Das Legionslager Betthorus, das durch die Notitia Dignitatum, ein spätantikes Staatshandbuch, unter dem Namen Bethorus bekannt wurde,Notitia Dignitatum Oriens 37, 22Johanna Ritter-Burkert: Bethorus – Lejjun (JO). In: Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Wüstengrenze des Imperium Romanum. Der römische Limes in Israel und Jordanien. Nünnerich-Asmus, Mainz 2018, ISBN 978-3-96176-010-7, S. 120–123; hier: S. 121. ist ein spätrömisches Militärlager, dessen Garnison für den Grenzschutz in einem Abschnitt des transjordanischen Limes Arabicus entlang der Wüstengrenze zuständig war. Später nutzte auch das Byzantinische Reich den Militärstandort für gleiche Zwecke. Allem Anschein nach wurde die bereits seit dem frühen 6. Jahrhundert vernachlässigte Anlage mit einem auch an anderen östlichen Grenzposten zu beobachtenden Truppenabzug im Jahre 530 n. Chr. aufgegeben. Eine letzte Nachnutzung endete mit dem großen Erdbeben des Jahres 551 n. Chr. Das bis heute oberirdisch im Grundriss gut sichtbare Kastell befindet sich auf dem Kerak-Plateau in unmittelbarer Nähe zur modernen Siedlung Lejjun, knapp 20 Kilometer nordöstlich der Stadt Kerak im Gouvernement al-Karak in Jordanien. Das gleichfalls spätrömische Kastell Khirbet el-Fityan befindet sich nur 1,50 Kilometer westnordwestlich des LegionslagersSamuel Thomas Parker: The Limes Arabicus Project. The 1985 Campaign. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 30, 1986, S. 233–252; hier: S. 247. auf rund 800 Höhenmetern.
Lage mini|Die Landschaft am Wadi el-Lejjun Ein im Jahr 2003 begonnenes Langzeitprojekt der amerikanischen Paläoanthropologin und Archäologin Jennifer E. Jones, die bereits an dem von 1980 bis 1989 gelaufenen Limes-Arabicus-Projekt des amerikanischen Provinzialrömischen Archäologen Samuel Thomas Parker (1950–2021) beteiligt war, konzentrierte sich auf die Erforschung der vorgeschichtlichen Fundstätten von Lejjun. Jones untersuchte dabei westlich des Legionslagers neben einer Menhir-Reihe unter anderem eine große frühbronzezeitliche Befestigung. Die seit Jahrtausenden genutzte Attraktivität des Geländes wird auch durch die wesentlich älteren paläolithischen Silex-Funde unterstrichen.Jennifer E. Jones: Movement Across the Landscape and Residential Stability: Agency and Place in the Southern Levantine Early Bronze Age. In: Sharon R. Steadman, Jennifer C. Ross (Hrsg.): Agency and Identity in the Ancient Near East. New Paths Forward. Routledge, London/New York 2014, ISBN 978-1-84553-443-1, S. 13–26; hier: S. 19.
Der bis in die Spätantike fundfreie Bereich,Johanna Ritter-Burkert: Bethorus – Lejjun (JO). In: Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Wüstengrenze des Imperium Romanum. Der römische Limes in Israel und Jordanien. Nünnerich-Asmus, Mainz 2018, ISBN 978-3-96176-010-7, S. 120–123; hier: S. 120. auf dem das Legionslager errichtet wurde, befindet sich rund 14 Kilometer östlich der Via Nova TraianaJosef Mühlenbrock: Tetrapylon. Zur Geschichte des viertorigen Bogenmonumentes in der römischen Architektur. Scriptorium, Marsberg 2003, ISBN 978-3-932610-26-4, S. 237. (= Dissertation 1997) und unmittelbar südlich über dem nur wenige Meter tiefer gelegenen Wadi el-Lejjun,Samuel Thomas Parker: The Roman frontier in central Jordan. Final report on the Limes Arabicus Projekt 1980–1989. Band 1, (= Dumbarton Oaks studies 40) Harvard University, Washington, D.C. 2006, ISBN 0-88402-298-6. S. 111–272; Abb. 3.2. das zum Einzugsgebiet am Oberlauf des Wadi Mudschib gehört. Die Entscheidung für diesen Standort wurde wohl aufgrund der nahegelegenen, strategisch bedeutenden Quelle Ain Lejjun getroffen, die sich rund 500 Meter westlich des Legionslagers befindet.Samuel Thomas Parker: Lejjun. In: Yann Le Bohec: The Encydopedia of the Roman Army. Band 2, Wiley & Sons, Hoboken, New Jersey 2015, ISBN 978-1-4051-7619-4. Eine besondere Bedeutung erhält diese Quelle zusätzlich durch ihre Lage an der östlichen 200-Millimeter-Regenfallgrenze.Samuel