mini|Mary Ritter Beard 1914 Mary Ritter Beard (geboren 5. August 1876 in Indianapolis, Indiana, USA als Mary Ritter; gestorben 14. August 1958 in Phoenix, Arizona, USA) war eine amerikanische Historikerin, Autorin, Frauenrechtlerin und Archivarin für Frauengeschichte, die sich zeitlebens für soziale Gerechtigkeit einsetzte. Als Reformerin der Progressiven Ära (1896–1916) war Beard sowohl in der Arbeiter- als auch in der Frauenrechtsbewegung aktiv.
Sie gilt als die einflussreichste Vorläuferin der Frauengeschichtsforschung. Sie verfasste mehrere Bücher über die Rolle der Frau in der Geschichte, darunter On Understanding Women (1931) und ihr Hauptwerk Woman as Force in History: A Study in Traditions and Realities (1946). Darüber hinaus arbeitete sie mit ihrem Mann, dem Historiker Charles Austin Beard, als Koautorin von sieben Lehrbüchern zusammen, die das Denken von Amerikanern über mehrere Generationen prägten.
Leben
Jugend und Studium Die Eltern von Mary Ritter waren Narcissa Ritter geb. Lockwood und der Rechtsanwalt Eli Foster Ritter. Die gläubigen Methodisten hatten 1866 geheiratet. Mary Ritter war das vierte Kind der Familie und die älteste Tochter. 1893 beendete sie ihre Schulzeit an der Shortridge High School als Jahrgangsbeste und hielt die Abschiedsrede. Mit ungefähr 16 Jahren schrieb sie sich noch im selben Jahr an der DePauw University in Greencastle ein, an der schon ihr Vater und ihre Geschwister studiert hatten. Sie wurde Mitglied der Kappa Alpha Theta-Sorority und Präsidentin ihres Jahrgangs.
Ritter erklärte später, von zwei Sorority-Angehörigen in DePauw beeinflusst worden zu sein, die sich nicht auf konventionelle Kurse und Aktivitäten für Frauen beschränken ließen. Während des Studiums lernte Ritter Charles Austin Beard kennen, der seit 1895 ebenfalls in DePauw studierte, und verlobte sich mit ihm. Sie schloss DePauw 1897 mit einem Bachelor of Philosophy (PhB) ab. Im Anschluss arbeitete sie als Deutschlehrerin an der High School in Greencastle. Ihr Verlobter ging 1898 für ein Jahr nach England, um in Oxford zu studieren. Er unterstützte den Aufbau der Ruskin Hall (heutiges Ruskin College), wo Abend- und Fernkurse für Arbeiter angeboten wurden.
Aufenthalt in Europa 1900 bis 1902 Ende 1899 kehrte Charles Beard für kurze Zeit in die Heimat zurück. Mary Ritter und er heirateten im März 1900 und zogen gemeinsam nach England, wo sie zunächst in Oxford, dann in Manchester lebten. Charles Beard setzte sein Studium fort und arbeitete als Direktor der Erweiterung von Ruskin Hall in Manchester. Mary Beard studierte Geschichte und veröffentlichte im Journal von Ruskin Hall erstmals ein Essay. 1901 wurde ihre Tochter Miriam geboren.
Mary Beard war in komfortablen Verhältnissen aufgewachsen. Nun lernte sie die Notlage der Arbeiterklasse in der britischen Industriegesellschaft kennen. Emmeline Pankhurst, eine Nachbarin in Manchester, die bald für ihren Einsatz für das Wahlrecht berühmt wurde, beeinflusste sie besonders. Sie interessierte Beard für das Leben und die Probleme von Lohnarbeiterinnen und für das Frauenwahlrecht als Kraft der Veränderung. In dieser Zeit las Beard Charlotte Perkins Gilmans Women and Economics (1898), die überzeugende Anklage gegen die viktorianischen Geschlechterrollen.
Engagement für die Frauenwahlrechtsbewegung bis Ende des Ersten Weltkriegs 1902 kehrten die Beards in die USA zurück und ließen sich in New York nieder. Beide schrieben sich als Promotionsstudierende an der School of Political Science der Columbia University ein. Doktorandinnen waren zu der Zeit zwar nicht ungewöhnlich, Doktorandinnen mit einem einjährigen Kind schon. Charles Beard schloss 1904 das Promotionsstudium erfolgreich mit dem PhD ab und lehrte anschließend bis 1917 an dieser Universität, zunächst als lecturer, ab 1915 als Professor für Politik. Mary Ritter Beard dagegen hatte 1904 ihr Soziologiestudium abgebrochen.
