Die Schlacht um Belgien (in Belgien bezeichnet als „campagne des 18 jours“ bzw. „Achttiendaagse Veldtocht“) war Teil des Westfeldzugs der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Sie fand 18 Tage lang im Mai 1940 statt und führte zur Besetzung des neutralen Königreichs Belgien durch deutsche Truppen und zur Kapitulation der belgischen Streitkräfte.
Am 10. Mai 1940 begann der deutsche Überfall auf die Niederlande, Belgien und Luxemburg, den die Wehrmachtsführung als Fall Gelb bezeichnete. In der Annahme, dieser Angriff stelle den deutschen Schwerpunktvorstoß im Westen dar, setzten die Alliierten der Anti-Hitler-Koalition alles daran, den Vormarsch zu stoppen. Frankreich setzte das Gros seiner besten Truppen vom 10. bis 12. Mai in Belgien ein, woraufhin die Wehrmacht die zweite Phase ihres Plans einleitete: Den massiven Durchbruch durch die Ardennen (von Winston Churchill als Sichelschnittplan bezeichnet) und den raschen Vormarsch zum Ärmelkanal. Das deutsche Heer erreichte die Kanalküste nach fünf Tagen und kesselte die alliierten Truppen ein. Hitler befahl, den alliierten Kessel nur sukzessiv aufzurollen und hielt seine Panzerdivisionen zurück. So konnten große Teile der British Expeditionary Force (BEF) in der Schlacht von Dünkirchen auf die britischen Inseln evakuiert werden. Die belgischen Streitkräfte kapitulierten am 28. Mai 1940.
In der Schlacht um Belgien fand die bis dato größte Panzerschlacht der Geschichte statt,Healy: S. 3 (→ Schlacht bei Hannut) deren Ausmaß erst später im Afrikafeldzug und im Deutsch-Sowjetischen Krieg ab Sommer 1941 übertroffen wurde.
Die offizielle deutsche Geschichtsschreibung hielt fest, dass die belgischen Streitkräfte ein starker Gegner waren, und sprach von „außergewöhnlicher Tapferkeit“ ihrer Soldaten.Keegan: S. 96 Der Zusammenbruch des militärischen Widerstands in Belgien bedeutete den alliierten Rückzug vom europäischen Kontinent. Belgien blieb bis zur Befreiung durch die Westalliierten im Herbst 1944 von deutschen Truppen besetzt. Wegen der Planung und Durchführung des Angriffskrieges wurden führende Persönlichkeiten beim Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher verurteilt.
Unabhängige Neutralität Belgiens Auf das Erstarken Deutschlands mit der Remilitarisierung des Rheinlandes und die Aufkündigung des Vertrages von Locarno sowie den innenpolitischen Druck des flämischen Bevölkerungsteils reagierte Belgien 1936 mit einer außenpolitischen Wende, weg von einer durch Frankreich gestützten Neutralität hin zu einer „unabhängigen Neutralität“. Damit wollte Belgien jeden Anlass für einen Konflikt mit Deutschland vermeiden. Das hielt Deutschland im Westen den Rücken frei, während Hitler aufrüsten ließ und den Anschluss Österreichs sowie die Zerschlagung der Tschechoslowakei anstrebte. Nach einer Rede Hitlers bestätigte der deutsche Außenminister Konstantin von Neurath im Oktober 1937 die Unverletzlichkeit und Integrität des belgischen Gebietes; wenn aber die Zeit für einen deutschen Angriff im Westen käme, würde sich ein Vorwand für den Bruch der Zusagen finden. Noch 1939 gab Deutschland erneute Sicherheitszusagen und drohte Belgien, falls es seine Unabhängigkeit aufgäbe und mit Frankreich und dem Vereinigten Königreich kooperieren würde. Hitler persönlich versicherte seine guten Absichten, und der deutschen Presse wurden revisionistische Artikel zu dem im Friedensvertrag von Versailles abgetretenen Gebiet Eupen-Malmedy verboten. Damit wollte er erreichen, dass die Wehrmacht beim geplanten Angriff auf die Benelux-Staaten in Belgien nur auf geringen Widerstand stoßen würde.
