mini|hochkant|Münster, Frauenstraße 24 Das Gebäude in der Frauenstraße 24 in Münster war zwischen 1973 und 1981 besetzt und wird nach dem Ankauf durch die LEG NRW seit 1982 vom AStA der Uni Münster an Studierende zum Wohnen vermietet. Die Besetzung gilt als eine der längsten in der Bundesrepublik. Das Haus bietet bis heute als symbolträchtiger Ort alternativer, studentisch geprägter Kultur der 1970er und 1980er Jahre in der mittlerweile privatisierten Kneipe im Erdgeschoss des Gebäudes ein breites Kulturprogramm an. Der KulturVerein Frauenstraße 24 e.V. fördert das Kulturprogramm am Ort sowie Kunst und Bildung.

Vorgeschichte mini|Das Haus Nr. 24 in der Frauenstraße ist nach dem Krieg als einziges noch erhalten. Das Gebäude mit aufwändiger Fassadengestaltung wurde Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet. Es blieb im Zweiten Weltkrieg von Bombentreffern weitgehend verschont und nur in Teilen beschädigt. Der Wiederaufbau und die Sanierung erfolgten 1949/50 mit öffentlichen Mitteln für Wohnungsbauprogramme, weshalb es bis Anfang 1974 der Sozialbindung unterstand.

Anfang 1971 erwarb der münsterische Immobilienwirt Hans Stürmer das Haus von einer Erbengemeinschaft und wollte auf dem Grundstück Eigentumswohnungen neubauen lassen. Die Stadt Münster erteilte ihm zunächst keine Abbruchgenehmigung, und auch den vorzeitigen Ausstieg aus der Sozialbindung konnte der Eigentümer beim Innenminister NRW nicht erwirken.

Nachdem Anfang und Ende des Jahres 1971 Unbekannte einige Wohnungen durch Zerstörung der Sanitär- und Lichtausstattungen unbrauchbar gemacht hatten und der Eigentümer die Wohnungen mutwillig verfallen ließ, suchten die letzten Bewohner um den Künstler Gerd Meyerratken die Öffentlichkeit. Daraufhin zogen weitere, überwiegend junge Menschen ins Haus und stellten in Eigeninitiative die Wohnungen wieder her. Zunächst wurde der Eigentümer von der Stadt noch aufgefordert, die Wohnungen gemäß Wohnungsbindungsgesetz zu vermieten.

Nach intensiven Verhandlungen und juristischen Auseinandersetzungen erteilte der Innenminister am 16. Februar 1973 wegen des mittlerweile schlechter gewordenen Zustands der Immobilie die Abbruchgenehmigung, die das Bauordnungsamt der Stadt Münster wenige Monate später wiederholte. Es folgte eine bis Jahresende 1973 dauernde Korrespondenz zwischen Hauseigentümer und städtischen Bauämtern.Vgl. Schreiben des Oberstadtdirektors Münster an den AStA der WWU v. 13. November 1973, in: Universitätsarchiv Münster, Bestand 144, Nr. 544, vgl. außerdem die Akte des Bauordnungsamts der Stadt Münster: Stadtarchiv Münster, Amt 63, Nr. 658

Anfang der 1970er Jahre fanden in der Bundesrepublik erste Hausbesetzungen in Universitätsstädten wie Frankfurt a. M. oder Hamburg statt, die sich schnell zu Hochburgen der Hausbesetzungen entwickelten.Vgl. Sven Reichardt: Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren. Berlin 2014, S. 502f. Mehrheitlich aus studentischem Umfeld entstammend, ging es den Hausbesetzern um den Stopp von Hausverfall und die Erhaltung günstigen Wohnraums. Orientiert an kapitalismuskritischen oder sozialistischen Lebens- und Wohnkonzepten galt das Wohnen in besetzten Häusern immer auch als alternativer Gegenentwurf zu bürgerlich-geordneten Lebenswelten.Vgl. Thomas Großbölting: 1968 in Westfalen. Akteure, Formen und Nachwirkungen einer Protestbewegung. Münster 2018, S. 130.