1907 bekamen die Beards ein weiteres Kind, den Sohn William. Im selben Jahr kauften sie ein Haus mit 16 Zimmern in New Milford, Connecticut, das sie zunächst als Sommerhaus nutzten. Es gibt nur wenige Daten zu Mary Beards Aktivitäten in diesen Jahren, doch die Spuren weisen darauf hin, dass sie sich – teils gemeinsam mit ihrem Mann – für Themen der Arbeiter- und Frauenbewegung engagierte. In den Jahren von 1907 bis 1913 war sie in mehreren Frauenorganisationen aktiv, darunter der Women’s Trade Union League von New York, der Equality League for Self-Supporting Women (eine von Harriot Stanton Blatch gegründeten Wahlrechtsgruppe) und der American Socialist Society, die sich für die Bildung von Arbeitern einsetzte. In den Jahren 1910 und 1911 war sie Herausgeberin der Zeitschrift The Woman Voter, die von der Woman Suffrage Party of New York State unter der Leitung von Carrie Chapman Catt herausgegeben wurde.
1913 starben Beards Eltern. Im selben Jahr brach Beard völlig mit Catt, als diese die nun international umstrittene Emmeline Pankhurst nicht unterstützte. Im selben Jahr rekrutierten Alice Paul und Lucy Burns Beard für den inneren Kreis der Congressional Union. Das war eine neue militante Wahlrechtsgruppe (später National Woman’s Party), die sich ausschließlich darauf konzentrierte, das Wahlrecht durch Verfassungsänderungen und politische Methoden zu erreichen. Die schon länger etablierte National American Woman Suffrage Association beschränkte sich dagegen auf staats- und bildungspolitischen Mittel. Beard wurde zu einer der Hauptakteurinnen in der neuen Organisation und baute ein starkes Netzwerk auf. 1917 führte sie eine New Yorker Delegation der Union an, die gegen die Inhaftierung von Streikposten für das Frauenwahlrecht protestierte. Im November dieses Jahres gab sie aber aus unbekannten Gründen ihre Position im Beirat der Union auf.
Parallel dazu regte Mary Beard ihren Mann an, gemeinsam ein Highschool-Lehrbuch zu schreiben. In den Highschool-Klassen dieser Zeit stellten die Schülerinnen zunehmend die Mehrheit. Mary Beard schlug vor, ein Gemeinschaftskunde-Lehrbuch zu schreiben, in dem die Beiträge von Frauen zur amerikanischen Demokratie hervorgehoben wurden. 1914 kam American Citizenship heraus. Es war der Beginn einer jahrzehntelangen Kooperation, die zur Veröffentlichung von sieben gemeinsamen, äußerst erfolgreichen Werken führte. Doch Mary Beard schrieb auch an einem eigenen Buch, das im folgenden Jahr erschien (Woman’s Work in Municipalities), in dem sie die sozialen Reformbemühungen von Frauen als politische Aktivitäten herausstellte und Frauen aufforderte, Führungspositionen auf kommunaler Ebene zu übernehmen.
Nachdem die New Yorker Frauen 1917 durch ein staatliches Referendum das Wahlrecht erhalten hatten, zog sich Mary Beard aus der Wahlrechtsbewegung zurück. Von nun an legte sie den Schwerpunkt auf Forschung und Analyse und schrieb an einem zweiten Buch, A Short History of the American Labor Movement, das schließlich 1920 erschien und Teil der Worker’s Bookshelf-Reihe der Workers' Education Bureau war, das sie und ihr Mann mitgegründet hatten. Im Oktober 1917 legte Charles Beard im Streit mit der Universitätsleitung wegen der Beschränkung der Lehrfreiheit seine Professur nieder, setzte aber seine Karriere als Schriftsteller und Historiker ohne Anbindung an eine Institution fort.
Als die National Woman’s Party später die Equal Rights Amendment (Verfassungszusatz für gleiche Rechte der Frau) forcierte, brach Mary Beard endgültig mit der Wahlrechtsbewegung. Sie teilte die Ansicht von vielen für die Arbeiterbewegung Aktiven, dass dies zum Nachteil gerade für Arbeiterinnen wäre.
