mini|hochkant=1.4|Solartainer AMALI in Toukoto Mali (Nahaufnahme)
Die Africa GreenTec AG ist ein deutsches Sozialunternehmen, das dezentrale Energieversorgungssysteme in Ländern Subsahara-Afrikas entwickelt und betreibt. Über das Vermögen der Gesellschaft wurde am 19. August 2026 wegen Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung das Insolvenzverfahren eröffnet. Mit ihren Landesgesellschaften errichtet und betreibt die Gesellschaft in Dörfern in Subsahara-Afrika, die in der Regel nicht an das öffentliche Stromnetz angeschlossen sind, Inselnetze (Mini-Grids). Die Versorgung mit bezahlbarem, erneuerbarem Strom erfolgt aus containerisierten Solarkraftwerken, sogenannten Solartainern. Die Solarkraftwerke sollen als Ausgangspunkt für die wirtschaftliche Entwicklung vor Ort dienen. Zusätzlich bietet das Unternehmen Dienstleistungen wie Kühlräume, Wasseraufbereitung und Internet an.
Einsatzgebiete sind bisher Dorfgemeinschaften in der Sahelzone in Mali, Niger und Senegal sowie in Madagaskar.
Geschichte mini|links|Torsten Schreiber mit Mentor Muhammad Yunus auf dem Global Social Business Summit in Turin 2022mini|hochkant=1.4|Gründerpaar Aida und Torsten Schreiber in Mali vor einem Solartainer.
Africa GreenTec wurde 2016 vom Ehepaar Aida und Torsten Schreiber gegründet. Die Gründerin stammt aus Mali. Der Gründer stammt aus Deutschland. Mentor des Gründers ist der Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus.
Gründungsidee Das Gründerpaar besuchte 2014 im Heimatland der Gründerin deren Mutter, um die gemeinsame Tochter vorzustellen. Zu dem Zeitpunkt war Torsten Schreiber noch als Mitgründer von bettervest aktiv und wurde vom Energieminister eingeladen, um über Möglichkeiten zur Verbesserung der Stromversorgung in Mali zu sprechen. Beim Treffen mit dem Energieminister erläuterte Torsten Schreiber das Geschäftsmodell von bettervest. Der Vorschlag eines Energiecontractingmodels belustigte den Energieminister. Der Energieminister von Mali lud Torsten Schreiber ein, ein zentrales Dieselkraftwerk in der Hauptstadt Bamako zu besuchen, damit dieser sich ein Bild der Anlagenstruktur machen konnte.
Die Besichtigung des Dieselkraftwerks, in dem 2014 Dieselmotoren aus den 1960er und 1970er Jahren im Einsatz waren und täglich 140.000 Liter Dieselkraftstoff verbrannt wurden, stellte den Schlüsselmoment für die Gründung von Africa GreenTec dar. Africa GreenTec ist eine Kombination aus „Africa“, der Heimat der Gründerin Aida Schreiber, und „GreenTec“ des Gründers Torsten Schreiber, der sich auf Energieeffizienz spezialisiert hatte. Eine Optimierung eines museumsreifen Dieselkraftwerks, um etwas Diesel einzusparen, schied als Option aus. Dies galt insbesondere vor dem Hintergrund der hohen Anzahl von Sonnenstunden, die die Voraussetzung für einen optimalen Einsatzort für Photovoltaikanlagen schuf.
Vorgeschichte bis zur Gründung 2016 Nach dem Besuch in Bamako plante das Gründerpaar zunächst, ein Müllverbrennungskraftwerk zu bauen, um die Dieselgeneratoren zu ersetzen. Um das Projekt mit einem Investitionsvolumen von 40 Mio. € realisieren zu können, bemühte sich Torsten Schreiber um Investoren für das Projekt. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, Kapital für die Realisierung einer nachhaltigen Energieversorgung bei gleichzeitiger sauberer Müllentsorgung in Malis Hauptstadt Bamako zu erreichen, fand in Frankfurt ein Treffen mit Investoren statt. Wiederkehrend argumentierten die Investoren mit der Gefahr einer Verstaatlichung eines großen Kraftwerks. Schreiber entgegnete den Investoren, dass er in diesem Falle das Kraftwerk wieder zerlegen und in ein Nachbarland transportieren werde. Dadurch würde ein mobiles Asset entstehen, welches in einem Krisenland wie Mali dann leichter zu finanzieren wäre. Es entstand die Idee für ein mobiles Solarkraftwerk für Afrika. Mit dem Bau eines Prototyps beauftragte Schreiber anschließend ein Duisburger Unternehmen.
