Ein Schritt nach Gomorrha ist eine Erzählung von Ingeborg Bachmann, die 1961 in ihrem ersten Erzählband Das dreißigste Jahr erstmals veröffentlicht wurde. Darin wird die Begegnung der verheirateten Wiener Künstlerin Charlotte und der Studentin Mara geschildert, die nach einer Einladung bis zum Morgengrauen zusammenbleiben. Es kommt zwar nicht zu einer dauerhaften Liebesbeziehung zwischen den beiden, aber Charlotte stellt in dieser Nacht nicht nur ihre Ehe, sondern auch die Geschlechterrollen auf den Prüfstand. Sie verspürt Sehnsucht nach Autonomie und einer neuen Art von Beziehung und Sprache, doch die Umsetzung in die Realität scheitert.

Der Text wurde und wird aus unterschiedlichen Richtungen rezipiert. In frühen Besprechungen wurde oft die Verführung Charlottes durch Mara als zentrales Element des Textes hervorgehoben, was wegen der Tabuisierung lesbischer Liebe in den 1960er und 1970er Jahren nicht selten zu Unverständnis oder Ablehnung führte. Feministische Ansätze erweiterten in den 1970er Jahren das Spektrum. In den 1980er Jahren kam eine Sichtweise des Textes als Gegenentwurf zum Juden- und Christentum und weibliche Variante eines Erlösungs- und Schöpfungsmythos hinzu. Im 21. Jahrhundert wurden Erkenntnisse der Queer-Theory auf die Erzählung angewendet, von anderer Seite aber verworfen. Die beiden Frauen wurden im Lauf der Rezeptionsgeschichte teils als zwei Figuren gedeutet, teils wurde aber auch Mara als Teil von Charlotte oder als ihr Spiegelbild gesehen.

Ein Schritt nach Gomorrha zählt zu den frühesten feministischen Äußerungen der deutschsprachigen Literatur der Nachkriegszeit. Es ist die erste deutschsprachige Erzählung seit 1945, in der eine mögliche lesbische Beziehung als Alternative zur Ehe zwischen Mann und Frau thematisiert wird.

Entstehung mini|Buchcover Das dreißigste Jahr, Salzburger Edition, 2020 Der Text wurde im Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und dem Schriftsteller Max Frisch mehrfach erwähnt. Bachmann arbeitete im Februar und März 1961 an der Erzählung, die damals noch den Titel Die Schläferinnen trug.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, Brief 123, S. 214.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, Brief 124, S. 217. Die Autorin befand sich gerade auf einer Lesereise durch Deutschland. In einem Brief vom März 1961 nannte Bachmann den Text „die Frau-Mädchen-Geschichte“.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, Brief 131, S. 234. Sie schrieb, der Verlag finde den Titel Ein Schritt nach Gomorrha besser als Die Schläferinnen und fragte Frisch nach seiner Meinung dazu. Bachmanns Verleger Klaus Piper hatte ihr vorgeschlagen, den Text in München in Klausur fertigzustellen, doch sie beendete die Arbeit erst in Uetikon, wohin sie Mitte März 1961 zurückkehrte.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, Anmkerung 16 zu Seite 217, S. 754. Abgeschlossen wurde die Erzählung unter dem Titel Ein Schritt nach Gomorrha als letzte des Bandes Das dreißigste Jahr erst im April 1961.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, Anmerkung 16 zu Seite 217, S. 754. Gomorrha taucht nur im Titel auf. Als intertextuelles Element verweise es, so Ursula Töller, auf die Bibel und „unterstreicht die Gedächtnisfunktion der Literatur“. Leena Eilittä merkte zu diesem Titel an, er rufe Gedanken an die Apokalypse und göttliche Gnade wach, aber auch an das Leben von Sexualität außerhalb traditioneller Normen. Gomorrha wird dabei, so Karin Hügel, als Metapher für einen lesbischen Ort gelesen.

Inhalt Die Erzählung beschreibt einen Wendepunkt im Leben einer Wiener Künstlerin.

