mini|Schlosskirche von Norden Die Barockkirche von Burg Greifenstein in der Gemeinde Greifenstein im Lahn-Dill-Kreis (Hessen) ist eine der wenigen erhaltenen Doppelkirchen in Deutschland. Die spätgotische Katharinenkapelle entstand in den Jahren 1448–1476 als Teil der wehrhaften Anlage. Über ihr wurde 1683–1691 eine barocke Saalkirche errichtet, die im Inneren mit reichem Stuckwerk verziert ist. Die Kirche ist aufgrund ihrer geschichtlichen und künstlerischen Bedeutung hessisches Kulturdenkmal.

Geschichte mini|Katharinenkapelle (rechts) mit „Alter Wachtt“ – Auszug aus der Topographia Hassiae von Matthäus Merian, 1655 Die Burg kam 1432 an Solms-Braunfels. Bis dahin diente eine kleine Burgkapelle im Bereich der Kernburg als gottesdienstlicher Ort.Evangelische Kirchengemeinde Greifenstein (Hrsg.): Auf Fels gebaut … 300 Jahre Schloßkirche Greifenstein. 2002, S. 24–25. Die spätgotische Katharinenkapelle wurde in den Jahren 1448–1476 errichtet, als der äußere Bering 1447–1480 unter Bernhard II. und Otto II. von Solms-Braunfels ausgebaut wurde. Die Wehrkirche war Teil der Befestigungsanlage. Die Schießscharten dienten zur BelichtungArnscheidt: Schießscharten als Fenster. 1998, S. 1. und der Dachboden als Rüstkammer und Zeughaus. Der Zugang war nur durch einen unterirdischen Gang möglich. Nach dem Bau der Kapelle 1448 und der Aufstockung des angrenzenden Wehrturms, der dadurch zum Kirchen- und Glockenturm wurde, wurde 1466–1470 ein Wohnhaus an die Nordwand angebaut, in dem die St. Georgsbruderschaft eine Bleibe fand. Die Kapelle diente zunächst nur den Bewohnern der Burg, bis sie 1476 durch die erhebliche Erweiterung der Greifensteiner Gemeinde Raum bot.Evangelische Kirchengemeinde Greifenstein (Hrsg.): Auf Fels gebaut … 300 Jahre Schloßkirche Greifenstein. 2002, S. 25–26. In kirchlicher Hinsicht gehörte Greifenstein im Mittelalter im Kirchspiel Dillheim und seit etwa 1360 zum Kirchspiel Ulm im Archipresbyterat Wetzlar im Archidiakonat von St. Lubentius Dietkirchen im Bistum Trier.Gerhard Kleinfeldt, Hans Weirich: Die mittelalterliche Kirchenorganisation im oberhessisch-nassauischen Raum (= Schriften des Instituts für geschichtliche Landeskunde von Hessen und Nassau 16). N. G. Elwert, Marburg 1937, ND 1984, S. 195.

Mit Einführung der Reformation wechselte die Kirchengemeinde in der Mitte des 16. Jahrhunderts zum evangelischen Bekenntnis. Sie erfolgte vermutlich unter dem Ulmer Pfarrer Johannes Scholer ab 1549, da Greifenstein bis 1602 ein Filial von Ulm war. Als erster eigener evangelischer Pfarrer wirkte Johann Mohr von 1602 bis 1608.

Im Jahr 1603 wurden unter Graf Wilhelm I. von Solms-Greifenstein die Kasematten errichtet, die vom weiter nördlich an der Ostflanke gelegenen Bollwerk Rossmühle einen 35 Meter langen überwölbten Zugang zur Kapelle einbezogen.Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. 2008, S. 340. 1618 wurde im Turm der Kapelle eine Gruft angelegt und über ihr ein Grafenstuhl eingebaut. Edingen, das bisher dem Dillheimer Kirchspiel inkorporiert war, verband Wilhelm mit Greifenstein zu einer reformierten Pfarrei. Seit 1655 hängt das Dreiergeläut im Bruderturm der Burg.Läufer (Bearb.): Gemeindebuch der Kreissynoden Braunfels und Wetzlar. 1953, S. 39. Wilhelm Moritz Graf zu Solms-Greifenstein ließ die Burg im Stil des Barock ausbauen und setzte 1683–1691 auf die Kapelle einen Saalbau, der innen mit Stuckarbeiten verziert wurde.Kiesow: Romanik in Hessen. 1984, S. 38. Der alte Kirchturm wurde 1688 um ein Obergeschoss in Fachwerkweise aufgestockt. Nach Aufschüttung des Kirchplatzes um 4 Meter war die Schlosskirche über die „Schütte“ ebenerdig zugänglich. Die Einweihung erfolgte am 30. April 1702 mit der Feier des Abendmahls, einer Konfirmation, einer Taufe und einer Trauung, nachdem die Kirche bereits einige Jahre in Gebrauch war. Die Katharinenkapelle wurde dadurch zur Unterkirche.

