mini|Umschlag der Erstausgabe Terra nostra ist der Titel eines 1975 publizierten und mit internationalen Preisen ausgezeichneten Romans des mexikanischen Schriftstellers Carlos Fuentes. Erzählt wird die Geschichte des fiktiven Königs Felipe auf der Grundlage der spanischen und lateinamerikanischen Geschichte des 16. Jhs. mit surrealistisch von der Antike bis ins Jahr 1999 zeit- und raumübergreifenden Handlungen. Die deutschsprachige Übersetzung von Maria Bamberg erschien 1979 in der Deutschen Verlags-Anstalt.
Überblick Die Handlungen spielen in verschiedenen Zeiten von der Antike bis zum Jahr 2000, v. a. in Spanien und Mexiko in der Mitte des 16. Jhs. Zentrale Figur ist Felipe als ambivalenter religiöser und autokratischer Repräsentant des spanischen Herrschaftssystems zur Zeit Philipps II. (Teil I „Die alte Welt“), das durch die Inquisition und Conquista die Kultur des alten Mexiko (Teil II „Die neue Welt“) zerstört. Die Figur des „El Señor“ verkörpert den Stillstand und die Erstarrung des alten Systems. Seiner Isolation im Schloss-Mausoleum unter der Erde und dem morbiden Totenkult und der Nekrophilie seiner Mutter gegenüber steht das Prinzip der Weltoffenheit und Bewegung des Studenten Ludovico. Er reist mit seinen Adoptivsöhnen, den drei Jünglingen, durch die Geschichte der Mittelmeerländer mit ihren Mythologien und Philosophien und hofft, dass auf seinen epochenübergreifenden und sich durch Wiedergeburten erneuernden und ergänzenden Erfahrungen ein neues Zeitalter aufgebaut werden kann (Teil III „Die andere Welt“).
Handlung Erster Teil der Rahmenhandlung Der erste und letzte Teil spielen 1999 in Paris. Die endzeitliche Welt ist aus den Fugen: das Wasser der Seine siedet, der Louvre wird zum durchsichtigen Kristallblock und der Arc de Triomphe zerfällt zu Sand. Massensterben und Massengebären überlagern sich.
Am 14. Juli erhält der invalide Sandwichmann Pollo Phoibee einen von Ludovici und Celestina unterschriebenen Brief mit der Warnung des Mönchs Caesarius von Heisterbach, der listenreiche Teufel habe einige Weise mit „widernatürlicher Klugheit begabt“, und der Aufforderung, er solle das neugeborene Kind der alten Concierge Zaharia, das ein blutrotes Kreuzmal auf dem Rücken trägt und Füße mit sechs Zehen hat, auf den Namen „Johannes Agrippa“ taufen und als seinen Sohn aufziehen. Ohne die Zusammenhänge zu verstehen, erfüllt er das Taufritual im Bewusstsein einer Pflichterfüllung. Auf seinem Weg durch die verqualmten Straßen der Stadt begegnet Pollo einem aus Spanien kommenden Büßerzug und drei Figuren, die in der Romanhandlung eine Rolle spielen: Der sich geißelnde Ludovico und ein Mönch mit Namen Simón prophezeien ein neues Reich mit vollkommener Glückseligkeit. Arbeit, Opfer und Besitz sollen durch die Lust abgelöst werden. Simon ruft auf zur Buße, zu einer neuen Zeit der Armut, der Veränderung der Machtstrukturen und der Gleichheit aller Menschen. Eine Straßenmalerin, Celestina, spricht Pollo als alten Bekannten an, mit dem sie ein Treffen verabredet habe. Bei dem vergeblichen Versuch, sich zu erinnern, stürzt er in die kochende Seine. Die Malerin wirft ihm eine versiegelte grüne Flasche mit einer Botschaft nach. Pollo muss seine vergessene Geschichte bis Ende des Jahres noch einmal erleben, um sich der Zusammenhänge bewusst zu werden.
Teil I „Die alte Welt“ Escorial Der zentrale Handlungsort ist das sich im Bau befindliche Schloss Escorial, in das sich der 37-jährige König Felipe (Kap. „El Señor“) nach seinen zwanzigjährigen Kriegen und Verfolgungen der Häretiker zurückgezogen hat. In seinem Kloster-Mausoleum büßt er durch ein asketisches Leben für seine Sünden, um das ewige Leben zu erringen. Wendepunkt in Felipes Leben war die letzte Schlacht in Brabant (Kap. „Der Sieg“). Wegen der Gräuelbilder hat er gelobt, keine Kriege mehr zu führen und sich in das Kloster zurückzuziehen. Escorial soll sein Lebenswerk werden, ein Symbol und das Grabmal für seine dreißig Vorfahren. Aus ganz Spanien lässt er sie überführen und in einer großen Aktion im Mausoleum beisetzen. Er will der letzte seiner Herrscherfamilie sein. Felipe isoliert sich immer mehr von den Geschehnissen im Land und verliert den Überblick über die Amtsgeschäfte. Die Organisation seines Haushalts überlässt er seinem Oberjagdmeister Guzmán (Kap. „El Señor zu Füßen“). Dieser betreibt ein Doppelspiel, indem er einerseits als engster Gefolgsmann die Macht des Königs sichert, andererseits mit seinen Jägern die Lage im Land beobachtet und der Königin, der Engländerin Isabel, ihre geheimen Wünsche nach Liebhabern erfüllt und ihr einen Umsturz vorschlägt.
