Die German Jewish Children’s Aid (GJCA), die Deutsch-Jüdische Kinderhilfe, war eine 1934 von mehreren amerikanischen Stiftungen in New York City gegründete Hilfsorganisation zur Unterstützung und Betreuung unbegleiteter oder verwaister jüdischer Kinder, denen nach der Machtergreifung durch die Nazis eine Ausreise aus Europa – vorwiegend aus dem Deutschen Reich – in die USA ermöglicht werden sollte. Die Organisation klärte die Einreiseformalitäten in die USA, übernahm die finanzielle Absicherung der einreisenden Kinder und sorgte für deren weitere Unterbringung und Betreuung. Sie konnte ungefähr 1400 Kinder retten,Martin Dahms: Der Mann, der sein Lachen wiederfand deren Geschichte von der im Jahre 2000 von Iris Posner und Lenore Moskowitz gegründeten One Thousand Children Organization Inc. (OTC) erforscht wurde.YIVO: One Thousand Children (siehe Weblinks) Seitdem hat sich in den USA die Bezeichnung OTC-Kinder für die von der GJCA geretteten Kinder durchgesetzt. OTC hat sich als Organisation 2013 aufgelöst, die durch sie erarbeiteten Materialien wurden dem YIVO Institute for Jewish Research in New York übertragen.
Die Gründung der GJCA In der Folge des Einwanderungsgesetzes von 1924 gehörten die USA zu den Ländern mit den restriktivsten Einwanderungsbestimmungen. Diese wurden auch aufrechterhalten, nachdem ab 1933 immer mehr aus politischen oder rassistischen Gründen verfolgte Deutsche versuchten, in die USA einzureisen. Unter diesen Bedingungen konstituierte sich 1934 das GJCA. Es war eine Organisation, die die Arbeit von vier Stiftungen und Organisationen koordinierte:Soweit keine anderen Quellen benannt werden, folgt die Darstellung der Homepage des Centers for Jewish History zur GJCA-Collection (siehe Quellen) der New York FoundationSiehe dazu den Artikel in der englischsprachigen Wikipedia: :en:New York Foundation dem Baron de Hirsch Fund der B'nai B'rith der Hofmeimer FoundationObwohl dies die Original-Schreibweise des Centers for Jewish History ist, ist nicht auszuschließen, dass es sich hierbei tatsächlich um die Nathan Hofheimer Foundation handelt. Diese hatte mit der New York Foundation auch schon bei der Finanzierung der New Yorker jüdischen Schule für Sozialarbeit zusammengearbeitet. (Jewish Telegraphic Agency: Jewish Social Work Training School Holds Its First Graduation) des American Jewish Committee des Women's Committee of the American Jewish Congress.Zur besseren Information sei der Artikel in der englischsprachigen Wikipedia empfohlen: :en:American Jewish Congress
Das OTC-Projekt nennt als weitere Organisationen, die an der Rettung der Kinder beteiligt waren: das Joint Distribution Committee (Joint) die Hebrew Immigrant Aid Society (HIAS)Siehe den Artikel in der englischsprachigen Wikipedia: :en:HIAS das Œuvre de secours aux enfants (OSE). Nach dem Sturz des französischen Vichy-Regimes wurden durch die Zusammenarbeit zwischen der GJCA und der OSE über 250 Kinder in drei Gruppen nach Amerika gebracht und in Pflegeheimen untergebracht. Posner bezeichnet dies als die größte OTC-Einzelaktion, bei der mit zwei Kindertransporten von jeweils über 100 Personen aus Frankreich herausgebracht werden konnten.Iris Posner: American Rescue Of Children Of The Holocaust
Cecilia Razovsky, die zugleich Direktorin des National Council of Jewish Women (NCJW) war,Zum NCJW siehe den Artikel in der englischsprachigen Wikipedia: :en:National Council of Jewish Women; zu dieser Doppelfunktion: CfJH: Papers of Cecilia Razovsky (Quellen). wurde zur ersten Generalsekretärin („Executive Secretary“) der Organisation gewählt.Mary McCune: Cecilia Razovsky (1891–1968) Für die Vermittlung und Unterbringung der Kinder war die Sozialarbeiterin Lotte Marcuse verantwortlich, eine schon in den frühen 1920er Jahren in die USA ausgewanderte Deutsche.
