Die Rufer-Bewegung (auch Ruferarbeit, Die Rufer - Arbeitskreis für evangelistische Gemeindearbeit) wurde 1949 als missionarische Mannschaftsarbeit gegründet, um vorwiegend junge Leute in nicht-kirchlichen Räumen anzusprechen.Günter Balders (Hrsg.): Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe. 150 Jahre Baptistengemeinden in Deutschland 1834–1984. Festschrift. Oncken Verlag Wuppertal, 1984, ISBN 3-7893-7883-6. S. 260, 306. Ihre Entstehung ist eng verbunden mit dem Baptistenpastor, Psychotherapeuten und Schriftsteller Wilhard Becker. Aus kleinen Anfängen entwickelte sich eine Bewegung, die über Jahrzehnte sowohl die nach innen als auch die nach außen gerichtete Arbeit des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden / Baptisten (BEFG) prägte. Eine Reihe von Impulsen erreichte auch andere Kirchen und Gemeinschaften.
Geschichte Die Rufer wurden 1947 als evangelistische Jugendarbeit gegründet.Siegfried Großmann: Artikel Rufer. In: Evangelisches Gemeindelexikon (Hrsg. Erich Geldbach, Helmut Burkhardt, Kurt Heimbucher). R. Brockhaus Verlag Wuppertal, 1974. S. 453, SP. Ein Überblick findet sich in: Wilhard Becker, "Ruferarbeit - ein Experiment(die Anfänge)" in: immer anders weiter, 50 Jahre Rufer, S. 30–41. Sie haben ihre Wurzeln in dem Versuch der Baptistengemeinden um Frankfurt am Main, die nach dem Zweiten Weltkrieg darniederliegende Jugendarbeit zu beleben.Christiane Gabriel, Michael Freitag (Hrsg.): Immer anders weiter - 50 Jahre Rufer-Geschichten und Geschichte. Selbstverlag; Druck: SKM Grafische Betriebe Wattenscheid GmbH, 1999. S. 41ff Gemeindewochen und Jugendzeltlager standen am Anfang im Fokus, dann verstärkte sich der evangelistische Impuls: Neutrale Räume wurden angemietet, auch Versammlungen im Zelt. Es bildete sich ein fester Stamm um Wilhard Becker. Nach der Einsetzung von Becker als Jugendpastor für Niedersachsen 1950 (erst in Northeim, dann in Hannover) wurden neben der Verkündigung von vorne alternative Methoden erarbeitet. Dazu gehörten das Podiumsgespräch, Anspiele, Zeugnisse, evangelistische und seelsorgerliche Gespräche.
Die Evangelisation erforderte eine Jahresmannschaft, die besonders geschult wurde. Neben der Vermittlung von Wissen spielte auch die Seelsorge eine besondere Rolle. Später entwickelte sich die „Rufer-Bruderschaft“;Günter Balders (Hrsg.): Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe. 150 Jahre Baptistengemeinden in Deutschland 1834–1984. Festschrift. Oncken Verlag Wuppertal, 1984. S. 132f sie bestand unter anderem aus ehemaligen Mitgliedern der Jahresmannschaften. Die Angehörigen der Bruderschaft verpflichteten sich zu regelmäßigem Bibellesen, Gebet, missionarischen Einsätzen etc. und hielten Kontakt über den regelmäßigen „Ruferbrief“. Als Trägerkreis unterstützten sie unterschiedliche Aktionen wie zum Beispiel sogenannte „Ruferwochen“.
