Verdrängungswettbewerb (oder ruinöser Wettbewerb) ist in der Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre und Wettbewerbspolitik ein Konkurrenzverhalten, das darauf gerichtet ist, Konkurrenten zum Marktaustritt zu zwingen.Ludwig G. Poth, Gudrun S. Poth, Marcus Pradel: Gabler Kompakt-Lexikon Marketing. 3. Auflage. Gabler, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-8349-0141-5, S. 455.Hermann May, Claudia Wiepcke (Hrsg.): Lexikon der ökonomischen Bildung. 8., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage. Oldenbourg, München 2012, ISBN 978-3-486-70541-6, S. 655.
Allgemeines Das Kompositum Verdrängungswettbewerb setzt sich aus „Verdrängen“ und Wettbewerb zusammen, es handelt sich mithin um eine bestimmte Wettbewerbsform. Verdrängungswettbewerb ist die Tendenz marktbeherrschender Unternehmen und von Oligopolen, schwächere Konkurrenten vom Markt zu verdrängen. In der Wettbewerbspolitik handelt es sich um ein Konkurrenzverhalten, das durch Preisverfall und damit zu geringe Gewinne oder auch Verluste für die betroffenen Unternehmen gekennzeichnet ist.Michael Tolksdorf: Ruinöser Wettbewerb. Berlin 1971, S. 29.
Die Fachliteratur unterscheidet beim Marktverhalten verschiedene Arten des marktkonformen Verhaltens (Marktanpassungsformen und Marktstrategien) und des marktfeindlichen Verhaltes, wozu auch der Verdrängungswettbewerb gehört.Michael Hohlstein, Barbara Pflugmann-Hohlstein, Herbert Sperber, Joachim Sprink: Lexikon der Volkswirtschaft (= dtv. 5898, Beck-Wirtschaftsberater.). 3., vollständig überarbeitete Auflage. Deutscher Taschenbuch-Verlag u. a., München 2009, ISBN 978-3-423-05898-8, S. 719. Der auf die Gewinnung von Marktanteilen und die Ausdehnung von Kapazitäten orientierte Verdrängungswettbewerb sorgt für einen permanenten Druck auf die Marktpreise.Peter Klaus, Winfried Krieger (Hrsg.): Gabler Lexikon Logistik. Management logistischer Netzwerke und Flüsse. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Gabler, Wiesbaden 2000, ISBN 3-409-29502-X, S. 171. Verdrängungswettbewerb zeichnet sich also dadurch aus, dass Wettbewerber aus dem Markt ausscheiden und dass der „Verdränger“ ein Unternehmen ist, das seine Marktmacht erhöhen will.Joachim Lücking: Marktaggressivität und Unternehmenserfolg. Theoretische Ansätze und empirische Untersuchung in Märkten für technische Gebrauchsgüter (= Schriften zum Marketing. 38). Duncker & Humblot, Berlin 1995, ISBN 3-428-08400-4, S. 51, (Zugleich: Erlangen-Nürnberg, Universität, Dissertation, 1994).
Im angelsächsischen Sprachraum wird beim Verdrängungswettbewerb dem Konkurrenten die „Kehle durchgeschnitten“ ().
Definitionen Lediglich eine Minderheit geht in der Fachliteratur davon aus, dass sich ruinöser Wettbewerb und Verdrängungswettbewerb unterscheiden und keine Synonyme sind. Unterschiede werden gesehen im Ursache-Wirkungszusammenhang.Michael Tolksdorf: Ruinöser Wettbewerb. Berlin 1971, S. 201 f. Der ruinöse Wettbewerb ist demnach gekennzeichnet durch eine verzögerte Anpassung vorhandener Überkapazitäten,Michael Tolksdorf: Ruinöser Wettbewerb. Berlin 1971, S. 88 ff. wobei wegen hoher Faktorimmobilitäten zunächst Preissenkungen vorgenommen werden, ohne die Überkapazitäten abzubauen. Der Anpassungsprozess an die veränderte Marktentwicklung gelingt dagegen nicht.Michael Tolksdorf: Ruinöser Wettbewerb. Berlin 1971, S. 203. Ruinöser Verdrängungswettbewerb ist demnach gekennzeichnet durch unterdurchschnittliche Gewinne oder gar Verluste und ein hohes Insolvenzrisiko beim zu verdrängenden Konkurrenten.
Der überwiegende Teil der Fachliteratur sieht in beiden Begriffen dagegen Synonyme.Hilmar Götz: Volkswirtschaftslehre. Vieweg, Braunschweig 1977, ISBN 3-528-04107-2, S. 136.Michael Hohlstein: Grundzüge der Mikroökonomie – Mathematische Grundlagen der Volkswirtschaftslehre. 2. durchgesehene und ergänzte Auflage. AVM, München 2021, ISBN 978-3-96135-014-8, S. 46 f.
