Die heute vier Orgeln des Magdeburger Doms haben eine bis ins 14. Jahrhundert rückverfolgbare Geschichte.

Geschichte Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts mini|Rechte Abbildung: Manualtasten der gotischen Orgel nach Michael Praetorius (1619)

Bereits im Vorgängerbau der jetzigen Kathedrale, dem 1207 abgebrannten, ottonischen Dom, existierte offenbar eine Orgel, da die erste Erwähnung eines Organisten dieser Kirche im Jahr 1179 überliefert ist.Kirchen und Klöster zu Magdeburg, abgerufen am 27. Juli 2022.

Vor der Fertigstellung von Langhaus und zweitem Obergeschoss des Westwerks und der Weihe des jetzigen Doms im Jahr 1363 wurde das Bauwerk schon mindestens seit der Weihe des Hohen Chors im Jahr 1260 gottesdienstlich genutzt. Unklar ist, wann die erste Orgel eingebaut wurde. Ein später hergestellter Zusammenhang mit der Domweihe ist spekulativ, ebenso wie die Zuschreibung an den Halberstädter Orgelbauer Nicolaus Faber, der im dortigen Dom 1361 ein Orgelwerk errichtet hatte.Barry Jordan: Eine Geschichte des Orgelbaus im Dom zu Magdeburg, abgerufen am 9. Juli 2022. Da die Balganlage in der „Turmkammer“ des Magdeburger Doms untergebracht war, ist anzunehmen, dass diese Orgel bereits auf der Westempore stand. Sicher ist das nicht, allerdings spricht eine im Südturm bis zur Westempore hinauf gebaute Treppe dafür. Michael Praetorius überlieferte, dass 24 Keilbälge von zwölf Kalkanten bedient wurden.Michael Praetorius: Syntagma musicum. Bd. 2: De Organographia (1619). Nachdruck: Bärenreiter, Kassel 2001, ISBN 978-3-7618-1527-4, S. 103 (online, abgerufen am 25. Juli 2022). Die 16 Tasten der Manualklaviaturen sollen viereckig und drei Zoll breit gewesen seinMichael Praetorius: Syntagma musicum. Bd. 2: De Organographia (1619). Nachdruck: Bärenreiter, Kassel 2001, ISBN 978-3-7618-1527-4, S. 97 (online, abgerufen am 25. Juli 2022). (die Abbildung im Anhang zeigt jedoch abgerundete Tasten). Entsprechend der Zeit handelte es sich um eine Blockwerkorgel. Anlässlich des Besuchs von Kaiser Karl IV. im Jahr 1377 ist bezeugt, dass die Geistlichen „sungen im tedeum und mit den orgelen“, was auf die Existenz zweier Orgeln hinweist. Spätestens ist aber für 1498, als der Raum unter der Westempore zur „Ernstkapelle“ umgebaut wurde, die Existenz einer Orgel auf dieser Empore belegt. Nachweisbar ist auch eine Chororgel, die 1536 von dem Orgelbauer Michaelis für den Halleschen Dom gebaut worden war und 1541 nach Magdeburg verpfändet wurde. Sie stand auf dem nördlichen Bischofsgang, hatte drei Manualwerke und ein mit zwei Registern besetztes Pedal.Brit Reipsch: Zu Aufgaben und Bedeutung des Organistenamtes am Magdeburger Dom im 18. Jahrhundert. (PDF)

mini|hochkant|Compenius-Orgel von 1605 mini|hochkant|links|Der Goldene Hahn ist das letzte Relikt der einstigen Compenius-Orgel und steht jetzt auf der Westempore. In den Jahren 1604 und 1605 baute Heinrich Compenius der Jüngere eine neue Orgel; das Instrument hatte 42 klingende Register auf drei Manualwerken, die von zwei Manualen aus angespielt werden konnten (vermutlich wurde das Brustwerk vom Oberwerksmanual mit angespielt).Michael Praetorius: Syntagma musicum. Bd. 2: De Organographia (1619). Nachdruck: Bärenreiter, Kassel 2001, ISBN 978-3-7618-1527-4, S. 172–173 (online, abgerufen am 25. Juli 2022). Ihr mit exorbitantem Aufwand gestaltetes Gehäuse verschlang etwa die Hälfte der Baukosten der ganzen Orgel. Der Prospekt war überaus reich verziert und vergoldet. An der Front der 58 Fuß hohen Orgel prangten 30 starre und zwölf bewegliche Figuren. Auf dem höchsten Punkt des Prospektes thronte dazu die vergoldete Nachbildung eines Hahns, die, durch ein Oboenregister imitiert, krähen sowie mit den Flügeln schlagen konnte. Dieser Hahn sollte ursprünglich vermutlich ein Symbol für die der Verleugnung Petrus sein, avancierte jedoch zu einer Figur zur Unterhaltung der Kirchgänger.Gemeindebrief der Domgemeinde für März 2024

