Die Dizi, auch Diizi, veraltet Maği, Maji, sind eine kleine Ethnie, die in einem abgelegenen Berggebiet in der Region der südlichen Nationen, Nationalitäten und Völker (YeDebub) im Südwesten von Äthiopien lebt und deren Sprache Dizi zu den omotischen Sprachen gehört. Vor der gewaltsamen Einverleibung der Region ins äthiopische Kaiserreich im Jahr 1898 betrug ihre Zahl zwischen 50.000 und 100.000. Durch Zwangsarbeit im amharischen feudalen Ausbeutungssystem (gabbar-System), Sklaverei, Hungersnöte und Krankheiten in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurden die Dizi stark dezimiert und ihre vormalige Gesellschaftsordnung und Kultur ging weitgehend verloren. Ende der 1930er Jahre lebten schätzungsweise noch etwa 10.000 Dizi. Bei der Volkszählung 2007 wurden 36.380 Menschen den Dizi zugerechnet.Davon 4968 Personen in Städten: Population Census Commission, Ethiopia. Addis Abeba, Dezember 2008, S. 84 Der Hauptort der Dizi ist Maji mit rund 3000 Einwohnern (2005).

Die traditionelle Kultur der Ackerbau und in geringerem Umfang Viehzucht betreibenden Dizi enthält Einflüsse aus dem äthiopischen Hochland, die in mythischen Erzählungen mit Einwanderungen aus dem Norden verbunden werden, und von den in der Umgebung lebenden Niloten. mini|Streusiedlung im Dizi-Gebiet

Lebensraum mini|Wolkenverhangene Berge morgens Die Bergregion des am Dreiländereck (Ilemi-Dreieck) zum Südsudan und zu Kenia gelegenen Südwesten Äthiopiens gehört entweder nicht mehr zum äthiopischen Hochland, weil sie durch einschneidende Grabenbrüche von jenem getrennt ist oder zu dessen äußersten südwestlichen Ausläufern. Die in der früheren Provinz Kaffa gelegenen Berge des Dizi-Siedlungsgebietes bilden kein zusammenhängendes Massiv, sondern bestehen aus einer Reihe zerklüfteter Grate und einzelner Schollen, die sich aus den umgebenden Ebenen erheben.

Im Osten wird das Berggebiet durch das Tal des Omo begrenzt, der im Hochland im Norden entspringt, nach Süden fließt und in den kenianischen Turkanasee mündet. Jenseits des Omo siedeln die Dime und östlich von diesen weitere Omotisch sprechende Ethnien wie die Ari, Gofa, Zala, Gamu, Konso und Koore (Koorete, Amarro). Im Norden reicht das Gebiet bis zum Tal des Akobo, an dessen Nordufer die mit den Dizi verwandten Sheko (Čako) leben. Beide Gruppen siedeln in den mittleren und oberen Lagen der Berge, getrennt durch das dünn besiedelte und schwer zu durchquerende Tiefland des Akobo. Der Akobo fließt in nordwestlicher Richtung und speist im Südsudan den Sobat, einen Nebenfluss des Weißen Nil. Im Westen und Südwesten fallen die Berge zunächst in eine Reihe von Hügeln ab, während sie im Süden direkt in die weite Savanne des Südsudan und Nordkenias übergehen.

Das von den Dizi bewohnte Berggebiet misst in Ost-West-Ausdehnung etwa 80 Kilometer und in Nord-Süd-Richtung etwa 50 Kilometer. Die zentralen Berge steigen von 1500 Metern im Gebiet Kolu im Süden über Adi kyaz in der Mitte mit durchschnittlich 1900 Metern Höhe bis zum Siski-Berg im Norden, der etwa 2700 Meter Höhe erreicht. Im Gebiet Maji (Maği) im Nordosten, das am dichtesten besiedelt ist, lebt das gleichnamige größte Häuptlingstum. Der Hauptort Maji befindet sich auf einer Höhe von 2360 Metern. Die Bergkämme verbreitern sich mancherorts zu einer Art Plateau. Weiter nördlich fällt in der Gegend Wor das Gebirge teilweise über Felsklippen mehrere 100 Meter bis in die Ebene ab. Die östliche und westliche Hälfte der Bergregion ist durch einen etwa 2000 Meter hohen und teilweise nur wenige Meter breiten Felskamm verbunden. Im Nordwesten besteht die Landschaft dagegen aus einem sanfthügeligen Plateau von etwa 1600 bis 1700 Metern Höhe, das durch einige tiefe Bachtäler unterbrochen wird. Dieses Gebiet, das früher fünf Häuptlingstümern Raum bot, ist kaum felsig und besitzt sehr fruchtbare Böden, die für den Kaffeeanbau genutzt werden. Die Hauptsiedlungsgebiete der Dizi liegen ansonsten zwischen 1800 und 2400 Meter hoch.Eike Haberland, 1993, S. 25–27

