mini|Schwarz-Grüne Flagge des Anarcho-Primitivismus (Anarchistische Symbolik) mini|Englischsprachiger Slogan in einem anarcho-primitivistischen Magazin, der die moderne Zivilisation als gefährlich darstellt.
Primitivismus bezeichnet eine politische und philosophische Strömung, die eine gesellschaftliche Rückkehr zu vorindustriellen und oft sogar vorlandwirtschaftlichen Lebens- und Produktionsverhältnissen anstrebt. Ideengeschichtliche Vorläufer des Primitivismus sind vor allem verschiedene anarchistische Strömungen. Oft wird er selbst als solche betrachtet und deswegen auch Anarcho-Primitivismus genannt. Der Primitivismus wird manchmal als eine Teilströmung des Öko-Anarchismus betrachtet.
Im Primitivismus werden Überzeugungen, die von den meisten anderen politischen Strömungen als selbstverständlich betrachtet werden, ideologiekritisch hinterfragt. Der „technische Fortschritt“ sei nicht fortschrittlich, sondern habe zunehmend negative Auswirkungen auf die Menschen (z. B. Entfremdung). Besonders verheerend sei die Entwicklung moderner Technologien durch großformatige Organisationsstrukturen seit der industriellen Revolution gewesen. Aber auch schon der vorherige Wandel der Gesellschaft seit dem Ende der neolithischen Revolution und somit des Lebens als Jäger und Sammler, wird von den meisten Primitivisten kritisch gesehen – und damit jede Form der Zivilisation.
Viele überzeugte Primitivisten leben ein friedliches, minimalistisches einfaches Leben. Dafür ziehen sich manche als Aussteiger alleine oder gemeinsam mit anderen als Kommune soweit möglich aus der modernen Zivilisation zurück. Einige werden aktiv und verbreiten primitivistische Ideen in der Gesellschaft. Nur wenige versuchen gewaltsam, eine Revolution herbeizuführen, die das industrielle System und dessen moderne Technik zerstören soll, so beispielsweise der als „Unabomber“ bekannt gewordene US-amerikanische Terrorist Theodore Kaczynski. Von den meisten Primitivisten werden solche Gewalttaten strikt abgelehnt.
Geschichte Manche Theoretiker vertreten die Ansicht, dass der Anarcho-Primitivismus schon lange durchgehend als politische Ideologie existiert und dass mittlerweile über alle Kulturen und Generationen hinweg Unzufriedenheit mit der Zivilisation sowie der Wunsch zur „Rückkehr zur Natur“ bestehen. Sie argumentieren zusätzlich, dass auch der größer werdende Spalt zwischen Zivilisation und Natur den Wunsch der Menschen nach Zerstörung der Zivilisation stärkt und außerdem die kontinuierliche Relevanz anarcho-primitivistischen Denkens bekräftigt.
Altertum, Mittelalter und Romantik Der Primitivismus entstand aus verschiedenen anarchistischen Strömungen. Ähnliche Überzeugungen fanden sich aber schon deutlich früher, z. B. bei den Kynikern im antiken Griechenland, dem daoistischen chinesischen Philosophen Zhuangzi, dem mittelalterlichen Mönchtum, den Wiedertäufern und den romantischen Verklärern des Edlen Wilden.
Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts Luddismus In seiner anti-technologischen Orientierung ist der Primitivismus unter anderem vom Luddismus in England Anfang des 19. Jahrhunderts und den Maschinenstürmern inspiriert. Im englischsprachigen Raum werden Primitivisten daher häufig (teils abwertend) als „Neo-Ludditen“ bezeichnet; manchmal auch heute noch (meist abwertend) schlicht als „Ludditen“.
Henry David Thoreau mini|Titelbild der Originalausgabe von Walden von Henry David Thoreau aus dem Jahr 1854 In den Vereinigten Staaten wurde der Anarchismus erstmals durch die Schriften von Henry David Thoreau um eine ökologische Perspektive bereichert. In seinem Buch Walden spricht sich Thoreau für Einfaches Leben und Selbstversorgung inmitten einer natürlichen Umgebung aus, um Widerstand gegen die fortschreitend industrielle Zivilisation zu leisten. „Viele sahen in Thoreau einen der Vorreiter des Ökologismus und Anarcho-Primitivismus, wie er heute von John Zerzan vertreten wird. Nach George Woodcock kann diese Einstellung auch durch die Idee des Widerstands gegen den Fortschritt sowie der Ablehnung des zunehmenden Materialismus, der die nordamerikanische Gesellschaft in der Mitte des 19. Jahrhunderts charakterisierte, motiviert werden.“ Zerzan selbst fügte Thoreaus Exkursionen (1863) seiner überarbeiteten Sammlung von Antizivilisationsschriften Against Civilization: Readings and Reflections von 1999 hinzu.
