Die Schlacht von Rotterdam war zu Beginn des Westfeldzugs der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg im Rahmen der Schlacht um die Niederlande vom 10. bis zum 14. Mai 1940 der Versuch, die wichtige Hafenstadt und ihre bedeutenden Verkehrsverbindungen einzunehmen. Erst nach einem verheerenden Bombenangriff (→ Bombardierung von Rotterdam) mussten sich die Verteidiger am 14. Mai geschlagen geben.
Ausgangslage Rotterdam verfügte über keine ausgebauten Verteidigungsanlagen und spielte in strategischen Überlegungen für die Verteidigung der Niederlande keine Rolle. Die Stadt lag relativ weit von der sogenannten Festung Holland entfernt und nicht direkt an der Küste. In Rotterdam stationierte Truppen gehörten vor allem Ausbildungseinrichtungen an. Ein modernes Artilleriebataillon mit zwölf 105-mm-Geschützen lag im Stadtteil Hillegersberg. Der Feuerbereich der Einheit betrug 16.000 m und umfasste somit nicht nur die gesamte Stadt, sondern auch das nahe Umland.
Stadtkommandant war ein Pionieroffizier, Oberst P. W. Scharroo. Die Garnison bestand aus rund 7000 Mann; nur 1000 davon waren für Kampfeinsätze gerüstet (450 Mann Marineinfanterie, 3 Kompanien sogenannter Garnisonsinfanteriebataillon). Am Flusslauf Nieuwe Maas standen sieben Züge leichte Flak; sie verfügten über schwere Maschinengewehre und 20-mm-Oerlikon-Kanonen. Eine schwere Flak-Batterie befand sich nördlich der Nieuwe Maas. Zwei weitere schwere Flak-Batterien, in vier leichte Züge Flak untergliedert, lagen im Hafengebiet Waalhaven. Das Waalhaven-Flugfeld war Heimatstandort des „3. Java“-Geschwaders der niederländischen Luftstreitkräfte (Koninklijke Luchtmacht). Dieses verfügte über Fokker-G.I-Jagdflugzeuge. (Am 10. Mai 1940 standen dem Geschwader elf Maschinen in voller Einsatzbereitschaft zur Verfügung. Während des Luftangriffs auf das Flugfeld am 10. Mai konnten neun der elf Maschinen starten, die anfliegenden Luftwaffenverbände angreifen und 167 Junkers Ju-52 abschießen.)
Der ursprüngliche deutsche Plan sah vor, dass ein Einsatzkommando Fallschirmjäger nach seiner Landung in Waalhaven von dort aus die Stadt angreifen und die Brücken über die Nieuwe Maas nehmen sollte, wobei es den Vorteil der Überraschung zu nutzen galt. Die Erfolgschancen der Einsatzgruppe wurde jedoch als zu niedrig eingeschätzt und der Plan verworfen. Als neuen Plan sah man die Landung von zwölf speziell angepasste Wasserflugzeugen Heinkel He 59D auf der Nieuwe Maas vor. Sie sollten mit zwei Zügen der 11. Kompanie des 16. Luftlande-Regiments und vier Pionieren anfliegen. Diese 90 Mann sollten die Brücken besetzen. Die Landung war beim Feyenoord-Stadion geplant. Nach der Besetzung der Brücken sollten Einheiten aus Waalhaven mit zusätzlich unterstützenden Waffen entsandt werden.
Die Schlacht mini|Junkers-Ju-52-Transportflugzeug brennt bei Rotterdam
10. Mai links|mini|Militärische Lage im Raum Rotterdam am 10. Mai 1940 Um 04:50 Uhr landeten die Wasserflugzeuge planmäßig auf der Nieuwe Maas. Mit ausgesetzten Schlauchbooten arbeiteten sich rund 80 Deutsche an beiden Ufern des Flusslaufs vor und besetzten rasch die Brücken. Sie stießen lediglich auf den Widerstand einiger niederländischer Polizisten.
Oberstleutnant Dietrich von Choltitz, Kommandeur des III. Bataillons des Infanterie-Regiments 16, begann nach der Landung seiner Truppen auf dem Flugfeld in Waalhaven damit, die Einsatzbefehle umzusetzen. Er schickte Verstärkungen an die Brücken. Die Niederländer hatten im Süden der Stadt für die zahlreiche Präsenz eigener Kräfte gesorgt; die Kampfqualität fiel jedoch deutlich gegenüber erprobten Verbänden ab: Eine Einheit war aus Schlachtern und Bäckern gebildet worden, die von einigen Infanteristen geführt wurden und Verstärkung in Schützen fanden, die sich vom Flugfeld zurückgezogen hatten. Die Niederländer verbargen sich in Häusern, die am Weg zu den Brücken lagen. Dort wurden sie von den Deutschen in für beide Seiten verlustreichen Kämpfen aufgerollt. Mit weiterer Unterstützung durch Pak-Geschütze gelang den Deutschen der rasche Vormarsch zur Verstärkung des die Brücken haltenden Kommandos.
