mini|Das Gemälde mit dem Titel Die Freiheit führt das Volk wurde von dem französischen Maler Eugène Delacroix im Jahr 1830 geschaffen. Zu sehen ist eine Freiheitsallegorie, die den Triumph der französischen Julirevolution verkörpert. Paris, Louvre.

Das Jahr 1830 ging als ein Revolutionsjahr in die europäischen Geschichte ein. In Paris wurde Karl X. gestürzt und die Julimonarchie unter Louis Philippe proklamiert. Belgien spaltete sich von dem Vereinigten Königreich der Niederlande ab und konstituierte sich als eigenständiger Nationalstaat. Im Deutschen Bund ließen die Regierungen in Sachsen, Kurhessen, Braunschweig und Hannover unter dem Druck der Straße neue Verfassungen ausarbeiten. Im Herzogtum Braunschweig wurde erstmals ein deutscher Fürst revolutionsbedingt abgesetzt. Die polnische Nationalbewegung kämpfte ermutigt von den europaweiten Aufständen für eine Wiedererlangung der nationalen Unabhängigkeit. In Großbritannien stellten Unruhen die Weichen für eine Wahlrechtsreform. Nur in Preußen, Österreich und Russland blieben die autokratischen Systeme weiter bestehen.

Einordnung

Das Jahr 1830 wird häufig als ein wichtiger Einschnitt angesehen, insbesondere von deutschen Historikern wie Hans-Werner Hahn. Diese vertreten die Ansicht, dass die europaweiten revolutionären Erschütterungen von 1830 (Frankreich, Belgien, deutsche und italienische Staaten) die sozialen, politischen und ideologischen Konfrontationen der vorhergehenden Jahrzehnte entscheidend weiter verschärften. Aus diesem Grund hat sich für den deutschsprachigen Raum das Konzept eines politischen Vormärz gefestigt, der 1830 begann und bis zu den Märzrevolutionen von 1848 andauerte.Hans-Werner Hahn: Vormärz und Revolution. Politik und Gesellschaft 1830–1848/49. In: Ders. /Helmut Berding (Hrsg.): Reformen, Restauration und Revolution 1806–1848/49. (Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte 14), 10. Aufl., Stuttgart 2010, S. 417–655, hier S. 422–423. Die revolutionären Geschehnisse trugen zu einer Zementierung der politischen Entwicklung in Europa bei: Im Westen des Kontinents entstanden liberale Monarchien. Im Osten bestanden dagegen die autokratischen Strukturen Preußens, Russlands und Österreichs weiter fort.Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert. 2. Auflage, Beck, München 2010, S. 515.

Überblick über die Entwicklung der europäischen Staaten Frankreich mini|Das 1825 von dem Maler François Gérard geschaffene Gemälde zeigt den französischen König Karl X. von Frankreich im Krönungsornat. Madrid, Museo del Prado

Der Auftakt der Revolutionen ging von Frankreich aus, was zur Jahreswende 1829/1830 noch nicht abzusehen war. Zwar betraf ein ungewöhnlich langer Winter das Land, der die Ernten zunichtemachte. Dennoch brachen Hungeraufstände nur in einigen Regionen Frankreichs aus. Auch die Gefahr eines Militärputsches schien gering, da die Armee gerade mit der Eroberung Algeriens beschäftigt war.Adam Zamoyski: Phantome des Terrors. Die Angst vor der Revolution und die Unterdrückung der Freiheit. Beck, München 2016, S. 390. Die französische Regierung unter Premierminister Jules de Polignac hoffte mit der Errichtung einer Kolonie in Nordafrika von innenpolitischen Spannungen zwischen Parlament und Monarch ablenken zu können.Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert. 2. Auflage, Beck, München 2010, S. 509. Die zweite Kammer des Parlamentes hatte nämlich im März 1830 von König Karl X. gefordert, zukünftig Minister aus der Regierung zu entlassen, die keinen Rückhalt in der Kammer fanden (Ministerverantwortlichkeit). Das Parlament versuchte auf diese Weise Einfluss auf den politischen Kurs der königlichen Regierung zu gewinnen. Daraufhin ließ Karl X. Neuwahlen veranlassen, um die Opposition gegen sich zu brechen. Derweil landeten unter dem Vorwand, die Piraterie und Versklavung im Mittelmeer zu bekämpfen, im Juni 1830 etwa 37.000 Soldaten an der algerischen Küste. Am 4. Juli 1830 nahmen die Truppen Algier ein. Die Erwartungen der königlichen Regierung erfüllten sich indes nicht. Die wahlberechtigten Bürger stärkten die oppositionellen Kräfte im Parlament weiter. Die Liberalen bekamen am 3. Juli 1830 ganze 274 Abgeordnetensitze. Dies waren 53 Plätze mehr als bisher und eine deutliche Niederlage für den politischen Kurs der Regierung Polignac.Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert. 2. Auflage, Beck, München 2010, S. 508–509.

