Der Evangelische Kirchenkreis an Lahn und Dill ist einer der 37 Kirchenkreise der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR). Er entstand 2019 durch den Zusammenschluss der Kirchenkreise Wetzlar und Braunfels. Der Kirchenkreis bildet eine Exklave der Rheinischen Kirche auf hessischem Gebiet. Ende Dezember 2023 hatte der Kirchenkreis 63.700 Mitglieder. Das sind 40,3 % der Gesamtbevölkerung. Superintendent des Kirchenkreises ist seit November 2020 Hartmut Sitzler (Kröffelbach).
Geschichte In und um Wetzlar und Braunfels vollzog sich die Reformation im zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts in mehreren Schritten und in den Gebieten auf unterschiedliche Art und Weise. In Wetzlar wurde nach ersten evangelischen Anfängen ab 1524 die Reformation 1542 eingeführt; das Marienstift blieb jedoch katholisch.Irene Jung: Wetzlar Eine kleine Geschichte, Sutton Verlag 2010, ISBN 978-3-86680-715-0, S. 48. Der Wetzlarer Dom wurde seit Ende des 16. Jahrhunderts als Simultankirche genutzt. 1586 erhielten wallonische Glaubensflüchtlinge das Privileg, im Ostteil der Franziskanerkirche reformierte Gottesdienste abzuhalten. Am 3. Januar 1549 protestierten neun solmische Pfarrer an den Wetzlarer Erzpriester gegen das Augsburger Interim von 1547/1548, das zwischen Katholiken und Protestanten vermitteln sollte. In Solms-Braunfels wurde unter Graf Konrad am 7. September 1582 auf der Hungener Synode die „Nachreformation“ beschlossen. Die Solmser Pfarrer nahmen nun auch offiziell das reformierte Bekenntnis an, das schon während der Koregentschaft von Konrad zunehmend die kirchliche Praxis geprägt hatte. So wurden der Heidelberger Katechismus und eine presbyterial-synodale Ordnung eingeführt. Der Predigt als zentralem Element des Gottesdienstes entsprachen eine schlichte Liturgie und Kirchenausstattung.Uta Barnikol-Lübeck: . Abgerufen am 28. Dezember 2020.
Während des Dreißigjährigen Kriegs wurden 1626 die evangelischen Pfarrer und Lehrer abgesetzt, von den spanischen Soldaten vertrieben und durch katholische ersetzt.Läufer (Bearb.): Gemeindebuch der Kreissynoden Braunfels und Wetzlar. 1953, S. 14. Erst 1632 gewannen die schwedischen Truppen die Oberhand und ermöglichten die Rückkehr zum evangelischen Glauben. Wilhelm Moritz Graf zu Solms-Greifenstein siedelte 1685 in Daubhausen etwa 190 hugenottische Glaubensflüchtlinge an. Ihnen wurden die bestehenden Häuser und Ländereien zugewiesen, während 17 einheimische Familien umgesiedelt wurden und Abfindungen erhielten. Für weitere Hugenotten ließ er 1690/1691 das Filialdorf Greifenthal anlegen.Sybille A. Burggraf: Entstehung und Entwicklung der Hugenottengemeinde Daubhausen-Greifenthal. In: Hugenotten: 72. Jahrgang, Heft 4, 2008, S. 135–141, hier: S. 136, abgerufen am 28. Dezember 2020 (PDF).
