mini|Das Apres Ski Lokal „Kuhstall“ in Ischgl wird vom gleichen Geschäftsmann betrieben wie das „Kitzloch“ Im Februar und März 2020 kam es im Wintersportort Ischgl in Tirol, Österreich zu einem Super-Spread des COVID19-Virus in der COVID-19-Pandemie. Die Ansteckungen in Ischgl trugen maßgeblich zur schnellen Verbreitung des Virus in Europa bei – mehr als 11.000 Corona-Infektionen waren zu Beginn der Pandemie auf Après-Ski-Partys in Ischgl zurückzuführen. In Österreich hielten sich am 9. April 2020 57 Prozent aller Infizierten zuvor in Ischgl auf; in Norwegen hatten sich fast die Hälfte aller Infizierten in Ischgl angesteckt, in Dänemark etwas mehr als die Hälfte.
Den Tiroler Behörden und der Politik wurde bewusste Manipulation und später Versagen vorgeworfen. Sie hätten Warnungen aus wirtschaftlichem Interesse ignoriert oder gar vorsätzlich verharmlost sowie zu spät den Betrieb von Bars und Seilbahnen eingestellt, so die zentralen Vorwürfe. Politische Konsequenzen blieben aus.
Wirkung Ischgl trug maßgeblich zur Verbreitung der Pandemie in Europa bei. Mehr als 11.000 Corona-Infektionen waren zu Beginn der Pandemie im Winter 2020 nach Recherchen des ORF auf Après-Ski-Partys in Ischgl zurückzuführen. In Österreich waren am 9. April 2020, 57 Prozent aller Infizierten zuvor in Ischgl, in Norwegen war es fast die Hälfte, in Dänemark etwas mehr als die Hälfte. In den Zahlen sind nicht die Menschen eingeschlossen, die sich in ihren Heimatländern durch Ischgl-Rückkehrende infiziert hatten.
Etwa 30 durch Ischgl erkrankte Menschen starben. Rund die Hälfte der Toten hatte sich laut der Österreichischen Verbraucherzentrale in Ischgl direkt infiziert, die andere Hälfte sei durch Rückkehrer angesteckt worden.
Verlauf
Januar 2020 Nach Berichten englischer Tageszeitungen soll sich bereits Mitte Jänner ein Brite in Ischgl angesteckt und so das Virus nach England gebracht haben.Daily Mail, 26. März 2020: Britain’s patient zero? Sussex IT worker, 50, 'caught coronavirus in party bar at Austria’s “Ibiza of the Alps” ski resort that’s accused of covering up infections and started spreading it here in JANUARY.telegraph.co.uk vom 25. März 2020: UK patient zero? East Sussex family may have been infected with coronavirus as early as mid-January
3. März 2020 Am 3. März 2020 informierte eine isländische Reiseleiterin ein Ischgler Hotel, dass es in ihrer Reisegruppe zu zwei Coronafällen gekommen war. In der privaten Nachricht merkte sie an, dass im Flugzeug auch ein weiterer Mann aus Italien gewesen sei, der positiv auf COVID getestet worden sei.
Ebenfalls am 3. Märzstandard.at vom 29. Mai 2020: Tirol wusste schon früher als bisher bekannt von infizierten Isländern übermittelten die Isländer den Tiroler Behörden Namen und Hotels der Betroffenen. Sie meldeten, dass die Infizierten nicht Teil einer Gruppe waren, sondern in fünf verschiedenen Hotels wohnten und keinen Kontakt untereinander hatten.
Ischgl wurde von Island als COVID-Risikogebiet eingestuft und steht damit auf gleicher Stufe wie das zentralchinesische Wuhan, wo es die ersten Corona-Fälle gab.
4. März 2020 Am 4. März stuften isländische Behörden Ischgl als Hochrisikogebiet ein, nachdem Urlaubsheimkehrer aus der Region positiv auf das Coronavirus SARS-CoV-2 getestet worden waren. Islands Chef-Epidemiologe Thorolfur Gudnason schrieb dazu eine Nachricht an die Bundesbehörde in Wien und eine ins Frühwarn- und Reaktionssystem (EWRS) der Europäischen Union zur Meldung von übertragbaren Krankheiten und Epidemien.
