Der Begriff Anison (, ein Kofferwort aus Anime und Song) beschreibt in der japanischen Populärmusik Musikstücke, die ausschließlich für Anime produziert werden. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um musikalische Werke, die in den Vor- bzw. Abspannsequenzen von Anime-Produktionen zu hören sind. Anison ist dabei eher als ein Schirmbegriff zu betrachten, da Anison-Stücke in allen Musikrichtungen angesiedelt sein können. Es gibt allerdings auch Beschreibungen, die Anison als eigene Musikrichtung innerhalb der japanischen Musik verstehen. In Japan gelten Anison-Stücke als besonders erfolgreich, während in der westlichen Kultur Anison innerhalb der weltweit wachsenden Otaku-Szene weit verbreitet sind.

Sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene finden Anison-Festivals statt, darunter das Animelo Summer Live in Japan, das I Love Anisong im Rahmen des Anime Festival Asia, das Anisong World Matsuri in Los Angeles oder das Anisong Festa im Rahmen der Japan Expo in Paris. In Deutschland treten Anison-Künstler bei Anime-Conventions wie der AnimagiC auf.

In Deutschland erscheinen Anison-Stücke bekannter Anime-Fernsehserien und -filme in deutscher Sprache zum Beispiel auf der CD-Kompilation Anime Nation.

Geschichtlicher Hintergrund

1930–1970: Anfänge und erste Einflüsse Jun’ichi Kōuchis Film Namakura Gatana aus dem Jahr 1917 wird als erster animierter Film in Japan betrachtet. Die Stummfilme dieser Zeit wurden bei der Vorführung von Pianisten begleitet. Für die Begleitung mit Sprache gab es Benshi, die gelegentlich auch Lieder zu einem Film live sangen. Die Nutzung von Musik im Film selbst hielt erst im Jahre 1928 Einzug. Das erste Werk, welches Musik nutzte, war Kuroi Nyago von Noburō Ōfuji. Dieser dreiminütige Film zeigt Charaktere, die zu einem vorher aufgenommenen Jazz-Lied tanzen. Retrospektiv wird dies als Prototyp von Anime-Songs betrachtet. Auch Untertitel zum Mitsingen für das Publikum wurden immer wieder ausprobiert, waren unter anderem wegen nicht in jedem Kino gleicher Abspielgeschwindigkeit schwer zu takten. Für den Propagandafilm Momotarō: Umi no Shimpei von 1945 scheint dieses Problem gelöst worden zu sein. In der zentralen Szene soll Publikum das eingeblendete Lied A-I-U-E-O mitsingen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erfuhr die japanische Unterhaltungsbranche in den 1950er und 1960er Jahren ein Revival und eine kulturelle Weiterentwicklung. Im Jahr 1963 wurde die Animeproduktion Astro Boy im japanischen Fernsehen gezeigt, dessen Titellied Theme of Astro in der japanischen Bevölkerung durch die Nutzung als „Abschiedslied“ am Bahnhof Takadanobaba größere Bekanntheit erlangen konnte. Mit zur Popularität des Liedes beigetragen hat zudem die Einbindung des Poeten Shuntarō Tanikawa, der den Liedtext schrieb. Bereits seit dieser Zeit fiel den Liedern für die Vorspanne von Animeserien eine große Bedeutung zu, denn es etablierten sich Vorspanne mit 1,5 Minuten Länge und entsprechend langen Liedern, um möglichst viele Animationen wiederverwenden zu können und den Zuschauern ein rituelles Erlebnis zu bieten.

1970–2000: Popularität während und nach der Bubble Economy In den 1970er Jahren erfuhr Animemusik einen weiteren Popularitätsanstieg infolge des Wirtschaftswachstums in Japan, was zu einer weiteren kulturellen Entwicklung führte. Personen, die exklusiv Lieder für Anime-Produktion einsangen, wurden als „Anison“-Interpreten bekannt. Trotz mangelnder öffentlicher Auftritte dieser Sänger wurden die Titellieder von Animeserien wie Mazinger Z, Space Battleship Yamato oder Candy Candy in der japanischen Bevölkerung populär. Mitte der 1970er Jahre entstand ein Boom von Anime-Soundtrack- und Titellied-Veröffentlichungen, die sich als neuer Merchandising-Zweig der Branche etablierten. Auch Kompilationen von Liedern aus unterschiedlichen Werken wurden nach Themen zusammengestellt und Musik aus älteren Serien erstmals selbstständig veröffentlicht. Etwa zur gleichen Zeit konnten die Synchronsprecher Toshio Furukawa und Tōru Furuya, welche im Anime Mobile Suit Gundam jeweils Sprechrollen hatten, mit dem Gesangskollektiv Slapstick eine große weibliche Anhängerschaft aufbauen. Die Mitglieder des Kollektivs waren frühere Synchronsprecher (jap. Seiyū), welche in der Serie eine Sprechrolle hatten. Ursprünglich nutzten Anime-Titellieder den Namen und die Handlung der Anime-Produktionen. Später änderte sich die Sichtweise in den Liedtexten, die sich nun mit den Gefühlen und Gedanken der in den Werken vorkommenden Charaktere auseinandersetzten, wodurch eine universellere Anziehungskraft und eine Erweiterung des Kontextes über die Handlung des Werkes hinaus erreicht werden konnte.