Infolge des Wiener Kongresses entstanden 1816 die beiden preußischen Kreise Wetzlar und Braunfels. Den kommunalen Kreisen entsprachen die beiden Kirchenkreise, die zur Rheinischen Provinzialkirche gehörten. Braunfels wurde aus den Territorien der Fürsten zu Solms-Braunfels und dem Amt Hohensolms des Fürstenhauses Solms-Hohensolms-Lich gebildet. In den alten Inspektionen Braunfels und Greifenstein war bis auf Münchholzhausen der Heidelberger Katechismus in Geltung, während die Inspektion Hohensolms bis auf den Ort Hohensolms selbst, der seit 1623 eine calvinisch reformierte Tradition hatte, lutherisch war. Zur lutherischen Reichsstadt Wetzlar kam die Herrschaft Cleeberg und Teile von Nassau-Weilburg.Andreas Metzing: Die hessischen Gebiete der Rheinischen Kirche. 2015, S. 187. 1817 wurden die beiden Superintendenten gewählt und vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. bestätigt. Das „Amtsblatt der Königlichen Regierung von Coblenz“ vom 25. Januar 1818 regelte die Zugehörigkeit der Synode Wetzlar und des benachbarten Kirchenkreises Braunfels mit allen Pfarreien zum Bezirk des „Königlichen Konsistoriums des Großherzogthums Niederrhein“. Bereits 1822 ging der Kreis Braunfels in den benachbarten Kreis Wetzlar auf. Die beiden Kirchenkreise blieben aber bestehen. Die konfessionellen Unterschiede des lutherischen Kirchenkreises Wetzlar und des reformierten Kirchenkreises Braunfels wurden durch die 1817 angestoßene, aber meist erst in den 1830er Jahren eingeführte preußische Kirchenunion abgeschwächt,Rudolph: 200 Jahre evangelisches Leben. 2009, S. 31. auch wenn viele Kirchengemeinden ihre Prägung bis heute bewahrten. Durch die Einführung der Rheinisch-Westfälischen Kirchenordnung von 1835 in der Rheinprovinz erhielten die Kreissynoden eine stärker presbyterial-synodale Prägung.Rudolph: 200 Jahre evangelisches Leben. 2009, S. 102.
Die beiden Kreissynoden widerstanden mehreren Versuchen einer Angliederung an den Konsistorialbezirk Wiesbaden. 1919 entschieden sie sich einstimmig für den Verbleib bei der Rheinprovinz. Als das Gebiet 1932 dann tatsächlich von der preußischen Rheinprovinz getrennt und der Provinz Hessen-Nassau zugeschlagen wurde, machten die beiden Kirchenkreise diese Entwicklung nicht mit und verblieben bei der Rheinischen Kirche. Zahlreiche Braunfelser Pfarrer und Presbyterien schlossen sich nach 1933 der Bekennenden Kirche des Rheinlands an und bildeten eine Pfarrerbruderschaft. Sie setzten sich für Juden ein, leisteten 1938 keinen Treueeid auf den Führer und predigten gegen die Novemberpogrome. Zu ihnen gehörten Friedrich Winter aus Kölschhausen und Johannes Koch in Griedelbach.Günther van Norden: Ein Pfarrer in der Resistenz. Johannes Koch in Oberwetz und Gruiten. In: Kirchliche Zeitgeschichte. Bd. 16, Nr. 2, 2003, S. 280–345, hier S. 314. Im Kirchenkreis Wetzlar schloss sich Paul Schneider 1934 der Bekennenden Kirche an.
Parallel zur Gebietsreform in Hessen ab den 1970er Jahren kam es zu ersten Fusionen von Kirchengemeinden und zu Veränderungen der Kirchspiele und der pfarramtlichen Verbindungen. Nach jahrelangen Vorbereitungen wurde in mehreren Schritten eine Zusammenlegung der Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar ab 2015 beschlossen. Nach der Kirchenkreis-Fusion zum 1. Januar 2019 wechselte der bisherige Kreissynodalvorstand zunächst in den kommissarischen Status des „Bevollmächtigten-Ausschusses“, bis 2020 der Superintendent und der Kreissynodalvorstand des neuen Kirchenkreises gewählt wurden.
Gebiet Das Gebiet des Kirchenkreises ist weitgehend identisch mit den Grenzen der preußischen Kreise Wetzlar und Braunfels von 1816. Er wird heute von Gemeinden der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau fast vollständig umgeben. Nur im Nordosten grenzt das Gebiet an die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck.
