Vincent Namatjira (* 14. Juni 1983 in Alice Springs, Australien) ist ein australischer Maler und Künstler des Stammes der Arrernte. Er ist ein Urenkel des Aquarellkünstlers Albert Namatjira.

2019 gewann Vincent Namatjira den Ramsay Art Prize, der in Australien jährlich an Künstler unter 40 Jahren vergeben wird. Nach mehrmaliger Nominierung gewann Namatjira 2020 als erster Aborigine den renommierten australischen Archibald Prize, der jährlich für herausragende Porträtmalerei vergeben wird. 2025 war Vincent Namatjira erneut unter den Finalisten für den Preis.

2022 gewann Vincent Namatjira als einer von 10 Künstlern den bedeutenden Preis der Sidney Myer Creative Fellowship. Er beinhaltet eine steuerfreie Zuwendung von 160.000 australischen Dollar über den Zeitraum von zwei Jahren für die Gestaltung neuer Werke.

Im Juni 2025 brach Vincent Namatjira zu einer dreimonatigen Recherchereise nach Paris auf. Während seiner Zeit dort untersuchte er, wie Aborigines im historischen Kontext in französischen Sammlungen dargestellt wurden und welche Stereotype sich bis heute erhalten haben. Möglich gemacht wurde diese Recherchereise durch eine Zusammenarbeit des Parramatta Powerhouse (eines neu geplanten Museums, das 2026 eröffnet werden soll) und der Cité Internationale des Arts Paris. Namatjira erklärte: „Being based in Paris for the galang residency will provide an opportunity for me to connect with local artists, curators, and institutions, building relationships across countries and cultures and broadening the reach of my practice on an international scale.“ (deutsch: „Der Galang-Aufenthalt in Paris bietet mir die Möglichkeit, mit lokalen Künstlern, Kuratoren und Institutionen in Kontakt zu treten, länder- und kulturübergreifende Beziehungen aufzubauen und die Reichweite meiner Praxis auf internationaler Ebene zu erweitern.“)

Leben Vincent Namatjira wurde 1983 in Alice Springs geboren und lebte mit seiner Familie in Hermannsburg. Als er sechs Jahre alt war, starb seine Mutter bei einem Autounfall. Seine Schwester und er wurden danach 3000 Kilometer entfernt in Pflegefamilien in Perth untergebracht. Namatjira beschreibt diese Zeit seines Lebens als sehr verstörend: „After my mother’s funeral, they just came and just took me. … Hard life growing up by strangers and strangers all around me. And going to that place I’ve never been before in my life.“ (deutsch: „Nach der Beerdigung meiner Mutter kamen sie einfach und nahmen mich mit. … Ein hartes Leben, aufzuwachsen bei Fremden und Unbekannten um mich herum. Und an diesen Ort zu gehen, an dem ich noch nie in meinem Leben gewesen war.“)

Nachdem er die Schule beendet hatte, zog er wieder zurück in die Gegend seiner Herkunft und erneuerte die Verbindung mit seinem Familienverband. Für Aborigines ist die Verbindung mit dem Land und die Verbindung mit ihren Ahnen ein zentrales Element ihres Gesellschaftsgefüges. Dadurch, dass Vincent lange Jahre bei Pflegefamilien weit entfernt von seinem Stamm hatte leben müssen, hatte er all dies verloren: „When I finished high school I came back to Hermannsburg. I spent time reconnecting with my extended family, I had to relearn my language, I wasn’t sure what to do with myself, where I belonged, who I was.“ (deutsch: „Als ich mit der Schule fertig war, kam ich zurück nach Hermannsburg. Ich verbrachte Zeit damit, mich wieder mit meiner Großfamilie zu verbinden, ich musste meine Sprache neu lernen, ich war nicht sicher, was ich mit mir anfangen sollte, wo ich hingehörte, wer ich war.“) Angeregt durch seine Familie – seine Tante war eine bedeutende Kunsthandwerkerin und auch Vincents Ehefrau und sein Schwiegervater sind künstlerisch tätig – begann Vincent Namatjira 2011 mit dem Malen von traditionellen Dot-Paintings (Punktemalerei). Seit 2013 malt er gegenständlich. Namatjira lebt heute mit seiner Familie in Indulkana, im Verwaltungsgebiet von Anangu Pitjantjatjara Yankunytjatjara in Südaustralien. Er arbeitet in dem Kunstzentrum von Iwantja Arts, das von Mitgliedern der indigenen Gemeinschaft geleitet wird.