Gemeinsam mit einem Freund der Familie, Charlie Njonmou, der später bei einem Autounfall verstarb, gründete Torsten Schreiber die Mobile Solarkraftwerke Afrika GmbH & Co. KG als Zweckgesellschaft für das Pilotvorhaben. Diese wurde im März 2015 im Handelsregister eingetragen. Im gleichen Monat wurde auf der von Schreiber mitgegründeten Plattform bettervest das erste Crowdinvesting für ein Projekt in Afrika in der Geschichte des deutschen Crowdfundings durchgeführt. Bis dahin wurden ausschließlich Projekte mit Sitz in Deutschland in Crowdinvesting-Kampagnen angeboten. Das Startup konnte das Pilotprojekt mit 107.700 Euro in 90 Stunden via Crowdfunding finanzieren. Der Solartainer, der mit diesem Kapital gebaut wurde, war ein kleinerer Prototyp in einem 20-Fuß-Container. Dieser wurde in Mali im Dorf Mourdiah errichtet.
Nach dem Tod des Mitgründers und Geschäftsführers Charlie Njonmou im Jahr 2018 wurde die Mobile Solarkraftwerke Afrika GmbH & Co. KG nicht fortgeführt.
Unternehmensgründung und erste Finanzierungsrunde Nach der Gründung von Africa GreenTec im Frühjahr 2016 wurde das Unternehmen für den Energy Awards des Handelsblatts nominiert. Das Team bestand damals aus Torsten Schreiber, seiner Frau Aida Schreiber, Charlie Njonmou und Robert Skibicki.
In der Folge der Presseberichterstattung bekam das Startup internationale Aufmerksamkeit und Schreiber konnte erste private Investoren für die Seedfinanzierung gewinnen, zu denen auch der spätere Vorstand Wolfgang Rams und Benjamin Reddmann gehörten.
Mit dem Kapital aus der Seedfinanzierung entwickelte Africa GreenTec für 500.000 Euro den ersten 40 Fuß-Prototypen Amali. Der Solartainer wurde im Januar 2017 fertig.
Dieser Prototyp war später Teil der preisgekrönten ZDF-Dokumentation „Die Solarstrommacher“.
Forschungs- und Entwicklungspartnerschaft mit der Audi AG Im Oktober 2021 gab das Unternehmen eine umfangreiche Entwicklungspartnerschaft mit dem deutschen Automobilkonzern Audi bekannt. Africa GreenTec entwickelt aus gebrauchten Fahrzeugbatterien von Audi stationäre Speicher, die in den Anlagen des Unternehmens zur Stromspeicherung eingesetzt werden. Die Nutzung von Lithium-Ionen-Speichern in „2nd Life“-Anwendungen gilt als eine wichtige Lösung, um den CO2-Fußabdruck von Lithium-Ionen-Speichern zu reduzieren und ist eine große Herausforderung für die Industrie, da durch die Umstellung der Mobilität auf batterieelektrische Fahrzeuge (BEV) Millionen Tonnen von Batterien neu in den Wirtschaftskreislauf kommen.
Neben der Reduzierung des CO2-Fußabdrucks von Lithium-Ionen-Speichern sollen mit diesem Ansatz die Produktionskosten für die Solartainer und für andere Produkte mit integrierten Stromspeichern reduziert und dadurch der Strom oder die übrigen Produkte für die Kunden in Subsahara-Afrika günstiger werden. Wenn die ehemaligen Antriebsbatterien das Ende der Nutzbarkeit als stationäre Speicher erreicht haben, werden diese an Audi zurückgegeben und anschließend einem umfassenden Batterierecycling zugeführt.
Verlagerung der Produktion mini|hochkant=1.4|Torsten Schreiber in einer Produktionshalle in Polen.
Nach der Produktion des ersten Solartainers in Duisburg wurden weitere Solartainer zunächst in Polen und später in der Türkei produziert. Da der Transportweg verkürzt und damit Treibhausgasemissionen gespart werden sollten, wurde 2023 die Produktion nach Dakar im Senegal verlagert. Des Weiteren soll so das Gros der Wertschöpfung nach Afrika verlegt werden.
Geschäftsmodell, Märkte und Unternehmensziele Ziele mini|hochkant=1.4|Solartainer AMALI Serienproduktion. Die Container wurden von der Firma selbst gebaut und besitzen eine eigene CSC-Kennung.