5. März 2020 Der Tourismusverband von Ischgl und die Pressestelle der Tiroler Landesregierung stimmten sich dahingehend ab, dass in Pressemeldungen angegeben wird, dass die Isländer sich im Flugzeug und nicht in Ischgl angesteckt hätten. Sachlich lag dafür kein Beweis vor. Franz Katzgraber, der Landessanitätsdirektor Tirols, sagte daraufhin, die Touristen aus Island hätten sich vermutlich im Flugzeug angesteckt.Causa Ischgl: Die abwegige Theorie von der Ansteckung im Flugzeug, profil.at, 25. März 2020, abgerufen am 3. Oktober 2022; A Corona Hotspot in the Alps Spread Virus Across Europe. Spiegel.de, 31. März 2020 (engl. ohne Bezahlschranke)
6. März 2020 Die Tiroler Gesundheitsbehörden forderten die betroffenen Hotels zu Testung des Hotelpersonals auf. Zu diesem Zeitpunkt gab es laut dem Land Tirol keine Verdachtsfälle in oder aus Ischgl.
7. März 2020 Ischgl meldet den ersten offiziellen Corona-Fall. Ein deutscher Servicemitarbeiter der Après-Ski-Bar „Kitzloch“ wurde positiv auf das Virus getestet. Betreiber Peter Zangerl lässt die Bar desinfizieren und das Personal austauschen. Die Bar bleibt geöffnet.
8. März 2020 Am 8. März sagte eine Beamtin der Landessanitätsdirektion: „Eine Übertragung des Coronavirus auf Gäste der Bar ist aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich.“Warum die Après-Ski-Party in Ischgl viel zu lang ging, faz.net, 17. März 2022, abgerufen am 3. Oktober 2022 Gleichzeitig wird bekannt, dass die infizierten Isländer im „Kitzloch“ waren und sich drei weitere Erkrankte in Ischgl aufgehalten hatten.
9. und 10. März 2020 Nach dem Auftreten weiterer positiver Testergebnisse bei 15 Besuchern des Kitzloch schlossen Behörden am 9. März die Bar und am 10. März dann alle Après-Ski-Lokale in Ischgl. Laut einem Polizeibericht ignorierten einige Lokale in Ischgl diese Verordnung und öffneten dennoch. Einer der Lokalbetreiber, die offen hielten, ist der Obmann des Tourismusverbands Ischgl-Paznaun, Alexander von der Thannen.https://presse.tirol.at/app/uploads/2019/12/Alexander-von-der-Thannen-ist-neuer-TVB-Obmann.pdf
Der Tiroler Hotelier, Wirtschaftsbundobmann, Nationalratsabgeordnete und Chef der Tiroler Seilbahnbetreiber Franz Hörl (ÖVP) bat den Betreiber des „Kitzlochs“ Peter Zangerl12. Oktober 2020: [https://www.tirol.gv.at/fileadmin/presse/downloads/Presse/Bericht_der_Unabhaengigen_Expertenkommission.pdf Bericht der unabhängigen Expertenkommission. Management COVID-19-Pandemie] (PDF; 4,4 MB), auf tirol.gv.at in einer privaten SMS am 9. März 2020, die Bar zu schließen, um die Skisaison und den Ruf Tirols nicht zu gefährden. Der Geschäftsmann betreibt auch das Lokal „Kuhstall“ in Ischgl (Bild oben). Von Gefahren für die Urlauber schrieb Hörl nichts.
Eine Quarantäne für Ischgl soll es nicht geben, erklärt die Landesregierung an dem Tag.
12. März 2020 Am 12. März 2020 stritten im Innsbrucker Landhaus Landeschef Günther Platter und Seilbahn-Chef Franz Hörl laut Standard lautstark über das weitere Vorgehen in Tirol. Hörl soll im Sinne der Seilbahnen den Auftrag gehabt haben, die Landesregierung dazu zu bringen, eine weitere Woche Skibetrieb abseits der bereits aufgegebenen Quarantänegebiete zuzulassen. Platter war zu diesem Zeitpunkt das Ausmaß der sich anbahnenden Katastrophe offensichtlich klar und er wollte verhindern, dass es am kommenden Samstag erneut zum Urlauberwechsel kommt. Konkret hätte das 150.000 neue Touristen bedeutet, die sich in Tirol mit dem Virus infizieren hätten könnten. Hörl forderte eine weitere Woche bis 22. März 2020 für alle übrigen Tiroler Regionen den Skibetrieb weiter laufen zu lassen. Dänemark hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine explizite Reisewarnung für Tirol ausgesprochen.
Platter soll die Seilbahner vor die Wahl gestellt haben, sich zu fügen oder ohne sie zu agieren. Hörl gab später an, die Auseinandersetzung sei gesittet verlaufen.
