mini|Verbreitung von Purépecha im mexikanischen Bundesstaat Michoacán
Purépecha (auch Taraskisch) ist eine isolierte indigene Sprache in Nordamerika, die fast ausschließlich von Angehörigen des gleichnamigen Volkes gesprochen wird. Es ist hauptsächlich im mexikanischen Bundesstaat Michoacán verbreitet und hat (Stand 2020) etwa 142.000 Sprecher. Es gibt zwei Hauptdialekte, die sich recht stark voneinander unterscheiden. Bei Ankunft der Spanier in Mexiko war es die Sprache des Taraskenreichs. Seit 2003 ist Purépecha eine Nationalsprache in Mexiko.
Typologisch handelt es sich um eine stark agglutinierende Sprache mit einer reichen Verbalmorphologie, insbesondere einer reichen Derivationsmorphologie und zahlreichen Diathesen, sowie Kasusmarkierung am Nomen. Es liegt ein akkusativisches Alignment mit differenzieller Objektmarkierung vor. Die Grundwortstellung ist Subjekt-Verb-Objekt. Die Sprache unterscheidet sich in einigen Eigenschaften von mesoamerikanischen Sprachen und wird daher, obwohl das Volk der Purépecha zum Kulturareal Mesoamerika gerechnet wird, von einigen Wissenschaftlern nicht als Teil des mesoamerikanischen Sprachbunds angesehen.
Name Für die Sprache sind zwei unterschiedliche Bezeichnungen gebräuchlich: Purépecha (bzw. orthografische oder typografische Varianten dieses Namens wie Purepecha, p'urhépecha, p'oyépeča, phurhepecha, phorhé, phorhépecha) und Taraskisch (bzw. spanisch tarasco). Purépecha, was möglicherweise ‚Person, die innen ist‘ bedeutet, ist heute eine Eigenbezeichnung der Sprache sowie auch der Ethnie. Allerdings besaß dieses Wort im ursprünglichen historischen Kontext keinen ethnischen Gehalt, sondern bezeichnete zunächst nur die Bevölkerungsschicht des „einfachen Volkes“ in Abgrenzung zum einheimischen und aztekischen „Adel“. Eine vorkoloniale historische Eigenbezeichnung für den Herrschaftsverband oder die darin vorherrschende Ethnie ist unbekannt.Sarah Albiez-Wieck: Contactos exteriores del Estado tarasco. Influencias desde dentro y fuera de Mesoamérica. Band 1. Dissertation, Bonn 2011, S. 34–36. Auch die Herkunft der Fremdbezeichnung Taraskisch ist nicht vollständig geklärt. Dem Franziskaner Martín de la Coruña zufolge nutzten die Purépecha das Wort tarascué ‚Verwandter, Schwager‘ zuerst als spöttische Bezeichnung für die Spanier, weil diese systematisch indigene Frauen vergewaltigten. Im Spanischen wurde das Wort jedoch missverstanden und mutierte zur Bezeichnung für das Volk und die Sprache. Der Bezeichnung Taraskisch werden oft abwertende Konnotationen zugeschrieben. Während die Sprache in der älteren Literatur gewöhnlich Taraskisch genannt wurde, wird heute daher meist die Bezeichnung Purépecha bevorzugt, auch wenn der Name Taraskisch weiterhin verwendet wird.
Verbreitung
Verbreitung und soziolinguistische Situation Die meisten Sprecher (insgesamt ca. 70 %) leben in vier nah beieinander liegenden Regionen im mexikanischen Bundesstaat Michoacán: im Verwaltungsbezirk Zacapu (ca. 5 % der Sprecher in Michoacán), in der Region um und auf den Inseln im Pátzcuaro-See (ca. 18 % der Sprecher in Michoacán), in einem Tal im Verwaltungsbezirk Chilchota (ca. 15 % der Sprecher in Michoacán) und im Hochland im Westen des Bundesstaats (ca. 62 % der Sprecher in Michoacán). Daneben gibt es mittlerweile auch Sprecher in anderen Teilen Mexikos (insbesondere in Mexiko-Stadt) sowie in den Vereinigten Staaten (insgesamt etwa 30 % aller Sprecher). Die meisten Sprecher leben in Dörfern bzw. kleinen Städten mit weniger als 5000 Einwohnern.
mini|Pátzcuaro-See Die Gesamtsprecherzahl beträgt nach dem mexikanischen Zensus von 2020 142.459, von denen etwa 73.000 (51 %) Frauen und 69.000 (49 %) Männer sind.Lenguas indígenas en México y hablantes (de 3 años y más) al 2020. Quelle: mex. Statistikamt INEGI, abgerufen im April 2021 (spanisch). Etwa 10 % der Sprecher sind monolingual. Die Sprecherzahl ist in den vergangenen Jahrzehnten angestiegen: Anfang der 1970er Jahre soll es nur etwa 50.000 Sprecher gegeben haben, während der Zensus von 2000 schon etwa 121.000 Sprecher ergab. Nichtsdestotrotz wird Purépecha von der UNESCO als vulnerabel und von dem Endangered Languages Project als bedroht eingestuft. Im Vergleich mit den 1970er Jahren ist der Anteil monolingualer Sprecher deutlich gesunken, und Kinder sprechen selbst im familiären Umfeld zunehmend Spanisch. Im Westen des Sprachgebiets (im Hochland) ist Purépecha vitaler als im Osten.
