mini|hochkant|Julie Kruse, Anfang des 20. Jahrhunderts Julie Sophie Elisabeth Kruse, verheiratete Röttger (* 31. August 1883 in Iserlohn; † 1. April 1956Todesdatum laut v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel, Hauptarchiv, Bethelkanzlei, Nr. 13323, Julie Röttger, Patientenakte 1. Das gelegentlich (z. B. im Deutschen Literaturlexikon) genannte Todesjahr „1944“ ist falsch. in Bethel (Bielefeld)), war eine deutsche Dichterin aus dem Charon-Kreis und die erste Ehefrau des Schriftstellers Karl Röttger. Sie veröffentlichte ihre Werke unter ihrem Geburtsnamen Julie Kruse.
Leben und Wirken Herkunft Julie Kruse war die jüngste Tochter des Kaufmanns und Inhabers eines Speditionsgeschäfts,Firma Lersch & Kruse, Adressbuch Iserlohn 1882. Julius Kruse, und dessen Frau Hedwig, geborene Achenbach. Die Familie gehörte seit Generationen zum gehobenen Bürgertum. Ein Großvater war der Theologe und Pädagoge Johann Jacob Kruse, der 1836 als Vorstandsmitglied und Sprecher der Halleschen Burschenschaft zu Festungshaft verurteilt worden war und nach seiner Rehabilitierung als Lehrer, Konrektor und Rektor in Iserlohn wirkte.Stadtarchiv Iserlohn: Johann Jacob Kruse. Die Mutter stammte, wie viele Mitglieder der Familie, aus einem evangelischen Pfarrhaus, sie wuchs in Krombach (Kreuztal) auf.Familienchronik in: Thomas Wolf: Dr. Hans Kruse (1882–1941). Politiker, Archivar und Historiker im Nationalsozialismus. Siegen 2012. Julie Kruses Schwester Hedwig (1879?–1956) besuchte ein Lehrerinnenseminar und heiratete dann den Gynäkologen und Gründer einer Frauenklinik in Siegen Friedrich Stähler (1874–1962).Auskunft des Enkels Ekkehard Stähler, Siegen 14. März 1921.Siehe auch: Archiv des Landeswohlfahrtsverbandes (LWV-Archiv) Hessen, Bestand K 16 Nr. 2229. Patientenakte Julie Röttger, geb. Kruse, aus der Landesheilanstalt Marburg. Zur Anamnese, S. 3 (eigene Angaben, maschinenschriftlich). Ihr Bruder Hans Kruse war Studienrat, Heimatforscher, Direktor des Siegerlandmuseums und des Stadtarchivs Siegen sowie Stadtverordneter. Nach ihm ist die Hans-Kruse-Straße in Siegen benannt. Kindheit, Jugend, Beruf Bereits im Alter von acht Monaten verlor Julie Kruse ihren Vater, er starb an Lungentuberkulose.Friedrich Kruse an Julie Kruses behandelnden Arzt in Bethel, vermutlich Sanitätsrat Colla, Lintorf 6. April 1924. In: v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel, Hauptarchiv, Bethelkanzlei, Nr. 13323, Julie Röttger, Patientenakte 1.Vergleiche auch: Schema zur Untersuchung von Krampfkranken der Heil- und Pflegeanstalt 'Bethel' bei Bielefeld. (Anamnesebogen) 23. März 1924. In: v. Bodelschwinghsche Stiftungen, Bethelkanzlei, Bestand HAB, Nr. 13323, Julie Röttger, Patientenakte 1. 2). Die Mutter zog ihre vier Kinder, unterstützt von Verwandten, alleine groß. Julie Kruse hatte eine behütete Kindheit, die sie in der autobiographischen Schrift Julchen, ein Buch vom kleinen Leben (1910) bewusst aus der Perspektive eines Kindes und in einer zeitgenössischen Jugendsprache geschildert hat.