Auch wettbewerbsrechtlich gelten beide Begriffe als Synonyme. Vom „Verdrängungswettbewerb bzw. ruinösem Wettbewerb wird gesprochen, wenn auf dem relevanten Markt insbesondere aufgrund von Überkapazitäten ein intensiver Preiswettbewerb … zu beobachten ist…“.Peter Jung, Philippe Spitz (Hrsg.): Bundesgesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG). 2. Auflage. Stämpfli, Bern 2016, ISBN 978-3-7272-2573-4, S. 162.
Grundlagen in den Wirtschaftswissenschaften Verdrängungswettbewerb als marktstrategischer Kampf In der mikroökonomischen Theorie von Helmut Arndt (1966) wird der ruinöse Wettbewerb als Marktstrategie beschrieben. Bereits auf dem Markt etablierte Unternehmen können durch gezielte Preisunterbietungen die kostengünstigere Konkurrenz vom Markt vertreiben und weitere potenzielle Konkurrenz verhindern.Helmut Arndt: Mikroökonomische Theorie. Band 2: Marktprozesse. Tübingen 1966, S. 57. Damit könnte das Unternehmen eine marktbeherrschende Stellung erreichen.Helmut Arndt: Mikroökonomische Theorie. Band 2: Marktprozesse. Tübingen 1966, S. 232.
Nach Ernst Heuss (1965) bezieht sich die Situation des ruinösen Wettbewerbs auf einen Kampf zwischen Wirtschaftskartell und Außenseiter.Ernst Heuss: Allgemeine Markttheorie. Tübingen u. a. 1965, S. 222. Das Kartell ist seinen Mitgliedern verpflichtet, den Preis und Gewinnaussichten und somit das Fortbestehen seiner Mitglieder zu sichern. Dazu muss es den Außenseiter durch einen ruinösen Preiskampf aus dem Markt treiben.
Weitere wirtschaftswissenschaftliche Auseinandersetzungen sehen den ruinösen Preiskampf im Oligopol. Die Begründung für die Annahme des Oligopols besteht hierbei in der Notwendigkeit von einem hohen Maß an Marktmacht, die bereits bei dem etablierten Unternehmen vorliegen muss.Fritz Machlup: The Economics of Sellers’ Competition. Model Analysis of Sellers’ Conduct. Baltimore MD 1952, S. 366.
Verdrängungswettbewerb als verzögerter Anpassungsprozess Dem verzögerten Anpassungsprozess liegt die Annahme zugrunde, dass „die Stückkosten sinken, wenn die Kapazität besser ausgelastet wird“.Michael Tolksdorf: Ruinöser Wettbewerb. Berlin 1971, S. 31. Dabei sind die Stückkosten am geringsten, wenn die Kapazitätsgrenze erreicht wird. Sollte sich eine kostengünstigere Konkurrenz auf dem Markt bilden, würde das zu einem Nachfragerückgang beim etablierten Unternehmen führen, was dort höhere Stückkosten zur Folge hätte. Das Unternehmen wird nun versuchen, durch Preisunterbietungen diesen Nachfragerückgang zu verhindern. Jedoch führt dies dazu, dass die Kostendeckung nicht erreicht werden kann, weshalb dort auf lange Sicht ruinöser Wettbewerb vorliegen würde.
Ernst Heuss (1965) kritisierte jedoch diesen Ansatz, weil dies die wesentliche Funktion der Konkurrenz verdecke. Diese soll Produzenten, die ungünstige Kostenstrukturen aufweisen, vom Markt verdrängen, um eine möglichst hohe Effizienz auf dem Markt zu erreichen.Ernst Heuss: Allgemeine Markttheorie. Tübingen u. a. 1965, S. 187 f. Auch Fritz Machlup (1967) kritisiert diese Ansicht, weil ansonsten jeder Wettbewerb prinzipiell ruinös sei und die Preise ihre Funktion als Steuermechanismus verlieren würden.Fritz Machlup: Oligopoly and the Free Society. In: Il Politico. Band 32, Nummer 2, 1967, S. 253–273, hier S. 264.
Joe Bain zufolge (1959) seien die Preissenkungen jedoch ein Zeichen für ein Marktungleichgewicht.Michael Tolksdorf: Ruinöser Wettbewerb. Berlin 1971, S. 32. Dieses Ungleichgewicht hätte „beachtliche volkswirtschaftliche Realkapitaleinbußen“ zur Folge.Joe S. Bain: Industrial Organization. New York NY u. a. 1959, S. 469–496.
Lloyd G. Reynolds (1940) grenzte den ruinösen Wettbewerb vom marktstrategischen Kampf ab, indem er unterstellte, dass die Preissenkungen des etablierten Unternehmens lediglich der kurzfristigen Erhöhung der Gewinne durch überproportionale Absatzausweitung dienen. Das Problem des Verdrängungseffekts der Konkurrenz würde sich auf lange Frist von selbst lösen.Lloyd G. Reynolds: Cutthroat Competition. In: The American Economic Review. Band 30, Nummer 4, 1940, S. 736–747.