Die Wirtschaftszeitung The Australian Financial Review kürte Vincent Namatjira im September 2024 zur Nummer eins der zehn in Australien kulturell einflussreichsten Personen in diesem Jahr, da die Debatte um Gina Rineharts Porträt und ihrer Forderung, es aus einer Ausstellung zu entfernen, zu intensiven Diskussionen über die Freiheit der Kunst führte.

Werke (Auswahl)

Albert’s Story (2014) Wesentlicher Grund für Vincent Namatjiras Hinwendung zur modernen gegenständlichen Malerei war die Erkenntnis, dass er mit dem in Australien sehr berühmten indigenen Maler Albert Namatjira verwandt ist: „I started sketching to see if I could draw. Got out my pencils and started sketching to see if it was in my blood. It’s there alright.“ (deutsch: „Ich begann zu zeichnen, um zu sehen, ob ich überhaupt malen konnte. Ich holte meine Stifte heraus und begann zu skizzieren, um zu sehen, ob es in meinem Blut war. Es ist da, ganz klar.“)

Vincent Namatjiras Urgroßvater Albert Namatjira war der erste Aborigine, der im modernen, westlichen Stil malte. Seine Aquarelle zeigen Landschaftsbilder Australiens, mit denen er Berühmtheit erlangte. 1953 erhielt er von der Queen die Queens Coronation Medal und traf die Königin im Jahr 1954 in Canberra. Obwohl er berühmt war, konnte er kein Haus erwerben, da dies Aborigines verwehrt war. Da er viele Mitglieder seines Familienverbandes finanziell unterstützte, lebte er in ärmlichen Verhältnissen. Erst 1957 wurden ihm als erstem Aborigine die bürgerlichen Rechte zuerkannt. Zu diesen Rechten gehörte auch, dass er Alkohol erwerben durfte, allerdings war es ihm verboten, ihn mit anderen Aborigines zu teilen. 1958 wurde er wegen dieser vermeintlichen Übertretung des Gesetzes angeklagt und verurteilt. Er verbrachte zwei Monate im Gefängnis. Ein Jahr später starb er mit 57 Jahren an einem Herzinfarkt.

Vincent Namatjira gestaltete in einer Serie von 13 Bildern Momente aus dem Leben seines Urgroßvaters. Das Gemälde Albert Namatjira Receiving Coronation Medal by Her Majesty zeigt die Queen, wie sie ihm die Medaille überreicht. Ein anderes Gemälde Albert Namatjira Convicted of Selling Alcohol, Long Finger of the Law zeigt zwei weiße Polizisten, wie sie Albert verhaften und abführen, weil er angeblich Alkohol an Aborigines weitergegeben hatte. Alle Bilder wurden nach der Ausstellung von dem Museum Queensland Art Gallery angekauft und können auch online besichtigt werden. Mit der Bilderreihe um Albert’s Story vergewissert sich Vincent Namatjira seiner persönlichen Familiengeschichte und nimmt damit zugleich engagiert Stellung zu den massiven Ungerechtigkeiten, denen Aborigines ausgesetzt waren und noch immer sind. Bruce McLean, Kurator des Museums erklärt: „Reconnecting with his history, it’s had a massive impact on Vincent and has given his art a real impetus and a real importance and poignancy.“ (deutsch: „Die Beschäftigung mit seiner Geschichte hatte einen massiven Einfluss auf Vincent und hat seiner Kunst einen echten Impetus und eine echte Bedeutung und Eindringlichkeit verliehen.“)