Konfrontiert mit den neuen Mehrheitsverhältnissen im Juli 1830 plante der Monarch neue Wahlen unter einem veränderten rechtlichen Rahmen. In den sogenannten Juliordonnanzen vom 26. Juli 1830 legte er unter anderem eine Erneuerung des Wahlzensus fest, die die Mehrheit des Bürgertums von der Wahlberechtigung ausschloss.Andreas Fahrmeir: Europa zwischen Restauration, Reform und Revolution 1815–1850. Oldenbourg, München 2012, S. 56–57; Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert. 2. Auflage, Beck, München 2010, S. 510. 75 % der zuvor wahlberechtigten Bürger durften nicht mehr an einer Abstimmung teilnehmen. Zudem setzten die Beschlüsse eine strengere Zensur durch.Adam Zamoyski: Phantome des Terrors. Die Angst vor der Revolution und die Unterdrückung der Freiheit. Beck, München 2016, S. 390.

Karl X. erließ die Verordnungen, ohne zuvor Sicherheitsvorkehrungen für Paris zu treffen. In der französischen Hauptstadt waren nicht genug Truppen stationiert worden, um auf eventuelle Proteste und Unruhen reagieren zu können. Der König selbst zeigte keine Präsenz. Er verreiste zu seinem Landsitz Rambouillet und vergnügte sich dort bei der höfischen Jagd.Adam Zamoyski: Phantome des Terrors. Die Angst vor der Revolution und die Unterdrückung der Freiheit. Beck, München 2016, S. 390. Am 27. Juli 1830 entstanden erste Barrikaden in der Umgebung des Palais Royal. Am Abend desselben Tages spitzte sich die Situation weiter zu. Protestierende Studenten, Arbeiter und aus dem Dienst geschiedene Soldaten versammelten sich auf den Straßen von Paris.Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert. 2. Auflage, Beck, München 2010, S. 510. Die Menschenmassen breiteten sich in der Stadt ungehindert aus, da der kommandierende Marschall seine Truppen am Louvre konzentrierte. Auch am 28. Juli erhielt der Marschall noch immer keine Anweisungen von Karl X. Teile seiner Truppen begannen daher bei ersten Zusammenstößen zu den Aufständischen überzulaufen. Schließlich zogen sich die Regierungstruppen am 29. Juli 1830 aus der Stadt zurück.Adam Zamoyski: Phantome des Terrors. Die Angst vor der Revolution und die Unterdrückung der Freiheit. Beck, München 2016, S. 392–393.

Am 2. August 1830 verzichtete Karl X. auf seinen Thron und bestimmte seinen Großneffen zu seinem Nachfolger. Das Parlament zeigte sich hiervon jedoch unbeeindruckt und proklamierte am 7. August 1830 Louis-Philippe I. aus dem jüngeren Zweig der Bourbonen-Dynastie zum König der Franzosen. Damit begann in Frankreich die Zeit der sogenannten Julimonarchie, die sich bis 1848 politisch behaupten sollte.Andreas Fahrmeir: Europa zwischen Restauration, Reform und Revolution 1815–1850. Oldenbourg, München 2012, S. 57. Mit dem Königtum von Louis-Philippe dominierten nicht länger die politischen Interessen der Aristokratie und des Klerus das Land, sondern die des Großbürgertums (vor allem Bankiers und Großgrundbesitzer).Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert. 2. Auflage, Beck, München 2010, S. 512.

