mini|Steinbruch bei Carrara in den apuanischen Bergen mini|Blöcke aus Carrara-Marmor mini|hochkant|Unmaßtafeln aus Carrara-Marmor mini|hochkant|Denkmal für die Steinbrucharbeiter in Carrara
Carrara-Marmor (italienisch: Marmo di Carrara, lateinisch: Marmor Lunensis9. Rocce nell’ antichità, abgerufen am 16. Mai 2021. In: Universität Padua (PDF)) ist einer der bekanntesten Marmore weltweit. Carrara-Marmor ist der Oberbegriff für mehr als 50 unterschiedliche Handelsnamen, die je nach Steinbruch, Tradition, Güte und Konvention, wie z. B. Carrara-Marmor C, Ordinario, Venato und Calacatta, benannt werden. Carrara ist eine Stadt in der italienischen Provinz Massa-Carrara und liegt in der Region Toskana.
Carrara-Marmor wird bereits seit dem Ende der Römischen Republik abgebaut. Erst der Renaissance-Bildhauer Michelangelo verschaffte diesem Marmor Berühmtheit. Durch ungünstige wirtschaftliche und politische Verhältnisse sowie durch Kriegseinflüsse blieb die Marmorproduktion in Carrara jahrhundertelang hinter ihren Möglichkeiten zurück. Die Gewinnung der schweren Steinblöcke war bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts überaus mühselig und aufwendig und erst technische Neuerungen, wie die mit Dampf, Dieselkraftstoff und elektrischer Energie angetriebenen Steinbearbeitungsmaschinen, ermöglichten den Abbau in großem Umfang. Dadurch wurde Carrara zum internationalen Zentrum der Marmorbearbeitung. Anfang der 1960er-Jahre gelang es, die Produktion der Nachfrage anzugleichen, als die Steinbrüche in exponierter Lage durch ein Netz von Straßen erschlossen wurden.
Entstanden ist Carrara-Marmor im Tertiär vor 30 Millionen Jahren, weil sich die Kontinentalplatten von Afrika und Europa aufeinander zubewegten und zu den Apuanischen Alpen aufwölbten. Dabei wurden die Calcit-Ablagerungen aus abgestorbenen Meeresorganismen unter hohem Druck und sehr hohen Temperaturen zusammengepresst und wandelten sich dadurch zu Marmor.
Neben einer Verwendung für Bildhauerarbeiten und Denkmäler wird Carrara-Marmor heute vor allem als Boden- und Treppenbeläge und Fensterbänke im Innenausbau sowie als Natursteinfliesen in Bädern verbaut. Die Steinbildhauer verwenden wie früher den legendären und teuren Statuario. Während zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch 100.000 Tonnen jährlich gewonnen wurden, sind es heute ca. 5 Mio. Tonnen, was Umweltaktivisten stark als Übernutzung kritisieren.
Geologie Die Apuanischen Alpen sind geologisch in den Apennin eingebunden. Die Aufschlüsse für Carrara-Marmor in den Apuanischen Alpen bedecken etwa ein Viertel dieses Gebietes. Die Apuanischen Alpen bildeten sich im Paläozoikum, vor etwa 240 Mio. Jahren, auf dem älteren Untergrund von Tonschiefern, Sandsteinen und Breccien aus. In der Oberen Trias, vor 200 Mio. Jahren, kam es zur Herausbildung eines flachen, warmen Meeres, in dem sich fossile Kleinstlebewesen, Lebewesen und biologische Ablagerungen aus Kalk auf den Meeresgrund sedimentierten. Da das Meer gut durchlüftet war, konnte sich reiner Kalk ausbilden, aus dem der spätere Carrara-Marmor entstand. Die Ablagerungen bildeten im Laufe der Zeit mächtige Sedimente (Ablagerungen), die zu Kalkstein verfestigt wurden. Durch die Kontinentalverschiebung fanden Überlagerungen und Verschiebungen der Kalkablagerungen und der unterschiedlichen Gesteine statt. Zwei tektonische Platten der erkalteten Erdkruste, Afrika und Europa, bewegten sich aufeinander zu, die Sedimentschichten wurden in großer Erdtiefe unter sehr hohen Drücken zusammengepresst und bei sehr hohen Temperaturen chemisch verändert, verformt und in Marmor umgewandelt. Die Metamorphose des Marmors findet bei Drücken von 103 bar und Temperaturen über 400 °C statt.Karlfried Fuchs: Natursteine. Seite XII, siehe Literatur
In diesem Prozess entstand aus den Kalkablagerungen ein metamorphes Gestein, Marmor. Diese Bewegungen fanden ihren Abschluss im oberen Miozän vor etwa 30 Millionen Jahren, als die Marmormasse regional unterschiedlich hoch angehoben wurde. Das Vorkommen des Carrara-Marmors ist ein Marmorgebirge bis zu einer Höhe von knapp 1900 Metern. Es bildeten sich linsenförmige Gesteinskörper mit einer Länge von bis zu 10 Kilometern mit einer Mächtigkeit von bis zu 400 Metern aus.Luciana und Tiziano Mannoni: Marmor. Seite 52 ff., siehe Literatur.