Varietäten Es gibt zwei Hauptvarietäten: eine östliche Varietät, die in Zacapu und um den Pátzcuaro-See gesprochen wird; und eine westliche Varietät, die in dem Tal in Chilchota sowie im Hochland gesprochen wird. Ethnologue und Glottolog klassifizieren die beiden Varietäten als jeweils eigenständige Sprachen, die Purepecha (östliche Varietät) und Westliches Hochland-Purepecha (westliche Varietät) genannt werden. Purépecha bzw. Taraskisch wäre demnach keine Einzelsprache, sondern eine kleine Sprachfamilie aus zwei Sprachen. Allerdings wird Purépecha weiterhin von vielen Linguisten als Einzelsprache statt als Sprachfamilie beschrieben und die östliche und die westliche Varietät daher als Dialekte und nicht als eigenständige Sprachen verstanden.
Geschichte mini|Pyramide in Tzintzuntzan, der Hauptstadt des Taraskenreichs In vorspanischer Zeit war Purépecha die Sprache des Taraskenreichs, des zweitgrößten Reichs Mesoamerikas (nach dem Aztekenreich) in der Späten Postklassik. Da keine vorspanischen Dokumente erhalten sind, ist unklar, ob die Tarasken wie andere mesoamerikanische Kulturen eine Schrift verwendeten. Möglicherweise nutzten sie ähnlich wie die Azteken ein piktographisches Schriftsystem, in dem Konzepte unmittelbar und unabhängig von der Lautform des entsprechenden Wortes schriftlich dargestellt wurden. Dass sie wie die Maya und in rudimentärer Form auch die Azteken ein glottographisches Schriftsystem hatten, in dem Konzepte mittelbar durch die Schreibung der Lautform des Wortes ausgedrückt wurden, ist unwahrscheinlich. mini|Frühes Wörterbuch von Maturino Gilberti
Nach der Eingliederung des Taraskenreichs in das Spanische Kolonialreich ab 1521 wurde das lateinische Alphabet eingeführt und an das Phoneminventar der Sprache adaptiert. Ab 1525 kamen die Franziskaner in das Gebiet und begannen mit der Beschreibung des Purépecha. Als Hilfsmittel bei der Bekehrung der Purépecha-Sprecher zum christlichen Glauben verfassten sie Grammatiken, Wörterbücher und christliche Texte. Die frühesten erhaltenen Grammatiken stammen von dem in Südfrankreich geborenen Maturino Gilberti (1558) und von Juan Baptista de Lagunas (1574), obwohl bereits Gilberti offenbar auf den Arbeiten früherer Missionare aufbauen konnte.
Gemeinsam mit den anderen indigenen Sprachen Mexikos wurde Purépecha 2003 in dem unter Präsident Vicente Fox Quesada erlassenen Ley General de Derechos Lingüísticos de los Pueblos Indígenas als mit dem Spanischen gleichberechtigte Nationalsprache Mexikos anerkannt.
Phonologie und Orthographie
Phonologie und Phonetik Nach Auffassung der meisten Forscher hat Purépecha 22 Konsonantenphoneme. Die französische Linguistin Claudine Chamoreau zählt l, das meistens in spanischen Lehnwörtern gebraucht wird, als weiteres Phonem und geht daher von insgesamt 23 Konsonanten aus. Es besteht keine phonemische Unterscheidung zwischen stimmhaften und stimmlosen Konsonanten. Stattdessen gibt es zu jedem stimmlosen Verschlusslaut einen aspirierten Verschlusslaut. + Konsonantenphoneme Bilabial Apiko-dental Alveolar Palatal Velar LabiovelarVerschlusslautpttstʃkkwAspirierter VerschlusslautphthtshtʃhkhkwhFrikativsʃxNasalmnŋFlaprRetroflexɽLateral(l)Halbvokalwj Sowohl die aspirierten als auch die einfachen (nicht aspirierten) Verschlusslaute sowie der alveolare Frikativ /s/ haben phonetisch bedingte Allophone:
Zwischen zwei Vokalen erfolgt bei aspirierten Verschlusslauten die Aspiration vor dem Verschluss (z. B. ph>hp/V_V). Zwischen einem Nasal und einem Vokal werden aspirierte Verschlusslaute deaspiriert (z. B. ph>p/N_V). Einfache Verschlusslaute und der alveolare Frikativ werden zwischen einem Nasal und einem Vokal stimmhaft (z. B. p>b/N_V).