In der Hochphase der Bubble Economy in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre begannen auch Musiker außerhalb der Anime-Industrie Titellieder für Animes zu produzieren. 1984 erreichte die Single Ai Oboete Imasu ka von Lynn Minmay Platz sieben der heimischen Oricon-Charts. Auch erfuhr der Anime zum Manga Cat’s Eye aufgrund der Mitarbeit der Sängerin Anri als Interpretin der Titelmusik, die zuvor keine Kontakte zur Anime-Industrie hatte, großes Medieninteresse. Auch die Band TM Network, die zuvor nie in einer Anime-Produktion involviert war, erhielt im Jahr 1987 größeres Medienecho für ihr Lied Get Wild, welches im Anime City Hunter zu hören ist. Aufgrund der großen Popularität des Liedes wurde die Band zum Kōhaku Uta Gassen eingeladen, wo sie dieses aufführten. Zu diesem Zeitpunkt wurde es zur Normalität, dass auch etablierte Künstler Anime-Musik und Tie-in-Songs veröffentlichen.

Nach dem Zusammenbruch der Wirtschaftsblase gründeten sich in Japan Musiklabels, die sich exklusiv auf die Produktion von Anime-Musik ausgerichtet haben, wie zum Beispiel Starchild von King Records. Dies geht auch auf dem in Japan bekannten Being Boom (), einem Phänomen benannt nach dem Unternehmen Being Inc. zurück. Dieses konnte einen signifikanten Popularitätsanstieg verzeichnen, nachdem dessen Künstler Zard und Maki Ohguro Lieder veröffentlichten, die von der Öffentlichkeit positiv wahrgenommen wurden. Im Oktober des Jahres 1995 veröffentlichte Sängerin Yōko Takahashi, die zu diesem Zeitpunkt bei Starchild unter Vertrag stand, das Lied Zankoku na Tenshi no These, Titellied zur Animeserie Neon Genesis Evangelion, welches zu den heute bekanntesten Animesongs zählt und in Japan auch außerhalb der Anime-Community einen gewissen Bekanntheitsgrad erreichen konnte. Zu etwa der gleichen Zeit löste der J-Pop den Kayōkyoku als eine der populärsten Musikrichtungen in Japan ab, sodass auch Animesong-Interpreten wie die Sängerin Masami Okui begannen, Elemente der japanischen Popmusik in ihren Werken zu nutzen. Die Synchronsprecherinnen Hekiru Shiina, Mariko Kōda und Megumi Hayashibara starteten zudem Karrieren als Musikerinnen. Andere Synchronsprecher gründeten Gesangskollektive und begannen damit, Anime-Songs aufzuführen, wie etwa die Seiyū Minami Takayama und ihre Gruppe Two-Mix.

2000–2020: Synchronsprecher-Boom mini|200px|Nana Mizuki, hier im Jahr 2018, war in den Jahren 2010 und 2011 die kommerziell erfolgreichste Idol-Synchronsprecherin. In den Anfängen der 2000er Jahre erfuhr die Produktion von Late-Night-Anime einen Aufschwung. Synchronsprecher wie Yui Horie, Yukari Tamura oder Nana Mizuki erhielten Plattenverträge bei King Records und wurden als Idol-Synchronsprecher vermarktet. Mitte der 2000er Jahre kam es zu einem „Seiyū“-Boom. Ungefähr zeitgleich erfuhr auch die Idol-Branche ein massives Wachstum, welche als „Idol-Warring-Periode“ bekannt wurde.