Wohnungspolitisch spitzte sich in Münster die Lage Anfang der 1970er Jahre zu, als immer mehr Studierende sich an den Hochschulen in Münster einschrieben. Der AStA der Uni Münster organisierte 1972 eine Informationskampagne und Studierende campierten in Zelten vor dem Schloss als Sitz des Rektors.Vgl. Thomas Großbölting: 1968 in Westfalen. Akteure, Formen und Nachwirkungen einer Protestbewegung. Münster 2018, S. 128. Ende 1972 wurde zunächst das vorm Abriss stehende Haus an der Grevener Straße 31 besetzt.Vgl. Studenten besetzen leerstehendes Haus. In: Westfälische Nachrichten vom 16. November 1972

Geschichte der Besetzung 1973–1981 Das Haus Frauenstraße 24 wurde am 3. Oktober 1973 von über 300 Personen besetzt. Die Besetzung verhinderte die für den Folgetag geplanten Abbrucharbeiten. Vor dem Haus kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Studierenden und einem Abbruchunternehmer, der sich gewaltsam Zugang zum Haus verschaffen wollte, von den Studierenden aber am Betreten des Hauses gehindert wurde.Vgl. Drei Erklärungen zu den Hausbesetzungen. In: Münstersche Zeitung vom 5. Oktober 1973. Im öffentlichen Teil der Sitzung des Rats der Stadt Münster am 29. Oktober 1973 wurden erstmals die studentischen Hausbesetzungen thematisiert und durch die Rechtskommission festgestellt, dass die Vorgehensweise der Verwaltung nicht zu beanstanden sei.Niederschrift über die 49. Öffentliche Sitzung des Rates der Stadt Münster am 29. Oktober 1973, in: Stadtarchiv Münster, Ratsprotokolle

Im Februar 1974 wurde das Haus unter Zwangsverwaltung gestellt, nachdem der Hauseigentümer Konkurs anmeldete. Der AStA der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster trat als neuer Hauptmieter auf. In Eigeninitiative wurde das Haus von Bewohnern renoviert. Auch die Fassade wurde saniert. Aus der Münsteraner Bevölkerung gab es in Form von Baumaterial oder einem Gerüst Unterstützung. Zwei Jahre später wurde das Haus Anfang 1976 in einer Zwangsversteigerung dann dem Dortmunder Immobilienmakler Josef-Hermann Schmalt zugesprochen, während Studierende parallel mit Unterschriftensammlungen und Flugblättern den Erhalt des Hauses forderten.Vgl. „Der Wohnwert ist gleich Null.“ In: Westfälische Nachrichten vom 29. Januar 1976

Mit einem Tag der offenen Tür versuchten die Hausbewohner die Bürgerschaft vom guten Zustand der Wohnungen am 6. Februar 1976 zu überzeugen. Regelmäßige Kulturveranstaltungen wie „Der heiße Freitag“ seit Ende 1976 machen das Haus in der Stadt bekannter.Veranstaltungsplakate zu „Heißen Freitagen“, in: Stadtarchiv Münster, Nachlass des Kulturvereins Frauenstraße 24

Gegen die Ende 1976 erteilte Abbruchgenehmigung sowie einen Räumungsbescheid des Amtsgerichts Münster legten die Besetzer 1977 erfolgreich Widerspruch ein. In der Folgezeit sprachen sich auch Dozenten des Fachbereichs Design und der Rektor der Fachhochschule Münster sowie der Rektor der Universität Münster für den Erhalt des Hauses aus.Vgl. u. a. Schreiben des Rektors der Fachhochschule Münster an den Oberstadtdirektor der Stadt Münster v. 23. Juni 1977, in: Stadtarchiv Münster, Nachlass des Kulturvereins Frauenstraße 24

Parallel meldete der Eigentümer Konkurs an, und das Haus wurde 1977 erneut unter Zwangsverwaltung gestellt. Die Räumungstitel gegen die Hausbewohner wurden unwirksam, und es wurden neue Mietverträge abgeschlossen.

Bei der erneuten Versteigerung des Hauses im März 1978 erwarb der Dortmunder Immobilienmakler Günter Ernst das Haus und setzte sich beim Verfahren gegen den eigens für den Erwerb gegründeten Verein der Hausbewohnergemeinschaft durch.Vgl. Eine Bauherrngemeinschaft ersteigerte Frauenstraße 24. In: Münstersche Zeitung vom 11. März 1978 Er kündigte unmittelbar nach Erwerb die Mietverträge und versuchte den Abbruch des Hauses voranzutreiben. Nur wenige Tage später stellte die SPD-Fraktion im Rat der Stadt Münster einen Antrag, dass die Stadtverwaltung das Haus kaufen soll, um es zu erhalten. Fast zeitgleich teilte die Landeskonservatorin Sabine Schwedhelm der Hausgemeinschaft mit, dass das Haus in einer Stellungnahme zum Flächennutzungsplan als „erhaltenswert“ gelte. Auch in der Folgezeit äußerten sich verschiedene Fachleute zum kunsthistorischen Wert des Hauses.

