mini|Jimmy Lai 2019 Jimmy Lai oder Lai Chee-Ying (; * 8. Dezember 1947 in Guangzhou, Republik China) ist ein britisch-chinesischer Unternehmer und Aktivist. Er ist ein wichtiger Unterstützer der Demokratiebewegung in Hongkong. Er gilt als einer der profiliertesten Kritiker der chinesischen Führung und als prominenter Verfechter demokratischer Rechte in der Sonderverwaltungszone Hongkong und ist der bekannteste Angeklagte, der nach dem 2020 eingeführten Nationalen Sicherheitsgesetz der Stadt vor Gericht gestellt wurde. Im Dezember 2025 wurde er unter anderem wegen „Verschwörung zur Zusammenarbeit mit ausländischen Kräften“ und der Veröffentlichung aufrührerischer Veröffentlichungen schuldig gesprochen. Am 9. Februar 2026 wurde Lai in diesem Verfahren zu 20 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Leben Lai Chee-Ying wurde in der Stadt Guangzhou im Süden Chinas nahe der Grenze zu Hongkong geboren in eine damals wohlhabende Familie, die alles verlor, als die Kommunisten 1949 die Macht übernahmen. Sein Vater floh, seine Mutter wurde in ein Arbeitslager gebracht.

Mit neun Jahren begann er als Gepäckträger auf dem Bahnhof von Guangzhou zu arbeiten. 1960 flüchtete er als blinder Passagier mit einem Boot nach Hongkong. In Hongkong probierte er erstmals ein Stück Schokolade und nahm die damalige britische Kolonie als Ort größerer Möglichkeiten wahr. Er arbeitete als Kind in einer Wollhandschuhfabrik und stieg mit 20 Jahren zum Generaldirektor der Fabrik auf. Zeitgenössische Darstellungen beschreiben die Arbeitsbedingungen jener Jahre als „unmenschlich“ und heben den Kontrast zwischen seiner Armut und seinem späteren wirtschaftlichen Erfolg hervor. Neben der Arbeit brachte er sich in dieser Zeit selbst Englisch bei, was ihm später den Aufstieg in der Textilbranche erleichterte. Beobachter stellen seine spätere Bereitschaft, hohe persönliche Risiken im politischen Engagement einzugehen, häufig in einen Zusammenhang mit dieser Aufstiegsgeschichte vom verarmten Fabrikarbeiter zum Unternehmer.

Gründung von Giordano 1980 gründete er das Bekleidungsunternehmen Giordano für den Verkauf hochpreisiger Kleidung, aber die Geschäfte liefen nicht gut. Sechs Jahre später änderte er den Kurs des Unternehmens und konzentrierte sich auf Freizeitkleidung für das untere Marktsegment. Die Modekette wurde 1991 an der Börse in Hongkong notiert. Aus dem Unternehmen entwickelte sich ein international tätiger Bekleidungskonzern, der Lai zu großem Wohlstand verhalf. Lai beschrieb Freiheit zunächst als materielles Auskommen, bevor er sie nach seinem wirtschaftlichen Erfolg stärker politisch verstanden hat.

Als Medienunternehmer Nach den Tian’anmen-Demonstrationen 1989 in Peking gründete Lai das Magazin Next Weekly, das für investigativen Journalismus bekannt ist. Die Niederschlagung der Proteste markierte für ihn einen Wendepunkt; seither profilierte er sich als besonders lautstarker Kritiker der Kommunistischen Partei Chinas und als prominenter Befürworter demokratischer Reformen in Hongkong. Lai sah angesichts der bevorstehenden Übergabe Hongkongs an China die Notwendigkeit zum Eintreten für Demokratie und bürgerliche Freiheit mit den ihm verfügbaren Mitteln. Das von ihm gegründete Medienunternehmen Next Media veröffentlichte in den 1990er Jahren auch die Magazine Sudden Weekly, Eat & Travel Weekly und Easy Finder. Die von ihm aufgebauten Medienmarken galten als klar prodemokratisch ausgerichtet und verschafften oppositionellen Stimmen eine Plattform in einem Mediensystem, das zunehmend Rücksicht auf die politischen Erwartungen Pekings nahm. Kommentatoren sehen in dieser Hinwendung zum Verlagswesen auch eine bewusste Entscheidung, Medien als zentrales Instrument seines Widerstands gegen die kommunistische Parteiführung in Peking einzusetzen.