Planungen
Belgiens gespanntes Verhältnis zu Verbündeten Die belgische Verteidigungsstrategie gegen eine deutsche Aggression stand sowohl vor politischen als auch militärischen Problemen. Militärisch waren die Belgier nicht bereit, einer Abwehrlinie an der deutschen Grenze als Verlängerung der Maginot-Linie Vorrang einzuräumen. Dies hätte das belgische Hinterland bei einem deutschen Vormarsch durch die Niederlande ausreichender Kräfte entblößt. Es hätte auch bedeutet, auf rasche französische Verstärkungen zu vertrauen. Politisch vertrauten die Belgier den Franzosen nicht. Im Oktober 1930 und erneut im Jahr 1933 hatte der französische Marschall Pétain einen Angriff auf das Ruhrgebiet vorgeschlagen, der von Belgien ausgehen sollte. Belgien befürchtete, so in einen ungewollten Krieg hingezogen zu werden. Der sowjetisch-französische Beistandsvertrag vom 2. Mai 1935 gab dieser Sorge weitere Nahrung. Das mit Frankreich bestehende Abkommen sah Belgiens Mobilmachung für den Fall vor, dass im Deutschen Reich mobil gemacht wurde; es war jedoch nicht klar, was im Fall des deutschen Überfalls auf Polen zu geschehen hatte.Brian Bond: Britain, France and Belgium 1939-1940. S. 8
mini|Leopold III., König der Belgier, Verfechter der Neutralitätspolitik Die Belgier bevorzugten vielmehr ein Bündnis mit Großbritannien. Die Briten waren nach der Verletzung der belgischen Neutralität durch Deutschland in den Ersten Weltkrieg eingetreten. Die belgischen Nordseehäfen Zeebrügge und Ostende hatten der Kaiserlichen Marine als wichtige Stützpunkte gedient und waren als solche, ebenso wie Flughäfen, auch in einem neuen Konflikt in deutschen Händen eine beträchtliche Bedrohung für die britischen Inseln. Gleichwohl räumte die Regierung in Westminster Belgien keine nennenswerte Bedeutung bei, was dazu führte, dass am Tag vor der Remilitarisierung des Rheinlands (→ Rheinlandbesetzung (1936)) Belgien die Anti-Hitler-Koalition verließ.Ellis: S. 8 Man war in Brüssel der Meinung, im Notfall am besten auf sich selbst gestellt zu sein.
Belgiens Strategie Nachdem Belgien die Anti-Hitler-Koalition verlassen hatte, nahmen Vertreter des Landes auch nicht mehr an militärischen Stabsgesprächen mit Briten und Franzosen teil. Die Belgier hielten einen deutschen Einmarsch nicht für unausweichlich und vertrauten, sollte er doch stattfinden, auf moderne Befestigungsanlagen wie das Fort Eben-Emael.The Belgian Ministry: S. 53 Entsprechende Festungen in Namur und Lüttich wurden modernisiert. Verteidigungsstellungen entlang des Maastricht-Bois-le-Duc-Kanals wurden ausgebaut. Diese Maßnahmen wurden bereits 1935 abgeschlossen.
König Leopold III. hielt am 14. Oktober 1936 vor dem Ministerrat eine Rede, in der er versuchte, seine Regierung und die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass die Verteidigungsanstrengungen verstärkt fortgesetzt werden müssten. Sein Gedanke war, das neutrale Land stark genug zu machen, um nicht in einen europäischen Konflikt verwickelt zu werden. Seit dem 25. August 1939 mobilisierte die belgische Armee schrittweise von 16 Divisionen auf 22 Divisionen zum Zeitpunkt des deutschen Angriffs. Am 3. September 1939 nach dem deutschen Überfall auf Polen übernahm König Leopold das Kommando über die belgische Armee.
Am 10. Januar 1940 kam es zum Mechelen-Zwischenfall, als ein deutsches Flugzeug in diesem belgischen Ort notlandete und der deutsche Operationsplan für Fall Gelb beschädigt in belgische Hände fiel.
Entsprechend warnte der belgische Generalstab Franzosen und Briten, der Dyle-Plan würde nicht nur die eigene strategische Lage gefährden, sondern den gesamten linken Flügel der Front. General Gamelin ignorierte diese Hinweise jedoch, da die belgische Haltung der Neutralität in eigener Stärke stets zu Verwirrung geführt hatte und man sich der Absichten der Belgier nicht sicher war.Bond (1990): S. 46
Deutsche Angriffsplanung
mini|Stoßrichtung der Deutschen Truppen Am 27. September 1939 teilte Hitler den Oberbefehlshabern der Teilstreitkräfte seinen Entschluss mit, noch im gleichen Jahr – unter möglicher Verletzung der Neutralität Belgiens und der Niederlande – im Westen, die Initiative zu ergreifen. Am 10. Oktober erließ das Oberkommando des Heeres (OKH) gegen starke Bedenken aus der Generalität die Weisung Nr. 6 zur Kriegführung mit dem Ziel der „Vernichtung unserer westlichen Gegner“.Klaus-Jürgen Müller: Das Heer und Hitler: Armee und nationalsozialistisches System. DVA, 2. Auflage, 1988, ISBN 978-3-486-55350-5, S. 473 und 477. Der vom OKH entwickelte Operationsplan vom 19. Oktober sah das rasche Vorstoßen der Heeresgruppe B unter Fedor von Bock am rechten Flügel zur Kanalküste vor. Der Plan wurde von Hitler wegen der durchschaubaren Ähnlichkeit zum Schlieffen-Plan des Ersten Weltkriegs kritisiert. Wetterbedingt wurde der Angriff 1939 immer wieder verschoben, bis der beschädigte Plan Anfang 1940 durch den Mechelen-Zwischenfall in belgische Hände fiel, was zu einer Revision des Plans führte.