Ziele sind die Verhinderung von Abwanderung durch Verbesserung der Situation der Bevölkerung vor Ort. Ein weiteres Ziel ist die Verdrängung von Dieselgeneratoren und den damit verbundenen Schadstoffemissionen, wie zum Beispiel dem Ausstoß von CO2 und Ruß. Dazu werden auf Stromversorgung aufbauende Dienstleistungen und Produkte, wie Trinkwasseraufbereitung und Kühlsysteme (Kühlcontainer für landwirtschaftliche Produkte) inklusive Smart-Metering, angeboten bzw. implementiert. Die lokale Bevölkerung und Mitarbeiter werden in erneuerbaren Energien und Energieeffizienz geschult. Die Erhöhung der Versorgungssicherheit mit Strom, sauberem Trinkwasser, Kühlsystemen und Internet führt zur Schaffung von Arbeitsplätzen im örtlichen Kleingewerbe; damit steigt das Einkommen der Dorfbewohner.
Die Verflechtung von mehreren, nicht primär auf Profit gerichteten Unternehmenszielen, wie beispielsweise Innovation, Energieeffizienz, Bildung, Fluchtursachenbekämpfung, Umwelt- und Klimaschutz macht die Africa GreenTec AG zu einem Sustainability Entrepreneurship, ein Oberbegriff für die Kombination aus Social Entrepreneurship und Eco-entrepreneurship.Hockerts, K. (2003): Sustainability Innovations. Ecological and Social Entrepreneurship and the Management of Antagonistic Assets. University St. Gallen, Dissertation; Gerlach, A. (2003): Sustainable entrepreneurship and innovation. Conference Proceedings of Corporate Social Responsibility and Environmental Management, Leeds
Africa GreenTec baute als erstes Unternehmen in Mali etliche Minigrids mit mobilen Photovoltaikanlagen auf. Das Unternehmen hat es sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2030 mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von 1 Mrd. Euro in Afrika 3 Millionen Menschen in 1000 Dörfern mit Strom zu versorgen. Die Weltbank hat das Marktvolumen für solche Mini-Grids in einer Studie im Juni 2019 mit 210.000 Mini-Grids ermittelt, die bis 2030 bis zu 500 Mio. Menschen mit Strom versorgen sollen. Für 2021 und 2022 kündigt das Unternehmen die Expansion nach Tschad, Senegal und Madagaskar an.
Ursprüngliches Geschäftsmodell und ursprüngliche Unternehmensziele mini|hochkant=1.4|Frühes Konzept von ganzheitlichem Impact-Hub 2016.
In der Zeit der Unternehmensgründung wurde ein holistischer Ansatz entwickelt, der in weiterentwickelter Form Grundlage des aktuellen Geschäftsmodells ist. Das ursprüngliche Konzept zielte darauf ab, die Geschäftsfelder Energieversorgung, Wasseraufbereitung und Wasserverteilung, Bildung, Telemedizin, Elektromobilität und Ökologische Landwirtschaft zu bedienen.
Anpassung des Geschäftsmodells Nach der Inbetriebnahme der ersten Solartainer wurden die ersten Erfahrungen genutzt, um das Geschäftsmodell anzupassen. Es wurde erkannt, dass der alleinige Verkauf von Strom langfristig nicht kostendeckend sein wird. Es wurden daher weitere Produkte und Dienstleistungen ins Angebot aufgenommen. Der Solartainer ist dabei das zentrale Element zur Stromerzeugung und Stromspeicherung. Ergänzt wurden mittlerweile Wasseraufbereitungsanlagen, Kühlcontainer und weitere Dienstleistungen. Die Gesamtheit der installierten Anlagen und angebotenen Dienstleistungen in einem Dorf wird ImpactSite genannt.
Außerdem arbeitet Africa GreenTec im Jahr 2023 weiter an der Entwicklung und Markteinführung neuer Produkte, um die Wertschöpfungskette des Solarstroms weiter auszubauen. Als sogenannte ImpactProducts stehen Kühlräume, Kühlschränke, Solarpumpen und Straßenbeleuchtung sowie die Versorgung von Kleinunternehmen und Handwerksbetrieben mit Strom zur Verfügung. Bei ihren Solarpumpenprojekten kooperiert Africa GreenTec mit WILO.
Aktuelles Geschäftsmodell mini|hochkant=1.4|Africa GreenTec in einem Dorf.
In den Dörfern, die von Africa GreenTec erstmalig mit Elektrizität versorgt werden sollen, wird zunächst die Bevölkerung auf die anstehende Veränderung und insbesondere die mit Elektrizität verbundenen Gefahren vorbereitet. Da in den Dörfern eine durchschnittliche Analphabetenquote von über 80 Prozent herrscht, werden die Informationen und Sicherheitshinweise mit Darstellern und gedruckten Bildergeschichten vermittelt. Anschließend sind durchschnittlich 30 Prozent der Einwohner des Dorfes bereit, einen Vertrag mit Africa GreenTec abzuschließen. Im nächsten Schritt wird ein Stromnetz im Dorf verlegt, der Aufstellungsort für den Solartainer ausgesucht und vorbereitet.