Inzwischen war der Stab des III. Bataillons des Infanterie-Regiments 16 auf niederländische Einheiten gestoßen. Oberstleutnant von Choltitz Adjutant führte einen Angriff auf die gegnerische Stellung, wurde dabei aber tödlich verwundet. Als die Deutschen nach einem anderen Weg zu den Brücken suchten, um die holländische Festung zu umgehen, gelang es ihnen, vorgeschobenen Truppen entlang der Quais zu folgen. Gegen 09:00 Uhr hatte das Gros des III. Bataillons Kontakt mit den Verteidigern der Brücken hergestellt.
Die niederländische Kompanie im Süden der Stadt konnte sich bis in den Nachmittag des 10. Mai behaupten. Sie wurde dann von der neu gelandeten 10. Kompanie des Infanterie-Regiments 16 angegriffen, unterstützt durch Mörser. Die Niederländer kapitulierten, als ihnen die Munition ausging.
Die niederländischen Truppen im Norden der Stadt wurden durch das Dröhnen der Flugzeuge über der Stadt alarmiert. Das Hauptquartier der Garnison war vorübergehend nur mit einem Hauptmann besetzt, der die Truppen antreten ließ und die Verteilung der Munition koordinierte. Kleine Trupps wurden zu den Brücken, den drei Bahnhöfen in der Nähe und den Gebieten rund um die Nieuwe Maas geschickt, wo Landungen gemeldet worden waren. Die Deutschen bemerkten die Aktivität auf der niederländischen Seite und die ersten Kontakte mit den Niederländern zwangen sie, ihre Kräfte um die Brücken zu konsolidieren.
Die ersten niederländischen Gegenmaßnahmen wurden von einer kleinen Truppe niederländischer Marinesoldaten und einer unvollständigen Pionierkompanie der Armee durchgeführt. Die Niederländer bezogen Stellung um das kleine deutsche Nest nördlich der Brücken und begannen, an zahlreichen taktisch wichtigen Punkten Maschinengewehre aufzustellen. Bald waren die ersten ernsthaften Feuergefechte zwischen den Angreifern und regulären niederländischen Armeeeinheiten zu sehen und zu hören. Allmählich wurden die Deutschen in den engen Umkreis um die Verkehrsbrücke zurückgedrängt. Beide Seiten erlitten erhebliche Verluste.
Nach und nach drängten die Niederländer die deutschen Truppen am Brückenkopf in eine schnell zusammenschrumpfende Stellung. Viele Zivilisten beobachteten die Schlacht. Im Laufe des Vormittags setzte die niederländische Marine zwei kleine Marineschiffe ein – ein kleines, veraltetes Kanonenboot und ein Motor-Torpedoboot –, um die Verteidiger an den Brücken zu unterstützen. Zweimal griff das Kanonenboot die Deutschen an der Verkehrsbrücke auf der Nordseite des Noordereiland (einer Insel im Fluss) an, das zweite Mal in Begleitung des Motortorpedobootes. Etwa 75 Granaten des Kalibers 75 mm wurden auf die Angreifer abgefeuert, jedoch mit geringer Wirkung. Beim zweiten Versuch warf die Luftwaffe eine Reihe von Bomben auf die Marineschiffe ab, die das Motor-Torpedoboot erheblich beschädigten. Beide Schiffe zogen sich nach dem Bombenangriff zurück. Sie hatten drei Gefallene zu beklagen.
In der Zwischenzeit waren die Deutschen mit einigen 3,7-cm-PaK und einigen Infanteriegeschützen verstärkt worden. Sie bemannten die Häuser entlang der Nordseite der Insel mit schweren Maschinengewehren und platzierten Granatwerfer in der Mitte der Insel. Der andauernde Kampf um das nördliche Flussufer veranlasste die Deutschen, sich auf das große Gebäude der National Life Insurance Company am Kopf der Verkehrsbrücke zurückzuziehen. Aufgrund der schlechten Schusswinkel, welche die Niederländer auf das Gebäude hatten, konnten die Deutschen das Gebäude ohne große Schwierigkeiten halten. Die niederländischen Truppen, welche die nahegelegenen Häuser hielten, mussten sich aufgrund des präzisen und anhaltenden Granatwerferfeuers zurückziehen. Diese Pattsituation – beginnend am Nachmittag des 10. Mai – sollte bis zur Kapitulation der Niederlande am 14. Mai unverändert bleiben.