I Im Rückpositiff C–c2 Principal 8′ Quintadehn 8′ Octava 4′ Rohrflöite 4′ Schwiegel 4′ Gemshorn 4′ Quinta 3′ Gedact Quinta 3′ Suiflöite 2′ Kleine Gedact 2′ Zimbel II Mixtur III Dulcian von Holz 16′ Trommeten 8′ II Im OberWerk C–c2 Principal grosser Untersatz (ab F) 24′ Principal 16′ Principal Bass 16′ Quintadehn Untersatz 16′ Große Octava 8′ Grob Gedact 8′ Grosse Quinta 6′ Klein Octava 4′ Klein Gedact 4′ Nachthorn 4′ Klein Quint 3′ Nasatt 1′ oder 3′ Zimbel III Mixtur XII–XV II In der Brust C–c2 Flachflöite 4′ Principal 2′ Zimbel II Mixtur VI Grob Messing Regal 8′ Messing Regal Singend 4′ Zum Pedal auff beyden Seitten g–d1(?) Principal Bass 16′ Quintadehn Untersatz 16′ Große Octava 8′ Nachthorn Bass 4′ Bauerflöit Bass 1′ Zimbel Bass III Posaun Bass 16′ Klein Posaun Bass 8′ Schalmey oder Cornet 4′ Singend Cornet von Messing 2′ hinderm Wercke stehet auff einer sonderlichen Lade Gedackter Unterbass 16′ Groß Gemshorn Bass 8′ Neben- und Effektregister: 2 Tremulanten, Vogelgesang, Trommel

Dieses Instrument blieb im Dreißigjährigen Krieg, als die Truppen des Feldherrn Tilly 1631 nahezu die ganze Stadt verwüsteten, verschont, jedoch stahlen Militärangehörige ein Jahr später Metallpfeifen. Johann Decker (Quedlinburg) reparierte die Compenius-Orgel 1666 und 1686. Domorganist Jacob Hasse war mit der Arbeit dieses Orgelbauers jedoch sehr unzufrieden und ersuchte Arp Schnitger, der gegen Ende des 17. Jahrhunderts mehrere Orgeln in Magdeburger Kirchen errichtete, um einen größeren Umbau. Das Domkapitel lehnte Schnitgers 1699 eingereichten Kostenvoranschlag ab. Erst 1768 schloss das Domkapitel einen Vertrag mit Christoph Treutmann jun.; dieser nahm dann von 1769 bis 1772 einen Umbau vor. 1786 hatte die Orgel 41 Register auf Brustwerk, Hauptmanual, Rückpositiv und Pedal.

Die mit der Zeit verfallene Michaelis-Chororgel wurde 1715 von Hasses Nachfolger, Georg Tegetmeyer, bei seinem Amtsantritt wieder in Ordnung gebracht und 1767 für 150 Taler nach Burg verkauft. Weiterhin existierte ein baulich mit der Chororgel vereintes, aber abweichend von ihr gestimmtes und somit nicht gemeinsam spielbares Positiv mit 6 Registern und einem Tremulanten, das 1619 „zu Cassel von Georg Weißlanden, aus Amberg bürtig“ gebaut und 1768 in unbrauchbarem Zustand abgebrochen wurde. Das Domkapitel kaufte deshalb 1767 ein zehnregistriges Instrument aus dem Privatbesitz des Magdeburger Kaufmanns Charton. Diese Orgel war in den folgenden Jahrzehnten immer wieder Vandalismus durch Chorknaben, die sogar die Bälge zerschnitten, ausgesetzt, bis die Empore 1794 abgeschlossen und den Chorsängern ein anderer Platz zugewiesen wurde. Bis weit in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts hinein war ein Wechsel zwischen den Orgeln während der Messen üblich: Präludienspiel und Gemeindegesangsbegleitung erfolgten auf der Hauptorgel auf der Westempore, für Figuralmusik wechselte der Organist an die Kleinorgel.

19. Jahrhundert Nachdem Napoleons Truppen 1806 bis 1814 den Dom zweckentfremdet hatten, dürfte die umgebaute Compenius-Orgel in einem schlechten Zustand gewesen sein.Disposition: Die Orgel von Heinrich Compenius / Christoph Treutmann im Zustand von 1786. In: magdeburgerdommusik.de. Johann David Hamann aus Groß Ottersleben baute 1807 eine neue Chororgel, die 15 Register auf zwei Manualen und Pedal enthielt. Sie hatte drei 16′-Register und keine Mixturen (höchste Fußlage 2′). Der Chorraum war von der missbräuchlichen Nutzung des Doms durch Napoleons Truppen ausgenommen; er stand der Gemeinde derweilen weiter zur Verfügung. Im Zuge der Säkularisierung übernahm der preußische Staat den Dom 1814.

Friedrich Wilhelm III. besichtigte die heruntergekommene Kirche 1825 und stieß mit einer Spende eine grundhafte Instandsetzung an. Während der von 1826 bis 1834 andauernden Restaurierung wurde die Orgel auf der Westempore erneut umgebaut, diesmal durch Theodor Hamann, Sohn von Johann David Hamann. Das Rückpositiv fiel dem erhöhten Platzbedarf für Sänger auf der Empore zum Opfer. Der Compenius-Prospekt wurde 1830 im Turm eingelagert und durch einen neuen des Tischlermeisters Schumann mit einigen 32′-Pfeifen in der Mitte und neugotischen Elementen ersetzt. Die erst 1807 erbaute Chororgel wurde im Zuge der großen Kirchenrenovierung entfernt und ihr Pfeifenwerk möglicherweise in der Hauptorgel eingebaut.

