mini|hochkant=1|alt=|Gretchen Whitmer, Gouverneurin von Michigan

Der Plan zur Entführung Gretchen Whitmers, der Gouverneurin von Michigan, wurde 2020 von Mitgliedern der rechtsextremen Miliz Wolverine Watchmen gefasst. Am 8. Oktober 2020 gab das FBI die Verhaftung von 13 Personen bekannt, denen dieses Vorhaben und Pläne zu weiteren terroristischen Anschlägen gegen die Staatsregierung von Michigan zur Last gelegt wurden. Zu den Verhafteten gehören zwei Gründer der paramilitärischen Organisation. Sechs Verhaftete wurden vor einem US-Bundesgericht angeklagt, die anderen sieben vor einem Gericht des Staates Michigan. Eine Woche später wurde eine weitere Person verhaftet und vor einem bundesstaatlichen Gericht angeklagt.

Hintergrund Einschätzungen der Behörden zu rechtsradikalen Milizen Vor den Wahlen in den Vereinigten Staaten 2020 warnten Angehörige der Strafverfolgungsbehörden, Mitglieder des US-Kongresses und Beobachter extremistischer Gruppen vor der wachsenden Bedrohung durch Milizen und rechtsradikale Gruppen. Die Anti-Defamation League nannte Michigan einen der Staaten, in denen die moderne Milizbewegung gegründet wurde und mehrere Milizen kontinuierlich aktiv waren. Jon Lewis, ein Wissenschaftler der George Washington University in Washington D.C., nannte die Gruppe Wolverine Watchmen aber „zu klein, um auf dem Radar zu erscheinen“. Einige Monate zuvor, am 30. April 2020, hatte eine Menge mit bewaffneten Milizangehörigen das Parlament in Lansing gestürmt.Michigan: Corona-Wutbürger stürmten Parlament, im Kurier vom 1. Mai 2020

Die Pläne für die Entführung Gretchen Whitmers wurden von Juni bis September 2020 entwickelt. In der Woche vor der Verhaftung der Verdächtigen gab es mindestens drei andere Verhaftungen von Angehörigen der Boogaloo-Bewegung, einem losen Zusammenschluss rechtsradikaler Milizen, deren Anhänger einen zweiten Amerikanischen Bürgerkrieg planen oder initiieren wollen. Die Wolverine Watchmen betrachteten sich als Teil dieser Bewegung.

Die COVID-19-Pandemie in Michigan und staatliche Schutzmaßnahmen Gouverneurin Whitmer, die Zielperson des Anschlags, schärfte ihr politisches Profil in den vorausgehenden Monaten mit ihren frühen und energischen Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie in Michigan, darunter ein Lockdown, die weitgehend begrüßt wurden. Sie wurde hierfür aber von rechtsradikalen Gruppen angegriffen, und ihre Maßnahmen führten zu Protesten im April und Mai, in deren Verlauf bewaffnete Gruppen auch das Kapitol von Michigan stürmten. Der damalige Präsident Donald Trump unterstützte die Proteste, indem er Whitmer als „diese Frau aus Michigan“ verspottete und am 17. April 2020 tweetete: „LIBERATE MICHIGAN“! Das FBI gab später bekannt, die Planung der Tat habe vor Trumps Tweet begonnen.

Am 2. Oktober 2020 fällte der Oberste Gerichtshof von Michigan zwei Entscheidungen zu den COVID-Maßnahmen: eine 4:3-Entscheidung erklärte ein Gesetz von 1945, das Whitmer die Anordnung der Maßnahmen erlaubte, für nicht verfassungsgemäß, und ein einstimmiges Urteil, dass ein 1976 erlassenes Gesetz Whitmer nicht die Kompetenz zum Erlass der Maßnahmen ohne Zustimmung des Parlaments gebe. Dies brachte Verunsicherung über die Umsetzung der Maßnahmen mit sich und veranlasste das Michigan Department of Health and Human Services und das Michigan Occupational Safety and Health Administration, die Urteile durch Anordnung ähnlicher Maßnahmen zu umgehen, auch nachdem der Entführungsversuch bekanntgemacht worden war.

Die Verdächtigen Die Verdächtigen gehörten zu einer paramilitärischen Organisation, die sich Wolverine Watchmen nannte. Wolverine (Vielfraß) ist seit dem 19. Jahrhundert ein gebräuchlicher Spitzname für die Bewohner Michigans.Michigan Wolverines, Wolverine Foundation, abgerufen am 13. Februar 2021 Die Gruppe wurde von den Verdächtigen Pete Musico und Joseph Morrison gegründet; Musico wird für den „Kommandeur“ der Gruppe gehalten. Eine Recherche von NBC in den sozialen Medien fand Verbindungen zwischen den Ideologien der Verdächtigen und denen der Boogaloo-Bewegung. Die Gruppe warb seit November 2019 über Facebook um Mitglieder, bis Facebook im Juni 2020 alles Material mit Boogaloo-Bezug löschte.

