mini|Dubliners, Erstausgabe 1914

The Sisters ist eine Kurzgeschichte von James Joyce, die in ihrer ursprünglichen Fassung als von George William Russell initiierte Auftragsarbeit erstmals am 13. August 1904 in der Zeitschrift The Irish Homestead veröffentlicht wurde. Die Erzählung wurde anschließend in dem Zeitraum zwischen 1904 und 1909 von Joyce mehrfach grundlegend überarbeitet und in ihrer Endfassung als Eröffnungsgeschichte in den 1914 in Buchform erschienenen Kurzgeschichtenzyklus The Dubliners kompositorisch integriert.

Die erste deutsche Übersetzung von Georg Goyert wurde 1928 unter dem Titel Die Schwestern als Teil der gesammelten Geschichtengruppe Dublin im Rhein-Verlag in Basel veröffentlicht, die als Sammlung letztmals 1968 unter dem Titel Dubliners im Suhrkamp Verlag nachgedruckt wurde. Eine neuerliche Übersetzung von Dieter E. Zimmer erschien 1969 unter dem unveränderten Titel Die Schwestern in dem ersten Band einer vom Suhrkamp Verlag besorgten Gesamtausgabe der Werke von Joyce. Darüber hinaus sind weitere deutsche Übersetzungen der verschiedenen Fassungen der Geschichte veröffentlicht worden.Vgl. Horst Kruse: Joyce · The Sisters. In: Karl Heinz Göller und Gerhard Hoffmann (Hrsg.): Die englische Kurzgeschichte. Bagel Verlag, Düsseldorf 1973, ISBN 3-513-02222-0, S. 137–146, hier Anmerkungen, S. 369. Siehe auch Florence L. Walzl: Joyce’s “The Sisters”: A Development. In: James Joyce Quarterly, Volume 50, Number 1-2, Herbst 2012–Winter 2013, veröffentlicht von der University of Tulsa, S. 73–117, hier S. 73 ff. Eine aktuelle Neuübersetzung der Geschichte von Jan Strümper wurde in der deutschen Ausgabe von James Joyce: Dubliner im Anaconda Verlag, München 2015, ISBN 978-3-7306-9155-7, veröffentlicht.

Die Kurzgeschichte, die kaum äußere Handlung enthält und an den Erzählrändern am Anfang und Ende offen bleibt, thematisiert die Reaktionen des jugendlichen, unerfahrenen Erzählers auf den Tod des ihm vertrauten Priesters Pater Flynn sowie die Kommentare der Erwachsenen in seiner Umgebung. In den Reflexionen des Ich-Erzählers kommt dessen vergebliche Suche nach einer Orientierung vermittelnden Autorität in Gestalt des an seiner Aufgabe gescheiterten und von seinem Amt entbundenen Geistlichen zum Ausdruck. Zugleich werden ouvertürenhaft zentrale Themen und Motive des gesamten Zyklus angedeutet wie etwa die mentale Abhängigkeit der irischen Gesellschaft von der repressiven, korrumpierten katholischen Kirche und die grundsätzliche Lähmung oder Paralyse (paralysis) des ausweglosen, unerfüllten Lebens in Dublin in der Zeit um 1900.Vgl. Eberhard Kreutzer: James Joyce: Dubliners. In: Arno Löffler und Eberhard Späth (Hrsg.): Geschichte der englischen Kurzgeschichte. Francke Verlag, Tübingen und Basel 2005, ISBN 3-7720-3370-9, S. 171–189, insbesondere S. 171 ff. und 174–178. Siehe auch M. Keith Booker: History and Language in Joyce’s “The Sisters”. In: Criticism, Vol. 33, No. 2 (Frühling 1991), S. 217–233, insbesondere S. 221 ff.

