The Great Reset (englisch für „Der große Neustart“) bezeichnet eine Initiative des Weltwirtschaftsforums (WEF), die Weltwirtschaft und die Weltgesellschaft im Anschluss an die COVID-19-Pandemie neu zu gestalten. Dabei soll ein stärkerer Fokus auf Gerechtigkeit, Gesellschaft und Nachhaltigkeit gelegt werden und die Interessen der „Stakeholder“ sollen mehr mit einbezogen werden. Die Initiative wurde von WEF-Direktor Klaus Schwab entworfen und im Juni 2020 vorgestellt. Im Juli 2020 veröffentlichten Klaus Schwab und Thierry Malleret dazu das Buch Covid-19: Der große Umbruch.

Seitdem verwenden verschiedene Gruppen und Autoren den Ausdruck Great Reset für angebliche Weltherrschaftspläne einer mächtigen finanziellen und politischen Elite, die hinter der Pandemie stecke und diese für ihre Ziele benutze. Klaus Schwab und andere mit dem WEF verbundene Einzelpersonen werden dabei zum personifizierten Bösen stilisiert. Der Name der Initiative wurde zum Titel und Sammelbegriff für diese Erklärungsmuster. Sie knüpfen an ältere Verschwörungstheorien einer angeblichen „Neuen Weltordnung“ (New World Order) und eines „Großen Austauschs“ (Great Replacement) an und erweitern sie mit Bezügen zur Pandemie.

Die WEF-Initiative Vorläufer Die WEF-Initiative folgte Vorstößen großer Wirtschaftsverbände, Finanzinvestoren und internationaler Organisationen, die eine Abkehr von der bloßen Orientierung am Shareholder Value der Aktionäre zugunsten anderer Interessengruppen (Stakeholder) verlangen und zu fördern versuchen, etwa das 1972 gegründete Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), die UNEP Finance Initiative, der Business Roundtable in den USA und andere. Ihre Erklärungen wurden oft als unverbindliche Rhetorik ohne ernsthafte Veränderungsabsicht und als Strategie zum Verhindern von Steuer- und Regulierungsreformen kritisiert.Erklärung: Amerikas Unternehmenslenker rufen zur Nachhaltigkeit auf. Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 20. August 2019 Die UNEP begrüßte den WEF-Vorschlag 2020 als Unterstützung ihrer eigenen Bemühungen und verwies darauf.Resilient and Inclusive Circular Economy to Build Back Better and Greener. UNEP, 2020, PDF S. 1 und Fn. 1

Die WEF-Initiative ist auch verwandt mit dem Konzept des Green New Deal bzw. eines „Grünen Kapitalismus“.Horst Müller: Das Konzept PRAXIS im 21. Jahrhundert. 2. vollständig überarbeitete und ergänzte Auflage. Norderstedt 2021, ISBN 978-3-7534-9705-1, S. 542 und Fn. 129 Ihr Titel entspricht einer Werbestrategie des WEF, sich an ähnliche Erklärungen anzuschließen. So erschien 1944 das Werk The Great Transformation von Karl Polanyi. Seit 2010 nannten Autoren und Politiker ihre Vorhaben „great financialization“, „great regression“, „great reversal“, „great acceleration“, „great unraveling“, „great uncoupling“ und weitere.Slobodian Quinn: How the ‘great reset’ of capitalism became an anti-lockdown conspiracy. The Guardian, 4. Dezember 2020

Vorstellung Bei einem virtuellen Treffen im Juni 2020 befasste sich das WEF mit den Folgen der Covid-19-Pandemie für die Weltwirtschaft.Anna Klühspies, Elisabeth Kagermeier: #Faktenfuchs: Die Verschwörungstheorie zu „The Great Reset“. Bayerischer Rundfunk (BR24), 21. Mai 2021 Am 3. Juni 2020 veröffentlichte Klaus Schwab dort seinen Vorschlag für einen Great Reset der Weltwirtschaft online.Klaus Schwab: Now is the time for a ‘great reset’. WEF, 3. Juni 2020 Er beschreibt zunächst die Schwächen der politischen Entscheidungsprozesse, der Gesundheits-, Energie- und Bildungssysteme, die die Coronakrise weltweit aufgedeckt habe. Diese biete aber auch eine einzigartige Gelegenheit, die Erholung von Wirtschaft und Gesellschaft sowie die internationalen Beziehungen neu zu gestalten und Prioritäten für globale Gemeinsamkeit zu setzen. Die WEF-Initiative dazu umfasse Vorschläge für einen neuen Gesellschaftsvertrag, der die Menschenwürde jedes Menschen achte.World Economic Forum: The Great Reset. (Einführungstext; Juni 2020)

