mini|305px|Umschlaganlagen in Brake mini|305px|J. Müller Weser in Bremen J. Müller Aktiengesellschaft ist eine deutsche Unternehmensgruppe mit Sitz in Brake (Unterweser). Das Unternehmen wurde 1821 gegründet und befindet sich seitdem im Familienbesitz. J. Müller verfügt über eigene Seehafenterminals in Brake und Bremen und betreibt diese für den Umschlag und die Seehafenlogistik von Schüttgütern und massenhaften Stückgütern. Darüber hinaus ist die Unternehmensgruppe in verschiedenen anderen wirtschaftlichen Tätigkeitsfeldern aktiv, darunter im Handel mit Stahl, Holz und tierischen Proteinen (Fischmehl).
Am Hafen in Brake betreibt das Unternehmen europaweit das größte Importterminal für Futtermittel sowie die größte zusammenhängende Siloanlage. Der Hafen gilt außerdem als Deutschlands größter Importhafen für Getreide sowie Zellstoff. 2019 wies das Unternehmen eine Umschlag- und Befrachtungsleistung von 8,5 Millionen Tonnen Stück- und Schüttgüter auf.
Geschichte 1821–1887: Gründung und Spezialisierung Die Anfänge der J. Müller AG gehen zurück auf das frühe 19. Jahrhundert. Am 26. April 1821 heiratete Johann Müller die einzige Tochter des Kaufmanns Nicolaus Smit, Sara Jacobine Smit, und übernahm das Speditionsunternehmen seines verstorbenen Schwiegervaters. Johann Müller erweiterte das Unternehmen in der Folge um Umschlags- und Lagergeschäft.
Mit Beginn des Jahres 1835 wurde der Braker Hafen zum Freihafen erklärt. Das Zollausschlussgebiet umfasste einen Teil des Außentiefs und des Ortes Brake. Innerhalb dieses Bereiches konnten die Güter des Seehandels unverzollt eingeführt, gelagert und wieder ausgeführt werden. Ende der 1860er-Jahre wurde deshalb der Bau eines Binnenhafens mit Schleuse notwendig.
Das Unternehmen wurde nach dem Tod des Gründers Johann Müller 1869 von den Söhnen Bernhard Friedrich Heinrich Müller (1834–1882) und Carl Theodor Müller (1837–1882) geleitet. Im Jahr 1873 wurde Brake an das Eisenbahnnetz angeschlossen. Zwei Jahre später wurde die Bahnverbindung auf das Gebiet des heutigen Nordenhams ausgedehnt, wo das Unternehmen eine neue Filiale für erweiterte Umschlags- und Lagerkapazitäten für Rohöl und Naphtha eröffnet hatte.
1888–1913: Umfangreiche Erweiterungen Johannes Theodor Müller (1864–1932) trat am 1. Mai 1888 an der Seite seiner Mutter Anna Müller in die Firma J. Müller ein, die als Offene Handelsgesellschaft fortgeführt wurde. In dem Jahr verfügte J. Müller über eine Gesamtlagerkapazität von rund 5.000 Tonnen. In den folgenden Jahrzehnten wurden sukzessive die Lagerkapazitäten mit mehreren neu errichteten Packhäusern und Schuppen ausgebaut und der Güterumschlag mechanisiert.
1893 wurde eine neue Pieranlage direkt am Weserstrom fertiggestellt, in dessen Nähe J. Müller noch im selben Jahr ein Packhaus für Getreide sowie einen Schuppen für die Lagerung von Salpeter baute. Mit der Umstellung auf die sich expansiv entwickelnden Massengüter Getreide und Salpeter reagierte J. Müller auf Verluste beim bislang bedeutenden Stückgutverkehr.
Die folgende Steigerung des Hafenverkehrs basierte wesentlich auf der expandierenden intensiven Land- und Viehwirtschaft im norddeutschen Raum. Der Anschluss an das überregionale Eisenbahnnetz und die Zollpolitik des Reiches begünstigten die Zufuhr von Getreide, insbesondere für die Schweinemast im Oldenburger Land und im Münsterland. Im Jahr 1910 betrug das Gesamtumschlagsvolumen des Unternehmens 475.000 Tonnen, kurz vor dem Ersten Weltkrieg überschritt es 800.000 Tonnen. Salpeter wurde zum zweiten wichtigen Geschäftsfeld im Braker Hafen. Auf einer Grundfläche von 4.500 Quadratmetern konnten dort rund 24.000 Tonnen Salpeter untergebracht werden.
1914–1931: Erster Weltkrieg und Wirtschaftskrise Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurden 16 männliche Angestellte des Unternehmens zum Kriegsdienst eingezogen. Das Deutsche Reich verlor den Anschluss an den Welthandel, und die Unterbrechung von Handel und Schifffahrt verursachte Importausfälle mit der Folge von Versorgungsengpässen und Preissteigerungen. Dies bedeutete zunächst das Ende der positiven wirtschaftlichen Entwicklung des Braker Hafens.