Inhalt mini|Dubliners, Ausgabe des New Yorker Huebsch Verlags von 1916

In ihrer letzten überarbeiteten und symbolisch stark verdichteten Fassung spielt die handlungsarme Kurzgeschichte am Abend des 1. Juli 1895 sowie am darauffolgenden Tag in Dublin.In den ersten Versionen der Geschichte ist der Todestag von Pater Flynn und erste Tag der Handlung auf den 2. Juli 1890 datiert. In der endgültigen Fassung der Dubliners passte Joyce das Datum bewusst an das katholische Kirchenjahr in Irland an, um auf diese Weise eine ironische religiöse Symbolik zu schaffen, die er in das hinzugefügte dichte Netzwerk religiöser symbolischer Verflechtungen von Übel, Sünde, Paralyse und Tod integrieren konnte, um so die thematische Aussage der Stagnation und Lähmung des irischen Lebens durch die dekadente katholische Kirche metaphorisch zu überhöhen. Der Todestag des gescheiterten Paters James Flynn deckt sich nun mit dem Tag der Feier des Opfertodes Christi zur Erlösung der Menschheit (Feast of the Most Precious Blood of Our Lord Jesus Christ) in der irisch-katholischen Kirche und erhält dadurch unverkennbar ironische Züge. Vgl. detailliert Florence L. Walzl: A Date in Joyce’s “The Sisters”. In: Texas Studies in Literature and Language, Vol. 4, No. 2 (Sommer 1962), veröffentlicht von der University of Texas Press, S. 183–187. Die Vordatierung des Handlungszeitpunkts auf das Jahr 1895 in der letzten Fassung steht laut Walzl im Einklang mit vorhandenen autobiografischen Bezügen in der Figur des Ich-Erzählers zu Joyce selbst, der, 1882 geboren, zum Erzählzeitpunkt 13 Jahre alt war, was dem Alter des Ich-Erzählers in der Geschichte entspräche. Siehe dazu Florence L. Walzl: Joyce’s “The Sisters”: A Development. In: James Joyce Quarterly, Volume 50, Number 1-2, Herbst 2012–Winter 2013, veröffentlicht von der University of Tulsa, S. 100. Berichtet werden die Ereignisse und die damit verbundenen Reflexionen der Figuren aus der eingeschränkten Erzählperspektive eines etwa 13-jährigen Ich-Erzählers, der trotz gewisser autobiografischer Bezüge anonym bleibt.Vgl. zu dem Alter des Erzählers und den autobiografischen Bezügen auch Horst Kruse: Joyce · The Sisters. In: Karl Heinz Göller und Gerhard Hoffmann (Hrsg.): Die englische Kurzgeschichte. Bagel Verlag, Düsseldorf 1973, S. 152, sowie Richard Ellmann: James Joyce. Oxford University Press, New York 1959, S. 19f. und 169 f. Anfangs unvermittelt erinnert sich der sensible, intelligente und wissbegierige junge Erzähler mit einer Mischung aus Bewunderung und Ablehnung an seinen geistlichen sowie intellektuellen Mentor und Freund, den Reverend James Flynn, für den es, wie er glaubt, nach dem dritten Schlaganfall nun keinerlei Hoffnung mehr gibt. Beim Abendessen erfährt der Junge dann von Old Cotter, einem Bekannten der Familie seiner Tante und seines Onkels, von dem Tod des Geistlichen.

Mr. Cotter macht in dem nachfolgenden Gespräch vage Andeutungen über den anrüchigen Charakter des Verstorbenen. Er und der Onkel des Erzählers sind der Meinung, dass die freundschaftliche Beziehung des Jugendlichen zu dem toten Pater Flynn und die viele Zeit, die er mit ihm verbracht hat, ungünstig für die Entwicklung des Jungen gewesen seien; er hätte stattdessen mit seinen Altersgenossen spielen und Sport treiben sollen. Der Ich-Erzähler ist verärgert über diese Bemerkungen, lässt seinen Ärger nach außen hin jedoch nicht erkennen.

Später im Bett versucht er zu verstehen, warum Mr. Cotter und sein Onkel seine bisherige freundschaftliche Verbindung zu dem Geistlichen argwöhnisch betrachten und missbilligen. In einer Art von Wachtraum, die in einen zugleich angenehmen wie abstoßenden Traum übergeht, erlebt er, wie der verstorbene Geistliche mit einem beständigen irritierenden Lächeln sich mit nuschelnder Stimme darum bemüht, ihm etwas zu beichten, das für ihn jedoch unverständlich bleibt.

Am nächsten Morgen sucht der Ich-Erzähler das Haus auf, in dem Pater Flynn zuvor nach seiner Entbindung von den Pflichten als Geistlicher bei seinen beiden Schwestern gelebt hat. Er sieht eine Todesanzeige an dem Fenster des bescheidenen Textilwarenladens, den die zwei Schwestern in dem Haus betreiben, genau an der Stelle, an der bisher ein Zettel mit der Aufschrift „Neubespannung von Schirmen“ angebracht war. Der Junge traut sich nicht, an der verschlossenen Tür anzuklopfen. Zu seinem Erstaunen ist er jedoch weniger traurig als erwartet; tatsächlich verspürt er nach dem Tod des Paters ein Gefühl der Befreiung.