Als der Komponist und Organist August Gottfried Ritter die Domorganistenstelle 1847 übernahm, blühte die Orgelmusik dort auf. Hier wurde er auch zum „Königlich-Preussischen Orgelrevisor“ des königlichen Regierungsbezirkes Magdeburg ernannt.Ritter-Album für die Orgel Festgabe zum 50jährigen Amtsjubiläum von August Gottfried Ritter (1811-1885) Heft 2, herausgegeben von Anne Marlene Gurgel Auf seine Initiative hin errichtete der Orgelbauer Adolf Reubke (Hausneindorf, Harz) von 1856 bis 1861 eine von Ritter disponierte, neue Orgel mit 81 Registern auf vier Manualen und Pedal. Dabei verwendete er eine Anzahl Register aus der Vorgängerorgel. Der Prospekt von Schumann wurde im neogotischen Stil umgestaltet und angestrichen. 1865 wurde die Orgel um ein Solowerk, das nicht von einer eigenen, fünften Klaviatur, sondern vom vorhandenen III. Manual aus anspielbar war, um sechs Register erweitert.Disposition der Reubke-Orgel In: magdeburgerdommusik.de, abgerufen am 25. Juli 2022. Das Instrument hatte Schleifladen und mechanische Trakturen mit Barkerhebeln. Die Größe der Laden bedingte eine enorme Tiefenausdehnung des Orgelwerks und die Anordnung des Spieltischs in der Orgel hinter dem 32′-Pfeifenturm des Prospekts. Die Orgel hatte 5256 Pfeifen, davon 55 stumme im Prospekt, und zehn Bälge. Normalerweise reichten zwei Kalkanten aus, bei längerem vollem Spiel wurde ein dritter gebraucht. Der Klang des Instruments soll sehr gut gewesen sein, andererseits gab es immer wieder Probleme mit der Traktur der größten Orgel Preußens,Klaus-Peter Koch: Kirchenmusik in Magdeburg. Die Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg (PDF; 0,1 MB), auf core.ac.uk die zwei Pedale besaß. Der Chronist Rudolph Palme berichtete: „Man saß an der Orgel wie auf einem störrischen Pferd und war glücklich, ohne Unfall davon zu kommen.“ Laut seinem Bericht war ihr Klangvolumen aufgrund eng gewählter Mensuren auch unzureichend. Laut einer anderen Quelle (von 1863) füllte die Orgel den Raum hingegen genügend aus.

Aus einem Stück Holz der alten Orgel sowie aus einem Teil eines Balkens des abgerissenen Hauses von Otto von Guericke schuf der Pfarrer der Petrikirche Hildebrand eine Geige.Gustav Wolff, Leben in den Vitrinen in Magdeburger General-Anzeiger Heimatkalender 1939, Seite 57

I Manual C–f3 Principal 16′ Bordun 16′ Principal 8′ Doppelflöte 8′ Gemshorn 8′ Schweizerflöte 8′ Quinte ′ Octave 4′ Hohlflöte 4′ Quinte ′ Octave 2′ Cornett II–IV Mixtur VI Scharff IV Trompete 16′ Trompete 8′ II Manual C–f3 Hohlflöte 16′ Principal 8′ Hohlflöte 8′ Rohrflöte 8′ Gambe 8′ Fugara 8′ Octave 4′ Waldflöte 4′ Octave 2′ Sesquialter II Mixtur V Cymbel III Chalmey 8′ III Manual C–f3 Bordun 16′ Principal 8′ Bordun 8′ Spitzflöte 8′ Quintatön 8′ Gambe 8′ Viola 8′ Octave 4′ Spitzflöte 4′ Nachthorn 4′ Quinte ′ Octave 2′ Mixtur V Dulcian 16′ III Solowerk C–f3 Gedackt 8′ Viola 8′ Vox coelestis 8′ Flöte 4′ Quinte ′ Mixtur IV IV Manual C–f3 Geigenprinc. 16′ Gedackt 16′ Gedackt 8′ Flauto trav. 8′ Salicional 8′ Harmonica 8′ Octave 4′ Flöte 4′ Salicional 4′ Nassat ′ Flageolett 2′ Mixtur IV Oboe 8′ Pedal I C–f1 Untersatz 32′ Violon 32′ Principal 16′ Offenbass 16′ Violon 16′ Quinte ′ Octavbass 8′ Offenbass 8′ Violoncello 8′ Quinte ′ Octave 4′ Weitpfeife 2′ Cornett IV Mixtur IV Posaune 32′ Posaune 16′ Trompete 8′ Clarino 4′ Pedal II C–f1 Subbass 16′ Gedackt 8′ Traverse 8′ Quinte ′ Hohlflöte 4′ Stillflöte 2′ Fagott 16′

mini|Große Röver-Orgel ca. 1905

20. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg