mini|hochkant=1.5|Die Pelzniederlage von Heinrich Lomer in Leipzig (1864)
Das ehemalige Pelzhandelszentrum Leipziger Brühl hatte bis zum Zweiten Weltkrieg den Ruf als „Weltstraße der Pelze“. Das in Leipzig um die Straße Brühl gelegene Rauchwaren- und Pelzwaren-Großhandelsviertel, der bis 1933 weltbedeutendste Rauchwaren-Großhandelsplatz, verlor seine Führungsrolle endgültig, als in dem Jahr die Nationalsozialisten die Macht übernahmen. Seine Bedeutung für Gesamtdeutschland ging nach dem Zweiten Weltkrieg zu Ende. Zu DDR-Zeiten war die Pelzindustrie ab Ende der 1970er Jahre im VEB Kombinat Kunstleder und Pelzverarbeitung Leipzig vereinigt. Versuche, den Brühl nach der Wiedervereinigung als Pelzhandelszentrum zu erhalten, schlugen fehl, nach kurzer Zeit gab es dort keine Pelzunternehmen mehr. Der Mittelpunkt des Pelzhandels verblieb weiter ausschließlich in dem nach dem Krieg entstandenen Pelzhandelszentrum um die Frankfurter Niddastraße.
Allgemein Bis nach dem Ende des Mittelalters war der Pelz bei der städtischen Bevölkerung fast ausschließlich als Innenfutter und Verbrämung von Textilkleidung gebräuchlich. Im 19. Jahrhundert tauchten in der Mode immer mehr Kleinteile aus Pelz auf, Muffe, Schals und lose Kragen. Eine eigene Pelzmode und damit eine weitere Umsatzsteigerung entstand, als 1842 – beginnend mit der ersten schwarzen Damen-Sealjacke – in der bürgerlichen Kleidung der Pelz mit dem Haar nach außen getragen wurde. Als nächster Außenpelz folgte der, ebenfalls schwarzgefärbte, Persianer.Eva Nienholdt: Pelzmoden des 20. Jahrhunderts. In: Das Pelzgewerbe. Nr. 5, 1957, Hermelin-Verlag Dr. Paul Schöps, Berlin u. a., S. 213. Durch die Erfindung der Pelznähmaschine gegen Ende des 19. Jahrhunderts konnten Pelze preiswerter und mit aufwändigeren Arbeitstechniken hergestellt werden. Der Maschineneinsatz ermöglichte den Übergang zur Pelzkonfektion.
Es dauerte verhältnismäßig lange, bis der Brühl seine Weltgeltung als Pelzhandelszentrum erlangte. Den Rauchwarenhandel beherrschten im Mittelalter die Hansestädte. Als die Hanse sich auflöste, verschwand für mehr als einhundert Jahre auch der Pelzhandel fast völlig. Nach dem Westfälischen Frieden trat Deutschland wieder lebhafter in den Rauchwarenhandel ein. Als Binnenstadt ohne jeden Wasserweg war Leipzig zwar benachteiligt, jedoch verursachten die längeren Transporte auf dem Landweg für das Pelzwerk mit seinem großen Wert, zu dem verhältnismäßig geringem Gewicht, nicht so entscheidende Kosten. Der Rauchwarenhandel fand anfangs hauptsächlich auf den Leipziger Messen statt; er konzentrierte sich lange besonders auf deutsche, russische und ungarische Erzeugnisse.
Im Jahr 1900 hatte sich der Weltanfall von Fellen gegenüber 1863 verdreifacht, dank eines höheren Aufkommens aus der Pelztierjagd und durch die Nutzung neuer Pelzarten. Finanzstarke Rauchwarenhändler vom Brühl schickten ihre Einkäufer in die Ursprungsländer, vor allem nach Russland, zum Pelzhandel in China, in die USA und nach Südamerika oder gründeten dort Auslandsvertretungen. Eine weitere Erweiterung des Angebots brachte die Anfang des 20. Jahrhunderts beginnende Pelztierzucht.