Bis 1918 war der Gesamtumschlag auf 800 Tonnen gesunken. Die neu errichteten Anlagen standen meistens still. Die Restbestände an Salpeter wurden für die Herstellung von Munition beschlagnahmt. Mit dem Tod seiner Mutter am 14. Juni 1918 wurde Johannes Theodor Müller zum Alleininhaber des Unternehmens.
Die Lage des Hafens von Brake blieb nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wirtschaftlich unbeständig und unsicher. Handel und Verkehr litten unter den einschränkenden Bedingungen des Versailler Vertrages. Der Getreideumschlag lag mit rund 155.000 Tonnen (1923) weit unter dem Vorkriegsniveau von rund 800.000 Tonnen (1913) und erholte sich nicht, da das Reich die Getreideeinfuhren reduzierte, von denen die Bremer Getreideanlage den Großteil abwickelte. Import und Umschlag von Chile-Salpeter waren stark rückläufig, da der Bedarf mit zunehmendem Einsatz von Kunstdünger als Düngemittel in der Landwirtschaft weiter abnahm. Die Holzeinfuhren waren ebenfalls rückläufig.
Zur Förderung des Umschlagsverkehrs von Kohle, Koks, Erz, Holz und Stückgütern investierte der Staat Oldenburg umfangreich in den Hafen, darunter 1923 in zwei Brückenkräne mit Greifern für den Erz- und Kohlenumschlag. Seit 1924 bildeten J. Müller und Karl Gross eine Kranbetriebsgesellschaft.
Die Entlastung bei den Reparationsleistungen und der Zustrom ausländischen Kapitals zum Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft ermöglichten die Durchführung einer vor dem Krieg geplanten weiteren Weservertiefung. 1921 bis 1924 erfolgte der erweiterte 7-Meter-Ausbau, 1925 bis 1929 der 8-Meter-Ausbau. Die Braker Hafenfirmen reagierten 1926 bis 1928 mit einer Modernisierung der Getreideumschlagsanlage und einer Erweiterung der Lagerkapazitäten auf die Verluste beim Massengutumschlag, bevor der New Yorker Banken- und Börsenzusammenbruch am 25. Oktober 1929 eine Weltwirtschaftskrise auslöste. Das Unternehmen J. Müller überstand den Niedergang der Hafenwirtschaft durch Umorganisation, Personalabbau und äußerste Sparsamkeit.
1932–1948: Zeit des Nationalsozialismus Johannes Theodor Müller starb 1932 im Alter von 67 Jahren. Als Nachfolger übernahmen seine Söhne Johannes Friedrich Carl Müller (genannt: Hans; 1897 – 1979) und Carl Victor Hermann Müller (1901–1980) die Geschäftsführung. Der jüngere der beiden Brüder, Carl Müller, trat zum 1. Januar 1934 aus der Geschäftsführung der Kommanditgesellschaft J. Müller aus. Am 1. Januar 1938 übernahm Hans Müller alle Geschäftsanteile seines Bruders Carl und seiner Mutter Anna Helene Müller. In den Jahren 1945, 1947 und 1956 absolvierten drei der Söhne von Hans und Nelli Müller, Gerhard Carl Gustav (1928–2020), Klaus Wilhelm (1930–2014) und Ernst Walter (1938–2013), eine kaufmännische Ausbildung im Familienunternehmen. Hans Müller führte das Unternehmen durch die Jahre des Nationalsozialismus, einschließlich des Zweiten Weltkrieges.
Am 27. September 1945 wurde Hans Müller verhaftet und zunächst bei der amerikanischen Militärbehörde in Bremen verhört. Später wurde er interniert. Die Geschäfte führte vom 15. Januar 1946 bis zum 30. September 1948 gemäß den Bestimmungen der Potsdamer Konferenz der vom Treuhänder eingesetzte Prokurist Wilhelm Fischer. Am 26. Februar 1948 übernahm Hans Müller wieder die Unternehmensführung.
1949–1971: Aufschwung Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war Brake Haupthafen der britischen und amerikanischen Militärregierung für den Umschlag und die Lagerung der dringend benötigten Güter für die Bizone. Um die Beteiligung am Umschlagsgeschäft zu sichern, richtete J. Müller in Frankfurt, wo sich seit dem 29. Mai 1947 der Wirtschaftsrat für das vereinigte Wirtschaftsgebiet befand, eine Repräsentanz ein. Weitere Vertretungen wurden in Düsseldorf und Hamburg, am Ort der Hauptverwaltung des Seeverkehrs der Bizone, eröffnet. Die Hamburger Vertretung wurde 1967 aufgelöst.
