Jacob Herle (zumeist Jakob Herle; * 25. Juni 1885 in Erkelenz im Rheinland; † 8. September 1957 ebendort) war ein deutscher Wirtschaftsfunktionär. Er amtierte lange Jahre als Geschäftsführer des Reichsverbands der Deutschen Industrie. Während der NS-Diktatur war er als Abteilungsleiter der Haupttreuhandstelle Ost mitverantwortlich an der Plünderung der im September 1939 besetzten polnischen Gebiete beteiligt. mini|Dr. Jakob Herle, Portrait bei Trauerfeier, (1957)Stadtarchiv Erkelenz: F1 / Fotoalben, Nr. F1/10 LAUFZEIT 1957 - 1961 INHALT 1-5: Beerdigung Dr. J. Herle am 13.9.1957 …

Leben und Tätigkeit Frühes Leben Herle war der Sohn des Buchhändlers Bernhard Herle (1845–1898) und seiner Ehefrau Gertrud geb. Derichs (1846–1904). Er besuchte das humanistische Gymnasium in Rheydt und studierte anschließend Volkswirtschaft in Bonn, Berlin und Tübingen. Am 3. März 1910 wurde er in Tübingen mit einer von Robert Wildbrandt betreuten Arbeit zum Dr. rer. pol. promoviert.Thema der Dissertation: Die Tarifgemeinschaften in der deutschen Buchbinderei. Tübingen, 1910.

Walther Herrmann zufolge war Herle schon als Student die „Gabe des humorvollen, optimistischen Schlichtens“ zu eigen, die „sein ganzes Lebenswerk“ gekennzeichnet habe.

Tätigkeit von 1910 bis 1932 Von 1910 bis 1914 amtierte Herle als Geschäftsführer des Bundes der Industriellen. Diese Stellung erhielt er aufgrund seiner Verbindung mit dem späteren Reichskanzler und Außenminister Gustav Stresemann, der damals stellvertretender Präsident des Bundes war. Kurz nach Beginn des Ersten Weltkrieges schloss sich der Bund mit dem Centralverband deutscher Industrieller zusammen, und Herle amtierte von 1914 bis 1919 als Geschäftsführer des Kreisausschusses der Deutschen Industrie und der Deutschen Industrie-Rates. Zugleich war er Schriftleiter der Mitteilungen des Kriegsausschusses der deutschen Industrie.

Von 1919 bis 1934 war Herle Geschäftsführer des Reichsverbandes der Deutschen Industrie in Berlin. Während dieser Zeit begründete er die Kartellstelle des Reichsverbandes, den Rußland-Ausschuss der deutschen Wirtschaft sowie das Ausstellungs- und Messeamt der Industrie. Kastl sah in Herle während dieser Jahre als „Seele der Organisation“ des Reichsverbandes.

Am 9. Januar 1925 wurde in Berlin auf Einladung des Reichsverbands der Deutschen Industrie der Industrie-Pensions-Verein gegründet,IPV: 90 Jahre Industrie-Pensions-Verein e. V. Die Chronik: 1925–2015. Berlin, S. 27. mit dem Zweck, seinen Vereinsmitgliedern maßgeschneiderte Kapitalversicherungen auf den Todes- und Erlebensfall, bei Bedarf inklusive Invaliditäts- und Unfallzusatzversicherungen, als Alters- und Hinterbliebenenfürsorge zu vermitteln. Herle wurde in der Gründungsversammlung zum stellvertretenden Vorsitzenden des Verwaltungsrats berufen.IPV: 90 Jahre Industrie-Pensions-Verein e. V. Die Chronik: 1925–2015. Berlin, S. 28: Protokoll der Gründungsversammlung.

Daneben war er in der Weimarer Republik ehrenamtlicher Leiter des Deutschen Ausstellungs- und Messeamtes sowie Vorstands und Ausschussmitglied zahlreicher wirtschaftlicher und kultureller Organisationen, Vorstandsmitglied des Deutschen Versicherungs-Schutzverbandes.

Tätigkeiten 1933 bis 1945 Als Geschäftsführer des Reichsstandes der deutschen Industrie gehörte Herle 1933 zu den Gründungsmitgliedern der nationalsozialistischen Akademie für Deutsches RechtJahrbuch der Akademie für Deutsches Recht, 1. Jahrgang 1933/34. Hrsg. von Hans Frank. (München, Berlin, Leipzig: Schweitzer Verlag), S. 254. Hans Franks.

Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Joseph Goebbels berief Herle 1933 als Mitglied des Verwaltungsrats des neu konstituierten Werberats der deutschen Wirtschaft.BArch ALLPROZ 3/1299, S. 25 ff. (Digitalisat): Der Werberat der deutschen Wirtschaft. Feierliche Eröffnungssitzung 30. Oktober 1933. Identisch mit Document No. NI-1105 Office of Chief of Counsel for War Crimes. Der Werberat war eine Körperschaft des öffentlichen Rechts in der Zeit des Nationalsozialismus und diente der Gleichschaltung der Werbewirtschaft im NS-Staat. Die Eröffnungssitzung des Verwaltungsrats fand am 30. Oktober 1933 im Thronsaal des ehemaligen Ordenspalais in Berlin statt. Zu dieser waren über 50 Verwaltungsratsmitglieder aus Reichsministerien, Wirtschaft, Verbänden und Ausschüssen eingeladen worden. Staatssekretär Walther Funk vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda dankte in seiner Rede insbesondere Herle für seine Mitarbeit bei der Gründung des Werberats.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Herle im Zuge der Überführung der freien Selbstverwaltung des Unternehmertums in die staatlich gelenkte „Organisation der gewerblichen Wirtschaft“ (1935) aus seiner Stellung beim Reichsstand verdrängt, was auch laut Herrmann auf seine Freundschaft mit Heinrich Brüning zurückzuführen sein dürfte. Schon 1934 schied Herle aus dem Aufsichtsrat der Gerling-Konzern Lebensversicherungs-AG, Köln, aus.Deutscher Reichsanzeiger 1934, Nr. 165, S. 7: Bekanntmachung vom 11. Juli 1934.

Herle kam stattdessen in der Leitung der Wirtschaftsstelle des Reichsverbandes der deutschen Zeitungsverleger unter.

Ab Mai 1935 wurde Herle in den Veröffentlichungen des Deutschen Reichsanzeigers mehrfach als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Ala Anzeigen AG genannt.Deutscher Reichsanzeiger vom 10. Juli 1935, Nr. 158, p.6; ebd. vom 23. Dezember 1936, Nr. 299, p.6. Vorsitzender des Aufsichtsrats der Ala war der SS-Obergruppenführer und NSDAP-Reichsleiter für die Presse Max Amann. In der Weimarer Republik waren die Ala und die Annoncen-Expedition Rudolf Mosse die umsatzstärksten Announcenvermittler, die das lukrative Geschäft mit überregionalen Zeitungsanzeigen weitgehend unter sich aufteilten. Die Unternehmen der jüdischen Familie Mosse gerieten in den 1920er Jahren zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten und wurden im April 1933 arisiert. Die Ala wurde am 4. Mai 1934 von Alfred Hugenbergs Scherl-Verlag verkauft. Neue offizielle Eigentümer wurden der Franz-Eher-VerlagDer Eher-Verlag war der Zentralverlag der NSDAP und wurde von Max Amann geleitet. Auflagenstarke und heute dem Namen nach noch bekannte Veröffentlichungen waren das Buch Mein Kampf und der Völkische Beobachter. zu 70 % und der Werberat der deutschen Wirtschaft zu 30 %. Das Aktienkapital der Ala wurde allerdings stellvertretend weitgehend von den von Max Winkler geleiteten Treuhandgesellschaften Cautio Treuhand GmbH und Cura Revisions- und Treuhand GmbH gehalten. In einem Rundbrief wurde den Kunden 1934 mitgeteilt, dass die Ala nun auch die parteiamtliche Werbestelle der NS-Presse sei. Überregionale Anzeigen in NS-Publikationen waren über die Ala aufzugeben.

Herle stellte am 25. Januar 1936 den Antrag auf Aufnahme in die NSDAP.Bundesarchiv R 9361-VII KARTEI 98 2365: NSDAP-Aufnahmeantrag von Dr. Jakob Herle. Zum 1. April 1936 wurde Herle in die NSDAP aufgenommen (Mitgliedsnummer 3.759.329).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/15090727 Seit 1933 war Herle Mitglied der Deutschen Arbeitsfront (DAF).BArch DO 1/1008, Straf- und Prozessakte Jakob Herle, Bl. 2.