Lotte Marcuse (* 1886 in Berlin)Die nachfolgenden Ausführungen über Lotte Marcuse stützen sich auf die verstreuten Hinweise bei Christine Hartig in deren Aufsatz Grenzen ziehen durch professionelle Hilfe?. stammte aus einer assimilierten jüdischen Familie der Reichshauptstadt. Zum Wintersemester 1908/09 begann sie an der Berliner Universität ein Studium an der Philosophischen Fakultät. Während des Ersten Weltkriegs arbeitete sie für eine Hilfskommission des Nationalen Frauendienstes und erwarb dadurch einen staatlichen Qualifikationsnachweis als Sozialarbeiterin. Ihr Studium setzte sie nach 1917 nicht weiter fort. Ende 1921, kurz vor ihrem 21. Geburtstag, wanderte Lotte Marcuse in die USA aus, um sich dort durch ein Studium der amerikanischen Methoden der Wohlfahrtspflege für eine Position im Deutschen Reich zu qualifizieren. Marcuse blieb jedoch in den USA und arbeitete Mitte der 1930er Jahre für die neu gegründete Jewish Child Welfare AssociationZu deren Geschichte siehe: Fifty Years of Jewish Philanthropy in Greater Boston 1895–1945, The Combined Jewish Appeal (Publisher), Boston 1945. in Boston, wo sie für die Unterbringung von Kindern in Pflegefamilien verantwortlich war. Diese Funktion übte sie dann auch in der GJCA aus.
Wer neben Razovsky und Marcuse außerdem zum Kernteam der GJCA gehörte, ist nicht bekannt, doch es existierte auch noch ein Beirat,1933-1953 German Jewish Children's Aid dem Joseph Proskauer,Siehe den Artikel in der englischsprachigen Wikipedia: :en:Joseph M. Proskauer Solomon Löwenstein, Max Kohler,Center for Jewish History: Max James Kohler Papers. Da Kohler bereits am 24. Juli 1934 einem Herzinfarkt erlag, kann er nur in der Vorbereitungsphase eine Rolle gespielt haben. Joseph Hyman,Siehe den Artikel in der englischsprachigen Wikipedia: :en:Joseph C. Hyman. Paul Felix WarburgEr gehörte der Familienlinie der Mittelweg-Warburgs in Hamburg an und war in den USA Präsident des American Jewish Joint Distribution Committee (was nur in der englischsprachigen Fassung des Artikels erwähnt wird). Siehe auch: Paul Felix Warburg Dead, Archive of the Jewish Telegraphic Agency, 11. Oktober 1965. und Jacob BillikopfSiehe den Artikel in der englischsprachigen Wikipedia: :en:Jacob Billikopf angehörten.
Bekannte Personen, die sich an den Rettungsaktionen beteiligten, waren laut den OTC-Recherchen: Gilbert und Eleanor KrausDie Krauses waren ein wohlhabendes, philanthropisches jüdisches Ehepaar aus Philadelphia. 1939 erhielten sie 50 noch nicht vergebene Einreisevisa für die USA, mit deren Hilfe sie 50 österreichisch-jüdischen Kindern zur Ausreise verhelfen konnten: 25 Jungen und 25 Mädchen. Diese Kinder wurden zuerst von der B'rith-Sholom-LogeSiehe hierzu den Artikel in der englischsprachigen Wikipedia: :en:B'rith Sholom in Philadelphia aufgenommen. Das USHMM legt auf seiner Webseite allerdings nahe, dass diese Aktivität des Ehepaares Kraus und der B'rith-Sholom-Loge an der GJCA vorbei erfolgte und von dieser sehr kritisch beurteilt wurde, weil möglicherweise die Sicherheit der Kinder nicht zu gewährleisten gewesen sei. Eine amtliche Untersuchung bestätigte diesen Verdacht allerdings nicht.USHMM Holocaust Encyclopedia: The Immigration of Refugee Children to the United States Käte RosenheimKäte Rosenheim arbeitete für die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland und für die Reichsvertretung der Deutschen Juden und war für die Auswanderung jüdischer Kinder verantwortlich. In dieser Funktion reiste sie 1936 in die USA, um sich dort über die Situation der geretteten Kinder zu informieren. 1936 waren durch die Zusammenarbeit zwischen den jüdischen Stellen in Deutschland und der GJCA 161 Jungen und 76 Mädchen in die USA gebracht worden.Gudrun Maierhof: Käte Rosenheim (1892–1979) im JWA Nach dem Pogrom im November 1938 begleitete Rosenheim mehrere Kindertransporte nach England. Martha Sharp und Waitstill Hastings Sharp Obwohl die GJCA ihren Sitz in den USA hatte, verfügte sie aber auch über viele Mitarbeiter in Europa, vor allem in Deutschland, und nach dem Anschluss Österreichs auch dort.