Steinbildhauer und Bauwerke Aus den Steinbrüchen der Berge Carraras haben Michelangelo, Gian Lorenzo und Luigi Bernini, Pisano, Donatello, Canova und weitere bekannte Bildhauer ihre Marmorblöcke bezogen. Carrara-Marmor wurde im Dom von Florenz, im Campanile von Pisa, im Petersdom zu Rom, im Dom von Siena, im früheren World Trade Center in New York, in Kasinos von Las Vegas und als Außenverkleidung an der Finlandia Hall in Helsinki und am Grande Arche de la Défense in Paris verbaut.
Geschichte mini|120px|Trajanssäule
Römische Zeit Der ursprüngliche Name des Carrara-Marmors war Marmor Lunensis. Diese Namensbezeichnung geht auf Luna zurück, eine römische Kolonie, die 177 v. Chr. nahe dem Ort Luni Mare, einem Ortsteil der Gemeinde Luni in der heutigen Provinz La Spezia errichtet wurde.
Das historische Luna lag unweit von Carrara. Luna hatte einen Hafen, dessen Ausgrabungen besichtigt werden können. In Luna wurden von Arbeitern und Sklaven die Oberflächen der Steinblöcke grob bearbeitet, um sie für die Verschiffung vorzubereiten. Der Fluss Magra versandete (der archäologische Ort Luna liegt heute etwa zwei Kilometer vom Meer entfernt) und behinderte den weiteren Marmorhandel. Diese Schwierigkeiten und Überfälle der Langobarden im Jahre 640, sarazenischer und normannischer Piraten im 9. und 10. Jahrhundert führten zum Niedergang von Luna, das im 11. Jahrhundert weitgehend verlassen wurde.Luciana und Tiziano Mannoni: Marmor. Seite 185, siehe Literatur Die Phokas-Säule auf dem Forum Romanum aus dem Jahre 608 war vermutlich das letzte römische Werk aus lunensischem Marmor.Luciana und Tiziano Mannoni: Marmor. Seite 188, siehe Literatur Der Ort Luna wurde endgültig im 13. Jahrhundert aufgegeben.
Marmor Lunensis wurde schon etwa ab 50 v. Chr. von den Römern gebrochen. Laut Plinius dem Älteren war Mamurra, der praefectus fabrum Caesars im gallischen Krieg, der erste, der im Jahr 48 v. Chr. sein Haus ganz aus Marmor errichten ließ und dafür, neben karystischem, auch lunensischen Marmor benutzte.Plinius, naturalis historia 36,7; siehe auch Luciana und Tiziano Mannoni: Marmor. Seite 185, siehe Literatur Carrara-Marmor wurde ab dem letzten Viertel des 1. Jahrhunderts v. Chr. zum üblichen Baumaterial der Prestigebauten Roms.Der Konsul M. Claudius Marcellus konnte die ligurischen Apuaner 155 endgültig besiegen und Sicherheit für die Bewohner des antiken Luna herstellen. Als Dank haben sie ihm ein Denkmal aus lunensischem Marmor errichtet. Von dem Denkmal ist lediglich ein Säulenkapitell, in dem sein Name eingemeißelt ist, ausgegraben worden. Wenn es sich um eine zeitgenössische Darstellung handelt, ist es das erste Werkstück aus Carrara-Marmor, das architektonisch verwendet wurde. Siehe Luciana und Tiziano Mannioni, Marmor. Seite 184, siehe Literatur
Zuvor importierten die Römer vor allem griechischen Marmor aus Paros. Carrara-Marmor wurde in römischer Zeit sowohl in der Architektur als auch in der Skulptur weit verbreitet eingesetzt. Als Beispiele der Architektur seien der Dioskurentempel auf dem Forum Romanum, das Augustusforum und die Trajanssäule auf dem Trajansforum, die aus 18 Marmorblöcken besteht, genannt; aus dem Bereich der Skulptur sei auf die Laokoon-Gruppe verwiesen, deren berühmte römische Kopie aus Carrara-Marmor gefertigt wurde.