1993 veröffentlichte er eine Kolumne, in der er den damaligen chinesischen Premierminister Li Peng als „Sohn eines Schildkröteneis“ bezeichnete. Daraufhin ließ die chinesische Regierung sämtliche Giordano-Läden auf dem Festland schließen. In der Folge sah er sich gezwungen, seine Beteiligung an Giordano zu veräußern und den Schwerpunkt seiner wirtschaftlichen Aktivitäten endgültig auf das Verlags- und Mediengeschäft zu verlagern.

1995, zwei Jahre vor der Übergabe Hongkongs an die Volksrepublik China, gründete er mit 100 Millionen HK$ die pro-demokratische Boulevardzeitung Apple Daily, deren Auflage schnell wuchs und die eine der populärsten Zeitungen in Hongkong war. Sie entwickelte sich zur größten prodemokratischen Zeitung Hongkongs. Lais Medien setzten auf Boulevardjournalismus, investigative Recherchen, Wirtschafts- und Prominentenberichterstattung sowie auf einen Fokus auf Freiheit, freie Märkte und Demokratie. Die Veröffentlichungen wurden zugleich wegen Sensationalismus und starker Unterhaltungsorientierung kritisiert, blieben aber beim Publikum sehr erfolgreich. Noch seit der Zeit vor der Übergabe 1997 ist er im Besitz einer zweiten, britischen Staatsbürgerschaft. Im Jahr 1997 trat er zum Katholizismus über und ließ sich taufen.Michael Leh, Schauprozess gegen einen Verleger und Katholiken in Die Tagespost, 4. Januar 2024, S. 22.

Next Media expandierte 2001 nach Taiwan und wurde auch dort schnell ein Erfolg. 2012 stimmte Next Media zu, sein taiwanesisches Print- und Fernsehgeschäft an zwei taiwanesische Konsortien zu verkaufen.

Unterstützung der Demokratiebewegung in Hongkong mini|Jimmy Lai vor Fotografen nach der Anklage im Dezember 2020 Seit 2013 hat er mehr als 10 Millionen HK$ an pan-demokratische Parteien und Politiker gespendet. Im August 2014 wurde sein Haus von Anti-Korruptions-Beamten durchsucht, da seine politischen Spenden verstärkt unter die Lupe genommen wurden. Während der Regenschirm-Bewegung 2014 nahm Lai selbst an Straßenprotesten teil. In den Jahren danach wurde er wiederholt Ziel gewaltsamer Einschüchterungsversuche; Maskierte attackierten sein Wohnhaus und den Firmensitz mit Brandbomben, zudem wurde ein Anschlagsplan auf sein Leben bekannt. Für viele Unterstützer in Hongkong gilt er seither als Symbolfigur im Kampf um bürgerliche Freiheiten, während staatsnahe Stimmen auf dem chinesischen Festland ihn als Gefahr für die nationale Sicherheit und als Verräter darstellen. Chinesische Staatsmedien bezeichneten ihn im Zusammenhang mit der Strafzumessung 2026 als „Anstifter“ und „Verräter“.

Bei den Massenprotesten der Jahre 2019 und 2020 trat er immer wieder öffentlich auf, marschierte gemeinsam mit Demonstrierenden und nutzte seine Medien, um für internationale Unterstützung zu werben. Auch während der Proteste gegen das Auslieferungsgesetz 2019 beteiligte er sich persönlich an Demonstrationen. In Interviews bezeichnete er sich als „geborenen Rebell“ und erklärte, er sehe sein politisches Engagement als eine Form, der Stadt und den Freiheiten, die ihm einst seinen Aufstieg ermöglicht hatten, etwas zurückzugeben. In einem DW-Interview wenige Monate vor seiner Inhaftierung beschrieb Lai Hongkong als den Ort, dem er alles verdanke, und erklärte, er werde „mit dem Schiff sinken“. Unter anderem wandte er sich in einem offenen Brief, den Apple Daily auf der Titelseite abdruckte, an den damaligen US-Präsidenten Donald Trump, den er als den „Einzigen“ schilderte, der die Stadt noch vor dem wachsenden Einfluss Pekings retten könne.