Am selben Tag stellte Prinz Charles das Great Reset Project beim WEF vor. Er warnte, der menschengemachte Klimawandel, dessen verheerende Folgen für viele Menschen schon real seien, könne noch mehr Schaden anrichten als die Pandemie. Doch sei diese Krise auch eine „goldene Gelegenheit“ mit einem befristeten Zeitfenster für große Veränderungen. Darum rief er zu entschiedenem Handeln für eine Bioökonomie auf, die „der Natur soviel zurückgibt, wie wir von ihr nehmen“. Er nannte fünf Schritte, wie die Wirtschaft sich von der Pandemie erholen und zugleich die Gefahren der Erderwärmung angehen könne: Unternehmen und Politiker müssten die Vorstellungskraft und den Willen der Menschheit begreifen; die Weltwirtschaft müsse auf einen Kurs der Nachhaltigkeit gebracht werden; die bestehenden Systeme müssten weltweit zu Netto-Null-Emissionen von Kohlendioxid gebracht werden, etwa durch Bepreisung des Kohlendioxidausstoßes; Wissenschaft, Technologie und Erneuerung müssten neu belebt werden; es müsse so in nachhaltige Lösungen investiert werden, dass es die Märkte transformieren könne. Dies sei die höchst dramatische Aufgabe verantwortungsvoller Führungen. Sie würde einen katalytischen Anreiz für den privaten wie öffentlichen Sektor schaffen, zu folgen. Das Zusammenwirken von Nationalstaaten, Unternehmen und Industrien könne den Übergang zu einer klimaneutralen Weltwirtschaft stark beschleunigen.Chloe Taylor: Coronavirus crisis presents a ‘golden opportunity’ to reboot the economy, Prince Charles says. CNBC, 3. Juni 2020

Wie schon 2019 beim Thema Klimawandel will die WEF-Initiative nicht nur ökonomischen Wohlstand, sondern auch das gesellschaftliche Wohlbefinden steigern.

Ausführung als Buch Das Buch COVID-19: Der Große Umbruch von Klaus Schwab und dem Ökonomen Thierry Malleret enthält eine umfassende Bestandsanalyse sowie daraus abgeleitete Prognosen als Grundlage des „Reset“-Konzepts. Darin führen die Autoren aus: Die Pandemie sei eine Chance, die Interessen der „Stakeholder“ im Kapitalismus gegenüber denen der Shareholder an Profitmaximierung zu stärken, also Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Belange der abhängig Beschäftigten. Ziel sei, „die Welt weniger gespalten, weniger verschmutzend, weniger zerstörerisch, integrativer, gerechter und fairer zu machen“ als vor der Pandemie.Klaus Schwab, Thierry Malleret: COVID-19: Der Große Umbruch. Genf 2020, S. 217 und 293 (Zitate ebd.)

Die Autoren erwarten, dass es nach der Pandemie zu einer Umverteilung von oben nach unten kommt, „von den Reichen zu den Armen und vom Kapital zur Arbeit“. Außerdem werde Corona „wahrscheinlich den Tod des Neoliberalismus einläuten“, der „Wettbewerb über Solidarität stellt, schöpferische Zerstörung über staatliche Intervention und Wirtschaftswachstum über soziales Wohlergehen“. Die Rolle des Staates in der Wirtschaft verstärke sich. Zum ersten Mal seit der Ära des Thatcherismus hätten „die Regierungen wieder die Oberhand“. Auf der Skala „zwischen Regierung und Märkten hat sich die Nadel entschieden nach links bewegt“. Gleichzeitig rechnen die Autoren mit einer Verstärkung der Deglobalisierung und des Nationalismus.