An den über die Weser abgewickelten Einfuhren war J. Müller gemäß der nach Kriegsende 1946 getroffenen Vereinbarung zum Bremen-Braker-Getreidevertrag zu 50 Prozent beteiligt. J. Müller bewältigte zwei Drittel des Umschlags über Brake. Die Getreidezufuhr stieg stark an, von rund 80.000 Tonnen im Jahr 1945 auf 900.000 Tonnen im Jahr 1948 und auf über eine Million Tonnen im Jahr 1949. Der seewärtige Gesamtumschlag über Brake überschritt 1949 mit 1,4 Millionen Tonnen den Vorkriegsstand und stieg in den 1950er-Jahren stark, bis auf 2,4 Millionen Tonnen im Jahr 1957 an. Die protektionistische Getreidemarktordnung der Ende der 1950er-Jahre gegründeten EWG mit einer Zollbelastung auf Getreide aus nicht EWG-Staaten führte zum Einfuhrrückgang. Eine Alternative zu den eingeschränkten Getreideimporten bot die Einfuhr von anderen Futtermitteln, die nicht unter die Bestimmungen fielen. Als Umschlagsgut gewannen sie zunehmend an Bedeutung. Neben den klassischen Getreidesorten Gerste, Hafer, Mais, Weizen und Roggen wurden zusätzlich proteinhaltige Produkte, wie Tapioka, Palmkernexpeller und Sojaschrot eingeführt.
Um den Standort im Hafen Brake zu verbessern und der Entwicklung des Handelsvolumens anzupassen, nahm Hans Müller in den 1950er-Jahren eine umfassende Neuorganisation und Modernisierung der vor dem Krieg geschaffenen, inzwischen veralteten Umschlags- und Lagerkapazitäten vor. So wurden Anlagen und technischen Einrichtungen ausgebaut, außerdem wurde 1958/59 binnendeichs ein neuer Silo mit einem Fassungsvermögen von 12.500 Tonnen gebaut. Die Gesamtlagerkapazität erhöhte sich damit auf 76.500 Tonnen.
Der in den 1950er-Jahren bedeutende Umschlag von Kohle aus den USA war aufgrund der Schutzzölle zugunsten der Ruhrkohle und mit dem sinkenden Verbrauch der Stahlindustrie bereits seit Beginn der 1960er-Jahre rückläufig. J. Müller reagierte mit einem Kurswechsel. An die Stelle des fehlenden Umschlags an traditionellen witterungsunempfindlichen Massenschüttgütern Erz, Kohle und Koks traten Umschlag und Lagerung von witterungsempfindlichen Massenschüttgütern (wie schwerfließende Futtermittel, Düngemittel) und Massenstückgütern (Breakbulk, wie Forst- und Papierprodukte, zu denen insbesondere Zellulose, Zeitungsdruckpapier und Schnittholz gehörten, sowie Eisen- und Stahlprodukte, Maschinen und Anlagen). Seit 1965 beteiligte sich J. Müller, zunächst in Bremen als Spediteur und Stauer, und ab 1968 in Brake als vollumfänglicher Terminalbetreiber am boomenden Umschlag massenhafter Stückgüter. Mit einem Umschlagsvolumen von 4,2 Millionen Tonnen wurde 1970 erstmals die 4-Millionen-Marke überschritten. Damit lag Brake im Spitzenfeld der deutschen Nord- und Ostseehäfen. Anfang der 1970er-Jahre beschäftigte J. Müller 136 fest angestellte Mitarbeiter.
Am 1. Januar 1967 zog sich Hans Müller aus dem operativen Geschäft zurück. Die bisherige Einzelfirma wurde in eine Kommanditgesellschaft, die J. Müller KG, umgewandelt, mit Hans Müller als persönlich haftendem Geschäftsführer und den drei Söhnen als Kommanditisten.
1972–1998 Die Braker Schifffahrtsgesellschaft avancierte zu einer der größten Binnenschiffsreedereien an der Weser. 1970 umfasste die Flotte 65 Schiffe mit einer Tragfähigkeit von 55.000 Tonnen. Dazu zählten drei eigene Binnenschiffe, sechs Schleppkähne und gecharterte Schiffe von 56 Partikulieren. Bei ständig steigenden Transportvolumen beförderten die Schiffe jährlich mehr als eine Million Tonnen Güter auf den westdeutschen Wasserstraßen. Die Erreichbarkeit der Unterweserhäfen wurde 1973 mit der Vertiefung des Stroms, dem sogenannten SKN-9-Meter-Ausbau, dem internationalen Trend größerer Schiffseinheiten entsprechend angepasst. Wegen des hohen Investitionsbedarfs zur technischen Weiterentwicklung wurden 1979 das Motorschiff »Jan Müller« und 1985 die anderen Binnenschiffe verkauft. Die Partikuliere fuhren künftig unter der Flagge von J. Müller in Bremen.