Zu jeder Jahreszeit ist mit teilweise starken Niederschlägen zu rechnen, der auch außerhalb der üblichen Regenzeit fällt. Die Dizi unterscheiden im Jahresverlauf eine regenreiche Zeit von Juni bis September (garu kyel, „Feucht-Zeit“) und eine eher trockene Zeit von September bis Mai (kay kyel, „Sonnen-Zeit“). Für den Anbau von Kaffee in den tieferen Lagen herrschen ideale Bedingungen bei häufigen längeren Nieselregen und Jahresniederschlägen, die nach einer groben Schätzung von 1963 um 1300 Millimeter liegen. Für das gesamte Omo-Gibe-Becken ergeben die Wetterdaten von 1981 bis 2016 ein Jahresmittel von knapp unter 1400 Millimetern Niederschlag.Surafel Mamo Woldegebrael, Belete Berhanu Kidanewold, Assefa M. Melesse: Rainfall and Flood Event Interrelationship – A Case Study of Awash and Omo-Gibe Basins, Ethiopia. In: International Journal of Scientific and Engineering Research, 11(1), Januar 2020, S. 332–343, hier S. 336

Nur wenige Gipfelregionen können der kalten äthiopischen Höhenstufe () über 2300 Meter zugeordnet werden. Die Quellen und Wasserläufe in den gemäßigten Zonen (woina dega) zwischen 1500 und 2300 Metern führen üblicherweise ganzjährig Wasser, während Flüsse (Zuflüsse des Omo oder Akobo) in Höhen um 1200 Meter in der Trockenzeit häufig völlig versiegen. In tieferen Lagen als 1000 Höhenmeter breitet sich die ostafrikanische Dornstrauchsavanne mit Niederschlägen unter 500 Millimeter aus. Mikroklimatische Besonderheiten überlagern die für das äthiopische Hochland eingeführten Höhenstufen und verschieben die Vegetationszonen, außerdem ist die ursprüngliche Vegetation in dichtbesiedelten Gebieten weitgehend verschwunden. Dies betrifft vor allem die einst hohen Wälder, an deren Stelle Erythrina brucei (Gattung Korallenbäume), Euphorbia candelabrum und ansonsten überwiegend niedriger Sekundärbusch getreten sind.Eike Haberland, 1993, S. 30f

Südwest-Äthiopien war bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts nur in wochenlangen Märschen auf beschwerlichen Pfaden zu erreichen, die in der Regenzeit häufig unpassierbar waren oder wegen der Gefahr von Überfällen nicht begangen werden konnten. Als einzige Transportmittel dienten Maultiere. In den 1970er Jahren gab es eine wöchentliche Flugverbindung von Addis Abeba bis zu einer Landepiste in der Savanne, die anderthalb Tagesreisen vom Hauptort Maji entfernt lag.Eike Haberland, 1993, S. 21f Ein durch die Savanne nach Westen in den heutigen Südsudan führender Weg wurde vor 1970 wegen der Gefahr von Überfällen aufgegeben und stattdessen ein schwieriger, aber sicherer Pfad über die Berge begangen.Eike Haberland, 1993, S. 153

