mini|Ehemalige Niederlassung der Bank in der Prager Neustadt
Die Anglo-Tschechoslowakische Bank, auch Anglo-Čechoslovakische Bank (tschechisch: Anglo-československá banka), kurz Anglo-Bank, war eine Universalbank mit Sitz in Prag. Sie entstand 1921/22 neben der Anglo-Austrian Bank als Nachfolgerin der Anglo-Österreichischen Bank. Ab 1930 firmierte das Unternehmen als Anglo-Tschechoslowakische und Prager Creditbank (Anglo-Československé a Pražské úvěrní banka), ab 1939 als Anglo-Prager Creditbank (Anglo-Pražská úvěrní banka) und ab 1940 als Prager Creditbank (Pražská úvěrní banka). Im Dezember 1943 wurde die Geschäftstätigkeit eingestellt, jedoch im Mai 1945 wieder aufgenommen. 1946 folgte die Verstaatlichung der Bank auf Grundlage der Beneš-Dekrete und 1948 ihre endgültige Schließung.
Anglo-Tschechoslowakische Bank mini|Ehemalige Filiale der Anglo-Tschechoslwakischen Bank in Mährisch-Ostrau
Bis 1918 befanden sich in Böhmen und Mähren die bedeutendsten Industrieunternehmen der Habsburgermonarchie. Alle Wiener Großbanken besaßen dementsprechend große Kapitalbeteiligungen an den führenden Textil- und Chemiefirmen, vor allem aber an Betrieben in der Montan-, Hütten-, Maschinenbau- und Rüstungsindustrie in diesen Landesteilen. Nach der Auflösung Österreich-Ungarns versuchten diese Banken, sich in multinationale Geldinstitute mit Niederlassungen in allen Nachfolgestaaten umzuwandeln. Ihre Pläne stießen jedoch in der Tschechoslowakei auf den Widerstand der neuen Regierung und konnten nicht verwirklicht werden. Studienverlag, abgerufen am 18. Dezember 2020. Gemäß dem am 11. Dezember 1919 verabschiedeten Nostrifikationsgesetz durften Ausländer nicht Inhaber oder Aktionäre von Unternehmen in der Tschechoslowakei sein. Die Nostrifizierung war ein Instrument der Machtpolitik des neuen Staates. Sie stellte den Kapitaltransfer von Industrieunternehmen unter staatliche Kontrolle und übertrug damit die ökonomische Macht in die Hände der tschechoslowakischen Nationalisten.Pavla Šimková: Eigentumsregime und Eigentumskonflikte im 20. Jahrhundert: Deutschland und die Tschechoslowakei im internationalen Kontext. in: Collegium Carolinum (Hrsg.): Bohemia – Zeitschrift für Geschichte und Kultur der böhmischen Länder. Band 52, Nr.1. Oldenbourg Verlag, 2012, S. 137.
Ein ungewöhnliches Vorgehen wurde bei den Filialen der Anglo-Österreichischen Bank, die sich auf tschechoslowakischem Staatsgebiet befanden, gewählt: Am 10. Oktober 1921 unterzeichneten der britische Gesandte in Prag George Russell Clerk und der Außenminister der Tschechoslowakei Edvard Beneš eine Vereinbarung zur Überführung der Filialen in eine englisch-tschechoslowakische Bank. Am 31. Januar 1922 erteilte die tschechoslowakische Regierung der Bank of England die Konzession und am 12. April 1922 nahm die Anglo-Čechoslovakische Bank (tschechisch: Anglo-ceskoslovenska banka) den Geschäftsbetrieb auf. Da die Existenz der Tschechoslowakei einzig von dem Wohlwollen ihrer „Schutzmächte“ abhing, konnte dieser absolut einmalige Vorgang nur auf direkte Interventionen der britischen Regierung zustande gekommen sein.Anne Orde: British Policy and European Reconstruction After the First World War. Cambridge University Press, 2002, S. 139–140.
Kapitaleigner des neuen Instituts war die zeitgleich neu gegründete Anglo-Austrian Bank in London, eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Bank of England. Offiziell befand sich das Aktienkapital der Anglo-Tschechoslowakischen Bank bis zum Jahr 1927 ausschließlich in englischen Händen. Tatsächlich hatte die Bank of England zwar die Konzession zur Errichtung erhalten, jedoch waren Konzessionsinhaberin und Aktienbesitzer nicht identisch. Es galt als offenes Geheimnis, dass das gezeichnete Eigenkapital von alteingesessenen österreichisch-ungarischen Finanzeliten und ehemaligen Mitgliedern des Aufsichtsrats der Anglo-Österreichischen Bank stammte.Zeitschrift Die Wirtschaft (Prag) vom 13. September 1924 HWWA, abgerufen am 16. Dezember 2020. Dazu zählten beispielsweise Leopold Bloch, Heinrich Schicht, Julius Petschek und Ferdinand von Lobkowitz.Vgl. Pressemitteilungen und Geschäftsberichte HWWA, abgerufen am 20. Dezember 2020.
