10:9 für Stroh ist eine 1998 veröffentlichte Universitätserzählung des deutschen Schriftstellers Eckhard Henscheid. Der Text erschien im gleichnamigen Buch mit zwei weiteren Erzählungen im Alexander Fest Verlag. Er ist eine satirische Schlüsselerzählung über die Doktorprüfung des Literaturkritikers und Historikers Gustav Seibt im Juli 1990 an der Universität Konstanz und enthält zahlreiche Bezüge zu Figuren des intellektuellen Lebens wie Frank Schirrmacher, Dieter Groh, Ruth Groh und Arno Borst sowie Mitgliedern der Forschungsgruppe Poetik und Hermeneutik.
Handlung Überblick mini|Universität Konstanz Erzählt wird der Tag des öffentlichen Rigorosums des Doktoranden und Publizisten Greif an der „Reformuniversität Baden-Baden“. Geschildert werden ein heißer Julitag bestehend aus der Hinfahrt von Greif und seinen Begleitern Schummetpeter, dessen Freundin Epps, dem namenlosen Ich-Erzähler und Gries aus Konstanz sowie dem Mittagessen in Baden-Baden (S. 7–23), eine dreiteilige Prüfung in einem Universitätsraum bei den Professoren Stierl, Stroh und Bock mit anschließender Verkündung der Note summa cum laude (S. 23–111) sowie das gemeinsame Abendessen in einem Ausflugslokal am Rhein und die Abfahrt (S. 111–135).Eckhard Henscheid: 10:9 für Stroh – Drei Erzählungen. 1998, Berlin: Alexander Fest, S. 7–135 (Seitenangaben im Text).
Das Rigorosum Die Doktorprüfung besteht aus drei Teilen: Zunächst wird Greif 24 Minuten lang von Prüfer Stierl befragt (S. 23–26). Anschließend findet ein Zwiegespräch zwischen Prüfer Stroh und Greif statt (S. 26–73). Nach einer Pause übernimmt Prüfer Bock das Gespräch (S. 75–97). Während des Rigorosums und des anschließenden Abendessens werden zahlreiche Autoren (s. u.), Texte und historische Ereignisse erwähnt, die die Diskutanten und der Ich-Erzähler teilweise ungenau wiedergeben. Die Prüfung wird unterbrochen durch eine Szene, in der Greif aufsteht und anderthalb Liter Wasser aus einem aus der Wand ragenden Rohr trinkt (S 55 f.). In der Pause geht Greif, der vor der Prüfung zwei Glas Bier bestellt hat, zur Toilette.
Nach der Prüfung bittet Stroh Greif in sein Sprechzimmer. Er eröffnet ihm zunächst, dass er ihm statt der Note 0,0 nur die Gesamtnote 0,17 geben könne. Als Gründe nennt Greif später die „Vermixung von Verdinglichung und Instrumentalisierung“, Greifs unscharfen Gebrauch des Begriffs der „Entfremdung“ sowie den Umstand, dass ihm Stroh seine Entscheidung, in die freie Publizistik zu gehen, nie nachgesehen habe. Stroh bietet Greif eine vom baden-württembergischen Kultusminister Mayer-Vorfelder geschaffene Planstelle als Wissenschaftlicher Assistent an (S. 100 f.). Nach dem Abendessen teilt er ihm jedoch mit, die Stelle erhalte Dieter Asmus, der gerade bei Jürgen Habermas promoviert habe (S. 133). Nachdem Stroh Schummetpeter geholfen hat, sein Auto aufzutanken, fährt die Gruppe zurück nach Baden-Baden.