Im August 2020 wurde Lai aufgrund des neuen chinesischen Sicherheitsgesetzes für Hongkong festgenommen, das Ende Juni in Kraft getreten ist. Ihm wurden geheime Absprachen und Zusammenarbeit mit ausländischen Kräften, außerdem Betrug, vorgeworfen. Nach 40 Stunden wurde er gegen Kaution wieder freigelassen. Die Festnahme hatte international für scharfe Kritik gesorgt. Lai gehörte zu den ersten international bekannten Persönlichkeiten, die nach Inkrafttreten des Nationalen Sicherheitsgesetzes in Hongkong ins Visier der Behörden gerieten. Im Juni 2021 wurden Lais Vermögenswerte beschlagnahmt. Infolgedessen musste Apple Daily ihren Betrieb einstellen. Nach der Schließung von Apple Daily stellten auch weitere unabhängige Medien in Hongkong ihre Arbeit ein, was häufig mit dem schrumpfenden Raum für Pressefreiheit in der Stadt in Verbindung gebracht wurde.

Nach Inkrafttreten des Nationalen Sicherheitsgesetzes (NSL) 2020, das neue, weit gefasste Delikte wie Sezession, Subversion und „Kollusion mit ausländischen Kräften“ einführte, verabschiedete Hongkong 2024 zusätzlich eine „Artikel-23“-Gesetzgebung. Seit dem Sommer 2020 steht damit bereits einfache, öffentlich geäußerte Kritik an der chinesischen Zentralregierung unter Strafe; in der Folge wurden mehrere Medienhäuser geschlossen, Oppositionsparteien verboten und Bibliotheksbestände nach politisch unerwünschten Inhalten bereinigt, zudem setzten die Behörden Kopfgelder auf mehrere ins Exil geflüchtete prodemokratische Politiker aus. Diese verschärfte u. a. Strafrahmen bei sicherheitsrelevanten Delikten und hob die bis dahin geforderte Verknüpfung des Tatbestands der Aufwiegelung (sedition) mit Gewalt auf. Das Gesetz stellt nach Einschätzung vieler Beobachter bereits Handlungen wie das Rufen bestimmter Parolen oder die Teilnahme an friedlichen Protesten unter Strafe; die Zentralregierung begründet es mit der Wahrung von Stabilität, während Kritiker von einer faktischen Kriminalisierung abweichender Meinungen sprechen. Lai selbst bezeichnete das Gesetz als „death knell“ für die Freiheiten der Stadt.

Vor diesem Hintergrund löste sich im Dezember 2025 die Democratic Party, die älteste und zeitweise größte Oppositionspartei Hongkongs, auf; ihr Vorsitzender Lo Kin-hei begründete dies unter Hinweis auf das „politische Umfeld“ der Stadt und vermied aus Furcht vor möglichen Konsequenzen eine detailliertere öffentliche Bewertung der Lage.

Im Dezember 2020 begann ein Gerichtsverfahren gegen Lai. Ihm wurden unter anderem Betrug und Verstöße gegen das chinesische Sicherheitsgesetz vorgeworfen. Seit Dezember 2020 befindet er sich ununterbrochen in Haft. Bis Ende April 2026 hatte er nahezu 2.000 Tage in Einzelhaft im Hochsicherheitsgefängnis Stanley Prison verbracht. Im April 2021 verurteilte ihn das Gericht zu 14 Monaten Haft. Mehrere der Verfahren betrafen seine Teilnahme an nicht genehmigten Versammlungen im Zusammenhang mit den Massenprotesten der Jahre 2019 und 2020.

Im Dezember 2021 wurde er zusammen mit zwei weiteren Angeklagten schuldig gesprochen, im Jahr 2020 zu einem verbotenen Gedenken an das Tian’anmen-Massaker aufgerufen zu haben. Er wurde zu 13 Monaten Haft verurteilt.

Verfahren nach NSL und nach der Artikel-23-Gesetzgebung werden ohne Jury geführt; die Urteile sprechen drei Richterinnen bzw. Richter aus einem besonderen, jährlich neu bestellten Richterpool. Eine Entfernung aus diesem Pool ist möglich, wenn ein Mitglied „bei der Ausübung seines Amtes die nationale Sicherheit gefährdet“. Die verbindliche Auslegung des NSL liegt letztinstanzlich beim Ständigen Ausschuss des Nationalen Volkskongresses.

Bis August 2025 endeten nahezu alle der 78 bis dahin abgeschlossenen Verfahren nach dem NSL mit Schuldsprüchen; zahlreiche Berufungen sind anhängig und sollen die neuen rechtlichen Grenzen präzisieren.

Ein Antrag auf Einstellung des Verfahrens wurde abgelehnt, am 18. Dezember 2023 wird wieder wegen Verletzung des „Sicherheitsgesetzes“ gegen Lai verhandelt. Er wird mit lebenslänglicher Strafe bedroht.