Hitler, der schon im Oktober gegenüber dem OKH angeregt hatte, den Angriff weiter südlich anzusetzen, empfing Erich von Manstein am 17. Februar. Dieser hatte in der Heeresgruppe A, die unter Gerd von Rundstedt ursprünglich die linke Flanke sichern sollte, vergeblich Memoranden und Gegenvorschläge zum Ursprungsplan des OKH gemacht und war daraufhin versetzt worden. Hitler wies nun das OKH an, den Angriffsplan nach seinem strategischen Gedanken, den er durch Manstein bestätigt sah, umzuarbeiten. Bis zum 24. Februar wurde der neue Plan, der später als Sichelschnittplan bezeichnet wurde, ausgearbeitet. Er sah den Vormarsch der Heeresgruppe B vor, der die alliierte 1. Armeegruppe nach Zentralbelgien ziehen würde, woraufhin Heeresgruppe A ihren Überraschungsangriff in den Ardennen beginnen würde. Dabei war die Besetzung Belgiens im deutschen Gesamtplan von zweitrangiger Bedeutung. Deswegen verfügte Heeresgruppe B nur über eine bescheidene Zahl motorisierter Einheiten; sie bestand vornehmlich aus Infanteriedivisionen. Nach Erreichen des Ärmelkanals sollten auch die wenigen Panzereinheiten an die Heeresgruppe A gehen.Bond (1990): S. 101
Der rasche Vormarsch der Armeegruppe B hing entscheidend davon ab, die belgischen Stellungen Fort Eben-Emael und am Albert-Kanal zu nehmen und die Brücken über den Kanal bei Veldwezelt, Vroenhoven and Kanne in Belgien ebenso wie die in und bei Maastricht an der niederländischen Grenze in brauchbarem Zustand in Besitz zu nehmen.
Belgiens Verteidigungsplanung Belgien hatte einen Plan zur Verteidigung des Landes „im Fall einer deutschen Aggression“ [Zitat] der vorsah: (a) Eine Stellung entlang des Albert-Kanals von Antwerpen bis Lüttich und der Maas von Lüttich bis Namur, die einen Vormarsch aufhalten kann, bis französische und britische Truppen die Linie Antwerpen–Namur–Givet besetzen. Es wurde erwartet, dass diese Stellung drei Tage lang aushält.(b) Rückzug auf die Linie Antwerpen–Namur.(c) Die belgischen Streitkräfte halten sodann ihren Sektor als Teil der alliierten Hauptlinie.The Belgian Ministry: S. 33
Die französische 7. Armee unter dem Kommando von Henri Giraud sollte bei der Mündung der Schelde nach Belgien vorrücken und wenn möglich bis nach Breda in den Niederlanden vorstoßen. Das britische Expeditionskorps, kommandiert von John Vereker, 6. Viscount Gort (Lord Gort) sollte die zentral Position Brüssel–Gent einnehmen und die belgischen Verbände östlich von Brüssel unterstützen. Das strategisch bedeutsame Antwerpen sollte von den Belgiern gesichert werden.Bond (1990): S. 47
Weiter östlich wurden defensive Stellungen an taktisch wichtigen Uferstücken des Albert-Kanals eingerichtet. Besonders stark ausgebaut war die Linie Maastricht–Lüttich. Fort Eben-Emael schützte die Nordflanke der Stadt. Im Süden sollte die 9. französische Armee auf der Linie Givet–Dinant an der Maas stehen. Die französische 2. Armee sollte die verbleibenden 100 km in Richtung Sedan an der Grenze zu Luxemburg bis hin zur Maginot-Linie halten.
Anglo-französische Planung zur Verteidigung Belgiens
mini|Dyle-Breda-Plan für den Fall eines deutschen Angriffs