Firmenarchive Schweizer Textilunternehmen sind Sammlungen von Unterlagen von Schweizer Firmen des Textilwesens und Textilhandels, die durch unterschiedliche Organisationen an verschiedenen Standorten geführt und archiviert werden. Bestände von bereits stillgelegten Firmen finden sich zumeist in öffentlichen und halböffentlichen Gedächtniseinrichtungen wie den kantonalen Archivinstitutionen, Stadtarchiven und Spezialarchiven. Ebenso archivieren Bibliotheken und Museen – darunter öffentliche wie private – Bestände von Firmen.

Begriffe: Firmenarchiv, Firma Beim Begriff Firmenarchiv wird zwischen dem Bestand unterschieden, der die Geschichte und die Tätigkeit einer Firma während ihrer Existenz spiegelt, und der organisatorischen Einheit, deren Aufgabe es ist, geschäftliche Unterlagen eines Unternehmens und gegebenenfalls die Bestände ihrer Vorgängerunternehmen zu führen und zu archivieren. Bei einem Bestand handelt es sich um die «Zusammenfassung von Archivalien einer Provenienz oder Pertinenz in einer logischen, hierarchisch übergeordneten Einheit». Häufig werden die Begriffe Firma und Unternehmen synonym verwendet. Aus rechtlicher Sicht ist die Firma «die für den Rechtsverkehr gewählte Bezeichnung eines Unternehmensträgers, der ein kaufmännisches Unternehmen betreibt. Unternehmensträger kann sowohl ein Einzelunternehmen als auch eine Gesellschaft (z. B. Kollektivgesellschaft, Aktiengesellschaft usw.) sein.»

Archivierende Organisationen Firmenarchive stillgelegter Unternehmen aus dem Textilwesen – insbesondere aus der Textilindustrie und dem Textilgewerbe – sowie dem Textilhandel befinden sich zumeist in öffentlichen oder halböffentlichen Gedächtnisinstitutionen und sind dadurch in der Regel öffentlich zugänglich. Gelegentlich werden die Archive aufgelöster Firmen auch von Folgeunternehmen oder von privaten Organisationen, zum Beispiel einer Stiftung, übernommen und archiviert – wie im Fall des Firmenarchivs der Bally Band AG, das sich im Ballyana-Archiv in Schönenwerd (SO) befindet.

Ferner gibt es Firmenarchive von noch aktiven Unternehmen. Häufig werden sie am Firmensitz geführt und sind meist nicht oder nur auf Anfrage einsehbar. Firmenarchive von grösseren Unternehmen, wie zum Beispiel das Archiv der Stickereifirma Forster Rohner AG in St. Gallen, sind aufgrund der breiten Bekanntheit des Unternehmens relativ einfach recherchier- und auffindbar. Bei kleinen, weniger bekannten Unternehmen weiss die Allgemeinheit oft weder um die Existenz der Firma selbst noch um die eines möglichen Archivguts. Während grosse Unternehmen weitgehend über die notwendigen Ressourcen zur Führung und zum Unterhalt eines Archivs verfügen, fehlen den kleinen Firmen nicht nur die finanziellen und personellen Mittel, sondern auch die erforderliche Infrastruktur sowie das Know-how für eine professionelle Archivierung.mini|Sackzettel der Textilunternehmen Mathias Naef in Niederuzwil, Schweiz, und Rautenberg, Schmidt & Co., Singapore. Abgebildet sind die Industriebauten der Produktionsstätten. Lithographie ca. 1885, Urheber unbekannt

Im Zusammenhang mit Firmenarchiven ist das Schweizerische Wirtschaftsarchiv in Basel, das als Spezialarchiv schweizweit Bestände von Firmen, Verbänden und Personen übernimmt und erschliesst, von grosser Bedeutung. Als einzige Archivinstitution in der Schweiz ordnet es die Bestände verschiedenen Branchen zu, sodass im Online-Katalog zum Beispiel nach Firmenarchiven von Unternehmen aus der Textilindustrie und dem Textilhandel gesucht werden kann. Erste Anlaufstellen für Firmen, die ihre Archive einer Gedächtnisinstitution übergeben möchten, sind die kantonalen sowie die kommunalen Archive – unter Letzteren hauptsächlich die Stadtarchive. Zudem gibt es verschiedene regionale Archivinstitutionen, als Vereine oder Stiftungen aufgestellt, die sich um Firmenarchive kümmern wie etwa das Glarner Wirtschaftsarchiv. Als Spezialarchiv im Kanton Glarus, in dem die Textilproduktion und -weiterverarbeitung lange Zeit ein Hauptwirtschaftszweig war und nach wie vor ist, nimmt es mehrheitlich Firmenarchive von Unternehmen aus dem regionalen Textilwesen in seine Obhut.