Schwab meint, dass einmal etablierte Maßnahmen wie das Contact-Tracing nicht mehr verschwinden werden, und drückt seine Sorge vor der Dystopie eines Überwachungskapitalismus aus, wie ihn Shoshana Zuboff kommen sieht. Dieser verändere unsere Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und unser eigenes Leben, „indem er zutiefst antidemokratische Asymmetrien des Wissens und der Macht, die dem Wissen innewohnt, erzeugt“.Klaus Schwab, Thierry Malleret: Covid-19: Der Große Umbruch. Genf 2020, S. 195 f.

Schwab befürchtet, dass die Bevölkerung in Zukunft durch eine Kombination von KI, Internet der Dinge, Sensoren und Wearable Computing gesundheitlich überwacht wird und die Grenze zwischen den öffentlichen und den persönlich gestalteten Gesundheitssystemen verwischt wird.Klaus Schwab, Thierry Malleret: Covid-19: Der Große Umbruch. Genf 2020, S. 243

Rezeption Kritiken Laut Forbes-Magazin ist die Great-Reset-Agenda des WEF „ein weiteres Beispiel dafür, wie reiche, mächtige Eliten ihr Gewissen mit falschen Bemühungen, den Massen zu helfen, beruhigen und sich dabei noch reicher und mächtiger machen“.John Mauldin: A ‘Great Reset’ Is Coming… But Not For Capitalism. Forbes, 30. November 2020

Das WEF sieht Phasen globaler Instabilität – wie während der Weltfinanzkrise und der COVID-19-Pandemie – als Zeitfenster, seine Programmatik intensiviert voranzutreiben. Einige Kritiker sehen in The Great Reset daher eine Fortsetzung der Strategie des WEF, sich auf aktivistische Themen wie Umweltschutz und Sozialunternehmertum zu fokussieren, um die wahren plutokratischen Ziele der Organisation zu verschleiern.Steven Umbrello: Should We Reset? Eine Rezension von Klaus Schwab und Thierry Mallerets ‘COVID-19: The Great Reset’. In: The Journal of Value Inquiry, 17. Februar 2021, ISSN 1573-0492, DOI:10.1007/s10790-021-09794-1, S. 1–8

Naomi Klein schrieb für The Intercept, der Vorschlag sei ein bloßes „Coronavirus-Themen-Rebranding“. Er enthalte bloß Dinge, die das WEF bereits in vergangener Zeit wiederholt geäußert habe. Er müsse als ein weiterer Versuch der Reichen betrachtet werden, sich in der Krise selbst gut aussehen zu lassen. Schwab habe zudem seit 2003 noch bei jedem Treffen in Davos einen ähnlich klingenden Vortrag gehalten. Der Great Reset sei also lediglich die neueste Ausgabe dieser „goldenen Tradition“, die sich kaum von früheren Davoser „Big Ideas“ unterscheide.Naomi Klein: The Great Reset Conspiracy Smoothie. The Intercept, 8. Dezember 2020

In seiner Rezension von COVID-19: The Great Reset übt der Ethiker Steven Umbrello ähnliche Kritik an der WEF-Agenda. Er sagt, dass die Agenda auf nichts anderes hinauslaufe als „eine substanzielle (wenn auch nicht vollständige) sozio-politisch-ökonomische Überholung“, dass ein solcher Vorschlag ein „falsches Dilemma“ sei und dass „Schwab und Malleret eine scheinbar optimistische Zukunft nach dem Großen Reset mit Schlagworten wie Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit beschönigen, obwohl sie diese bewundernswerten Ziele funktionell gefährden“.

Der Sozialwissenschaftler Horst Müller sieht die Konzepte des Great Reset und des Green New Deal als Ideologie, die den gegenwärtigen Entwicklungszyklus des Kapitalismus ausdrückt, aber keine Systemalternative aufzeigt und die strukturellen Schranken der Entwicklungsmöglichkeiten im Kapitalismus nicht berücksichtigt. Der deutsch-französische Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Steffen Roth erwartete, der Great Reset werde im Erfolgsfall zur Entstehung einer ultrakonservativen, „neu-mittelalterlichen Weltgesundheitsordnung“ führen.Steffen Roth: The Great Reset. Restratification for lives, livelihoods, and the planet. 4. Dezember 2020. In: Technological Forecasting & Social Change 166 / 2021 (PDF)

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