Die Zielgruppe Obwohl sich die Organisation, die das Schicksal der durch die GJCA geretteten Kinder erforschte, in ihrem Namen auf "One Thousand Children" bezog, galt ihr Augenmerk allen ungefähr 1400 jüdischen Kindern, die zwischen 1934 und 1945 von der GJCA aus Nazideutschland und aus den von den Nazis besetzten oder bedrohten europäischen Ländern gerettet werden konnten. Der Name bezieht sich auf die nur etwa tausend Kinder, die anfangs von der OTC-Kinder identifiziert werden konnten. Es ging dabei um „unbegleitete“ (unaccompanied) Kinder, die kamen und gezwungen waren, ihre Eltern in Europa zurückzulassen. Die Eltern dieser Kinder oder wenigstens ein Elternteil waren oder wurden in den meisten Fällen Opfer des NS-Regimes, oft auch sämtliche Familienangehörigen. OTC-Kinder durften nicht älter als 16 Jahre alt sein und wurden in den USA entweder bei Pflegefamilien oder in Pflegeeinrichtungen (umgebaute Waisenhäuser) untergebracht. Von den von der OTC identifizierten 1400 Kindern konnten im Rahmen des Projekts noch 600 ausfindig gemacht werden.
Bis Dezember 1934 lagen bei der von Käte Rosenheim geleiteten Abteilung Kinderauswanderung der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland 785 Bewerbungen vor. Allerdings standen zu dem Zeitpunkt nur 250 vom US-State Department genehmigte Visa zur Verfügung. Hinzu kam, dass weniger amerikanische Familien – laut Gesetz durften das nur solche mit der gleichen Religion wie die der Kinder seinUSHMM Holocaust Encyclopedia: The Immigration of Refugee Children to the United States – als erhofft einen Pflegeplatz anboten.Christine Hartig: Grenzen ziehen durch professionelle Hilfe? Die Gründe hierfür waren vielfältig: Nach US-amerikanischem Recht musste jede Pflegestelle in der Lage sein, jedem Kind ein separates Bett zur Verfügung zu stellen, und es durften sich nicht mehr als zwei Kinder ein Schlafzimmer teilen. Aufgrund der anhaltenden Wirtschaftskrise waren die damit verbundenen Aufwendungen – Posner spricht von ungefähr 500 Dollar jährlich, was es gekostet habe ein gerettetes Kind in einer Pflegestelle zu versorgen – für viele Familien zu hohe Hürden. Öffentliche Appelle um mehr Unterstützung oder Pflegestellen unterblieben aus Angst vor antisemitischen Gegenreaktionen.
So kam es, dass 1934 nur 53 Kinder in die USA einreisen konnten Am 9. November 1934 traf die erste Gruppe von 9 Jungen im Alter von 11 bis 14 Jahren in New York ein. Sie wurden zu Pflegefamilien in und um New York City gebracht. Später wurden OTC-Kinder bei Familien in ganz Amerika untergebracht. Eine zweite Gruppe 3 Mädchen und sechs Jungen kam am 11. November 1934 an. Am 24. November folgte die dritte Gruppe, diesmal mit mehr Mädchen.
Nach Judith Baumel-Schwartz sind die meisten Flüchtlingskinder in Großstädten untergebracht worden, davon rund 27 Prozent im Großraum New York. Jeweils 2 bis 10 Kinder fanden in Albany, Bridgeport, Buffalo, Columbus, Dallas, New Orleans und Omaha ein neues Zuhause, während in Städten wie El Paso, Houston, Manchester, Nashville, Oklahoma City, Providence und Spokane jeweils nur ein Flüchtlingskind Aufnahme fand. Nach anderen Quellen fanden aber alleine in Baltimore 40 Kinder mit Hilfe der lokalen GJCA-Unterstützer eine Bleibe.Jewish Museum of Maryland: Lives Lost, Lives Found: Baltimore’s German Jewish Refugees, 1933–1945 (siehe: Weblinks)
Das OTC-Projekt geht davon aus, dass die Geschichte der OTC-Kinder ähnlich der der Kinder ist, die ab 1938 mit den Kindertransporten nach England gelangten. Ein wesentlicher Unterschied bestand allerdings darin, dass die Kindertransportkinder mit Hilfe jüdischer Organisationen und der britischen Regierung nach England umgesiedelt werden konnten. Im Gegensatz zur US-amerikanischen Regierung hatte die britische Regierung auf die Visumpflicht verzichtet.
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