Porträts internationaler Persönlichkeiten (2016) Bekannt wurde Vincent Namatjira vor allem durch seine humorvollen Porträts internationaler Politiker und mächtiger Personen. Oft dienen ihm Fotos als Vorlage für die Bilder. Er arbeitet mit leuchtenden Acrylfarben und übertreibt die Physiognomie seiner zentralen Figuren bis ins Groteske, so dass sie beinah wie Cartoons wirken. Diese Leichtigkeit des Ausdrucks zusammen mit den bunten Farben der Bilder bringt die Betrachter insgeheim zum Schmunzeln über die mächtigen politischen Führer: „This comedic ambiguity has been key to Namatjira’s powerful impact on the Australian art scene.“ (deutsch: „Diese witzige Hintergründigkeit ist der Schlüssel für Namatjiras starken Einfluss auf die australische Kunstszene.“)

Wiederholt hat Vincent Namatjira die Queen Elisabeth und James Cook porträtiert. In dem Gemälde Captain Cook with the Queen and Me (2017) steht Vincent Namatjira zwischen James Cook links und der Queen rechts. Indem er sich in derselben Zeitebene wie die Queen und James Cook darstellt, hebt er die Zeit quasi auf: „Vincent’s pictures often possess a magic-realist quality in which time bends and the dead haunt the living.“ (deutsch: „Vincents Bilder besitzen oft eine magisch-realistische Qualität, in der sich die Zeit biegt und die Toten die Lebenden heimsuchen.“) Malend vergewissert sich Vincent Namatjira der Geschichte nicht nur seines Stammes, sondern des Landes Australien und der Folgen der Kolonialisierung.

2016 fertigte er Gemälde von allen sieben bisherigen Premierministern von Australien, deren Amtszeit er miterlebt hatte. Für die Ausstellung stellte er ein begleitendes Video her, in dem seine Porträts animiert wurden. Ihre Münder klappten auf und zu, und man hörte Original-Äußerungen der Minister zu dem Thema Aborigines: „By including these audio samples, Namatjira also foregrounds his own Aboriginal identity and makes it a central aspect of these caricatures. When read in conjunction with the video, these paintings no longer purport to be faithful representations, but rather a specific view of Australia’s leaders and wealthiest citizens as seen through the eyes of an Aboriginal artist.“ (deutsch: „Durch die Einbeziehung dieser Hörproben stellt Namatjira auch seine eigene Aborigine-Identität in den Vordergrund und macht sie zu einem zentralen Aspekt dieser Karikaturen. Wenn man sie in Verbindung mit dem Video liest, geben diese Bilder nicht mehr vor, getreue Darstellungen zu sein, sondern vielmehr eine spezifische Sicht auf Australiens Führer und wohlhabendste Bürger, gesehen durch die Augen eines Aborigine-Künstlers.“) Namatjira malte auch u. a Donald Trump oder Wladimir Putin. Wiederholt porträtierte er auch Mitglieder des britischen Königshauses, zuletzt in seiner Bildkomposition The Royal Tour (2020).

Legends and The Richest (2018) Für seine Serie über berühmte Aborigines malte Namatjira u. a Porträts von Künstlern wie Archie Roach (Sänger), Eddie Mabo (politischer Aktivist für die Aborigines) und Gordon Benett (Sänger). Vincent Namatjira betont: “I’ll keep using my practice as a platform to make sure there’s a remote Indigenous voice as part of the conversation – that’s really important to me”. (deutsch: „Ich werde meine Arbeit weiterhin als Plattform nutzen, um sicherzustellen, dass aus der Ferne eine indigene Stimme Teil des Gesprächs ist – das ist mir wirklich wichtig.“)