Anarchistischer Naturismus Im späten 19. Jahrhundert trat erstmals der anarchistische Naturismus (auch Anarcho-Naturismus) als Verbindung von anarchistischen und naturistischen Philosophien auf. Dieser war hauptsächlich wichtig innerhalb individualanarchistischer Kreise in Spanien, Frankreich und Portugal. Wichtige Einflüsse für den Anarcho-Naturismus waren Henry David Thoreau, Lew Tolstoi und Élisée Reclus. Der Anarcho-Naturismus plädierte innerhalb anarchistischer Gruppierungen sowie außerhalb für Vegetarismus, Freie Liebe, Freikörperkultur, Ökosiedlungen und eine generell ökologische Weltsicht. Der Anarcho-Naturismus warb für diese Ideen, vor allem die Freikörperkultur, um der Künstlichkeit der industriellen Massengesellschaft der Moderne entgegenzutreten.
Naturistische Individualanarchisten sahen das Individuum in seinen biologischen, physikalischen und psychologischen Aspekten, vermieden soziale Unterscheidungen und versuchten, diese abzuschaffen."El individuo es visto en su dimensión biológica -física y psíquica- dejándose la social." (Roselló) Ihre Ideen spielten eine wichtige Rolle in individualanarchistischen Kreisen, vor allem in Frankreich, aber auch in Spanien, wo Federico Urales (Pseudonym von Joan Montseny) in La Revista Blanca (1898–1905) für die Ideen von Émile Gravelle und Henri Zisly eintrat. Diese Strömung war stark genug, um die Aufmerksamkeit der CNT/FAI in Spanien zu erlangen. Daniel Guérin berichtete in Anarchism: From Theory to Practice, wie „der spanische Anarchosyndikalismus lange darum bedacht war, die Autonomie der, wie sie es nannten, „Bezugsgruppen“ zu gewährleisten. Es gab viele Naturismus- und Vegetarismus-Experten unter ihren Mitgliedern, vor allem unter den armen Bauern des Südens. Beide Lebensstile wurden als geeignet für die Transformation des Menschen hin zu einer staatenlosen Gesellschaft betrachtet. Beim Saragossa-Kongress vergaßen die Mitglieder nicht das Schicksal der Gruppen der Naturisten und Nudisten, die „industrialisierungsungeeignet“ sind. Da es diesen Gruppen nicht möglich sein würde, für all ihre eigenen Bedürfnisse aufzukommen, erwartete der Kongress, dass ihre Delegierten für die Treffen der Konföderation der Kommunen spezielle ökonomische Vereinbarungen mit den anderen landwirtschaftlichen und industriellen Kommunen aushandeln können würden. Kurz vor einer gewaltigen, blutigen sozialen Transformation hielt die CNT es nicht für unklug, es zu versuchen, die unendlich verschiedenen Erwartungen der individuellen Menschen zu befriedigen.“
Primitivistische Strömungen in der Literatur Zivilisationskritischer Primitivismus ist auch in Teilen der europäischen Bauernromanliteratur beschrieben worden, moderat etwa bei Ludwig Ganghofer und Knut Hamsun und zugespitzt im völkischen Heimatroman und in der Blut-und-Boden-Literatur, wobei in der letzteren das Lob der Scholle weniger antimodern als vielmehr eugenisch und rassenideologisch begründet wurde. Bereits vor der Entstehung literarischer Moden wie der Chłopomania des Jungen Polen war die Rückkehr zur Scholle auch in verschiedenen politischen Bewegungen, wie etwa dem Potschwennitschestwo, beworben worden.
20. Jahrhundert bis heute Einige Primitivisten erforschen, unter Zuhilfenahme der wissenschaftlichen Erkenntnisse der Anthropologie, das Zustandekommen von Zivilisation, um ihren „Gegner“ besser zu verstehen sowie die Entstehung der gegenwärtigen Gesellschaft, damit sie einen durchdachten Richtungswechsel anstoßen können. Der primitivistische Insurrektionalismus hingegen will nicht auf das Ausformulieren der Kritik warten und attackiert stattdessen bereits mit spontanen Angriffen die gegenwärtigen Institutionen der Zivilisation.