Im Juni 1926 verkaufte die Anglo-Austrian Bank ihre Filialen in Österreich an die Creditanstalt und benannte sich im Jahr 1927 in Anglo-International Bank um. Anschließend stieß sie den größten Teil ihrer Anteile an der Anglo-Tschechoslowakischen Bank ab: 25 % der Aktien erwarb der tschechoslowakische Staat, die weitaus größeren Aktienpakete gingen nun offiziell an die ehemals österreichisch-ungarischen Finanz- und Industriedynastien Petschek und Schicht, den Fürsten Liechtenstein sowie auf die Škoda-Werke über. Die Anglo-International Bank, ergo die Bank of England, blieb mit 16,6 Prozent des Aktienkapitals beteiligt.Harald Wixforth: Auftakt zur Ostexpansion. Die Dresdner Bank und die Umgestaltung des Bankwesens im Sudetenland 1938/39. Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e. V. an der Technischen Universität Dresden, 2001. Hauptaktionär der Škoda-Werke war zu diesem Zeitpunkt der französische Rüstungskonzern Schneider & Cie.Institut für Allgemeine Geschichte (Hrsg.): Schriftenreihe, Band 8. Humboldt-Universität zu Berlin, 1963, S. 27.
Der Anglo-Tschechoslowakischen Bank gelang es, durch den Ausbau bereits bestehender oder durch die Übernahme und den Erwerb neuer Industriebeteiligungen eine Schlüsselposition in der Wirtschaft der Tschechoslowakei einzunehmen. Sie finanzierte Unternehmen der Glas- und Porzellanindustrie, der Textil- und Lederindustrie, im Maschinenbau, vor allem aber Unternehmen der Montan-, Chemie- und Schwerindustrie. Die Bank unterhielt insgesamt 46 Filialen im Inland: 25 im deutschsprachigen Sudetenland und 21 in den tschechischsprachigen Landesteilen, sowie vier Filialen im Ausland (Belgrad, Bukarest, London, Sofia). Die geschäftliche Korrespondenz innerhalb des Unternehmens sowie die Buchhaltung und die Erstellung der Geschäftsberichte erfolgte in deutscher Sprache.Geschäftsbericht 1929 HWWA, abgerufen am 16. Dezember 2020.
Beginnend ab Mitte der 1920er Jahre entwickelte sich die Bank zum wichtigsten Finanzier der Škoda-Werke und damit zu einem der weltweit größten Kreditgeber der Rüstungsindustrie. Unter anderem finanzierte die Bank die Errichtung von Zweigbetrieben der Škoda-Werke im Iran und in Brasilien. Josef Šimonek und Karl Loevenstein, die Generaldirektoren der Škoda-Werke, waren ab 1927 gleichzeitig Aufsichtsratsmitglieder der Anglo-Tschechoslowakischen Bank. Politisch stand die Bankleitung in den 1920er und 1930er Jahren der rechtsgerichteten tschechoslowakischen Agrarpartei nahe, die eng mit dem sudetendeutschen Bund der Landwirte verknüpft war.Alice Teichova: An Economic Background to Munich. Cambridge University Press, 1974, S. 209. Evida, abgerufen am 20. Dezember 2020.
Anglo-Tschechoslowakische und Prager Creditbank mini|Aktie über 400 Kronen der Anglo-Tschechoslowakischen und Prager Creditbank vom 2. Juni 1930 Im Zuge von Sanierungsmaßnahmen wurden im April 1930 unter Führung des Finanzministeriums die 1870 gegründete Prager Creditbank und die Böhmische Kommerzialbank rückwirkend zum 1. Januar 1929 der Anglo-Tschechoslowakischen Bank zugeordnet, die fortan als Anglo-Tschechoslowakische und Prager Creditbank (Anglo-Československá a Pražské úvěrní banka) firmierte. Dadurch entstand nach der Živnostenská banka das zweitgrößte Kreditinstitut des Landes. Am Aktienkapital waren weiterhin der tschechoslowakische Staat und alteingesessene böhmische Industrielle, die zusammen die Aktienmehrheit besaßen, sowie die Anglo-International Bank in London, das englische Privatbankhaus M. Samuel & Co. und die New Yorker Privatbank W.A. Harriman & Co. beteiligt.