Ursachen Bedingungen Nach Bain (1959) gibt es fünf meistens gleichzeitig existierende Bedingungen für das Auftreten von ruinösem WettbewerbJoe S. Bain: Industrial Organization. New York NY u. a. 1959, S. 474.: Atomistische Marktstruktur der Industrie: Bei dieser Marktstruktur ist ein Maximum der Unabhängigkeit von Unternehmen in der Bestimmung von Preis und Menge gegeben. Tolksdorf (1971) sieht jedoch darin nur ein Symptom des ruinösen Wettbewerbs, keine wirkliche Ursache, da lediglich die Fehlentwicklungen mit Mengen- und Preismanipulationen durch die Unternehmen auf andere Branchen abgewälzt werden.Michael Tolksdorf: Ruinöser Wettbewerb. Berlin 1971, S. 87. Sehr leichter Marktzutritt: Tolksdorf zufolge (1971) ist auch der leichte Marktzutritt lediglich Symptom und keine Ursache von ruinösem Wettbewerb. Sehr langsames Ausscheiden von Unternehmen aus dem Markt, ungewöhnlich langsames Ausscheiden von beschäftigten Arbeitern und einige historische Ereignisse (z. B. Kriegsexpansion mit Rückgang der Nachfrage auf den Vorkriegsstand).
Faktoren (nach Tolksdorf) Unmittelbar wirkende Faktoren Überkapazität: Tolksdorf (1971) sieht die Überkapazität als den Hauptgrund für das Auftreten von Verdrängungswettbewerb an. Das signifikant zur Güternachfrage höhere Güterangebot führt durch – für einen Produzenten ungünstige – Angebots- und Nachfrageelastizitäten zu einem starken Preisverfall. Somit gab es für die Unternehmen keinen Anreiz zur Einschränkung der Produktion.Michael Tolksdorf: Ruinöser Wettbewerb. Berlin 1971, S. 89. Der durch Konkurrenz entstehende Preisverfall jedoch führt dazu, dass Unternehmen keinen Anreiz haben, in Anlagen zu investieren, für die keine Nachfrage entsteht. Dies würde langfristig zu einem Marktaustritt und zu gesteigerter, konzentrierter Marktmacht einzelner etablierter Unternehmen führen. Da dies jedoch auch den natürlichen Steuermechanismus des Marktes darstellen könnte, wie Machlup (1967) bereits kritisierte, muss auch die Faktorunbeweglichkeit in der Branche mit einbezogen werden. Die Überkapazität führt folglich nicht alleine zu ruinösem Wettbewerb. Faktorimmobilität: Die Faktorimmobilität (siehe Faktormobilität) des Produktionsfaktors Arbeit (siehe Arbeitsmobilität) wird bei Tolksdorf lediglich geschichtlich aufgearbeitet.Michael Tolksdorf: Ruinöser Wettbewerb. Berlin 1971, S. 92 ff. Dabei sieht er die Gründe für das Verharren der Arbeitskräfte trotz geringerer Entlohnung durch den Preisverfall (und somit Verlust) in der Branche in einem Mangel an besserer Beschäftigungsmöglichkeit und in allgemeinen Transaktionskosten wie Umzugskosten oder Mangel an Erziehung und Bildung. Durch die geringere Entlohnung würde sich auch die Nachfrage nicht erhöhen bzw. sogar verringern, was den Unternehmen auf lange Sicht ebenfalls geringere Umsatzchancen biete. Die Unbeweglichkeit des Produktionskapitals (Kapitalmobilität) muss ebenfalls berücksichtigt werden, da dies weitere Investitionen von Unternehmen verhinderte, da das bereits investierte Kapital nicht mit spontanen Marktschwankungen zur Verfügung stand. Durch den Preisverfall konnte somit auch kein neues Produktionskapital erwirtschaftet werden.Michael Tolksdorf: Ruinöser Wettbewerb. Berlin 1971, S. 94. Mittelbar wirkende Faktoren Technischer Fortschritt: Der technische Fortschritt führe dazu, dass die Überkapazität auch in Zeiten des ruinösen Wettbewerbs trotz großer Verluste der Unternehmen weiterhin aufrechterhalten werden konnte. Die technische Effizienz führe zu einem höheren Output von bereits bestehenden Produktionsverfahren und -maschinen.Michael Tolksdorf: Ruinöser Wettbewerb. Berlin 1971, S. 95 ff. Freier Marktzutritt: Der freie Marktzutritt verhindere die Anpassung der Kapazitäten auf ein „gesundes Maß“, das den ruinösen Wettbewerb verhindern könnte. Die Überkapazität durch neu entstandene Konkurrenz führe weiterhin zu einer Intensivierung des Wettbewerbs.Michael Tolksdorf: Ruinöser Wettbewerb. Berlin 1971, S. 98 ff.