Im Einzelnen sind die politische und kirchliche Zugehörigkeit nicht immer deckungsgleich. Die Wetzlarer Ortsteile Blasbach, Nauborn, Niedergirmes und Steindorf gehörten zum Kirchenkreis Braunfels. Münchholzhausen wechselte 1977 von dort in den Kirchenkreis Wetzlar. Im Nordosten gehören die Gemeinden Salzböden/Odenhausen und die 2021 gebildete Großgemeinde Krofdorf-Gleiberg/Launsbach/Wißmar politisch zum Landkreis Gießen, ebenso im Osten Lützellinden, ein Stadtteil von Gießen, und im Südosten Niederkleen/Dornholzhausen. Während Oberkleen zur politischen Gemeinde Langgöns (Landkreis Gießen) gehört, ist das seit 1963 pfarramtlich verbundene Ebersgöns ein Ortsteil von Butzbach im Wetteraukreis. Alle anderen Kirchengemeinden liegen im Lahn-Dill-Kreis. Der nördlichste Ort des Kirchenkreises wird im Norden durch Ahrdt (in Hohenahr) markiert, im Osten durch Odenhausen (in Lollar), im Westen durch Holzhausen (Greifenstein) und im Süden durch Kröffelbach (Waldsolms).
Mitgliederstatistik Anfang 2021 gehörten 69.700 (45,1 %) der 154.400 Einwohner zum Evangelischen Kirchenkreis an Lahn und Dill. Das ist gegenüber 1987 ein Rückgang um 22,0 % und wird von den 37 Kirchenkreisen der Rheinischen Kirche nur noch von Wuppertal (24,6 %) übertroffen. Der durchschnittliche Rückgang in der EKiR liegt bei fast 10 %.Statistik der Evangelischen Kirche im Rheinland zur Landessynode 2022 Tabelle 2.2 Gemeindeglieder und Konfessionsanteil nach Kirchenkreisen, S. 11. Abgerufen am 27. Februar 2022 (PDF). Die Anzahl der Mitglieder lag Ende 2022 um 2110 niedriger als im Vorjahr.
Der Kirchenkreis umfasste 2019 47 Kirchengemeinden.Statistik der Evangelischen Kirche im Rheinland zur Landessynode 2020, S. 24. Abgerufen am 27. Dezember 2020 (PDF). Durch Fusionen reduzierte sich die Anzahl der Kirchengemeinden auf 36 Kirchengemeinden zum 1. Januar 2025.36 Kirchengemeinden ab 1. Januar. Abgerufen am 15. Februar 2025. Im Jahr 2020 hatte der Kirchenkreis 37,75 Pfarrstellen mit insgesamt 46 Theologinnen und Theologen.Statistik der Evangelischen Kirche im Rheinland zur Landessynode 2020, S. 9. Abgerufen am 27. Dezember 2020 (PDF).
2020 folgten im Hinblick auf den Bekenntnisstand 20 der damals 47 unierten Kirchengemeinden dem lutherischen Katechismus und 25 dem Heidelberger Katechismus; zwei waren Unionsgemeinden. Im Kirchenkreis standen 81 evangelische Kirchen und drei Gemeindezentren zur Verfügung, zudem 62 Gemeindehäuser und 29 Pfarrhäuser.Statistik der Evangelischen Kirche im Rheinland zur Landessynode 2020, S. 86. Abgerufen am 27. Dezember 2020 (PDF). Mehr als 30 Kirchen stammen noch aus mittelalterlicher Zeit, hinzu kommen gut 20 Barockkirchen und ein Dutzend aus dem 19. Jahrhundert. 14 Kirchen wurden im 20. Jahrhundert gebaut. Etwa 70 der Kirchen sind hessische Kulturdenkmäler.Landesamt für Denkmalpflege Hessen: Kulturdenkmäler in Hessen. Lahn-Dill-Kreis II. 2003.
Gemeinden
Siehe auch: :Kategorie:Kirchengebäude des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill