng schlossen dann 1573 in Ingolstadt und 1577 in Wemding für die Stadt Nördlingen Vergleiche mit den Grafen von Oettingen wegen verschiedener Nachbarschafts- und Besteuerungsstreitigkeiten.Vgl. Johann Christian Lünig (Hrsg.): ’’Das teutsche Reichs-Archiv’’, Bd. IV/2, Leipzig: Friedrich Lanckisch 1714, S. 53–59.
1573 wurde Sebastian Röttinger als Rat und Advokat im Ritterkanton Kocher der Schwäbischen Reichsritterschaft angenommen, schied aber offenbar bald wieder aus dem Dienst aus.Vgl. Thomas Schulz: Der Kanton Kocher der schwäbischen Reichsritterschaft 1542-1805 (Esslinger Studien 7), Sigmaringen: Jan Thorbecke 1986, S. 202. Unter Röttingers Führung betonte die Ritterschaft ihre Eigenständigkeit gegenüber dem Herzogtum Württemberg.Christian Friedrich Sattler: Geschichte des Herzogthums Würtenberg, Bd. V. Georg Heinrich Reiß, Tübingen 1772, S. 25, mit Bezug auf das Jahr 1572; Johann Christian von Pfister: Geschichte der Verfassung des Wirtembergischen Hauses und Landes, Bd. I, hrsg. von Carl Jäger. Johann Daniel Class, Heilbronn 1838, S. 317. Röttinger erhielt auch Bestallungen als Rat des Kaisers und Erzherzogs von Österreich Maximilian II. und als pfalzgräflicher Rat.
Im Januar 1575 nahmen Bürgermeister Georg Schmidt genannt Haider († 1588) und Advokat Sebastian Röttinger als Abgesandte der Stadt Nördlingen in Oettingen an der Hochzeit von Graf Gottfried von Oettingen-Oettingen (1554–1622) und Gräfin Johanna von Hohenlohe-Waldenburg (1557–1585) teil.Martin Crusius: Martini Crvsii, Graecae Et Latinae Lingvae, Cvm Oratoria, In Acad. Tybing. Professoris, Annalivm Svevicorvm Dodecas tertia. Nikolaus Bassée, Frankfurt am Main 1596, S. 756 (Google-Books). 1575/76 berieten Röttinger und der Augsburger Advokat Dr. Georg Tradel (1530–1598) die Reichsstadt Aalen gegen ihre Patronatsherrin, die Fürstpropstei Ellwangen, bei der Einführung der Reformation. In Regensburger Rathaus überreichten die Rechtsgelehrten Sebastian Röttinger, Balthasar Melchior von Kestlan (Kesstlan, Kastelan) und Georg Rusdorfer (Ruestorfer, von Rußdorf) († nach 1594)1587 Landrichter in Auerbach, 1594 in Murach, Vater des kurpfälzischen Hofgerichtsrates und Diplomaten Johann Joachim von Rusdorf (1589–1640). anlässlich des Kurfürstentages und der Königswahl Rudolfs II. dem Kurmainzer Kanzler Dr. Christoph Faber († um 1601) im November 1575 eine Schrift des Grafen Joachim von Ortenburg wegen der Herrschaftsansprüche auf die Reichsgrafschaft Ortenburg.Johann Ferdinand Huschberg: Geschichte des herzoglichen und gräflichen Gesammt-Hauses Ortenburg aus den Quellen bearbeitet. J. E. von Seidel, Sulzbach 1828, S. 447f (Google-Books).