Zudem zogen „Rufer-Aufbaumannschaften“ in einige Städte, um neue freikirchliche Gemeinden zu gründen,Günter Balders (Hrsg.): Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe. 150 Jahre Baptistengemeinden in Deutschland 1834–1984. Festschrift. Oncken Verlag Wuppertal, 1984. S. 319: „1962. Erste Aufbaumannschaft der Rufer lebt und arbeitet in Neustadt am Rübenberge bei Hannover“; vergleiche auch: Gerhard Petschat: Aufbaumannschaft Stadt Allendorf. In: darunter eine in Brasilien.Gotthard Schüttel: Mondai - das Experiment von „Terra Nova“ 1965-95. In: ; ebenso: Siegfried Großmann, Aufbaumannschaft Brasilien, in: Christsein 70; 1970; S. 105–111. Weitere Veranstaltungen waren regelmäßige Seelsorge- und Mitarbeiter-Tagungen. Eine eigene Verlagsarbeit begann.Siegfried Großmann: Die Rufer. DIE RUFER Buch- und Schriftenverlag. Hannover, 1966. S. 6–14; vergleiche auch Walter Berger, Carola Geiger, Wilhard Becker: Was wollen die Rufer?. 1951. S. 382f. Die Rufer beeinflussten auch das Liedgut des BEFG. Sie veröffentlichten eigene Liederhefte, die schnelle Verbreitung fanden. Nachdem Becker den Gemeindedienst als Pastor der Baptistengemeinde Hannover-Walderseestraße 1964 beendet hatte und die Ruferarbeit vollzeitlich leitete, zog die Ruferzentrale in Hannover-Kirchrode vom Greiteweg 7 in ein Anwesen am Bünteweg 13 um.
Die wachsende ökumenische und charismatische Ausrichtung mündete in einen Umzug der Ruferzentrale nach Schloss Craheim in das Lebenszentrum für die Einheit der Christen und der Gründung der Lebensgemeinschaft des ökumenischen Tagungszentrums in Unterfranken (1968–1973). Vergl. P. Eugen Mederlet OFM, Lebenszentrum für die Einheit der Christen, in: Christsein 70; S. 122–125. Vergl. Dort brachten die Rufer schwerpunktmäßig ihre Erfahrungen in den Bereichen Ökumene, Seelsorge, charismatischer Gemeindeaufbau ein. Vergl. auch: Siegfried Großmann:Experiment Craheim; S. 38. Letztlich führten aber die Spannungen zwischen „Glaubenswerk“und „Wirtschaftsbetrieb“ nach fünf Jahren zu einem Rückzug der Rufer aus Craheim nach Northeim. 1970 wurde unter der Obhut der Ruferarbeit die MS-Dienstgruppe Ebenhausen gegründet, die Seelsorge und praktische Lebenshilfe für MS-Kranke in einer Kurklinik anbot. Das Bedürfnis nach Seelsorge, die über die Fähigkeit eines Einzelnen hinausging, wurde ab 1974 durch die Tagungen „Seelsorge durch die Gruppe“ aufgenommen. Hier flossen die psychologischen und gruppendynamischen Erkenntnisse ein, die sich in der Gesellschaft verbreiteten. ibid; Almut Lyding;25 Jahre "Seelsorge durch dioe Gruppe" - Streiflichter einer Entwicklung. S. 140 f.