Belgien mini|Das Gemälde von Gustave Wappers entstand 1835 im Auftrag des belgischen Staates und bildet den Grand-Place in Brüssel im September 1830 ab. Brüssel, Königliche Museen der Schönen Künste

Das revolutionäre Geschehen in Frankreich weitete sich als erstes auf die südlichen Provinzen des Vereinigten Königreichs der Niederlande aus.Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert. 2. Auflage, Beck, München 2010, S. 515. Die Region des heutigen Belgiens war 1815 auf dem Wiener Kongress den Niederlanden zugeschlagen worden. Die dortige, überwiegend katholische Bevölkerung wurde hierüber nicht befragt. Sie lehnte die protestantische Vorherrschaft der „Holländer“ ab. Die unnachsichtige Politik von König Wilhelm I. verschärfte die Spannungen noch: Der Monarch ließ in den südlichen Provinzen höhere Steuern erheben, die katholische Presse zensieren und die Hauptverwaltungen hauptsächlich mit Personal aus dem nördlichen Teil des Landes besetzen. Zu weiterem Unmut trugen die staatlichen Versuche bei, das Schulwesen dem Einfluss der katholischen Kirche zu entziehen und in einigen Provinzen niederländisch als Gerichts- und Behördensprache durchzusetzen.Richard J. Evans: Das europäische Jahrhundert. Ein Kontinent im Umbruch 1815–1914. DVA, München 2018, S. 116; Michael North: Geschichte der Niederlande. Beck, 4. Auflage, München 2013, S. 83. Den Auftakt des belgischen Unabhängigkeitskampfes läutete am 25. August 1830 eine Vorstellung in dem Brüsseler Opernhaus ein. In dem Gebäude wurde das Stück La muette de Portici aufgeführt. Es handelte von einer italienischen Rebellion in Neapel gegen die spanische Vorherrschaft im 17. Jahrhundert. Das Publikum zeigte sich von der Darbietung inspiriert und trug revolutionäre Parolen auf die Straßen von Brüssel, indem es die Marseillaise anstimmte. Auf den Plätzen von Brüssel hatten sich auch Handwerker versammelt, um einem ursprünglich geplanten Feuerwerk zu Ehren des niederländischen Königs beizuwohnen. Ermutigt von dem aus dem Opernhaus strömenden Publikum errichteten sie jedoch Barrikaden und folgten damit dem Beispiel von Paris. Kurze Zeit darauf stellten sich Bürgerwehren auf die Seite der Aufständischen.Richard J. Evans: Das europäische Jahrhundert. Ein Kontinent im Umbruch 1815–1914. DVA, München 2018, S. 115. König Wilhelm I. lehnte Zugeständnisse gegenüber den Aufständischen zunächst strikt ab. Er wollte den Protest im Süden mit Waffengewalt ersticken. Im September 1830 konnten seine Truppen allerdings zurückgeworfen werden: Viele der anrückenden Soldaten weigerten sich, gegen ihre eigenen Landsleute vorzugehen.Andreas Fahrmeir: Europa zwischen Restauration, Reform und Revolution 1815–1850. Oldenbourg, München 2012, S. 59. Die eingesetzten niederländischen Verbände waren militärisch meist unerfahren und für den Barrikadenkampf untauglich. Am 27. September 1830 gab der Admiral der niederländischen Truppen die Kämpfe in Brüssel auf. Daraufhin sprang die Revolution auch auf Antwerpen über. Der Beschuss der Stadt durch niederländische Artillerie fachte nur den Widerstandswillen der Bewohner weiter an. Am 26. September 1830 bildete sich eine provisorische Regierung in Brüssel, die am 4. Oktober die belgische Unabhängigkeit vom Königreich der Niederlande verkündete.Richard J. Evans: Das europäische Jahrhundert. Ein Kontinent im Umbruch 1815–1914. DVA, München 2018, S. 116.