Die Skisaison wird am 12. März 2020 von Platter offiziell vorzeitig beendet. Es dauert jedoch bis einschließlich zum 15. März 2020 bis überall die Skilifte tatsächlich stillstehen. In sozialen Netzwerken kursierten Fotos von Hunderten Skifahrern, die dicht gedrängt auf Sonnenterrassen neben der Piste in den Skigebieten bei Ischgl sitzen.
13. März 2020 mini|Panznauntal und Silvretta Bahn: Im März 2020 führten langwierige Kontrollen der abreisenden Urlauber an einem Checkpoint wenige Kilometer vor dem Talausgang zu chaotischen Staus. Am 13. März 2020, zwei Wochen, nachdem Island die ersten Infizierten entdeckt hatte, wird das Skigebiets Ischgl inklusive Ischgl, das gesamte Paznaun, St. Anton am Arlberg und weitere Orte unter Quarantäne gestellt. Die Quarantäne dauerte bis zum 22. April 2020 und wurde von Bundeskanzler Sebastian Kurz angeordnet. Ausländische Besucher durften das Gebiet verlassen und sollten sich ohne Unterbrechung auf die Heimreise in häusliche Quarantäne begeben.
Zwar mussten die Urlauber einen Passierschein unterschreiben und zusichern, dass sie ohne weiteren Zwischenstopp zügig nach Hause reisen würden. Das war für viele am 13. März 2020 nicht möglich und so reisten hunderte Urlauber unkontrolliert nach ganz Europa aus. Viele mussten sich notgedrungen eine andere Unterkunft suchen oder unterwegs einkehren, da es am selben Tag an Reiseverbindungen fehlte. Einige Betroffene suchten sich selbst Übernachtungsmöglichkeiten und buchten sich in anderen Hotels, etwa in Innsbruck ein, um auf ihre Weiterverbindung zu warten.
Die überhastete Abreise vieler Touristen und langwierige Kontrollen am Checkpoint wenige Kilometer vor dem Talausgang führten zu chaotischen Staus, die die Rückreise zusätzlich hinauszögerten und erschwerte.
21. bis 27. April 2020 In einer Studie der Medizinischen Universität Innsbruck wurde die Bevölkerung Ischgls auf Antikörper gegen das Coronavirus getestet. 80 Prozent der Bevölkerung (1473 Personen, davon 214 Kinder) nahmen an der Untersuchung vom 21. bis 27. April 2020 teil. 42,4 Prozent der Getesteten hatten Antikörper gegen das Virus, die bis dahin weltweit höchste gefundene Quote. In der Altersgruppe unter 18 Jahren waren 27 Prozent positiv. Nur 15 Prozent der positiv auf Antikörper getesteten Personen waren zuvor mit dem PCR-Test positiv getestet worden und gehörten damit zu den offiziell gemeldeten Erkrankten. Die Anzahl tatsächlich Infizierter war damit sechsmal höher (bei der Gruppe unter 18 Jahren zehnmal höher) als die der zuvor mit dem PCR-Test positiv getesteten Personen. Bei den positiv auf Antikörper getesteten Personen gaben die meisten an, als Symptome Störung von Geschmacks- und Geruchssinn und danach Fieber und Husten wahrgenommen zu haben. In der Gruppe unter 18 Jahren verlief die Erkrankung meist ohne Symptome. Nur neun der Studienteilnehmer mussten im Krankenhaus behandelt werden. Trotz der hohen Antikörperpositivität der Ischgler Bevölkerung sei dort keine Herdenimmunität erreicht worden. Entscheidend für den Rückgang der Fälle seien die Quarantäne und die soziale Distanz gewesen. Die Studie diente auch der Beurteilung von Testverfahren für COVID-19. Wie lange Träger von Antikörpern gegen das Coronavirus vor COVID-19 geschützt sind, wurde mit dieser Studie nicht aufgeklärt.Antikörper-Studie: Viele Bürger Ischgls waren infiziert, Ärzteblatt, 25. Juni 2020
Eine zweite Studie der Medizinischen Universität Innsbruck im November 2020 zeigte eine Seroprävalenz von 45,4 Prozent. Die zweite COVID-Welle in Österreich Ende 2020 breitete sich in Ischgl nicht aus.
Auswirkungen auf das Pandemiegeschehen Laut einer Recherche des Spiegel sollen mehr als 11.000 Infektionen auf den Ort zurückzuführen sein. Die Staatsanwaltschaft Innsbruck führte Ermittlungen durch, ob rechtswidrige Handlungen im Urlaubsort zur Ausbreitung der Epidemie geführt haben. Anfang Juni 2021 wurden die Untersuchungsergebnisse an die Oberstaatsanwaltschaft weiter geleitet.