Pelzviertel „Der Brühl“ mini|„Dekorationen der Firmen Robert Schütz und Fr. Carl Wöbke, Brühl 55, beim Einzug Sr. Majestät König Friedrich August III. in Leipzig“ (1904) mini|Brühl-Hof mit Rauchwarenhändlern
Wann der Name „Brühl“ zum Inbegriff des Leipziger Pelzzentrums wurde, ist noch nicht untersucht worden; doch schon 1530 brachte man den Brühl in Verbindung mit dem Rauchwarenhandel. Fest steht, dass er in den 1920er Jahren längst allgemein gebräuchlich war.Unger, Stadtarchiv Leipzig: Der Leipziger Brühl – Sein Name. In „Brühl“ März/April 1967, VEB Fachbuchverlag Leipzig, S. 9–11. Seine führende Stellung für den Pelzhandel erreichte Leipzig, nachdem der durch den Deutsch-Französischen Krieg (1870–1871) verursachte, gewaltige Rückschlag überwunden worden war. Dem Londoner Rauchwarenmarkt, der sich hauptsächlich auf seine Auktionen beschränkte, erwuchs mit Leipzig eine gewaltige Konkurrenz.
Das Rauchwarenhandelsviertel rund um den Leipziger Brühl gehörte zu den drei Hauptzentren des weltweiten Pelzhandels, zeitweilig stand es an führender Stelle. Vertreter anderer Branchen fand man am Brühl kaum. Leipzig bildete unter den größeren mitteleuropäischen Handelsstädten den Stapelplatz des Welthandels für Pelzfelle. Die beiden anderen Haupt-Welthandelsplätze waren Garlick Hill in London und der Fur District in New York, ein weiterer Schwerpunkt befand sich im Viertel um die Rue d'Hauteville in Paris.Francis Weiss: From Adam to Madam. Aus dem Originalmanuskript Teil 2 (von 2) (ca. 1980/1990er Jahre), im Manuskript S. 220 (englisch).
Die Feuersbrunst von 1498 hatte den Brühl halb zerstört, jene von 1518 ganz. Um diese Zeit entwickelte sich die Messe zum Umschlagplatz für Rauchwaren und der Brühl wurde hierfür zweckbestimmt wieder aufgebaut. Es waren anfangs hauptsächlich auswärtige Kaufleute, die zahlreich nach Leipzig kamen und den Pelzbedarf der hiesigen Kürschner deckten. Sie stammten aus dem Rheinland, aus Süd- und Ostdeutschland oder dem weiter entfernten Danzig. Die Rauchwarenhändler Bachofen aus Köln ließen sich um 1500 in Leipzig nieder; 1511 wird Wigand Bachofen Leipziger Bürger. Fast ein Jahrhundert lang standen sie und ihre Erben im deutschen Rauchwarenhandel an erster Stelle. Aus Danzig kam Axel Daniels, 1527 erhielt er die Bürgerschaft. Alle zunächst Gäste auf den Leipziger Messen, verlegten sie ihre Unternehmen zuletzt nach Leipzig. Bereits im 16. Jahrhundert begann sich der Rauchwarenhandel hier zu zentralisieren und die Stadt wurde zum Mittelpunkt des Pelzhandels. Auf der Hansetagung 1554 in Lübeck klagte der Vertreter Rigas, die Hanse habe den Nowgoroder Pelzhandel an Leipzig verloren. Im 17. Jahrhundert kamen zu den anfangs deutschen Abnehmern ausländische Kunden dazu. Durch seine günstige Lage und seine Messen war Leipzig, neben Breslau, zum Umschlagplatz osteuropäischer und asiatischer Rauchwaren geworden. Im Jahr 1542 regelte der Rat der Stadt das Feilbieten von Pelzen auf der Messe durch einheimische und ausländische Besucher. Neunzehn Jahre später schickte Cramer von Claußbruch als erster Leipziger Kaufmann Beauftragte zum direkten Einkauf von Rauchwaren nach Moskau.
Typisch für viele Handelshäuser waren die Höfe, durch die man bei manchen, ohne zu wenden, mit dem Pferdewagen auf einer Seite hinein und auf der Gegenseite hinaus fahren konnte. Auch dienten sie vor Einführung des elektrischen Lichts dazu, die Ware bei Tageslicht zu begutachten. In den Frontgebäuden gruppierten sich die Verkaufsläden meist zu beiden Seiten eines hallenartigen Torweges. Von den Treppen aus kam man im Obergeschoss „zunächst in einen zunächst halb vorsaal-, halb zimmerartigen Empfangsraum, der Im Vordergebäude gelegen, sich in drei und mehr Fenstern nach dem Hofe wendete“. Neben etlichen Gaststätten gab es eine Vielzahl von Herbergen, in denen die Messegäste in unmittelbarer Nähe der Gewölbe Quartier beziehen und notfalls auch kleinere Warenmengen lagern konnten.