Sozialisation Felipe hat, wie im Handlungsverlauf zunehmend deutlich wird, eine gebrochene Sozialisation: Seine Mutter Johanna erzieht das Kind zu einem konsequenten asketischen religiösen Leben mit täglichen Beichten, um die Erbsünde zu überwinden und von Gott mit dem Paradies belohnt zu werden (Teil III. Kap. „Corpus“). Seine Zweifel an der Gottvater-Lehre und seine Frage, warum er das Böse zulässt und den Menschen dafür bestraft, versucht Felipe, wie auch seine sexuellen Wünsche, erfolglos zu verdrängen, und dieser Prozess ist eine permanente Quelle seines Schuldgefühls und seiner Bußgebete in der Familiengrabkapelle. Die Hinwendung der Mutter zum Transzendenten kontrastiert mit den weltlichen Forderungen des Vaters, des „Hurenprinzen“ und absolutistischen Herrschers, an seinen Nachfolger. Felipe erhält von seinem Vater wegen Ungehorsams im Alcázar Hausarrest. Der König demonstriert ihm, wie ein zukünftiger Herrscher sein „primae noctis“-Recht nutzt, indem er das 16-jährige Bauernmädchen Celestina, die Braut des Schmiedes Jerónimo, entjungfert. Dem Konflikt mit dem Vater versucht Felipe durch seine Flucht zu entkommen (von Kap. „Ius primae noctis“ bis „Die Mahnrede“).
Ausbruchsversuch Felipe verlässt das Schloss und findet im Wald Unterschlupf bei einer adamitischen Büßergruppe. Dort begegnet er Celestina wieder, die auf ihrer Flucht von betrunkenen Kaufleuten vergewaltigt worden ist, und zieht mit ihr weiter zum Strand Cabo de los Desastres. Hier treffen sie den vom Inquisitor wegen Leugnung der Erbsünde angeklagten Studenten Ludovico und den Mönch Simón. Zusammen mit dem Bauern Pedro bauen sie ein Schiff, um Spanien zu verlassen und die „Sonnenstadt“ zu suchen. Felipe, Ludovico und Celestina beginnen eine Dreierliebesbeziehung. Später erzählt Celestina, dass sie sich so für die Vergewaltigung gerächt hat, indem sie das vom Vater empfangene Gift des Teufels an den Sohn weitergab. Felipe träumt von den Adamiten, die wie vor dem Sündenfall leben wollen, um als reine Seelen in den Himmel zu kommen. Eine Stimme spricht zu ihm: Da es nichts Böseres gebe als die Welt, könne es weder Fegefeuer noch Hölle geben. Die sündige Natur des Menschen müsse auf der Erde gereinigt werden, sie müsse sich im Übermaß der sinnlichen Triebe höllisch erschöpfen. Die Gruppe träumt von einem Leben in einer glücklichen Gemeinschaft und diskutiert über deren Voraussetzungen: Jeder müsste göttlich vollkommen und seine eigene Gnadenquelle sein, über die Kraft des Wissens und der Forschung verfügen (Kap. „Ludovicos Traum“). Es dürfte keine Arme und Reiche, keine Leibeigene und Herrscher geben (Kap. „Pedros Traum“), keine Krankheit und keinen Tod (Kap. „Simons Traum“). Alle müssten ein Sehnen nach Liebe und Leben spüren, nicht nach Hass und Tod, und an magische Kräfte glauben (Kap. „Celestinas Traum“). Nur Felipe äußert keine Wünsche. Er bezweifelt die Realisierung der Harmonie und fürchtet die wechselnden Ausgrenzungen der Gruppenmitglieder. Letztlich würden sie Schlafwandler werden, jeder in seiner Einsamkeit bis zur Auflösung. Nach dieser Uneinigkeit zerstört Ludovico das Schiff: Den gesuchten utopischen Ort gebe es nicht (Kap. „Nowhere“). Sie kehren wieder in die Stadt zurück und geraten in einen Zug fanatischer Wiedertäufer, die das Ende der Welt verkünden. Felipe stellt ihnen eine Falle, lockt sie in das von den Bewohnern verlassene Schloss und lässt sie drei Tage lang ein ausschweifendes Fest feiern und das Schloss ausrauben. Dann werden alle von plötzlich auftauchenden Soldaten El Señors getötet. Felipe erklärt seinem Vater, seine Tat habe seiner Erziehung zur Abhärtung gedient, um sich ihm würdig zu erweisen. Beide versöhnen sich und Felipe wünscht sich die englische Kammerjungfer Isabel als Frau (Kap. „Der Lohn“). Ludovico und Celestina lässt er als Lohn für ihre Freundschaft am Leben, beide fliehen aus dem Schloss.