Oberst Scharroo war sich bewusst, dass seine kleine Garnison mit einem ernsthaften deutschen Angriff konfrontiert war und forderte in Den Haag erhebliche Verstärkungen an. Viele Einheiten würden geschickt werden, die alle aus den Reserven hinter der Grebbe-Linie oder von der Ostfront der Festung Holland kamen.
11. Mai Mit den in der Nacht und bis in den frühen Morgen hinein eingetroffenen Verstärkungen reorganisierte Oberst Scharroo seine Verteidigungsstellungen. Er stationierte Truppen entlang des gesamten Flusses und im Westen, Norden und Osten der Stadt. Letzteres geschah, weil der Oberst Aktionen von gelandeten Deutschen gegen die Stadt aus diesen Richtungen befürchtete. Sein kleiner Stab war sehr mit den zahlreichen Berichten über Phantomlandungen und verräterische Aktionen der Zivilisten beschäftigt. Diese Aktivitäten beschäftigten den Stab so sehr, dass für den 11. Mai keine Pläne für organisierte Gegenmaßnahmen gegen den deutschen Brückenkopf erstellt wurden.
Um 04:00 Uhr wurden die Kämpfe um den Brückenkopf wieder aufgenommen. Die deutsche Speerspitze bildeten immer noch die Truppen (etwa 40 bis 50 Mann) im Gebäude der National Life Insurance Company. Diese waren durch das niederländische Vorrücken am 10. Mai vom Rest der deutschen Kräfte isoliert worden. Alle niederländischen Versuche, das Gebäude einzunehmen, scheiterten, aber auch alle deutschen Versuche, die Männer dort zu versorgen oder zu verstärken. Deutsche, die versuchten, mit Motorrädern oder Autos über die Brücke zum Gebäude zu gelangen, wurden entweder erschossen oder zurückgedrängt. Die Brücke war unüberwindlich geworden, da von beiden Seiten mit Maschinengewehren geschossen wurde.
Die niederländischen Luftstreitkräfte unterstützten die Bodentruppen. Niederländische Bomber begannen mit dem Abwurf von Bomben auf die Brücken, und obwohl sie alle verfehlten, trafen verirrte Bomben deutsche Stellungen in der Nähe der Brücke und zerstörten eine Reihe von Maschinengewehrnestern.
Die Deutschen benutzten das Holland-America-Line-Schiff SS Statendam und stellten an Deck einige ihrer Maschinengewehre auf. Diese Stellungen erregten die holländische Aufmerksamkeit; schon bald wurde Granatwerfer- und Maschinengewehrfeuer auf die deutschen MG-Nester auf dem Schiff und die angrenzenden Anlagen eröffnet. Es brachen Brände aus und auch das Schiff selbst fing Feuer. Die Deutschen evakuierten daraufhin das Schiff, das bis weit nach der Kapitulation am 14. Mai weiter brannte.
12. Mai Am 12. Mai gingen die Kämpfe dort weiter, wo sie am Vortag geendet hatten. Obwohl die Niederländer die Kontrolle über die Stadt nicht zurückgewannen, mussten die Deutschen ständige Angriffe auf ihre Stellungen hinnehmen. Die Verluste häuften sich auf beiden Seiten und das deutsche Kommando machte sich zunehmend Sorgen über den Zustand seiner 500 Mann im Herzen von Rotterdam. Oberstleutnant von Choltitz erhielt von Generalleutnant Kurt Student die Erlaubnis, seine Männer aus der nördlichen Stellung zurückzuziehen, wenn er der Meinung war, dass die operative Situation dies erforderte.
Nordwestlich von Rotterdam, beim Dorf Overschie, versammelten sich Kräfte, die an den Luftlandungen bei Ockenburg und Ypenburg beteiligt gewesen waren. General Graf von Sponeck hatte den Rest seiner Truppen von Ockenburg nach Overschie verlegt und bekämpfte niederländische Truppen in diesem Gebiet. Im Dorf Wateringen stießen die Deutschen auf einen Wachtrupp eines niederländischen Gefechtsstands und als zwei Panzerwagen erschienen, um die holländischen Verteidiger zu unterstützen, zogen sich die Deutschen zurück und machten einen Umweg. Dem Großteil von von Sponecks Gruppe gelang es, das Dorf Overschie zu erreichen, wo sie sich mit deutschen Überlebenden der Ypenburg-Schlacht trafen.
13. Mai mini|Einheiten der Wehrmacht marschieren; links eine abgeschossene Ju 52 bei Rotterdam