In der Zeit des Aufbruchs und des politischen Umbruchs entstand auf einer der traditionellen Rufer-Ostertagungen 1969 unter Jugendlichen der sogenannte „Heiße Draht“.; ebenso: Michael Borkowski: Missionarische Ideen im „Heißen Draht“. S. 129–137; ibid.,Wolfgang Seichter,Von der Bewegung zur Behausung?,S. 153–154 Der Zugang zu Evangelium und Glaubensleben sollte direkt, spontan, praktisch sein - auch hier war es die Selbstverpflichtung zu Bibellesen, Gebet, Austausch und missionarischem Engagement („Outreach“). Dort auch:Ostertagung "All you need is love", S. 86–89. Die Zentrale war in Northeim, die Ruferzentrale von dort ins nahegelegene Dorf Hohenstedt umgezogen. Charismatisch ausgerichtete Tagungen „Liebe Leben Lernen“ und die Arbeitsgemeinschaft „Beratung Therapie Seelsorge“ wurden 1980 in Hannover gegründet.; bzw.Wolfgang Hofsommer, BTS - Arbeitsgemeinschaft "Beratung Therapie Seelsorge", ebd., S. 199–204. Vergl. Günter Balders; Ein Herr, eine Glaube, eine Taufe, ebd., S. 334. Die Frage nach einem festen Wohnsitz bewegte die Rufer (Von der Bewegung zur Behausung?Gabriel/Freitag 1999, S. 153–164) und führte ab 1979 zu starken Richtungskämpfen nach dem Erwerb der Stauffenburg (1986) am Harz-Südrand. in: immer anders weiter, S. 144,145. Vergl. Wolfgang Seichter, ebd., S. 156–163 sowie Helmut Donsbach,Was hält eine Bewegung in Bewegung?; ebd., S. 223f. Erst 1987 kamen die Rufer unter der Leitung von Helmut Donsbach wieder in ruhigeres Fahrwasser. Vergl. Helmut Donsbach,Worum es uns geht; Überarbeitete Fassung eines Kurz-Referats vor Pastoren in Dassel.Beilage 3/93 zum Ruferbrief. Neue Formen des Glaubenslebens wurden ausprobiert: Sommertrainingswochen, Bibeltexte erleben (Bibliodrama), Teen-Trainings, Regionalkreise, Frauentagungen, Arbeitskreise wie „Lebensstil“, „Gesellschaftliche Verantwortung“.
Einschätzungen und Kritik Schon bald gab es Einwände seitens der Gemeinden, dass die Rufer, aber auch die Neubekehrten, in der Sprache und Form ihres Glaubenslebens und in ihren Fragestellungen andere Schwerpunkte setzten als die Eingesessenen. Dem versuchten die Rufer entgegenzuarbeiten, indem sie Gemeindeschulungswoche durchführten und die Ortsgemeinden in die Missionsarbeit einbanden. Vergl.Wir üben Gemeinde: mitdenken, mitreden, mitgestalten; Helmut Donsbach und Wilhard Becker; Kühne Verlag, Kassel 1975; ISBN 3-87939-040-1. Dennoch gab es zum Teil heftige Kritik gerade aus den freikirchlichen Institutionen. Diese richtete sich gegen ökumenische, später auch charismatische Impulse in und aus der Ruferarbeit. Die Einbeziehung von psychologischen und gruppendynamischen Erkenntnissen und Methoden wurde ebenfalls beargwöhnt. Wegen des Buches „Ganz anders könnte man leben“ (Mitautor Ulrich Schaffer), das nicht im Oncken-Verlag erscheinen durfte, wurde Becker 1986 von der Pastorenliste des BEFG gestrichen.
Die Ruferarbeit „prägte viele spätere Pastoren und Mitarbeiter in den Gemeinden. Denn sie verband verbindliche Nachfolge Jesu mit experimentellen Formen der missionarischen Arbeit und des geistlichen Lebens. Dadurch kamen neben den missionarischen auch charismatische, ökumenische und seelsorgerliche Impulse in die Gemeinden des Bundes und weit darüber hinaus“. „Er [W.Becker] hat sich nie gescheut, neue Wege zu gehen, und hat dadurch viel Bewegung, aber auch manche Diskussion ausgelöst“. Vergl. Wolfgang Seichter, ebd., S. 164.
Literatur
Siegfried Großmann: Artikel Rufer. In: Evangelisches Gemeindelexikon (Hrsg. Erich Geldbach, Helmut Burkhardt, Kurt Heimbucher). R. Brockhaus Verlag Wuppertal, 1974, ISBN 3-417-24566-4. S. 453, SP I, II. Siegfried Großmann: Die Rufer. DIE RUFER Buch- und Schriftenverlag. Hannover, 1966. Walter Berger, Carola Geiger, Wilhard Becker: Was wollen die Rufer?. 1951.
Weblinks Internetauftritt der Geistlichen Gemeindeerneuerung im BEFG, die aus der Rufer-Bewegung hervorging
Einzelnachweise
Kategorie:Baptismus in Deutschland Kategorie:Evangelische Organisation (Deutschland) Kategorie:Evangelischer Jugendverband