Die Textilindustrie in der Ostschweiz – mit den Kantonen St. Gallen, Thurgau und den beiden Appenzell – war bis zum Zweiten Weltkrieg einer der wichtigsten Wirtschaftssektoren in Region. Dabei hatte die St. Galler Stickerei weltweite Bedeutung. Die Zürcher Seidenindustrie war in Zürich und Umgebung stark vertreten.Elisabeth Abgottspon, , Dossier, Stand 20. Juni 2018. Abgerufen am 11. Dezember 2020 Weitere bedeutsame Regionen für die Produktion und Weiterverarbeitung von Textilien waren im Wesentlichen das Zürcher Oberland, die Kantone Glarus, Aargau und Luzern sowie Basel und Umgebung und im Bernbiet der Oberaargau und Langnau im Emmental. Institutionen, die sich in diesen alten Textilregionen der SchweizAnne-Marie Dubler, Textilindustrie, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version 7. Oktober 2014, hier Kapitel 1. Textilgewerbe und Textilindustrie im Überblick. Abgerufen am 11. Dezember 2020 befinden und demzufolge mehrere entsprechende Bestände von Firmen archivieren, sind das Staatsarchiv St. Gallen, das Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden, das Landesarchiv des Kantons Glarus und das Staatsarchiv des Kantons Zürich. Firmenarchive von Textilunternehmen in den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft sind im Schweizerischen Wirtschaftsarchiv und im Museum.BL archiviert. Weitere bedeutende Institutionen, die textile Bestände als Teilbestände und einige integrale Firmenarchive archivieren, sind das Textilmuseum St. Gallen, die Zentralbibliothek Zürich sowie das Studienzentrum des Landesmuseum Zürich und das Sammlungszentrum als Teile des Schweizerischen Nationalmuseums. Im Studienzentrum ist eine Auswahl aus den Beständen der Zürcher Seidenindustrie zusammengestellt und einsehbar.Andrea Franzen und Christina Sonderegger, Die Textilarchive im Schweizer Nationalmuseum, in: Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte ZAK, 16 (2019), H. 1–2, S. 85–104

Auffinden von Firmenarchiven Zwar gibt es die Online-Kataloge der einzelnen öffentlich zugänglichen Institutionen und einige Portale, über die bereits erschlossene Bestände wie Firmenarchive leicht auffindbar sind, aber es existiert schweizweit kein umfassendes Verzeichnis. Firmenarchive sowohl von stillgelegten Unternehmen, die nicht einer Institution übergeben worden sind, als auch von noch aktiven Unternehmen sind schwierig bis gar nicht auffindbar. Oftmals werden die Firmenunterlagen bei der Geschäftsaufgabe entsorgt, wenn die rechtlichen Aufbewahrungsfristen abgelaufen sind,Siehe die Aussage von Daniel Nerlich, Leiter des Archivs für Zeitgeschichte der ETH Zürich, in: Beat Grossrieder, Wie Firmen mit ihren Archiven umgehen, in: Neue Zürcher Zeitung, 8. April 2016, S. 55 oder sie gehen beispielsweise bei einem Domizilwechsel verloren.Rebekka Wyler, Archive und Museen sichern gemeinsam die Geschichte einer Industrie, in: arbido (2017), Nr. 4, o. S. Abgerufen am 11. Dezember 2020

Siehe auch Liste der Firmenarchive in der Burgerbibliothek Bern

Literatur Irene Amstutz, Überlieferungssituation der Wirtschaftsarchive in der Schweiz: ein Modell zur Sicherung, in: arbido (2014), Nr. 3, S. 10–12 arbido (2013), Nr. 1: Privatarchive Martin Lüpold: Ein Dokumentationsprofil für Wirtschaftsarchive in der Schweiz, Masterarbeit MAS ALIS, 2012 Sandra Rumiz: Firmenarchive in Wikimedia-Projekten, Wie Bestände von Schweizer Textilunternehmen über Wikipedia und Wikidata auffindbar werden, Churer Schriften zur Informationswissenschaft, Chur 2021

Portale und Spezialarchive schweizweit Archiv für ZeitgeschichteArchiv für Zeitgeschichte, ETH Zürich Schweizerisches WirtschaftsarchivSchweizerisches Wirtschaftsarchiv Glarner Wirtschaftsarchiv