Mit etwa 14 Jahren erkrankte Julie Kruse an Epilepsie. Die Krankheit war in der Familie erblich, auch ihr Bruder Fritz Kruse (1881–1946) und eine Schwester des Vaters litten daran.Schema … (Anamnesebogen) 23. März 1924. In: v. Bodelschwinghsche Stiftungen, Bethelkanzlei, Bestand HAB, Nr. 13323, Julie Röttger, Patientenakte 1. 3).Vergleiche auch: Friedrich Kruse, 6. April 1924. In: v. Bodelschwinghsche Stiftungen, Bethelkanzlei, Bestand HAB, Nr. 13323, Julie Röttger, Patientenakte 1. Trotzdem wollte sie unbedingt einen Beruf erlernen.Julie Kruse: Julchen. Charonverlag, Gross-Lichterfelde 1910, S. LXXV-LXXXIX. Angeregt durch das Vorbild ihrer SchwesterLWV-Archiv Hessen, Bestand K 16 Nr. 2229. Patientenakte Julie Röttger, Zur Anamnese, S. 3 (eigene Angaben, maschinenschriftlich). begann sie mit 18 Jahren eine Ausbildung am Lehrerinnenseminar Stift Keppel.Friedrich Kruse, 6. April 1924. In: v. Bodelschwinghsche Stiftungen, Bethelkanzlei, Bestand HAB, Nr. 13323, Julie Röttger, Patientenakte 1.In Julchen, S. LXXXIX ff. unter dem Namen „Kappellen“. In einer Zeit, in der Studentinnen erst allmählich an deutschen Hochschulen zugelassen wurden, boten Lehrerinnenseminare jungen bürgerlichen Frauen die Möglichkeit, eine eigene Ausbildung zu absolvieren und anschließend einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Mit 21 Jahren trat Julie Kruse eine Stelle als Volksschullehrerin in Düsseldorf-Rath an.LWV-Archiv Hessen, Bestand K 16 Nr. 2229. Patientenakte Julie Röttger, Zur Anamnese, S. 3 (eigene Angaben, maschinenschriftlich). Sie musste dort Klassen mit bis zu 80 Kindern unterrichten.LWV-Archiv Hessen, Bestand K 16 Nr. 2229. Patientenakte Julie Röttger, Zur Anamnese, S. 3 (eigene Angaben, maschinenschriftlich).Vergleiche auch: Julie Kruse: Julchen. Charonverlag, Gross-Lichterfelde 1910, S. CXXVII. 1905 starb ihre Mutter an Krebs. Julie bekam Beistand von ihrem Onkel Friedrich Kruse, einem Bruder ihres Vaters, und hielt sich zeitweise bei dessen Familie im Pfarrhaus von Lintorf bei Ratingen auf.Siehe Friedrich Kruse, 6. April 1924. In: v. Bodelschwinghsche Stiftungen, Bethelkanzlei, Bestand HAB, Nr. 13323, Julie Röttger, Patientenakte 1.Vergleiche auch: Julie Kruse an Friedrich Kruse, Marburg 18. August 1923. Anlage zu: Friedrich Kruse an Julie Kruses behandelnden Arzt in Bethel, Lintorf 6. April 1924. In: v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel, Hauptarchiv, Bethelkanzlei, Nr. 13323, Julie Röttger, Patientenakte 1. Wegen ihrer Krankheit war sie schon nach anderthalb Jahren gezwungen, den Lehrerberuf wieder aufzugeben.LWV-Archiv Hessen, Bestand K 16 Nr. 2229. Patientenakte Julie Röttger, Zur Anamnese, S. (eigene Angaben, maschinenschriftlich). mini|239x239px
Karl Röttger und der Charon-Kreis, Berlin Wahrscheinlich im Jahr 1903 lernte Julie Kruse den Lehrer und Schriftsteller Karl Röttger kennen, der in Düsseldorf-Gerresheim lebte. Beide schlossen sich dem von Otto zur Linde und Rudolf Pannwitz gegründeten literarisch-kulturellen Charon-Kreis an, der überwiegend von Volksschullehrern getragen wurde und ab 1904 in Groß-Lichterfelde bei Berlin die Zeitschrift Charon herausgab.Parr, Rolf: Charon, Charontiker, Gesellschaft der Charon-Freunde. In: Zeitschrift für Germanistik. N.F., Vol. 4, Nr. 3 (1994), S. 522 ff. „Die Charontiker verfolgten ein Lyrik-Reformprojekt“ bei dem „jede ‚Formkunst‘ (strenges Versmaß, Strophen- und Reimschemata, Gattungsvorgaben) verworfen“ wurde.Parr, Rolf: Charon, Charontiker, Gesellschaft der Charon-Freunde. In: Zeitschrift für Germanistik. N.F., Vol. 4, Nr. 3 (1994), S. 523. „Über den engeren Bereich der Poetik hinaus verstand sich der Charon als totalisierendes, letztlich alle Lebensbereiche übergreifendes Lebens-Reformprojekt […]“.Parr, Rolf: Charon, Charontiker, Gesellschaft der Charon-Freunde. In: Zeitschrift für Germanistik. N.F., Vol. 4, Nr. 3 (1994), S. 524. Die Gruppe hatte ein elitäres Selbstverständnis und legte gleichzeitig Wert auf Natürlichkeit, Einfachheit und Innerlichkeit. Hinzu kamen religiös-mythische Komponenten, ein einfacher Naturalismus wurde abgelehnt.Parr, Rolf: Charon, Charontiker, Gesellschaft der Charon-Freunde. In: Zeitschrift für Germanistik. N.F., Vol. 4, Nr. 3 (1994), S. 528. Unter dem Einfluss dieser Gruppe wurde auch Julie Kruse schriftstellerisch tätig. 1912 erschien ihr Gedichtband Frühwinter. Am 28. Dezember 1908 heirateten Julie Kruse und Karl Röttger in Köln.Heiratsurkunde Karl Röttger und Julie Kruse, Köln-Lindenthal, 29. Dezember 1908. (Privatbesitz). 1909 zogen sie nach Berlin. Sie wohnten in Lichterfelde und lebten unter wirtschaftlich prekären Verhältnissen als freischaffende Schriftsteller und Mitarbeiter des Charon. Julie Kruse gestaltete auch den Einband von Otto zur Lindes Publikation Die Kugel. Bd. 1. 1909. Für Julie Kruse 4/5/3 So freundlich redend gehn im stillen Park und wissen: eine Seele hört nun zu: ist schon viel Glück für einen Heimatlosen. – So lächelnd schweigend gehn im alten Park, wenn eine Seele freundlich zu mir spricht: ist wie ein Ruhn nach so langer Fahrt, ist wie ein stilles, stilles Fahren auf unbewegter Flut im Abendschein. – So zwischen freundlich Reden, freundlich Schweigen entgleitet uns die Zeit und fließt dahin Wir stehn auf einmal vor dem Abend still, der uns nun leise voneinander lösen will.Zuerst: „der uns behutsam voneinander lösen will“, handschriftlich korrigiert. K. R.