1938 wurde Herle durch die Hauptversammlung in den Aufsichtsrat der Allianz und Stuttgarter Lebensversicherungsbank AG gewählt.Deutscher Reichsanzeiger 1938, Nr. 130, S. 10: Bekanntmachung vom 31. Mai 1938.

mini|400px|Geschäftsverteilungsplan der Haupttreuhandstelle Ost mit Stand 30. Mai 1941, Position Herle markiert Im Dezember 1939 übernahm Herle die Leitung der Gruppe IV Industrie bei der Haupttreuhandstelle Ost (HTO).Rosenkötter, Bernhard: Treuhandpolitik. Die "Haupttreuhandstelle Ost" und der Raub polnischer Vermögen 1939–1945, Essen: Klartext-Verlag, 2003, S. 89 f. Nach Umstrukturierung war er bei der HTO als Abteilungsleiter III Industrie bis zum 30. Juni 1942 tätig.Mitteilungsblatt der Haupttreuhandstelle Ost vom 25. Juni 1941, Berlin, Nr. 5, S. 232 (https://d-nb.info/014681005); Bundesarchiv R144/137 Tageskopien der HTO, 1.-3. Juli 1942: Schreiben des Leiters der HTO Winkler vom 1. Juli 1942 über das Ausscheiden von Dr. Herle bei der HTO zum 30. Juni 1942 und seine zukünftige Tätigkeit bei den Unternehmen Pulverfabriken Köln-Rottweil AG und Westfälisch Anhaltinische Sprengstoff AG. 1941 stellte der Leiter der HTO Max Winkler fest: »Die eingegliederten Ostgebiete, in denen die HTO ihre Sonderaufgaben durchzuführen hat, umfasst ein Gebiet von nicht weniger als 87.000 qkm [Quadratkilometern, entspricht etwa 27 % der Fläche Polens]. Es sind wichtige Erzeugungsgebiete der Landwirtschaft, aber auch Gebiete einer leistungsfähigen und zukunftsreichen Industrie. Dieser neue Osten darf künftig nicht mehr wie bisher von einer Mischbevölkerung bewohnt werden. Seine rein deutsche Besiedelung muss sichergestellt werden. Dafür leistet die HTO entscheidende wirtschaftliche Vorarbeit.«Aus polnischer wird deutsche Wirtschaft. Dr. h.c. Winkler über die Haupttreuhandstelle Ost, in: Deutsche Zeitung im Ostland (Riga), Nr. 141, 23. Dezember 1941, S. 8. Aus der Tätigkeit der HTO, in: DAZ Nr. 620, 27. Dezember 1941, S. 4.

Die Historiker Werner Röhr und Ingo Loose beschrieben die Funktion der HTO als eine »staatliche Regulierungsinstanz für konkurrierende Beuteansprüche«Röhr, Werner: Zur Wirtschaftspolitik der deutschen Okkupanten in Polen 1939–1945, in: Eichholtz, Dietrich (Hg.), Krieg und Wirtschaft. Studien zur deutschen Wirtschaftsgeschichte 1939–1945, Berlin 1999, S. 221-251, hier S. 234., »die für eine der größten Raubaktionen verantwortlich zeichnete, die die Nationalsozialisten im besetzten Europa überhaupt übernahmen«Loose, Ingo: Rezension zu: Rosenkötter, Bernhard: Treuhandpolitik. Die »Haupttreuhandstelle Ost« und der Raub polnischer Vermögen 1939–1945, Essen 2003, und zu: Dingell, Jeanne: Zur Tätigkeit der Haupttreuhandstelle Ost, Treuhandstelle Posen 1939 bis 1945, Frankfurt a. M. 2003, in: H-Soz-u-Kult. Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften, 8. November 2004, (Zugriff am 28. Dezember 2023).. Herles Tätigkeit ist nach heutigen Maßstäben als (Beihilfe zu) Kriegsverbrechen nach Artikel 8 Abs. 2 a Nr. iv (Aneignung von Eigentum in großem Ausmaß) oder Artikel 8 Abs. 2 b Nr. viii (Beschlagnahme feindlichen Eigentums) der Legaldefinition in Artikel 8 Abs. 2 Römischen Statuts des Internationalen Strafgerichtshofs anzusehen.

1941 wurde Herle Mitglied der nach ihrem Leiter Hugo Klein benannten „Klein-Kommission“, einer vom Reichswirtschaftsminister eingesetzten dreizehnköpfigen Kommission zur Erstellung von Gutachten über die „Verteilung“ (im Sinne von Plünderung) der Eisen- und Stahlindustrie in Frankreich, Belgien und Luxemburg an deutsche Interessenten.Eichholtz: Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939–1945, Band II: 1941–1943, Berlin: Akademie-Verlag, 1985, S. 398, Anm. 25.