In der Weltwirtschaftskrise konnte das Institut seinen Besitz an Konzernunternehmen ausbauen. Bis 1934/35 entfaltete sich die Erste Tschechoslowakische Republik zum größten Waffenexporteur der Welt – ein Geschäft, an dem der tschechoslowakische Staat maßgeblich über die Živnostenská banka und über die tschechoslowakische Anglo-Bank beteiligt war.Grigore Gafencu: Europas letzte Tage. Eine politische Reise im Jahre 1939. Amstutz, Herdeg & Company, 1946, S. 96.Kamila Kaucká: Živnostenská banka od založení samostatného Československa po německou okupaci (1918–1939). Univerzita Karlova v PrazeFakulta sociálních věd, 2007, S. 58. Der im Juni 1936 ausgebrochene spanische Bürgerkrieg sowie der im Sommer 1937 begonnene japanisch-chinesische Krieg führte zu einer weltweiten Steigerung der Rüstungsproduktion, die laut Geschäftsbericht der Bank von 1937 „zu günstigen wirtschaftlichen Ergebnissen sowohl im Auslands- als auch im Inlandsgeschäft beitrugen“. Die Bilanzsumme der Bank stieg von 2,921 Milliarden im Jahr 1934 auf 3,385 Milliarden Kronen im Jahr 1937.Geschäftsberichte 1934–1937 HWWA, abgerufen am 18. Dezember 2020.
Daran änderten auch die politischen Ereignisse in Mitteleuropa der Jahre 1938 und 1939 wenig. Nach dem Münchner Abkommen nahm die Geschäftsleitung der Anglo-Tschechoslowakischen und Prager Creditbank Sondierungsgespräche über den Verkauf ihrer Filialen im Sudetenland auf. Verhandelt wurde unter anderem mit der Creditanstalt in Wien, der Commerz- und Privat-Bank in Frankfurt und der Dresdner Bank, die jedoch alle kein ernsthaftes Interesse zeigten. Beispielsweise gab die Commerzbank an, dass ihr das Geschäftsstellennetz zu überdimensioniert sei. Schließlich kam am 16. Februar 1939 ein Übernahmevertrag der nordböhmischen Niederlassungen mit der Allgemeinen Deutschen Credit-Anstalt (ADCA) in Leipzig zustande, die damit ihr Filialnetz im Sudetenland erweitern konnte.
Der Verkauf der 25 Filialen hatte keine einschneidende Auswirkung auf die Bilanz, da die eigenen Industriebeteiligungen im Sudetenland nicht mit veräußert wurden. Nach Eigenangabe der Bankleitung waren die sudetendeutschen Niederlassungen mit einem geringen Anteil am Investmentgeschäft beteiligt und dienten nur als „Durchgangsstellen“, indes die Zentrale in Prag schon immer die Großkunden betreut hatte.Der Deutsche Volkswirt vom 9. Juni 1939 HWWA, abgerufen am 16. Dezember 2020. Ferner stieß Schneider & Cie. seine Aktienbeteiligungen an den Škoda-Werken ab, welche die Anglo-Bank im Dezember 1938 zu großen Teilen übernahm. Auch nach der Abtretung des Sudetenlandes galt die Tschechoslowakei als „industrielles Juwel“ und Zentrum der Waffenproduktion Mitteleuropas.Wacław Długoborski: Zweiter Weltkrieg und sozialer Wandel. Vandenhoeck & Ruprecht, 1981, S. 296. Die Gewinne waren riesig – ganze Divisionen waren im spanischen Bürgerkrieg mit tschechoslowakischen Waffen ausgerüstet.Rolf Reventlow: Spanien in diesem Jahrhundert. Bürgerkrieg, Vorgeschichte und Auswirkungen. Europa Verlag, 1968, S. 223.
Anglo-Prager Creditbank mini|Werbung der Anglo-Prager Creditbank in der Berliner Börsen-Zeitung vom 7. Juni 1940
Da nach der Zerschlagung der Rest-Tschechei und der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren die Tschechoslowakei faktisch nicht mehr existierte, benannte sich die Anglo-Tschechoslowakische und Prager Creditbank im Mai 1939 auf Grundlage eines Aufsichtsratsbeschlusses in Anglo-Prager Creditbank (tschechisch: Anglo-Pražská úvěrní banka; englisch: Anglo-Prague Credit-Bank) um. Parallel eröffnete das Unternehmen im Juni 1939 eine Niederlassung in New York, deren Gründung die US-Bankenaufsicht bereits im Oktober 1938 bewilligt hatte. Die Firmenleitung gab dazu bekannt, dass sie darin gute „Geschäftsmöglichkeiten vor allem in der Finanzierung des Außenhandels zwischen den USA und Großdeutschland, dem Protektorat und Südosteuropa“ sehe.Harald Wixforth: Die Expansion der Dresdner Bank in Europa. Oldenbourg, 2006, S. 210.