Die erfolgreiche Wiener Konzertpianistin Charlotte ist mit Franz verheiratet, der bei der Gestaltung der ehelichen Wohnung und im Leben des Paares insgesamt der Bestimmende ist. Er ist im Zug auf dem Weg nach Hause, Charlotte gibt zu Hause eine Einladung. Zu später Stunde sind alle Gäste bis auf die lesbische Studentin Mara gegangen. Charlotte will sie loswerden, um am nächsten Tag früh aufstehen und die Wohnung für Franz’ Rückkehr in Ordnung bringen zu können. Doch sie spürt auch eine Verheißung. Die Studentin bringt Charlotte dazu, mit ihr in eine Bar zu wechseln. Mara ist mit diesem Raum vertraut und übernimmt die Führung: Sie tanzt für Charlotte, beginnt um sie zu werben und duzt sie. In einer Mischung aus Naivität, Taktlosigkeit und Zudringlichkeit beginnt sie ein Eroberungs- und Verführungsspiel und drängt Charlotte in die Defensive. Zunächst wehrt sich Charlotte gegen Maras erotische Ausstrahlung, doch ihre Finger geben dem Druck von Maras Händen unter dem Tisch nach. Auf Charlottes Wunsch zurück in der Wohnung bettelt Mara unterwürfig und weinend um Charlottes Liebe. Diese reagiert kühl, doch als Mara sich eindringlich als Ungeliebte darstellt, beginnt auch Charlotte zu weinen. Mehr und mehr lässt Charlotte sich auf Mara ein, die ihr Zärtlichkeiten und Küsse gibt. Die Künstlerin gefällt sich in ihrer neuen Rolle als Dominante und will Mara zu ihrem Geschöpf machen. Sie löst damit schließlich bei der jungen Frau einen Wutanfall aus, in dem diese Einrichtungsgegenstände und Geschirr zertrümmert. Charlotte schreitet nicht ein. Die Kommunikation zwischen den beiden Frauen ist schwierig, da Charlotte Maras Sprache nicht versteht und diese nur Liebe und Zärtlichkeiten will. Charlotte streichelt Maras Kopf und gibt sich dabei ihren Gedanken hin: In inneren Monologen werden ihr die Mechanismen von Dominanz und Unterwerfung bewusst, die sie in Beziehungen mit Männern generell und in ihrer Ehe lebt. Innerlich distanziert sie sich von der Beziehung mit Franz und der Ehe als Institution. Sie wünscht sich eine Beziehung mit veränderten Geschlechterrollen und einer anderen, unbefangenen Sexualität und entwickelt Ansätze zu einer Utopie, in der weibliche Selbstbestimmung möglich ist. Sie küsst das schlafende Mädchen. Als Mara erwacht, gelingt es jedoch nicht, Charlottes Phantasien in die Wirklichkeit umzusetzen. Beide erkennen, dass sie den richtigen Zeitpunkt versäumt haben, der partielle Ausbruch innerhalb der bestehenden Ordnung ist gescheitert. Am Ende liegen sie schlafend nebeneinander auf dem Bett.

Form mini|Franziskanerplatz mit Mosesbrunnen

Aufbau Die Handlung spielt im 1. Wiener Gemeindebezirk, der Inneren Stadt. Sie beginnt und endet in der Wohnung von Charlotte und Franz am Franziskanerplatz, dazwischen liegen ein Aufenthalt in einer nahen Bar und die Wege zwischen den beiden Orten. Mit dem Motiv der Verwüstung von Charlottes Wohnung beginnt die Erzählung. Es setzt sich in der Wohnung später mit dem Zerschlagen von Geschirr fort, der Weg zwischen Wohnung und Bar wird mit einem „Höllenraum“ verglichen, und auch in der Bar finden sich Zeichen von Vernichtung.