Weblinks

Archives Online arCHeco, Verzeichnis der Wirtschaftsbestände in Archiven der Schweiz und Liechtensteins Verbund HAN, Verbund Handschriften – Archive – Nachlässe

Tabelle von Firmen mit Firmenarchiven Die erweiterbare Tabelle enthält diverse Angaben zu Firmen, darunter die Verweise auf die archivierenden Organisationen der jeweiligen Firmenarchive. FirmennameFirmensitzKt.Branche / UnterklasseExistenzzeitBeschreibung der Firmaarchiviert in /verzeichnet inFraefel & Co. Wikidata-ObjektSt. GallenSGTextilindustrie / Kunststickerei, Paramentfabrik1883–1983«Die Paramente sind besonders in Deutschland und den USA gefragt und erhalten bei internationalen Ausstellungen wiederholt Auszeichnungen. In ihrer Blütezeit um 1910 beschäftigt sie 150 Mitarbeiter an 25 Cornelymaschinen in der Fabrik und vergibt zahlreiche Aufträge in Heimarbeit. 1912 werden Niederlassungen in Karlsruhe, Chicago, New York und Toledo/Ohio gegründet. Nach dem Tod des Gründers Arnold Fraefels 1919 führt sein Sohn Gallus die Firma weiter. In der Krisenzeit der 1920er Jahre schliessen die amerikanischen Niederlassungen.»Staatsarchiv St. Gallen / Teilbestand Geschäftsunterlagen

Teilbestand Geschäftsunterlagen

Textilmuseum St. Gallen /

Teilbestand Textil

Bischoff Textil AG /

Teilbestand TextilWeberei Matthias Naef & Cie. / ab 1914 Peter Zweifel AG, Weberei Felsegg Wikidata-ObjektNiederuzwil / ab 1914 HenauSGTextilindustrie / Weberei1821–19711821 gründet Matthias (auch Mathias) Naef eine mechanische Weberei in Niederuzwil. Die Textilien werden in den Nahen Osten sowie nach Süd- und Nordamerika exportiert. In der Blütezeit beschäftigt die Weberei 2000 bis 3000 Mitarbeiter, worunter viele Heimarbeiter. 1896 wird die Firma Matthias Naef in die Aktiengesellschaft «Naef & Cie. AG» umgewandelt. 1914 übernimmt Peter Zweifel die Firma. 1934 wird auf dem ehemaligen Firmengelände der Matthias Naef & Cie. in Niederuzwil die Katholische Kirche errichtet. 1971 wird die Peter Zweifel AG, Weberei Felsegg in Henau stillgelegt.Staatsarchiv St. Gallen / BestandForster Rohner AG Wikidata-ObjektSt. GallenSGTextilindustrie / Stickerei1904–heute1904 gründet Conrad Forster-Willi die Stickerei Forster Willi & Co. Die Firma wird mit ihren Stickereien und Stoffen für die Haute Couture weltweit berühmt. 1988 übernimmt das Unternehmen die auf die Herstellung von Strumpfwaren spezialisierte Firma Jacob Rohner AG im sankt-gallischen Rheintal. 1992 erfolgt die vollständige Fusion unter dem Namen Forster Rohner AG. Weitere Unternehmen kommen im Laufe der Jahre dazu. Zahlreiche Innovationen in der Herstellung von textilen Materialien haben internationale Bekanntheit erlangt. Forster Rohner AG / BestandBally Band AG Wikidata-ObjektSchönenwerdSOTextilindustrie / Seidenbandweberei1810–2008«Im Januar 1810 überliess Franz Ulrich Bally das Geschäft seinen beiden Söhnen Urs Peter und dem 1785 geborenen jüngeren Bruder Niklaus Bally, die dasselbe dann unter der Firma F. U. Bally Söhne bis zum Tode des Niklaus 1833 gemeinschaftlich weiter führten. [...] Die Vergrösserung war, abgesehen vom Anwachsen seiner grossen Familie, jedenfalls nötig geworden durch die im selben Jahre 1823 eingeführte Bandfabrikation.» 1988 wird die ursprüngliche Firma Gebrüder Bally AG aufgeteilt. Aus der Teilung geht die Bally Band AG hervor. 2002 erwirbt die Kuny AG in Küttigen (AG) die Firma, 2005 wird der Sitz verlagert; 2008 erfolgt die komplette Übernahme und der Name Bally Band AG wird aufgegeben.Ballyana-Archiv / BestandAbraham AG Wikidata-ObjektZürichZHTextilindustrie / Textilentwurf

Textilhandel /