Thomas Parker: The Roman frontier in central Jordan. Final report on the Limes Arabicus Projekt 1980–1989. Band 1, (= Dumbarton Oaks studies 40) Harvard University, Washington, D.C. 2006, ISBN 0-88402-298-6. S. 111–272; Abb. 1.2.Johanna Ritter-Burkert: Bethorus – Lejjun (JO). In: Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Wüstengrenze des Imperium Romanum. Der römische Limes in Israel und Jordanien. Nünnerich-Asmus, Mainz 2018, ISBN 978-3-96176-010-7, S. 120–123; hier: S. 120–121. Die als nicht besonders günstig anzusehende militärische Position des Legionslagers in einem flachen, „nach Osten offenen Tal, das im Norden und Süden von leichten Hügeln, im Westen von dem etwas steileren Absturz des hier endigenden Hochlandes von Moab begrenzt ist,“Alfred von Domaszewski, Rudolf Ernst Brünnow: Die Provincia Arabia auf Grund zweier in den Jahren 1897 und 1898 unternommenen Reisen und der Berichte früherer Reisender beschrieben. Band 2, Trübner, Straßburg 1905, S. 24. sollte nach Ansicht von Parker durch das nahe, wesentlich höher gelegene Kastell Khirbet el-FityanKastell Khirbet el-Fityan bei ausgeglichen werden, das über dem nördlichen Ufer des Wadi Lejjun an einem dort rund 70 Meter tief abfallenden Prallhang errichtet wurde. Die römischen Planer hatten diese Örtlichkeit mit Bedacht auf eine exzellente Fernsicht hin zur westlichen jordanischen Wüste gewählt. Khirbet el-Fityan hat nach Parker durch seine günstige Lage zusammen mit den nahe gelegenen Wachtürmen wohl die Rolle der „Augen und Ohren“ für das Legionslager übernommen.Samuel Thomas Parker: Romans and Saracens. A History of the Arabian Frontier. (= Dissertation Series/American Schools of Oriental Research 6), Eisenbrauns, Winona Lake 1986, ISBN 0-89757-106-1, S. 84. Zudem konnten die Einsatzkräfte der Grenzschutzkommandos auf den Wachtürmen über das als Signalstation genutzte Khirbet el-Fityan und das unmittelbar östlich gelegene Rujm Beni Yasser mit Betthorus kommunizieren.Rujm Beni Yasser bei
Forschungsgeschichte mini|Statt des in Wirklichkeit einspurigen Südtores, wie im Bericht von Frederick J. Bliss 1895 angegeben, zeigt seine Zeichnung wohl die bis heute höher erhaltene dreispurige Porta principalis sinistra, das Nordtor. Zu Bliss’ Zeiten befand sich das Tor allerdings in einem baulich noch besseren Zustand. Bereits früh wurde der Ruinenort von Forschungsreisenden zumindest genannt oder selbst aufgesucht. Der deutsche Orientalist Ulrich Jasper Seetzen (1767–1811) berichtete von einem alten befestigten Ort namens Ledschûn. Er hielt es für möglich, dort das römische Castra Arnonensia zu vermuten.Friedrich Karl Hermann Kruse (Hrsg.) Ulrich Jasper Seetzen’s Reisen durch Syrien, Palaestina, Phönicien, die Transjordan-Länder, Arabia Petraea und Unter-Aegypten. Band 1, Reimer, Berlin 1854, S. 417.Alfred von Domaszewski, Rudolf Ernst Brünnow: Die Provincia Arabia auf Grund zweier in den Jahren 1897 und 1898 unternommenen Reisen und der Berichte früherer Reisender beschrieben. Band 2, Trübner, Straßburg 1905, S. 24. Er selbst war jedoch nie in Lejjun. Der erste Forschungsreisende, der den Fundort aus eigener Ansicht kennenlernte,Samuel Thomas Parker: The Roman frontier in central Jordan. Final report on the Limes Arabicus Projekt 1980–1989. Band 1, (= Dumbarton Oaks studies 40) Harvard University, Washington, D.C. 2006, ISBN 0-88402-298-6. S. 111–272; hier: S. 112. war 1876 der Brite Charles Montagu Doughty (1843–1926). Der Provinzialrömische Archäologe Josef Mühlenbrock nannte Doughty daher als den Wiederentdecker des römischen Garnisonsorts. Im Jahre 1888 berichtete Doughty über seine Beobachtungen. Vor ihm lag das aus Kalkstein errichtete Mauergeviert der Ruinenstadt Lejun. Die Umfassungsmauer sowie die Ecktürme waren als Trockenmauerwerk ausgeführt und mittig in jeder Mauerseite befand sich ein Tor. In den Ruinen sah er viele erhaltene Rundbögen, die mörtellos zusammengefügt waren. Neben den Mauerresten innerhalb