Die Proliferative Vitreoretinopathie (PVR) ist eine erworbene Augenkrankheit, bei der auf der inneren (epiretinalen) Grenzmembran zwischen Netzhaut und Glaskörper oder zwischen Netzhaut und Aderhaut (subretinal) Membranen gebildet werden. Es handelt sich um eine Form einer Vitreoretinopathie und kann zu Netzhautablösung und Verschlechterung der Sehschärfe führen.G. E. Lang: Proliferative Vitreoretinopathie. In: G. K. Lang, G. E. Lang (Hrsg.): Augenheilkunde. 1. Auflage. 2015. doi:10.1055/b-003-117805, eref Thieme Die PVR kann als narbige Reaktion des Glaskörpers angesehen werden.Pschyrembel online
Die Bezeichnung „Proliferative vitreo retinopathy“ wurde im Jahre 1989 durch die Silicone Study Group vorgeschlagen.John S. Lean, Walter H. Stern u. a.: Classification of Proliferative Vitreoretinopathy Used in the Silicone Study. In: Ophthalmology, 1989, 96, S. 765; doi:10.1016/S0161-6420(89)32821-1.
Veraltete Synonyme sind: Gary W. Abrams: Proliferative Vitreoretinopathy. In: eyewiki
Pathologie Durch Verletzungen der Netzhaut können Zellen des retinalen Pigmentepithels durch das entstandene Netzhautloch in den Glaskörper einwandern und sich dort zu Myofibroblasten umformen. Diese Myofibroblasten proliferieren dann und ziehen die Netzhaut von ihrer Unterlage ab. Lagern sich solche Myofibroblasten (umgeformte Zellen des eingewanderten retinalen Pigmentepithels) auf der Netzhautoberfläche, im Netzhautgewebe oder auch unter der Netzhaut ab so entwickelt sich dann durch dessen Kontraktion eine Netzhautschrumpfung mit Netzhautablösung. Dies weil die Netzhaut dann zu kurz wird um die komplette Wölbung des Augapfels auszukleiden. Diese entstehende Netzhautablösung nennt man PVR-Ablatio.
Häufigkeit und Ursache Als Ursache kommen Veränderungen des Glaskörpers infrage durch:Sehminderung durch eine „PVR“ (Proliferative Vitreoretinopathie). In: Tipps und Tricks für den Augenarzt. Springer, Berlin / Heidelberg 2008, ISBN 978-3-540-48717-3, S. 385–386; doi:10.1007/978-3-540-48718-0_159 Trauma Netzhautablösung Komplikation einer rissbedingten Netzhautablösung gefässbedingte Netzhauterkrankungen z. B. Diabetische Retinopathie oder Zentralvenenverschluss im Auge Frühgeborenen-Retinopathie Operative EingriffeU. Spandau, Z. Tomic, D. Ruiz-Casas (Hrsg.): Retinal Detachment Surgery and Proliferative Vitreoretinopathy. 2018, ISBN 978-3-319-78445-8
Die Häufigkeit dieser Komplikation wird mit etwa 10 % angegeben. Mithilfe der Laser Flare Photometrie können mit einer Sensitivität von 80 % Hochrisikopatienten für eine PVR erkannt werden.F. Schaub, S. Fauser, B. Kirchhof, A. Witte, R. Hörster: LaserFlarePhotometrie zur Identifizierung von Hochrisikopatienten für proliferative Vitreoretinopathie. In: Der Ophthalmologe, 2018, 115, S. 1079; doi:10.1007/s00347-018-0777-y.
Folgende Risikofaktoren sind bekannt:Stefanie Ricarda Günther: Analyse immunhistochemischer Fibrosemarker bei idiopathischer epiretinaler Gliose und proliferativer Vitreoretinopathie. Dissertation München 2019 Präoperativ: längere Verzögerung zwischen Auftreten der Netzhautablösung und operativer Versorgung besonders große Netzhautablösungen Erhöhter Spiegel von Matrixmetalloproteinase (MMP) -2 und MMP-9 und vom Interzelluläres Zelladhäsionsmolekül 1 im Glaskörper junges Alter Vorbestehende Entzündungen wie Uveitis Intraoperativ: unvollständige Vitrektomie Kryotherapie exzessive Laserkoagulation intraoperative Komplikationen wie Hyphaema, subretinale oder choroidale (in die Aderhaut) Blutung
Klinische Erscheinungen Dadurch, dass bei der proliferativen Vitreoretinopathie Membranen auf, unter und um die Netzhaut herum wachsen können, kann es zur rasanten Sehverschlechterung und sogar Erblindung kommen.
Diagnose Die Diagnose ergibt sich durch die augenärztliche Untersuchung.
Differentialdiagnostik Abzugrenzen sind: Proliferative gefässbedingte Retinopathie Netzhautablösung nach offenem Trauma des Augapfels Netzhautablösung nach Fremdkörper im Auge
Einteilung Die Klassifikation des Retina Society Terminology CommitteeThe classification of retinal detachment with proliferative vitreoretinopathy. The Retina Society Terminology Committee. In: Ophthalmology, Februar 1983, Band 90, Nummer 2, S. 121–125; doi:10.1016/s0161-6420(83)34588-7, PMID 6856248. wurde im Jahre 1989 ergänzt mit einer Unterscheidung zwischen hinterer (posteriorer) und vorderer (anteriorer) Form und drei Proliferationsmustern: diffus, fokal und subretinal.R. Machemer, T. M. Aaberg, H. M. Freeman, A. R. Irvine, J. S. Lean, R. M. Michels: An updated classification of retinal detachment with proliferative vitreoretinopathy. In: American journal of ophthalmology, August 1991, Band 112, Nummer 2, S. 159–165; doi:10.1016/s0002-9394(14)76695-4, PMID 1867299.
Allerdings wird im klinischen Alltag nur selten eine Klassifikation verwendet.S. Di Lauro, M. R. Kadhim, D. G. Charteris, J. C. Pastor: Classifications for Proliferative Vitreoretinopathy (PVR): An Analysis of Their Use in Publications over the Last 15 Years. In: Journal of ophthalmology, 2016, Band 2016, S. 7807596; doi:10.1155/2016/7807596, PMID 27429798 (Review), .
Therapie Die Behandlung erfolgt operativ.
Literatur S. Idrees, J. Sridhar, A. E. Kuriyan: Proliferative Vitreoretinopathy: A Review. In: International ophthalmology clinics, 2019, Band 59, Nummer 1, S. 221–240; doi:10.1097/IIO.0000000000000258, PMID 30585928, (Review). F. Morescalchi, S. Duse, E. Gambicorti, M. R. Romano, C. Costagliola, F. Semeraro: Proliferative vitreoretinopathy after eye injuries: an overexpression of growth factors and cytokines leading to a retinal keloid, In: Mediators of inflammation, 2013, S. 269787; doi:10.1155/2013/269787, PMID 24198445, (Review). = Proliferative vitreoretinopathy after eye injuries: an overexpression of growth factors and cytokines leading to a retinal keloid. U. Kellner, J. Wachtlin: Retina. Diagnostik und Therapie der Erkrankungen des hinteren Augenabschnitts. Thieme, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-13-143881-2.
Weblinks Atlas Ophthalmology
Einzelnachweise
Kategorie:Seltene Krankheit Kategorie:Krankheitsbild in der Augenheilkunde