Die Dizi und die benachbarten Ethnien, die omotische (früher westkuschitische) Sprachen sprechen, bilden eine eigenständige Sprachfamilie, die nur im Südwesten Äthiopiens vorkommt. Eine Untergruppe der omotischen Sprachen bilden drei Dizoid-Sprachen: neben Dizi die Sprachen Sheko und weiter östlich Nayi (Na'o). Die sprachliche Nähe ist bei der geographischen Entfernung zwischen diesen drei ethnischen Gruppen ungewöhnlich.Eike Haberland, 1993, S. 136 Die Dizi sind im Norden, Osten und Südosten von der großen Gruppe der Oromo umgeben, die mit Oromo eine ostkuschitische Sprache sprechen. Die unmittelbar im Westen (Baale oder Zilmamo), Osten (Me'en oder Mekan) und Süden (Tirma und Tid) angrenzenden Volksgruppen sprechen nilotische Sprachen. Der ältere Name Maji (Maği) für die Dizi ist von ihrem früher größten Häuptlingstum im Gebiet der gleichnamigen Stadt abgeleitet.

Forschungsgeschichte mini|Schematische Sprachenkarte von Südwest-Äthiopien. Dizi-Sheko und Nayi sind dunkelrot. Die übrigen Farbflecken der omotischen Sprachen sind umgeben von nilotischen Sprachen im Westen und Süden sowie von afroasiatischen Sprachen im Norden und Osten. Die wissenschaftliche Erforschung der Dizi, die Mitte des 20. Jahrhunderts begann, war für die zurückliegende Zeit auf gelegentliche Erwähnungen in Reiseberichten seit dem Ende des 19. Jahrhunderts angewiesen. Durch die Entvölkerung des Gebiets in den Jahren nach der Eroberung durch das äthiopische Kaiserreich wurden die sozialen Strukturen zerstört und die alte Kultur verschwand in der Folge. Damit ging auch ein großer Teil der mündlichen Überlieferung verloren, die ansonsten bevorzugt von Würdenträgern erfragt werden kann.

Der früheste Reisebericht stammt vom italienischen Afrikaforscher Vittorio Bottego (1860–1897), der von zwei seiner Begleiter aufgezeichnet wurde (Lamberto Vanutelli und Carlo Citerni: L'Omo; viaggio d'esplorazione nell'Africa Orientale, Mailand 1899). Die Expedition startete von der Küste des Indischen Ozeans in Somalia und hatte die Region Wollega im Hochland zum Ziel. Die wenigen Mitglieder von Bottegos Expedition zogen 1895 bis 1897 durch unbekanntes, auf keiner Karte verzeichnetes Gebiet vom Turkanasee am Omo flussaufwärts durch das Gebiet der Dizi bis zum Abajasee; zu einer Zeit, als sich Äthiopien mit Italien im Krieg befand. Bottego, der bei einem Angriff von Oromo-Kriegern den Tod fand, beschreibt ein dicht besiedeltes Gebiet und nennt die Namen der Häuptlingstümer der Dizi, die er durchquerte.

Der russische Offizier Aleksandr Ksaver’evič Bulatovič (1870–1919) versuchte an der Wende zum 20. Jahrhundert die kolonialen Interessen des Russischen Kaiserreichs gegenüber dem verfeindeten Großbritannien zu vertreten, indem er in den Dienst der äthiopischen Armee trat und unter anderem 1898 an einem Feldzug zur Eroberung des Südwestens teilnahm, der durch die Gebiete Gimirra (in der ehemaligen Provinz Kaffa) und Dizi bis zum Turkanasee führte. Hierüber hielt er im Januar 1899 einen Vortrag vor der Russischen Geographischen Gesellschaft, den diese mit einer Silbermedaille auszeichnete.J. Eugene Clay: Orthodox Missionaries and „Orthodox Heretics“ in Russia, 1886–1917. In: Robert Geraci, Michael Khodarkovsky (Hrsg.): Of Religion and Empire: Missions, Conversion, and Tolerance in Tsarist Russia. Cornell University Press, Ithaca 2001, S. 64, Fn. 88 Nachfolgend wurde der Vortrag veröffentlicht und 1900 erschien er auch in italienischer Übersetzung.In englischer Übersetzung: Richard Seltzer (Übers.), Alexander Bulatovich: Ethiopia Through Russian Eyes: Country in Transition, 1896–1898. Red Sea Press, Trenton 2000 Neben einigen ethnografischen Angaben beinhaltet der Bericht zahlreiche sachliche Fehler und beschönigt die Grausamkeiten bei der Unterwerfung der militärisch unterlegenen Dizi, die keine Feuerwaffen kannten.