Am 11. Mai 1979 kam es vermutlich zu einem versuchten Gasanschlag auf das Haus, dessen Urheber nie ermittelt wurden. Unbekannte hatten im Keller des Hauses eine Gasleitung geöffnet und im angrenzenden Kellerraum eine brennende Kerze aufgestellt, als sich etwa 100 Personen im Haus aufhielten. Nur zufällig wurde die brennende Kerze entdeckt.Presseerklärung der Hausgemeinschaft Frauenstraße 24 zum „Gasanschlag am Freitag den 11.5. in der Frauenstr. 24“, in: Stadtarchiv Münster, Nachlass des Kulturvereins Frauenstraße 24

Die Solidarisierungen mit den Hausbesetzern nahmen in der Folge weiter zu. So spendeten Bergleute aus dem Ruhrgebiet ihre Deputatkohle für den Winter.Selbstdarstellung der Geschichte der Hausbesetzung auf der Website des Kulturvereins Frauenstraße 24: http://f24-kultur.de/?page_id=8 Diese Spendenaktion wurde von der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) Münster organisiert, die während der gesamten Besetzung eine wesentliche Rolle bei der Unterstützung der Hausbewohner spielte. Auch für sozialistische Studentenorganisationen wie den Marxistischen Studentenbund Spartakus (MSB Spartakus) und den Sozialistischen Hochschulbund (SHB) war die Solidarität mit den Besetzern der Frauenstraße 24 kontinuierlich ein Schwerpunkt ihrer Aktivitäten.

Auch Aktionen wie ein Bürgerumzug durch die Innenstadt, Unterschriftensammlungen oder Tage der offenen Tür und Solidaritätskonzerte steigerten in dieser Phase die Zustimmung zum Erhalt des Hauses. Öffentlichkeitswirksam verhüllten die Hausbewohner im November 1979 die Fassade mit schwarzer Folie, um so deren Verlust durch den drohenden Abriss zu visualisieren.Vgl. Frauenstraße 24 hinter schwarzer Folie versteckt. In: Westfälische Nachrichten vom 16. Januar 1980

Parallel versuchte der AStA der Uni Münster, den Kanzler der WWU und den Wissenschaftsminister NRW vom Ankauf des Hauses zur Vermietung als Studentenwohnungen zu überzeugen. Am 7. März 1980 berichteten die Westfälischen Nachrichten, dass die Verhandlungen zwischen Wissenschaftsministerium und Hauseigentümer gescheitert seien.Vgl. Frauenstraße 24: Der Preis war zu hoch. In: Westfälische Nachrichten vom 7. März 1980 In der Folge sprach das Amtsgericht Münster fristlose Kündigungen der Mietverträge aus, nachdem der Hauseigentümer erneut geklagt hatte. Es folgten bis Mai 1980 mehrere Räumungsurteile.Heute die ersten fünf Räumungen in der Frauenstraße 24. In: Münstersche Zeitung vom 21. Mai 1980 Parallel versuchten die Hausbewohner, auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Öffentlichkeitswirksam überreichten sie etwa dem Stadtbaudezernenten einen „Goldenen Abrissbagger“ oder nahmen am Umzug zur Zweihundertjahrfeier der Universität Münster teil.Ohne jeden Zwischenfall. In: Westfälische Nachrichten vom 30. April 1980 Solidaritätsbekundungen kamen von verschiedenen Parteien in Münster, Pfarrer oder Kulturschaffende kritisierten die Räumungsurteile. Auch verschiedene Gewerkschaften unterstützten die Anliegen der Hausbesetzer.Vgl. Leserbrief von Bernd Hülsmann, 1. Vorsitzender der GEW Münster. In: Münstersche Zeitung vom 13. Februar 1981. Der SPD-Ortsverein Mitte hielt ab Juni 1980 seine Sitzungen in der Frauenstraße 24 ab.

Wegen mangelnden alternativen Wohnraums stellten die Hausbewohner einen Antrag auf Räumungsschutz, den das Amtsgericht Münster am 20. Mai 1980 bestätigte. mini|Übergabe der 5000 Unterschriften in der Ratssitzung am 4. Februar 1981. OB Pierchalla lässt den Saal räumen.