Nach dem Ersten Weltkrieg bis Ende der 1940er Jahre: Tätigkeit als Historikerin Nach Ende des Ersten Weltkriegs lebte die Familie ganzjährig in ihrem Haus in New Milford, dessen Bibliothek mehr als 7000 Bücher umfasste. Das Paar machte 1922 bis 1923 zwei Reisen nach Japan und China und besuchte 1927 Jugoslawien. In den 1930er Jahren verbrachten die Beards die Wintermonate in Hotels in Washington D.C., um in der Library of Congress zu recherchieren, und versuchten gleichzeitig, Einfluss auf die Politik zu nehmen. 1935 führte die New York Sun Mary Beard als eine von mehreren führenden Feministinnen an, die als Präsidentin der USA denkbar wären. Wegen Charles Beards zunehmender Schwerhörigkeit war er auf die Unterstützung seiner Frau angewiesen, wie zum Beispiel bei Anhörungen vor dem Kongress. 1939 wurde Mary Beard rückwirkend in die akademische Ehrengesellschaft Phi Beta Kappa aufgenommen. Normalerweise erfolgt eine solche Aufnahme zum Studienende, doch 1897, als Beard an der DePauw University ihren Abschluss gemacht hatte, waren grundsätzlich nur Männer auf diese Weise ausgezeichnet worden. Um 1940 sprach sich Charles Beard gegen den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg aus, wofür er – wie auch Mary Beard – angegriffen wurde.mini|hochkant|Mary Ritter Beard in späteren Jahren
Gemeinsame Veröffentlichungen mit Charles A. Beard Mary und Charles Beard veröffentlichten nach dem Ersten Weltkrieg gemeinsam sechs Bücher, beginnend mit dem zweibändigen Werk The Rise of American Civilization 1927. Diese umfassend angelegte Geschichte der USA unterschied sich grundsätzlich von anderen historischen Darstellungen, die vor den 1970er Jahren geschrieben wurden: Die Beards hoben die natürlichen und industriellen Ressourcen der Nation hervor, bezogen Literatur und Kunst mit ein und berücksichtigten die historischen Beiträge und die Situation von Frauen. Es wird angenommen, dass Mary Beard diese weitreichende Auffassung von „Zivilisation“ einbrachte, die The Rise so sehr von den Arbeiten vorangegangener Historiker unterschied. The Rise zog eine sehr breite Leserschaft an, auch außerhalb akademischer Kreise. Es hat, wie die Historikerin Ann J. Lane feststellte, das „Denken von Generationen von Amerikanern“ geprägt. Ein Historiker beschrieb The Rise als „Bibel für Tausende von uns in den 1930er Jahren“. Es folgten die Fortsetzungen America in Midpassage (1939, zwei Bände) und The American Spirit. A Study of the Idea of Civilization in the United States (1942). Letzteres trug vor allem Mary Beards Handschrift. Darüber hinaus schrieb das Paar gemeinsam zwei Lehrbücher zur US-Geschichte und als letztes gemeinsames Projekt das preiswerte Taschenbuch A Basic History of the United States (1944), das sich über 600.000 Mal verkaufte. Die Sozialwissenschaftlerin und Historikerin Margaret Crocco hob hervor, dass der spürbare „Überschwang“ dieser „gigantischen“ Werke die Freude an der gemeinsamen Arbeit sowie das Gefühl der intellektuellen Erregung widerspiegele, die das Ehepaar bei der Arbeit empfand.
Veröffentlichungen zur Frauengeschichte in den 1930er Jahren Mary Beard war der Ansicht, dass es notwendig sei, über das eng gefasste Politische hinauszugehen, um zu einer Geschichte der ganzen Menschheit zu gelangen, die auch Frauen einschlösse. Diese Überzeugung manifestierte sich 1931 in ihrem ersten Buch, On Understanding Women, das die Rolle der Frauen in der Geschichte der westlichen Zivilisation nachzeichnete. In den 1930er Jahren erreichte Beard den Höhepunkt ihrer Produktivität. In rascher Folge veröffentlichte sie America through Women’s Eyes (1933), eine Anthologie von Frauendokumenten der US-Geschichte, Laughing Their Way (1934), eine Sammlung von Frauenhumor, die sie zusammen mit Martha Bruere herausgab, einen Lehrplan mit Studienthemen und Fragen für die American Association of University Women mit dem Titel A Changing Political Economy as It Affects Women (1934) und eine Reihe von Artikeln über die Beziehung der Frauen zur Wirtschaftskrise.
Engagement für World Center for Women’s Archives (WCWA) 1935 bis 1940