Mit Aussterben der Linie Solms-Braunfels im Jahr 1693 und Verlegung der Residenz nach Schloss Braunfels erhielt die Greifensteiner Kirchengemeinde die Schlosskirche von Graf Wilhelm Moritz geschenkt, vollendete ihren Ausbau mithilfe von Kollekten aus Holland und der Schweiz und nutzt sie seitdem als Ortskirche. Durch einen Blitzschlag zu Beginn des 19. Jahrhunderts verbrannte das Obergeschoss des Turms und wurde abgetragen. Seit dieser Zeit werden Turm und Kirche unter einem gemeinsamen Dach zusammengefasst.Hinze, Reese: Greijffenstein. Die Burg und ihre Kirche. S. 12. Im Jahr 1820 wurde die Schlosskirche wegen Baufälligkeit geschlossen, bis 1829/1830 eine Sanierung durchgeführt wurde. Während dieser zehn Jahre fand der Gottesdienst in der Friedhofskapelle statt, die zeitgleich mit der Kirche gebaut worden war und 1830 abgerissen wurde.Evangelische Kirchengemeinde Greifenstein (Hrsg.): Auf Fels gebaut … 300 Jahre Schloßkirche Greifenstein. 2002, S. 21, 23. 1885 folgte eine Renovierung im Stil des Historismus und in den 1950er Jahren weitere Renovierungsmaßnahmen. Die farbige Übermalung der Stuckdecke von 1958 wurde durch Kirchenmaler Faulstich 1973 wieder zurückgenommen.

Im Jahr 1969 wurde die verschüttete Katharinen-Kapelle von einer fast 2 Meter hohen Schuttschicht freigelegt.Hinze, Reese: Greijffenstein. Die Burg und ihre Kirche. S. 17. Ende der 1980er Jahre erhielt die Kirche aufgrund von Feuchtigkeitsschäden einen Außenputz. An der westlichen Turmwand wurden die Tür und das viereckige Fenster vermauert. Die eiserne Bauinschrift an der Nordseite des Turms wurde einzeilig statt wie vorher zweizeilig angeordnet. 1987–1990 entstand der neue Windfang.Evangelische Kirchengemeinde Greifenstein (Hrsg.): Auf Fels gebaut … 300 Jahre Schloßkirche Greifenstein. 2002, S. 49.

1954 wurden nach Aufhebung des Kirchspiels die Kirchengemeinden Edingen und Greifenstein gebildet und pfarramtlich verbunden. Die Kirchengemeinde Greifenstein gehört heute zum Evangelischen Kirchenkreis an Lahn und Dill in der Evangelischen Kirche im Rheinland.Evangelischer Kirchenkreis an Lahn und Dill, abgerufen am 29. Dezember 2020.