Die Felipe-Geschichte springt nun um zwanzig Jahre und spielt in Escorial. Was in der Zwischenzeit mit den Wanderern durch die Zeiten und Mythen geschieht, wird im zweiten und dritten Teil des Romans erzählt.
Felipes Zweifel Felipe diktiert Guzmán seine Memoiren (Kap. „Das erste Testament“). Er weiß, dass es viele mögliche Versionen von Lebensläufen gibt, aber wenn jeder seine Lesart aufschreiben würde, wären die Reiche unregierbar. Deshalb soll seine Fassung, um die Einheit der Macht zu demonstrieren, die einzige unveränderliche, heilige Norm sein. Vorher aber spricht er mit Guzmán über seine geheimen Gedanken, seine Zweifel an den christlichen Lehrsätzen, die bis zu ketzerischen Vorstellungen über Marias Schwangerschaft, Jesus menschlichen Vater, die manipulierte Kreuzigung usw. und eine vollkommene Trennung des Schöpfergottes von den Menschen reichen. Er stellt die Frage, ob der Mensch nicht die Krone der Schöpfung, sondern nur ein gleichgültiges Produkt aus Mangel an Phantasie am Rande des Universums sei, zufällig entstanden und schlecht hergestellt: Der Mensch sei eher ein Ebenbild Luzifers und bilde sich nur ein, Ebenbild Gottes zu sein. Felipe spekuliert auch über ein „Nicht-Sein“ nach seinem Tod. Mit einem Spiegel und aus Bildern fängt Felipe Zeitgenossen Jesu ein, z. B. Pontius Pilatus, Maria, Joseph, lässt sie auftreten und diskutiert deren Aussagen über den Tod Jesu als Mensch oder Gott. Nach seinen kritischen Reflexionen diktiert er Guzmán schließlich das offizielle Glaubensbekenntnis als einzige gültige Wahrheit und erklärt ihm das Machtsystem: Offiziell dürfe es keine Glaubens- und Herrschaftszweifel geben. Er stütze sich auf eine Armee von skrupellosen, verkommenen Soldaten, die von ihm finanziell abhängig sind, und auf einen Stammbaum von Helden, wenn auch degenerierter kranker Adliger, als Legitimationsgrundlage seiner Herrschaft. Ähnlich äußert sich Felipe dem Maler Fray Julián gegenüber: Die Regierenden benutzten die Inquisition nicht aus Überzeugung, sondern zum Machterhalt: „[L]ass uns die Rebellen verbrennen, die sich im Namen einer Freiheit, von der sie unmöglich Gebrauch machen könnten, gegen unsere notwendige Macht erheben, aber nicht die Ketzer, die in der frommen Einsamkeit des Verstandes, ohne es zu wissen, die Einheit unserer Macht stärken, indem sie die vielfältigen Glaubensmöglichkeiten aufzeigen.“ Entsprechend dieser Position lässt er Michail ben Sama offiziell wegen Päderastie verbrennen, in Wirklichkeit aber, weil er der Liebhaber seiner Frau ist. Den Chronisten, der diese Affäre in einem Gedicht unwissentlich angesprochen hat, verbannt er auf die Galeere, „denn es [gebe] keinen gefährlicheren Feind der Ordnung als den Unschuldigen.“ (Kap. „Der Chronist“)
Guzmán rät dem König, die ketzerischen Passagen seines Testaments zu verbrennen, doch Felipe antwortet, auch wenn er, Guzmán, seine Zweifel der Inquisition melde, würde man ihm nicht glauben, zumal er den Text nur diktiert und nicht selbst geschrieben habe. Außerdem sei er der letzte in der Familienreihe. Guzmán versichert, er sei schon aus Gründen der Selbsterhaltung an einer Fortsetzung der Dynastie interessiert, und führt ihm die jungfräuliche Novizin Inés zum Schwängern zu. Felipe stürzt die sexuelle Beziehung in die Spannung aus „Himmel und Hölle“, Lust- und Schuldgefühle, aber Inés bleibt nicht bei ihm. Sie wolle weder Himmel noch Hölle, sondern nur die Erde und die gehöre nicht ihm (Kap. „Crepusculum“).
Drei Gestrandete