Um 1800 konnte der Brühl noch nicht als „Pelzstraße“ angesehen werden, er war ein Umschlagplatz für die Zeit der Messen. Im Jahr 1783 bestanden acht Rauchwarenhandlungen, 1815, nach der durch Napoleon verhängten Kontinentalsperre, waren es nur noch zwei, die Firmen Mann und Adam. Später kam der unter Napoleon zu Bedeutung erlangte Max Hötte aus Münster dazu.
Die Pelzbranche war, neben den allgemeinen wirtschaftlichen Einflüssen, zusätzlich durch Modewandel und Witterungseinflüsse immer schon von besonderen Konjunkturschwankungen betroffen. Nach 1878 erklärten infolge des russisch-türkischen Krieges von 200 russischen Handelspartnern 160 ihre Zahlungsunfähigkeit. 1913, vor dem Ersten Weltkrieg, gingen infolge von Fehlspekulationen 50 Leipziger Rauchwarenhandlungen in Konkurs. Nach dem Krieg erlebte die Rauchwarenbranche jedoch einen besonderen Aufschwung. Im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts hatte sich die Welternte verdreieinhalbfacht, in den Jahren 1912/1913 verzeichnete der Brühl seinen bis dahin größten Umsatz. Etwa 30 Prozent seines Bedarfs bezog er aus Russland, das waren 81 Prozent des russischen Fellexports. Abnehmerländer der über Leipzig umgeschlagenen Rauchwaren waren vor allem Frankreich mit 78 Mill. Mark, England mit 39 Mill. Mark, Österreich mit 28 Mill. Mark, USA mit 27 Mill. Mark und Russland mit 23 Mill. Mark. 46,5 Prozent des Exports war zugerichtete oder gefärbte Ware.
Einige Zeit erwirtschafteten die in Leipzig ansässigen Unternehmen der Rauchwarenbranche den größten Anteil der Steuereinnahmen Leipzigs, 1913 sollen es etwa 40 Prozent des Steueraufkommens gewesen sein (ohne Reichsabgaben). Mehr als 11.000 Leipziger waren 1930 in der Rauchwarenwirtschaft beschäftigt.Walter Fellmann: Rauchwaren vom Brühl. In: Leipzig, Stadt der Wa(h)ren Wunder. 500 Jahre Reichsmesse Privileg. Volker Rodekamp (Hrsg.), Veröffentlichungen des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig, 1997, S. 37–44, ISBN 3-9805084-2-0. Ein Drittel der Welternte an Rauchwaren wurde über den Brühl umgeschlagen. Im Katalog zur Internationalen Pelzfach Ausstellung IPA in Leipzig von 1930 hieß es: „Spricht man irgendwo in der internationalen Rauchwarenbranche vom „Brühl“, so meint man nicht etwa die altehrwürdige Straße in Leipzig, sondern den Rauchwarenhandel in seiner Gesamtheit. Man spricht von „Brühl-Usancen“, „Brühltendenzen“, vom „Eingreifen des Brühl“ oder von seiner zeitweiligen Zurückhaltung. Kurz, der „Brühl“ ist die Weltmacht in der Rauchwarenbranche seit unvordenklichen Zeiten. Er ist ein Wirtschaftsgebilde von ausgeprägter Eigenart und Geschlossenheit, wie es kaum eine andere Branche der Welt aufzuweisen hat.“Der Brühl. In: IPA Internationale Pelzfach-Ausstellung, Internationale Jagd-Ausstellung Leipzig, Amtlicher Katalog, Leipzig, Mai–September 1930. S. 254–270. Eine wesentliche Bedeutung des Brühl lag in seiner unangefochtenen Stellung als Sortierplatz. Wer in Leipzig ein „Los“ erwarb, eine Partie sortierter Felle, konnte sich auf eine gleichmäßige Qualität verlassen. Hinzu kam die Pelzveredlung der um Leipzig angesiedelten Betriebe, „Leipziger Farben“ und „Leipziger Zurichtung“ hatten Weltruf.
mini|Putten mit Pelzkleinteilen über dem Eingang zum Haus der Pelzhändler Selter & Weinert (erbaut 1909, Foto 2012)