des Gevierts bemerkte er auch die davorliegenden Baureste. Doughty fragte sich, ob der Begriff „Lejun“ vielleicht mit dem lateinischen „Legio“ gleichzusetzen ist und überlegte, ob man in den Bauresten eine römische Militärstation sehen könne.Charles Montagu Doughty: Travels in Arabia Deserta. Band 1, University Press, Cambridge 1888, S. 20. Obwohl sich schon früh der römerzeitliche Charakter der Anlagen für die Forscher andeutete, gab es für den österreichischen Orientalisten Siegfried Langer (1857–1882) im Jahre 1881 nicht den geringsten Zweifel daran, in den Ruinen die Reste einer moabitischen Stadt zu sehen. Er wollte außerhalb der Mauern auch einen moabitischen Opferaltar erkannt haben und fühlte sich von der Bibel in seiner Vermutung recht geleitet, hier die Reste der Stadt ’Ar vor sich zu haben.Siegfried Langer: Aus dem Transjordanlande. Ein Ausflug von Es Salt nach Ma’an. In: Josef Chavanne (Hrsg.): Mittheilungen der kaiserlich-königlichen Geographischen Gesellschaft in Wien 25, Steyrermühl, Wien 1882, S. 281 ff.; hier: S. 291. Nach Langer kam auch der amerikanische Biblische Archäologe Frederick J. Bliss (1859–1937) im März 1895 an diesen Platz. Er stellte unter anderem den starken Zerstörungszustand der Ruinen fest und schloss seinen Bericht von 1895 mit den Worten: „Das Ganze deutet auf eine römische Militärstadt hin, mit starken Außenmauern und Türmen sowie symmetrisch angeordneten, aber grob gebauten Baracken im Inneren für die Soldaten und ihre Familien.“ Bliss legte als erster auch einen stilisierten Plan des Legionslagers vor und veröffentlichte zu seinem Bericht die Zeichnung eines Kastelltores.Frederick J. Bliss: Palestine Exploration Fund. Quarterly Statement for 1895. Harrison and Sons, London 1896, S. 221–223; hier: S. 221–222. Diese skizzenhafte Zeichnung zählt heute zu den wesentlichen Beiträgen, die der Besuch von Bliss hinterließ. Allerdings täuschte er sich bei der Benennung des Tores, als er es das „Südtor“ nannte. Denn auf seiner Zeichnung ist eines der beiden dreiportaligen Tore des Kastells zu sehen. Das Südtor, die Porta principalis dextra, selbst besitzt lediglich eine einspurige Zufahrt. Mit drei Portalen ist lediglich das Osttor, die Porta praetoria, oder das Nordtor, die Porta principalis sinistra, der Anlage ausgestattet. Da das Nordtor bis heute besser erhalten geblieben ist, wird die Zeichnung wahrscheinlich auch dieses Tor zeigen. Damals war das Tor noch in einem wesentlich besseren Zustand erhalten, als es sich heute präsentiert. Deutlich sichtbar sind auf der Zeichnung daher die Entlastungsbögen über den beiden kleineren Seitenportalen. Bliss bemerkte auch lange dünne Steinplatten, wie sie früher auch im Hauran zur Dacheindeckung verwendet wurden. Bei seinem Besuch im April 1896 unterstrich auch der französische Assumptionist und Byzantinist Siméon Vailhé (1873–1960) nochmals ganz deutlich, in „Ledjoun“ ein römisches Legionslager zu sehen und gab seinen Auslassungen zwei Photographien und einen weiteren Grundriss bei.Siméon Vailhé in: La Palestine, guide historique et pratique avec cartes et plans nouveaux par des professeurs de Notre-Dame de France à Jérusalem. Maison de la Bonne Presse, Paris, 1912, S. 507, 508. Im August 1896 besuchte auch der bekannte Orientalist Alois Musil (1868–1944) erstmals das Ruinengelände. Dieser Besuch war nicht sein letzter in Lejjun. Musil dokumentierte durch eine archäologisch wertvolle Photographie die steinerne Staumauer in der Nähe der Quelle. Er stellte fest, dass sich das Quellwasser zunächst in ein längliches Becken ergoss und anschließend in einen Graben am rechten Ufer des Wadi-Bettes. Weiter flussabwärts im Wadi Lejjun bemerkte er eine Grotte, die nach seiner Beschreibung zweifellos das 1980 durch Parkers Mannschaft wiederentdeckte Felsengrab am Südufer ist. Sein Bericht erwähnt auch den Qasr el-Lejjun, die bereits von früheren Reisenden bemerkte quadratisch gemauerte Plattform südwestlich des Legionslagers.