Mittelalter und Frühe Neuzeit Um 1000 gründeten Bauern den Weiler Cararia. Gegen 1250 könnte die Wiedereröffnung der Steinbrüche für den Bau der Pfarrei von Carrara erfolgt sein, da hierfür Marmor benötigt wurde.Luciana und Tiziano Mannoni: Marmor. Seite 191, siehe Literatur Einen Anstoß zum Wiederaufleben des Marmorhandels gaben Aufträge Genueser Kaufleute für Säulen, Kapitelle und Platten. Sie betrieben damit einen schwunghaften Handel im Mittelmeerraum. Den Ausschlag zur Wiederinbetriebnahme der Marmorsteinbrüche gaben vor allem die Aufträge von Nicola Pisano für den Dombau in Pisa.
mini|hochkant|Pio Fedi: Statue des Bildhauers Nicola Pisano, 1849, Innenhof der Uffizien, Florenz. Die Statue gehört zur Reihe der Bildnisse bedeutender Künstler im Innenhof der Uffizien mini|hochkant|Evangelist Johannes von Donatello mini|hochkant|David von Michelangelo aus Carrara-Marmor Am Ende der italienischen Romanik war es üblich geworden, dass die Bildhauer ihre Rohblöcke in den Bergen Carraras selbst aussuchten. Diese Rohblöcke wurden an den Aufstellungsbauort transportiert, wo sie bearbeitet wurden. Die Rohblöcke wurden, nachdem sie mit der Lizzatura (siehe weiter unten) zu Tale gebracht waren, mit zweirädrigen (sogenannte carrette) oder vierrädrigen (sogenannte „currus“) Karren mit Ochsengespannen transportiert. Dabei errechnete man, dass jedes Ochsenpaar in der Ebene circa 800 Kilogramm ziehen konnte. Die Anzahl der Ochsenpaare wurde zur Berechnung der Transport- und Zollkosten herangezogen.Luciana und Tiziano Mannoni: Marmor. Seite 102, siehe Literatur
Im Mittelalter waren die meisten Steinbrüche im Besitz der Markgrafen Malaspina, die sie wiederum an Familien von Steinbildhauern verpachteten, die sowohl die Gewinnung als auch den Transport des wertvollen Materials verwalteten. Einige von ihnen, wie die Maffioli, die einige Steinbrüche nördlich von Carrara im Torano-Gebiet pachteten, oder um 1490 Giovanni Pietro Buffa, der Marmor auf Kredit von lokalen Steinbrechern aufkaufte und dann auf dem venezianischen Markt weiterverkaufte, schufen ein dichtes Handelsnetz und ermöglichten den Marmor-Export auch an weit entfernte Orte. Um nur ein Beispiel zu nennen, beginnend mit 1474, lieferten zuerst die Maffioli, dann die Buffa, den Marmor für die Fassade der Certosa di Pavia, ein Kloster in der Lombardei. Sie kümmerten sich auch um den Transport des Carrara-Marmors, der als Italien umrundet worden war, mit dem Boot die Flüsse Po und Tessin hinauf transportiert wurde, bis schließlich die Marmor-Fracht die Baustelle des Klosters erreichte.
Der Renaissance-Bildhauer Michelangelo, der den David, die Pietà, den Moses und andere berühmte Skulpturen aus dem Bildhauermaterial Statuario schuf, verhalf diesem Stein zu seiner Berühmtheit.
Kunstinteressierte aus Europa reisten zu den Marmorskulpturen der Renaissance und berichteten in ihren Heimatländern davon. Die italienischen Städte Florenz, Rom und Neapel waren zwar Abnehmer des Marmors, aber der Absatz in Italien blieb im Verhältnis zum Absatz in England, Frankreich und Spanien gering. Italien war, wie Deutschland auch, in Kleinstaaten zersplittert und die Zollabgaben waren immens. Der Transport stellte nicht nur wegen des Gewichtes der Steinblöcke ein technisches Problem dar; die Frachtkosten erhöhten die Kosten für die Steine erheblich.
Die Besitzer der Steinbrüche in Carrara erhielten durch den Zwischenhandel nur einen Bruchteil der Erlöse, die im Marmorhandel erzielt wurden. Die genuesischen Kaufleute, die den Vertrieb dominierten, prägten den Spruch: „Marmor ist weißes Gold“. Der Betrieb der Steinbrüche war finanziell unattraktiv geworden, einige wurden aufgegeben. Carrara versuchte im 16. Jahrhundert mit geringem Erfolg den weißen Marmor direkt zu vermarkten. Infolge dieser Absatzkrise wurde nicht nur das Einkommen, sondern auch das Selbstbewusstsein der Steinmetzen und Steinarbeiter beeinträchtigt. Selbst die Steinbildhauermeister hatten keine meisterliche Arbeit mehr. Sie mussten in Gruppen in den Werkstätten der Steinbruchbesitzer arbeiten und veredelten Mörser und kleine Säulen für Balustraden, aber auch Sarkophage, Vasen und Ölgefäße. Ein anderes Produkt, das gänzlich in Hausarbeit, auch unter Mithilfe von Frauen und Kindern, gefertigt wurde, waren Bodenfliesen aus Marmor. Diese wurden direkt von Genueser Kaufleuten übernommen, die das Monopol auf den Vertrieb innehatten.