Die erzählte Zeit umfasst eine Nacht. Das lineare Zeitkontinuum wird, so Ursula Töller, schon in den einleitenden Sätzen durch die Charakterisierung „zu spät“ gebrochen. Anfangs ist es zu spät, um die Verwüstung der Wohnung aufzuhalten, am Ende, um eine Veränderung zu erreichen. So rahmt die „Spannung einer andauernden Nachträglichkeit“ die Erzählung. Immer wieder wird die Zeit als zerrissenes Ganzes erlebt Mara löst Erinnerungen aus, die Erinnerungen von Charlotte mit Bildern von Weiblichkeit verbindet. Charlottes Fähigkeit der Erinnerung hebt an mehreren Stellen den Unterschied zwischen den beiden Figuren hervor: Mara antwortet auf die Frage, was sie wolle, wiederholt mit: „Nichts.“ Damit werde sie, so Ursula Töller, zu einer stilisierten weibliche Figur, die keinen Zugang zu ihrer Vergangenheit habe. Mara sei eine Verkörperung des Augenblicks, ein „stilisiertes Heute“, demgegenüber stehe Charlotte für die lineare Zeit. Aus dieser Konstellation erwachse die Möglichkeit für einen Austritt aus der linearen Zeit.

Die Handlung sei, so Kathrin Witter, wie im klassischen Drama in fünf Abschnitte zu gliedern: Exposition: das Ende der Feier; Komplikation: der Ausflug in die Bar; Peripetie: die Handlung in der Wohnung, solange Mara wach sei; Retardation: Charlottes Überlegungen bei der schlafenden Mara; Katastrophe und Dénouement zugleich: die Situation nach Maras Aufwachen. Sowohl in der Wohnung als auch in der Bar dominiert Mara, Charlotte reflektiert deren Rolle. Der Zerstörungsanfall stellt einen Wendepunkt dar, nach dem Charlotte eine Utopie von Freiheit und Autonomie von Rollenbildern imaginiert. Das Ende zeigt Charlotte nach der Darstellung eines symbolischen Todes der beiden Frauen zurück im morgendlichen Alltag. Diese Phasen werden von unterschiedlichen grammatikalischen Modi begleitet: Anfang und Ende stehen im Indikativ, das erzählerische Präteritum ist dominant. Charlottes gedanklicher Alternativentwurf zum Bestehenden steht dagegen im Konjunktiv. Zusätzlich zur äußeren und inneren Handlungsebene enthält die Erzählung auch eine Erinnerungsebene Charlottes zu ihren bisherigen Beziehungen.

Erzählsituation Es dominiert fast ausschließlich die personale Erzählsituation. Charlottes Innenperspektive werde, so Jost Schneider, mit zahlreichen Mitteln wie Innerer Monolog und Erlebte Rede „virtuos“ dargestellt, eine Gegenüberstellung zweier Bewusstseinsinstanzen gebe es jedoch nicht. Für den Erzählstil Bachmanns zu dieser Zeit sei dieses Vorgehen „relativ untypisch“; alle anderen Figuren werden fast nur aus der Außenperspektive dargestellt. Nur in einer Paraphrase wird deutlich, dass der Erzähler die Zukunft der Figuren kennt. An den wenigen Stellen mit auktorialer Erzählperspektive werde eine „prinzipielle Ehekritik“ formuliert, die als Rechtfertigung der Veränderungswünsche Charlottes gelesen werden könne. Schneider hält für diese Erzählung anders als für Bachmanns übrige Texte eine „identifikatorische Lektüre“ für zulässig und „zielführend“, da hier nicht wie in anderen Texten Bachmanns das Verhalten der Protagonistin von einem übergeordneten Standpunkt aus beurteilt werde. Bachmann verzichte darauf, die Figuren mit ironisierenden Bemerkungen oder durch einen Erzählerkommentar zu „hintergehen“. Sigrid Weigel wies darauf hin, dass Bachmann in ihren Erzählungen zur Bestimmung der Erzählposition häufig das männliche Pronomen er wähle. Die weibliche Variante gebe es jedoch nicht nur in Ein Schritt nach Gomorrha: Bachmann verwendete sie auch in einigen Erzählfragmenten der 1950er Jahre, die zu den Vorarbeiten zu Das dreißigste Jahr gehörten, in einigen Fragmenten der Todesarten und im Band Simultan, dessen Texte sie als „undramatische Seitenstücke zum Todesarten-Projekt“ verstanden haben wollte.

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