Im Jahr 2005 erreichte das Lied Eternal Blaze von Nana Mizuki, welches in der Vorspannsequenz zur Animeserie Mahō Shōjo Ririkaru Nanoha Ēsu zu hören ist, Platz zwei der heimischen Singlecharts. Im Folgejahr erschien mit Hare Hare Yukai ein Lied, welches von den Synchronsprecherinnen Aya Hirano, Minori Chihara und Yūko Gotō eingesungen wurde. Dieses fungierte als musikalischer Abspann der Anime-Adaption Die Melancholie der Haruhi Suzumiya und sorgte durch einen kurzen Ausschnitt der Videosequenz, in welcher die Charaktere einen Tanz aufführen, für einen rasanten Anstieg der Popularität. In den folgenden Jahren stieg die Anzahl der Synchronsprecher innerhalb der Anime-Industrie und Anime-Musik wurde in der allgemeinen Bevölkerung bekannter. Die Anison-Industrie begann, vermehrt junge Mädchen zu scouten, die in der Lage waren, eine Idol-ähnliche Präsenz zu entwickeln. Beispielhaft hierfür sind unter anderem Aya Hirano, Riisa Naka oder Koharu Kusumi.

Im Jahr 2010 erreichte Ho-kago Tea Time, eine fiktionale Band aus dem K-On!-Franchise, als erste Anime-Charaktere überhaupt simultan Platz eins und zwei der heimischen Oricon-Singlecharts mit der Veröffentlichung zweier ihrer Singles. In der Folgezeit wurden Idol-thematisierende Multimedia-Projekte wie Love Live!, Uta no Prince-sama oder The Idolmaster populär. Am 1. Dezember 2010 publizierte Billboard Japan erstmals die Hot-Animation-Charts, welche ausschließlich Anime- und Videospielmusik listet.

Seit 2020: Bekanntheit außerhalb Japans Bereits ab den 1990er Jahren erschien Musik aus Animes auch außerhalb Japans, zielte dabei jedoch auf den Markt der teils noch kleinen Fanszene. So erschien in den USA 1998 mit The Best of Anime bei Kid Rhino erstmals eine CD mit Anisons, eine Zusammenstellung von Liedern aus 16 der beliebtesten Serien, meist die Vorspanntitel. In den 2000ern wurde der Verkauf von Anisons und anderer Musik zu Animes bereits ein üblicher Teil von Anime-Conventions. Seit den 2020er Jahren erfahren Animesongs auf weltweiter Ebene wachsende Bekanntheit außerhalb der Anime-Anhängerschaft, was unter anderem aufgrund der einfacheren Verfügbarkeit durch Streamingdienste wie Spotify und durch Werbung von Fans und Künstlern in den sozialen Medien begünstigt wurde. Yoasobis Idol, musikalischer Vorspann der Animeserie Oshi no Ko, erreichte zum Beispiel Platz sieben der Billboard Global 200 und als erstes japanischsprachiges Lied Platz eins der Global 200 (excl. US).

Sängerin Ado, die ihre Gesangstimme dem Charakter Uta im Animefilm One Piece Film: Red lieh und mit Uta no Uta: One Piece Film Red das dazugehörige Soundtrack-Album veröffentlichte, erreichte Chartnotierungen in Frankreich, Spanien und der belgischen Region Wallonien.Chartverfolgung: FR – BE (WA) – Sänger Kenshi Yonezu erhielt für sein Lied Kick Back, dem musikalischen Vorspann zum Anime Chainsaw Man, als erster japanischer Populärmusik-Künstler eine Goldene Schallplatte in den Vereinigten Staaten. Das Hip-Hop-Duo Creepy Nuts schafften mit ihrem Lied Bling-Bang-Bang-Born, welches im Vorspann der zweiten Staffel der Animeserie Mashle: Magic and Muscles den Einstieg in die französischen Singlecharts, nachdem ein Ausschnitt der Vorspannsequenz zu einem viralen Hit in den sozialen Medien wurde.

Musikalische Entwicklungen Anime-Musik hatte einen wesentlichen Einfluss auf die Entstehung der Musikrichtungen Denpa Song und Moe Song.

Lokalisierungen von Animemusik In der Vergangenheit wurden neben der Lokalisierung von Anime-Produktionen an sich, auch Übersetzungen der Vor- und Abspannmusik vorgenommen. Ein frühes bekanntes Beispiel ist die Animeserie Astro Boy, welches ein englisches Vorspannlied erhielt, das direkt vom japanischen Original adaptiert wurde.