Im Juli 1913 erlitt Julie Kruse einen seelischen Zusammenbruch mit psychotischen Symptomen. Sie wurde deshalb einige Wochen in einem privaten Sanatorium in Lankwitz bei Berlin behandelt. Im August 1914 starb ihr einziges Kind, ein Sohn, bei der Geburt in Steglitz bei Berlin. Die Todesursache ist unklar, in der Patientenakte der Heil- und Pflegeanstalt Bethel steht: „angebl. Herzfehler“.So wörtlich in: Bodelschwinghsche Stiftungen, Bethelkanzlei, Bestand HAB, Nr. 13323, Julie Röttger, Patientenakte 1, Krankenblatt 13. Mai 1924, S. 1.Auch in der Anamnese der Landesheilanstalt Marburg ist dieser Grund genannt. Siehe „Krankengeschichte“ (handschriftlich) in: LWV-Archiv Hessen, Bestand K 16 Nr. 2229. Dieser Schicksalsschlag warf sie aus der Bahn, sie brach erneut zusammen und kam wiederum kurzzeitig in eine psychiatrische Klinik. Noch Jahre später trauerte sie in Briefen und Gedichten um ihr Kind.Vergleiche Als ich da saß auf dem Stein … In: Gesänge der Einsamkeit. Matthes, Leipzig/Hartenstein 1921, S. 17.G. 120. Wenn ich ein Vöglein wär. In: Julie Kruse an Karl Röttger, Bethel bei Bielefeld 28. Mai 1929. In: Nachlass Julie Kruse, Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf. Eine zweite Schwangerschaft wurde 1916 unterbrochen, in der späteren Betheler Patientenakte ist als möglicher Grund vermerkt: „angeblich wegen einer Psychose, die vorher schon 2 mal […] vorübergehend bestanden […] hatte“.Alle Angaben mit der zitierten Einschränkung („angeblich“) in: Aerztl. Fragebogen für die Aufnahme in die Heil- u. Pflegeanstalt für Epileptische 'Bethel' bei Bielefeld. (Abschrift). 22). In: LWV-Archiv Hessen, Bestand K 16 Nr. 2229. Ebenso handschriftlich in Schema … (Anamnesebogen) 23. März 1924. In: v. Bodelschwinghsche Stiftungen, Bethelkanzlei, Bestand HAB, Nr. 13323, Julie Röttger, Patientenakte 1. 29).
Trennung, Pensionärin im Siegerland, Landesheilanstalt Marburg 1915 zogen Julie Kruse und Karl Röttger zurück nach Düsseldorf, wo er wieder als Lehrer tätig war. 1916, im Jahr von Julie Kruses zweiter Schwangerschaft, begann Karl Röttger eine Beziehung mit Hella Ströter (1892–1971). Auch sie hatte als junge Frau ein Lehrerinnenseminar besucht und war vermutlich eine Zeitlang im Schuldienst tätig.Mündliche Auskunft von Gerda Freise (1919–2007), Tochter von Karl und Hella Röttger. Im Zeitraum 1917 bis 1920 bekam das Paar drei Kinder.Karl Röttger: Das Unzerstörbare. List-Verlag, Leipzig 1937, S. 104–106.Die Kinder wurden alle gemeinsam am 14. April 1926 in Solingen getauft. (Taufschein mit Geburtsdaten von Helmut, Gerda und Rotraud Röttger in Privatbesitz). 1920Hans Kruse an den Vorstand der Anstalt Bethel, Siegen 19. März 1924. In: v. Bodelschwinghsche Stiftungen, Bethelkanzlei, Bestand HAB, Nr. 13323, Julie Röttger, Patientenakte 1. oder 1921Angabe laut: Schema … (Anamnesebogen) 23. März 1924. In: v. Bodelschwinghsche Stiftungen, Bethelkanzlei, Bestand HAB, Nr. 13323, Julie Röttger, Patientenakte 1, 29). wurde Karl Röttger von Julie Kruse geschieden und konnte Hella Ströter heiraten.