Am Abend nimmt die Tante des Jungen ihn zu einem offiziellen Besuch in das Trauerhaus mit. Der Erzähler sieht die Leiche von Pater Fynn in einem offenen Sarg liegen und blickt am Totenbett in das grimmige Gesicht des Verstorbenen. Die beiden Schwestern des Paters, Nannie und Eliza, halten die Totenwache. Zunächst dreht sich das Gespräch der Erwachsenen um den friedvollen Tod des Verstorbenen. Aus weiteren kryptischen Andeutungen in der Unterhaltung erfährt der Erzähler, dass der Priester ein enttäuschter, gebrochener Mann war. Seit er während einer Messe in seiner Kirche den Kelch hatte fallen lassen, war er schon längere Zeit vor seinem Tod verwirrt und psychisch instabil. Eines Nachts wurde er kurz nach diesem Vorfall von dem Küster und einem weiteren Geistlichen der Gemeinde nach längerer Suche allein in seinem Beichtstuhl gefunden, hellwach und leise vor sich hin lachend.

Die Erzählung endet lapidar mit der abgebrochenen Aussage Elizas: „Und da natürlich, als sie das sahen, kam ihnen der Gedanke, dass mit ihm irgendetwas nicht mehr stimmte …“ und schließt damit ebenso unvermittelt und offen, wie sie begonnen hat.

Interpretationsansatz Nach der Veröffentlichung der Erstfassung von The Sisters in der Zeitschrift The Irish Homestead wurden die nachfolgenden Versionen der Kurzgeschichte von Joyce fest in das Gesamtkonzept des Dubliner-Zyklus eingebunden. Die Erzählung ist als Einführungsgeschichte hier der besonders homogenen Anfangsgruppe der „Childhood Stories“ zugeordnet, die die Erfahrungen eines (möglicherweise identischen) Jungen aus der Perspektive fortschreitender Altersstufen vermitteln.Vgl. Eberhard Kreutzer: James Joyce: Dubliners. In: Arno Löffler und Eberhard Späth (Hrsg.): Geschichte der englischen Kurzgeschichte. Francke Verlag, Tübingen und Basel 2005, ISBN 3-7720-3370-9, S. 174, und Horst Kruse: Joyce · The Sisters. In: Karl Heinz Göller und Gerhard Hoffmann (Hrsg.): Die englische Kurzgeschichte. Bagel Verlag, Düsseldorf 1973, ISBN 3-513-02222-0, S. 152. Siehe auch Florence L. Walzl: Joyce’s “The Sisters”: A Development. In: James Joyce Quarterly, Volume 50, Number 1-2, Herbst 2012–Winter 2013, veröffentlicht von der University of Tulsa, S. 73 ff sowie 84 ff.

Die tiefgreifenden Änderungen in den verschiedenen Fassungen, die Fülle der unausgesprochenen, vagen, enigmatischen oder rein suggestiven Andeutungen, die Vielzahl von Aposiopesen, Palinodien, Malapropismen und Ellipsen in den Dialogen wie auch die Dichte der symbolisch-metaphorischen Verflechtungen und die für diese Kurzgeschichte charakteristische Unbestimmbarkeit der Sprachverwendung an sich lassen nach dem gegenwärtigen Stand der literaturwissenschaftlichen Diskussion eine unstrittige, kohärente Gesamtdeutung von The Sisters nicht zu. Die zahlreichen Leer- oder Unbestimmtheitsstellen insbesondere in der Endfassung der Geschichte legen grundsätzlich die Vermutung nahe, dass Joyce durch eine Offenheit verschiedener Bedeutungsschichten sogar in der dialogischen Figurenrede bewusst eine Mehrdeutigkeit und unterschiedliche Lesarten durch die Rezipienten ermöglichen wollte.Vgl. Eberhard Kreutzer: James Joyce: Dubliners. In: Arno Löffler und Eberhard Späth (Hrsg.): Geschichte der englischen Kurzgeschichte. Francke Verlag, Tübingen und Basel 2005, ISBN 3-7720-3370-9, S. 177 f. Siehe zur Offenheit und Mehrdeutigkeit der Geschichte auch David W. Robinson: The Narration of Reading in Joyce’s “The Sisters”, “An Encounter”, and “Araby”. In: Texas Studies in Literature and Language, Vol. 29, No. 4, Twentieth-Century Fiction (Winter 1987), S. 377 ff. sowie Horst Kruse: Joyce · The Sisters. In: Karl Heinz Göller und Gerhard Hoffmann (Hrsg.): Die englische Kurzgeschichte. Bagel Verlag, Düsseldorf 1973, ISBN 3-513-02222-0, S. 161.