Die von einem Bundesgericht wegen Verschwörung mit dem Ziel der Entführung Angeklagten waren Adam Fox, Ty Garbin, Barry Croft, Kaleb Franks, Daniel Harris und Brandon Caserta. Fünf von ihnen lebten in Michigan, der sechste, Croft, in Delaware. Adam Fox und Barry Croft wurden als Rädelsführer angeklagt. Die Anklagen lauteten auf Verbrechen gegen den Staat, Beschaffung von Material für terroristische Anschläge, Verbrechen mit Feuerwaffen und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung; angeklagt wurden die Gründer der Gruppe, Musico und Morrison, zusammen mit Shawn Fix, Eric Molitor, Michael Null, William Null, und Paul Bellar. Mindestens vier der dreizehn Verdächtigen hatten zuvor an Kundgebungen vor dem Michigan State Capitol teilgenommen. Am 15. Oktober wurde ein vierzehnter Verdächtiger, Brian Higgins aus Wisconsin, von einem Staatsgericht wegen Beschaffung von Material für terroristische Anschläge angeklagt.

Biographische Skizzen und Motive Joseph M. Morrison, 26 Jahre alt, wird für den Anführer der Gruppe gehalten. Nach Angaben von Staatsanwalt Gregory Townsend nutzte er sein Haus in Munith, in dem auch Musico wohnte, als Trainingszentrum. Fotografien des Hauses zeigen eine Kriegsflagge der Südstaaten und eine Variante der Flagge der Vereinigten Staaten mit den Worten „Give me Liberty, or give me Death!“. Morrisons Nachbarn sagten zu Reportern der Zeitschrift The Daily Beast, die Hausbewohner seien „respektlos“ gewesen und an den Wochenenden hätten sich dort regelmäßig große Gruppen versammelt, wobei Gewehrfeuer zu hören war. Sein Online-Pseudonym war „Boogaloo Bunyan“. Morrison diente seit 2015 im U.S. Marine Corps, zuletzt in der 4th Marine Logistics Group in Battle Creek (Michigan) im Rang eines Lance Corporal; er wurde am Tag seiner Verhaftung aus der United States Marine Corps Reserve entlassen, jedoch nicht wegen der ihm zu Last gelegten Verbrechen.

Adam Fox, der vermutete Drahtzieher, wurde 1983 mit dem Namen Adam Waggoner geboren, änderte diesen aber 2014 auf den Mädchennamen seiner Mutter. Er lebte im Keller seines früheren Arbeitgebers, einer Werkstatt in Grand Rapids. Er durfte dort wohnen, weil der Inhaber der Werkstatt Mitleid mit ihm hatte, weil er obdachlos war und Hunde besaß. Der Keller wurde auch für Treffen der Gruppe genutzt. Im Juni postete er ein YouTube-Video, in dem er die COVID-Maßnahmen Whitmers als einen Grund für den Entführungsplan nannte. Seinem Chef zufolge hatte er polizei- und regierungsfeindliche Ansichten, unterstützte die Boogaloo-Bewegung und machte sich Sorgen, die USA könnten ein kommunistisches Land werden und Politiker der Demokraten würden ihm seine Schusswaffen wegnehmen. Fox war zuvor Mitglied einer anderen Miliz, der Michigan Home Guard, wurde aber wegen „Unbeherrschtheit“ und Drohungen gegen andere Mitglieder in sozialen Medien ausgeschlossen.

Ty Garbin wurde 1995 geboren und wuchs in Wyandotte (Michigan) auf, lebte aber bei seiner Verhaftung in einer Wohnwagensiedlung in Livingston County. Sein Vater ist ein Veteran der U.S. Army. Er ist ein ausgebildeter Flugzeugmechaniker und arbeitete zuletzt für die SkyWest Airlines. Er traf Fox auf einer Second Amendment-Kundgebung in Lansing. Garbin wird zur Last gelegt, das Ferienhaus der Gouverneurin ausgekundschaftet zu haben, die Sprengung einer Brücke zum Stoppen der Polizei und die Bemalung eines Bootes für das „Fischen bei Nacht“ als Bestandteil der Entführung auf dem See geplant zu haben. Er war in der Lage, selbst Schusswaffen herzustellen. Sein Anwalt verwies darauf, dass er keine Vorstrafen habe.