Greif vs. Stroh Die Handlung wird im Präteritum aus der Perspektive eines 49-jährigen Ich-Erzählers (Henscheids Alter 1990) wiedergegeben, der am Ende der Prüfung (ab S. 90) beginnt, an Greif und seinen Prüfer Stroh Punkte zu verteilen. Stroh entscheidet den Zweikampf am Ende des Texts mit 10:9 für sich, worauf sich der Titel bezieht. Die Punkte werden für folgende Leistungen vergeben:
1:0 für Greif durch das Klopfen an Strohs Sprechzimmertür vor der Prüfung 0:2 für Greif, weil er vor der Prüfung Stroh vor der Tür stehen lässt 1:2 für Stroh durch Übernahme des Prüfungsvorsitzes 3:1 für Greif durch Demonstration seines Wissens 2:3 für Stroh durch dessen Verdächtigung, Greif gehorche dem „Neokonservatismus“, ihm fehle dessen „68er-Erfahrung“ 4:2 für Greif aufgrund der „Wasserrohrhahngeschichte“ 3:4 für Stroh aufgrund seines Eingestehens des Versäumnisses der Fürsorgepflicht für Greif 5:3 für Greif für glanzvolles Ende der Prüfung (Wh. auf S. 97) 6:3 für Greif, der Stroh noch einmal „verprügelt“ habe (Wh. auf S. 99) 4:6, 6:4 für Stroh für Greifs „Notendegradierung“ (S. 108) 7:4 für Greif für die „Freundlichkeit von Strohs Zuladung und Hinzuziehung“ (S. 109) 5:7 für Stroh für die Zusage des abendlichen Erscheinens (S. 109) 6:7 für Stroh für die Entschuldigung für ein eventuelles Fernbleiben wegen einer Verabredung mit Ehefrau und das rasche Erscheinen ihres Aufsatzes im Merkur (S. 111) 7:7 für Stroh für dessen Erscheinen beim Abendessen (S. 113) 8:7 für Greif durch einen Minustreffer für Strohs schiefgegangenen Versuch, die Gesellschaft mit seiner ausgefeilten Essenswahl („Zander-Knockout“) zu beeindrucken (S. 117 f.) 9:7 für Greif aufgrund des müden Strohs Unfähigkeit, dem zu Hochform auflaufenden Greif Paroli zu bieten (S. 122) 8:9 für Stroh für dessen Verweigerung der Assistentenstelle (S. 133) 9:9 für Stroh für die Hilfe bei der Suche nach einer Tankstelle mit Benzinautomat (S. 134) 10:9 für Stroh, indem er Greif einen 50-Markschein am Tankstellenautomaten wechselt (S. 135)
Figuren
Greif mini|Gustav Seibt Greif (ohne Vorname und Altersangabe) arbeitet seit einigen Jahren als Publizist für das Institut seines Chefs Schummetpeter. Er hat seine Dissertation über „irgendeinen mittelalterlichen Anonimo“ verfasst und bereits vor einigen Jahren bei einem „Spezialverlag“ veröffentlicht. Gustav Seibt, an den die Figur des Greif angelehnt ist, verteidigte seine Dissertation am 5. Juli 1990 in einer zweistündigen Prüfung in Konstanz. Er veröffentlichte sie unter dem Titel Anonimo romano. Geschichtsschreibung in Rom an der Schwelle zur Renaissance 1992 bei Klett-Cotta. Seit 1985 arbeitete Seibt für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, deren Literaturressort seit 1989 von Frank Schirrmacher (Vorbild für Schummetpeter) geleitet wurde. In der Erzählung macht Schummetpeter Greifs Promotion zur Bedingung. Schirrmacher hatte von FAZ-Verleger Joachim Fest für seinen Aufstieg als Literaturchef die Auflage einer Promotion erhalten. Schirrmacher reichte als Dissertation einen Text ein, der in großen Teilen bereits zuvor als Buch bei Suhrkamp erschienen war.
Die Konstanzer Promotionsordnung forderte, dass der Promovend seine Kompetenz in einem Kolloquium über drei Thesen unter Beweis stellte, die nicht in den Bereich seiner Dissertation fielen.Universität Konstanz: Promotionsordnung (1982, 1986) § 13., zit. nach Hanspeter Marti: Art. „Disputation“, in: Gert Ueding: Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Tübingen 1992, S. 879f. Die drei Thesen Greifs werden in der Erzählung nicht genau wiedergegeben. Das erste Gespräch mit Stierl dreht sich um die „Theorie der Mafia“ und Thesen Max Webers, die beiden anderen Gespräche handeln von allgemeinen Themen der Geisteswissenschaften und deren Theorien, von Philosophie und Geschichtsschreibung sowie von Autoren des Mittelalters und der Frühen Neuzeit.