Purépecha hat sechs Vokalphoneme. Neben den sprachübergreifend häufigen Vokalen /i/, /e/, /a/, /o/ und /u/ hat es auch einen geschlossenen Zentralvokal /ɨ/. + Vokalphoneme Vorderzungenvokal Zentralvokal Hinterzungenvokalgeschlosseniɨumitteleooffena Wortstämme enden im Purépecha gewöhnlich auf einem Vokal. Die Betonung fällt meist (allerdings nicht immer) auf den letzten Vokal des Stamms (z. B. kará „schreiben“) und ist bedeutungsunterscheidend (z. B. kará „schreiben“ vs. kára „fliegen“).
Orthographie Es existiert keine allgemein anerkannte Orthographie. Mehrere verschiedene Bildungsinstitute (z. B. das Instituto Nacional de Lenguas Indígenas oder das Secretaría de Educación Pública) haben jeweils eigene Alphabete für die Sprache entwickelt, deren Gebrauch jedoch weitgehend auf die jeweiligen Alumni beschränkt ist. Teilweise entwickeln Sprecher darüber hinaus eigene Grapheme, um Besonderheiten der in ihrer Kommune gesprochenen Sprachvarietät darzustellen. Wie bei anderen indigenen Sprachen in Mexiko basieren die Alphabete auf der (mittel)spanischen Orthographie. Das Phonem /ʃ/ wird darin durch das Graphem <x>, /x/ durch <j>, /j/ durch <y> und /tʃ/ durch <ch> wiedergegeben. Unterschiede zwischen den Alphabeten bestehen häufig in der Darstellung von Phonemen wie dem velaren Nasal /ŋ/ (als <ŋ>, <n> oder <nh>), die im Spanischen keine eigenständigen Phoneme sind, sowie in der Frage, ob die Sprache phonemisch oder phonetisch wiedergegeben werden soll (z. B. ob /ph/ zwischen Vokalen phonemisch als <pj> für /ph/ oder phonetisch als <jp> für [hp] geschrieben werden soll).
Verben
Verbstruktur Purépecha ist eine stark agglutinierende Sprache, in der zahlreiche Suffixe an das Verb angefügt werden können, so dass jedes Verb gewöhnlich eine Vielzahl unterschiedlicher Morpheme enthält. Die Suffixe haben je nach ihrer Funktion eine festgelegte Position in Bezug auf die anderen Suffixe und den Verbstamm. Inklusive der Wurzel gibt es bis zu 13 verschiedene Positionen in einem Verb. Die folgende Tabelle stellt die Verbstruktur dar (die Beispiele stehen für sich allein und passen daher nicht notwendigerweise zueinander). +Verbstruktur0+1+2+3+4+5+6+7+8+9+10+11+12KategorieWurzelStammbildendes SuffixLokativDirektionalKausativDiatheseDesiderativAdverbial3. Person Plural ObjektAspektTempusIrrealisModusBeispielmi -ta -ru -pu -tara -na -ntʃa -khama -a -ʃ -p -a -tiBedeutung / Funktion des Beispielsöffnen[verbabhängig]StraßezentripetalKausativPassivwollenplötzlichsieAoristVergangenheitIrrealisAssertiv (3. Person Singular) Aufgrund der komplexen Verbstruktur wird Purépecha teilweise auch als polysynthetische Sprache beschrieben. Im Gegensatz zu anderen polysynthetischen Sprachen gibt es allerdings keine Nominalinkorporation.
Derivation Ein charakteristisches Merkmal von Purépecha sind die Lokativsuffixe. Lokativsuffixe bezeichnen Orte (z. B. Straße, Haus), an denen ein Ereignis stattfindet (z. B. waʃa-khara-ʃ-ti „er saß im Haus“ von waʃa- „sitzen“), oder Teile von Körpern oder Objekten (z. B. Gesicht), an denen das Ereignis stattfindet bzw. die von dem Ereignis betroffen sind (z. B. xupa-naɽi-ʃa-p-ka=ri „du wuschst dein Gesicht“ von xupa- „waschen“). Je nach Dialekt gibt es zwischen 30 und 50 solcher Lokativsuffixe.
Neben den Lokativsuffixen gibt es auch zwei Direktionalsuffixe, die eine Richtung ausdrücken (z. B. -pu „(zu...hin) kommen“), zwei Desiderativsuffixe, die einen Wunsch / Willen ausdrücken (z. B. -ntʃa „wollen“), sowie fünf Adverbialsuffixe (z. B. -ma „schnell“).
Diathesen Im Purépecha gibt es zahlreiche Diathesen:
Das Passiv wird mit dem Suffix -na gebildet (z. B. misitu atha-na-na-ʃ-ti „Die Katze wurde auf die Brust geschlagen.“). Das gleiche Suffix markiert auch ein unpersönliches Passiv.