Architektur mini|links|Chorbogen in die Katharinenkapelle mini|hochkant|Katharinenkapelle mit Gruft im Westen Die in etwa geostete Kirche ist in der äußersten Südostecke der Burg als Bestandteil des Berings errichtet. Die äußerlich schlichte Kirche besteht aus drei Baukörpern. Ältester Teil ist der gedrungene Wehrturm „Alte Wachtt“ auf quadratischem Grundriss, der ursprünglich frei stand und vermutlich auf das 13. Jahrhundert zurückgeht.Hinze, Reese: Greijffenstein. Die Burg und ihre Kirche. S. 18. Gegenüber dem Kirchenschiff ist er eingezogen, verläuft an der Nordseite aber in derselben Flucht. Hier ist sekundär ein hochrechteckiges Fenster mit Sprossengliederung eingelassen. Die Westseite ist fensterlos. Unterhalb der Traufe stehen die eisernen Buchstaben und Ziffern „W M G Z S 1 6 8 3“ für Wilhelm Moritz Graf zu Solms als Bauherrn und für das Jahr des Baubeginns der Schlosskirche. Zugleich dienen die fünf Buchstaben als Widerlager der Maueranker.Evangelische Kirchengemeinde Greifenstein (Hrsg.): Auf Fels gebaut … 300 Jahre Schloßkirche Greifenstein. 2002, S. 47. Seitdem der Turm im 19. Jahrhundert nach einem Blitzschlag auf dieselbe Höhe wie die Schlosskirche gebracht und unter einem gemeinsamen verschieferten Walmdach mit ihr zusammengefasst wurde, ist er von der Nordseite her nicht mehr als solcher erkennbar. 1618 wurde im Untergeschoss des Turms die hochgräfliche Gruft angelegt und zur Kapelle hin geöffnet. Die Nische mit stumpfem Spitzbogen an der Ostseite ist seit 1814 mit einer Gedenkplatte verschlossen.Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. 2008, S. 341. Bestattet wurden hier Graf Wilhelm I. mit seiner Frau Amalie und ihren zwei Kindern, Graf Johann Konrad von Solms-Greifenstein mit seiner Frau und zwei Söhnen, Graf Wilhelm II. mit seinen beiden Frauen, Graf Friedrich und mehrere Kinder des Grafen Wilhelm Moritz.Hinze, Reese: Greijffenstein. Die Burg und ihre Kirche. S. 19. Über der Gruft verbindet eine Treppe beide Kirchen. Hier war nach 1613 der Grafenstuhl eingebaut. In die Stützmauern sind nach Osten hin eine viereckige Öffnung eingebrochen. Die schlitzförmige Schießscharte daneben weist auf die Funktion als frei stehender Schutzturm. Statt einer Fürstenloge wurde im Obergeschoss für die Orgel die Ostwand des Turms mit einem Rundbogen durchbrochen. Das Dachwerk besteht aus vier Sprengwerken in Form liegender Stühle. Die geschweiften Sparren am Zugbalken, der oberhalb der Decke montiert ist, halten ein Lattengerüst mit Sackleinengewebe, an dem der Stuck haftet. Die großen Stuckelemente und Figuren wurden auf einem Kantholzgerüst vorgefertigten und mit Drähten an den Sparren befestigt.Evangelische Kirchengemeinde Greifenstein (Hrsg.): Auf Fels gebaut … 300 Jahre Schloßkirche Greifenstein. 2002, S. 58–59.

Die spätgotische Katharinenkapelle des 15. Jahrhunderts ist östlich des Turms angebaut. Sie ist ein schlichter zweigeteilter Rechteckraum mit 1 Meter dicken Mauern, in den ein 3,50 Meter breiter spitzbogiger Chorbogen eingezogen ist. Die lichte Weite beträgt 14 Meter, die Breite 8 Meter und die Höhe innen 6 Meter. Die Kapelle wird durch zwei Spitzbogenfenster im Süden und eins im Osten mit Gewänden aus Schalstein belichtet und hat Schießscharten im Altarraum. In der vorkragenden Westwand ist eine kleine quadratische Öffnung eingelassen. In der Ostwand befindet sich eine Piscina. Der Boden ist mit großen Steinplatten belegt, die teils rekonstruiert wurden und zwischen denen Bachkiesel fischgrätartig verlegt sind. Unter dem Boden des Gemeindesaals befindet sich ein weiterer kleiner gewölbter Raum mit Schießscharten. Im Bereich des ehemaligen Grafenstuhls sind Mauern zur Verstärkung der Schlosskirche eingebaut.

Die barocke Saalkirche wird vom Kirchplatz durch das Nordportal in einem kleinen Vorbau erschlossen. Sie wurde Ende des 17. Jahrhunderts über der Katharinenkapelle errichtet und ummauert diese weitgehend. An der Südseite gewähren zwei große Rundbögen im Bereich der Unterkirche den Blick auf das alte Mauerwerk und ermöglichen die Belichtung. Sie wurden aufgeführt, um das Gewicht der Schlosskirche aufzunehmen.Evangelische Kirchengemeinde Greifenstein (Hrsg.): Auf Fels gebaut … 300 Jahre Schloßkirche Greifenstein. 2002, S. 55. Die obere Schlosskirche wird durch Fenster in zwei Zonen mit Licht versorgt, durch ein Ostfenster und an den Langseiten durch zwei hochrechteckige im unteren Bereich und oben durch vier rundbogige Fenster mit tiefen Laibungen.

Ausstattung mini|links|Blick auf Altar und Kanzel im Osten mini|hochkant|Innenraum Richtung Fürstenloge im Westen mini|hochkant|Stuckdecke aus den 1680ern Die flache Holzbalkendecke der Katharinenkapelle wird von Unterzügen getragen, die seit 1688 auf achteckigen Pfosten mit Bügen ruhen. Sie dienen dazu, das Gewicht der Südempore und der Grabplatte unter dem Altartisch aufzunehmen. Ursprünglich ruhte die Decke auf einem Mittelunterzug, dessen Konsolsteine noch zu sehen sind. Im westlichen Gemeindesaal und am Bogen sind Reste mittelalterlicher Fresken erhalten.Evangelische Kirchengemeinde Greifenstein (Hrsg.): Auf Fels gebaut … 300 Jahre Schloßkirche Greifenstein. 2002, S. 61.