Der aktuelle primitivistische Diskurs wird unter anderem von folgenden Ideen und Strömungen inspiriert: Die Situationistische Internationale und ihrer Kritik in Die Gesellschaft des Spektakels sowie der Entfremdung durch eine auf Konsumwaren basierenden Gesellschaft. Der Tiefenökologie und seiner Erkenntnis, dass das Wohlergehen allen Lebens verbunden ist mit der Bewusstwerdung des Wertes der nichtmenschlichen Welt unabhängig von deren ökonomischen Wertes. Primitivisten sind der Überzeugung, dass die Wertschätzung des Reichtums und der Vielfalt des Lebens dazu beiträgt, die gegenwärtige menschliche Beeinträchtigung der Welt als brutal und unverhältnismäßig zu erkennen. Dem Bioregionalismus und seiner Idee, komplett innerhalb seiner eigenen Bioregion zu leben und eine intime Verbindung zu Land, Wasser, Klima, Pflanzen, Tieren etc. derselben aufzubauen.Coline Perrin: Social Justice in Spatial Planning: How Does Bioregionalism Contribute?. In: Bioregional Planning and Design: Volume I. Cham 2020, ISBN 978-3-030-45869-0, S. 97–110. . Der Kultur indigener Völker. Manche Primitivisten versuchen, von Indigenen nachhaltige Überlebenstechniken zu lernen sowie gesündere Wege, mit den diversen Lebensformen zu interagieren. Manche werden auch von der australischen Subkultur Feral ( wild) inspiriert, in welcher Menschen das häusliche Leben aufgeben und sich in die Wildnis reintegrieren. Der ökofeministischen Debatte um die Zusammenhänge von Ökologie und der Unterdrückung der Frau. Primitivisten teilen häufig einige Ansichten mit der Prepper-Bewegung der letzten Jahre, insbesondere die Erwartung einer globalen ökologischen Katastrophe.
Wichtigste Ideen Anarcho-Primitivisten kritisieren die Ursprünge und das Fortschreiten der industriellen Revolution und der Industriegesellschaft. Schon der Wandel der Gesellschaft von Jäger und Sammlern zur landwirtschaftlichen Subsistenzwirtschaft während der neolithischen Revolution habe Entfremdung, soziale Schichtung und allerlei Zwänge verstärkt. Vor allem die Technologie (alle von Menschen geschaffenen Mittel zur Naturbeherrschung) entfremde die Menschen stark von der Natur, den Mitmenschen und sich selbst. Die technologische Entwicklung treibe in ihrem Wachstum aber nicht nur die verschiedenen Formen der Entfremdung der Menschen von ihrem Naturzustand, andersherum verstärke auch die menschliche Entfremdung wiederum die technologische Entwicklung („Teufelskreis“).
Die kleinen nomadischen Horden, in denen die Menschen damals lebten, seien sozial, politisch und wirtschaftlich gleichgestellt gewesen („Urkommunismus“). Aufgrund der ihnen fehlenden Hierarchie werden diese Horden oft als eine Form des Anarchismus betrachtet. Mit dem Aufkommen der Landwirtschaft seien die immer größer werdenden Menschenmassen immer abhängiger von der Technik geworden. Erst die Arbeitsteilung ermöglichte die Akkumulation des ökonomischen Potenziales und damit die Entstehung von Machtverhältnissen. Daraus ergebe sich dann die historische Erscheinung einer autoritären Kultur des Patriarchalen. Die Gesetzmäßigkeiten seien klassisch in eine totalitäre Weltanschauung religiöser oder esoterischer Machart eingebunden.
Tatsächlich sei die Technologie gemäß primitivistischer Vorstellungen die neue Religion, der Fortschrittsglaube Hoffnung, und die massenmedial inszenierten Ideen von Wachstum, Konsum usw. seien die modernen Götter und Götzen.
Ein ideologischer Schwerpunkt des Primitivismus liegt also vor allem in der Kritik an Kapitalismus und Konsumismus (Konsumkapitalismus), die Gesellschaft wird im Zuge dessen bspw. als Konsumgesellschaft, Überflussgesellschaft oder Wegwerfgesellschaft kritisiert. Gefordert wird stattdessen gemeinsam mit anderen wachstumskritischen Bewegungen unter anderem eine Deindustrialisierung der Welt.
Zivilisation und Gewalt