Barry Croft postete auf seinen Social-Media-Accounts häufig gewalttätige Inhalte. Der ermittelnde FBI Special Agent Richard Trask bezeichnete Croft als nationaler Anführer der „Three Percenters“, einer US-weiten militanten Miliz. Crofts Accounts zeigten ihn mit einem Dreispitz und einem Sweatshirt der „Three Percenters“. Er unterstützte die Kritik an Vermutungen, die Präsidentschaftswahl 2016 sei russisch beeinflusst gewesen, lehnte die Immigrationspolitik der USA ab und hielt die Ermittlungen gegen Präsident Donald Trump für einen „Aufstand“. Er schloss Trump aber in eine mit Klagen gefüllte Liste von Politikern ein, die er hängen wollte und die er im Juni auf Facebook postete. Bei seiner Verhaftung lebte er in Bear, Delaware. Croft wurde von 1994 bis 1996 wiederholt wegen Körperverletzung und Einbruchs verhaftet. 1997 wurde er wegen Mitführens einer Waffe bei einem Verbrechen verurteilt und verbrachte drei Jahre im Gefängnis. Im April 2019 wurde er vom Gouverneur Delawares, John Carney begnadigt. Er berief sich bei aufgezeichneten Gesprächen der Verschwörer darauf, dass Gott ihm für einen Mord Vergebung zugesichert habe.

Kaleb Franks, 1994 geboren, wird vorgeworfen, 4,000 $ für Geräte zur Ausführung des Verbrechens, darunter ein Helm und Nachtsichtgeräte, bezahlt zu haben. Er brachte auch ein Gewehr mit Schalldämpfer zu den Übungen. Seinem LinkedIn-Profil zufolge studierte er Klinische Psychologie am Washtenaw Community College und arbeitete als Entzugshelfer an einem Suchtbehandlungszentrum in Waterford. Er war zuvor selbst heroinsüchtig, aber laut seinem Anwalt seit 2013 geheilt. 2011 wurde er wegen Besitzes von Kokain und 2013 wegen Hausfriedensbruchs verurteilt. Er verbrachte neun Monate im Gefängnis und zwei Jahre unter Bewährungsaufsicht.

Daniel Harris, 1997 geboren, diente von 2014 bis Juni 2019 als Schütze im U.S. Marine Corps, zuletzt im Marine Corps Base Camp Lejeune in Jacksonville (North Carolina). Er wurde nach Japan versetzt und erreichte den Dienstgrad eines Korporals. Er wurde mit der Humanitarian Service Medal, der Marine Corps Good Conduct Medal und der Global War on Terrorism Service Medal ausgezeichnet. Nach seiner Entlassung arbeitete er als Wachmann bei zwei Firmen. Im Juni nahm er an einer Kundgebung von Black Lives Matter in seiner Heimatstadt Lake Orion teil und wurde von einer Lokalzeitung interviewt, der er sagte, er sei „empört über die Tötung George Floyds und die Gewalt der Polizei“. Die Gruppe traf ihn am 23. August zur Planung der Entführung.

Brandon Caserta, 1988 geboren, trat in einem Hawaiihemd der Boogaloo-Bewegung in einem TikTok-Video auf und lobte auf Facebook Kyle Rittenhouse, einen 17-jährigen Jugendlichen, der bei den Protesten in Kenosha zwei Teilnehmer mit Schüssen tödlich verletzte. Caserta verbreitete Falschinformationen zur COVID-19-Pandemie und unterstützte die Verschwörungstheorie QAnon, kritisierte aber auch Präsident Trump und nannte ihn einen Tyrannen. Er radikalisierte sich nach dem von Gouverneurin Whitmer verhängten Lockdown. Auf seinen Social-Media-Accounts veröffentlichte er zunächst Posts über Comedy und Podcasts sowie Selfies, nach dem Lockdown begann er jedoch, Posts mit Verschwörungstheorien über Bill Gates und Bilder von gefesselten Polizeibeamten zu liken.

Pete Musico, 42 Jahre alt, war auf YouTube aktiv, wo er Videos gegen Steuern, Waffengesetze und den sogenannten „Tiefen Staat“ in den USA postete. In einem 2019 geposteten Video mit dem Titel „Gretchen Whitmer Interview“ kritisierte er deren Politik gegenüber Autobesitzern und kündigte an, sie in einem späteren Video selbst zu interviewen. Musico war auch auf Gab aktiv, wo er die Behauptung publizierte, es gebe eine Kampagne zur Tötung der Weißen in Südafrika. Er folgte den Accounts des Proud-Boys-Mitglieds Joe Biggs und dem InfoWars-Kommentator Owen Shroyer. Auf Twitter drückte er Sympathien für Trump, Verschwörungstheorien über Bill und Hillary Clinton und Thiomersal in Impfungen aus. Sein Anwalt sagt, er sei aus den „Wolverine Watchmen“ wegen zu großer Weichheit ausgeschlossen worden und sei nicht gewaltgeneigt.