Schummetpeter mini|Frank Schirrmacher Dr. Frank O. Schummetpeter ist der knapp 32-jährige Chef von Greif, in dessen Volvo die Gruppe von Konstanz nach Baden-Baden fährt. Er leitet das „Institut für angewandte Trend- und Kommunikationswissenschaften“ in Konstanz und fungiert als „Senioreditor“ des Hausblatts „Libero – Zeitschrift für Wendekultur und Kulturwende“. Seitdem er einen Doktortitel trägt, sind dessen Umsatzzahlen erheblich gestiegen. Für sein Institut hat er Fördergelder bekommen, die eigentlich in die ehemalige DDR nach der Wende fließen sollten. Sein Mitarbeiter Gries berichtet dem Erzähler beim Abendessen von Schummetpeters eigener Promotion:Greif […] habe diesen seinen Doktor heute ja keineswegs nur deshalb gebaut, damit noch ein zweiter Doktor neben Schummetpeter da sei, damit also noch ein Doktor auf unserem Konstanzer Institutsbriefkopf auftauche […]. Sondern genauer genommen, weil […] Schummetpeters eigener Doktor rechtlich nämlich ziemlich ungewiß sei. Nämlich dieser Doktor sei […] nur und angeblich von der Universität Addis Abeba verliehen, in den Fächern Sozialwissenschaft und Semiologie sowie natürlich Thomas Mann und Kafka, also Dekonstruktivismus. Und abgesehen von der fraglichen Kompetenz der Universität Addis Abeba bei Kafka und Dekonstruktivismus […] sei diese Dissertation, wie er von afrikanischen Freunden höre, offenbar insgesamt so ungewiß wie Schummetpeters zuvor schon erfolgte Kindesentführung in Oberäthiopien. Auch die sei ja noch keineswegs erwiesen. (S. 124)Die Passage spielt auf Details aus der Biografie von Frank Schirrmacher an, die der Spiegel 1996 veröffentlichte. Der ohne Autornamen veröffentlichte Artikel stammt von Jan Fleischhauer und basiert auf Recherchen von Rembert Hüser. Schirrmacher war 1988 bei Hans Ulrich Gumbrecht in Siegen mit der Arbeit Schrift als Tradition. Die Dekonstruktion des literarischen Kanons bei Kafka und Harold Bloom zum Dr. phil. promoviert worden. Nach Angaben von Michael Angele hatte Seibt Gumbrecht darum gebeten, Schirrmacher als Promovenden anzunehmen. Der Text von Schirrmachers Dissertation stimmte in großen Teilen mit der 1987 unter dem Titel Verteidigung der Schrift. Kafkas „Prozess“ in der Edition Suhrkamp veröffentlichten Magisterarbeit überein. Die Publikation wird in der Bibliographie nicht genannt.
Schirrmacher hatte mit seinen Eltern zwischen 1960 und 1962 als Kind in Addis Abeba gelebt und später angegeben, er sei dort entführt worden. Später sagt Schummetpeters Freundin Epps, er habe seinen Doktortitel lediglich für sein Klingelschild in Kreuzlingen benötigt (S. 126). Schummetpeter sei angeblich auf einem Schiff zwischen Feuerland und Europa geboren worden, habe seine frühe Kindheit „in der Camus-Stadt Maghreb“ verbracht und seine Jugend in Zürich bzw. St. Margarethen. Das Abitur habe er in Norwich abgelegt und die Examensprüfungen in Addis Abeba über Max Weber und Franz Kafka (S. 129 f.).
Der Erzähler beschreibt zahlreiche körperliche Details Schummetpeters: er hat einen „schon in frühen Jahren recht ausschweifenden Körper“ (S. 13), ein „rotbackiges und zugleich so käsiges Gesicht“ (S. 129) und trägt eine „altväterlich geleckte und geschleckte Haartolle“ (S. 80). Er kratzt sich vor der Prüfung „ausladend und wie abwesend an der Hose, an der Geschlechtsgegend“ (S. 18), nimmt aus einer Tüte mit der Aufschrift „Take it easy“ wiederholt Pillen „zur Gemütsaufhellung“ (S. 80) und lässt während der Prüfung ein „Furzgeräusch“ (S. 92) vernehmen.
Stroh Der Mittfünfziger Stroh führt als Prüfer das längste Gespräch mit Greif und verkündet ihm anschließend die Note. Er bietet ihm eine Assistentenstelle an, zieht diese Offerte später jedoch wieder zurück. Er ist Professor an der 1976 gegründeten „Reformuniversität Baden-Baden“, die auf die 1966 gegründete Reformuniversität Konstanz anspielt. In einer vom Erzähler aufgestellten Punktewertung schlägt er den Prüfling Greif mit 10:9. Der Erzähler spielt mit der Bedeutung der Namen Greif und Stroh, wenn Greif erklärt, „der Griff nach dem Naturbegriff, so der sich immer noch wärmer und feuriger redende Kandidat, sei praktisch leeres Stroh, rief Greif entflammt“ (S. 48).
Stroh wird als Verfasser mehrerer Bücher genannt. Seine Habilitationsschrift Negative Integration und revolutionärer Attentismus erschien 1974 (S. 54, 66). So lautet der Titel der Habilitationsschrift des Konstanzer Historikers Dieter Groh. Stroh ist Autor des Buchs Anthropologische Strukturen der Geschichte (S. 27), Groh schrieb das Buch Anthropologische Dimensionen der Geschichte (1992). Erwähnt wird außerdem ein Buch über modernen Naturbegriff (S. 34 f.), das Stroh mit seiner Frau Esther Stroh-Habicht verfasst hat, außerdem ist die Rede von einem Auftragswerk für das Wissenschaftskolleg Berlin (S. 109) und einem Aufsatz im Merkur (S. 111). Groh schrieb mit seiner Frau Ruth Groh zwei Bände zum Naturbegriff, jeweils mit dem Titel Zur Kulturgeschichte der Natur (1991, 1996). Zudem verfassten die beiden einen Merkur-Aufsatz über Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux, die wiederholt Gegenstand des Prüfungsgesprächs ist.
Bock