mini|hochkant=1.6|Kopie des Originaldrucks der Proklamation Dunmores Proklamation ist ein historisches Dokument, das am 7. November 1775 von John Murray, 4. Earl of Dunmore, dem königlichen Gouverneur der britischen Kolonie Virginia, unterzeichnet wurde. Die Proklamation erklärte den Ausnahmezustand und versprach denjenigen im Besitz aufständischer Kolonisten befindlichen Sklaven die Freiheit, die ihren Eigentümern entflohen und sich den königlichen Streitkräften anschlossen, um Schwarze Loyalisten zu werden. Historikern zufolge war die Proklamation allerdings eher aus praktischen und militärischen Gründen veranlasst worden, als dass ihr moralische oder humanitäre Aspekte zu Grunde lagen. Ungeachtet ihrer pragmatischen Zielsetzung bildete sie dennoch einen wichtigen historischen Meilenstein. Mit ihr wurde die freie Willensäußerung versklavter Menschen höherwertiger als die Besitzrechte ihrer Eigentümer eingestuft.
Die offiziell am 15. November verkündete Proklamation veranlasste nach ihrer Veröffentlichung zwischen 800 und 2000 Sklaven sich durch Flucht der Herrschaft ihrer Eigentümer zu entziehen und sich bei den Truppen von Lord Dunmore für den Kriegsdienst zu melden. Die Besitzer dieser entflohenen Sklaven gehörten dabei sowohl der aufständischen, wie auch der treu zur England stehenden loyalistischen Seite an.
Die Proklamation erhitzte auch die Gemüter der sklavenbesitzenden Eliten Virginias (und auch hier erneut die beider politischer Richtungen), für die die Möglichkeit eines Sklavenaufstandes eine große Befürchtung war. Die Proklamation scheiterte letztlich an Dunmores Zielsetzungen und er wurde durch die sich für ihn ungünstig auswirkenden militärischen Entwicklungen im Lauf des Jahres 1776 aus der Kolonie Virginia vertrieben, wobei er etwa 300 ehemalige Sklaven mit sich nahm.
Die vier Jahre später veröffentlichte Philipsburg-Proklamation galt im Gegensatz zu Lord Dunmores Proklamation für alle britischen Kolonien und nicht nur für Virginia. Im Laufe des Krieges gelang zwischen 80.000 und 100.000 Sklaven die Flucht von den amerikanischen Plantagen.
Hintergrund mini|links|hochkant=0.6|Lord Dunmore Der als Lord Dunmore in der nordamerikanischen Kolonialgeschichte bekannt gewordene John Murray, 4. Earl of Dunmore entstammte der französischen Linie des schottischen Adelshauses der Stuarts und war von 1771 bis 1775 königlicher Gouverneur der britischen Kolonie Virginia. Während seiner Amtszeit setzte er sich dafür ein, die westlichen Grenzen der Kolonie Virginia über die Appalachen hinaus zu erweitern, obwohl dies den Grenzfestlegungen widersprach, die in der Königlichen Proklamation von 1763 gemacht worden waren. Während des nach ihm benannten Lord Dunmores Krieges besiegte er vor allem das indianische Volk der Shawnee und gewann Land südlich des Ohioflusses, was ihm einiges an Popularität in Virginia einbrachte.
Als sich jedoch infolge der als Amerikanischen Revolution bezeichneten Aufstandsbewegung eine weitreichende Abneigung gegen die britische Krone breit machte, änderte Dunmore seine Haltung gegenüber den Kolonisten: Nun war er frustriert über den Mangel an Respekt, den diese gegenüber der britischen Krone zeigten. Als virginische Delegierte für den Zweiten Kontinentalkongress bestimmt werden sollten, versuchte er durch entsprechende Befehle deren Wahl zu verhindern, wodurch er viel von seiner bis dahin vorhandenen Popularität einbüßte.
Am 21. April 1775 ließ er im sogenannten Schießpulver-Zwischenfall ein koloniales Munitionslager in Williamsburg beschlagnahmen, was zur Bildung eines wütenden Mobs führte. Die rebellierenden Kolonisten argumentierten, dass die von den britischen Behörden beschlagnahmte Munition ihnen gehören würde und nicht der britischen Krone. In dieser Nacht schwor Dunmore wütend: „Ich habe einst für die Virginier gekämpft und, bei Gott, ich werde ihnen zeigen, dass ich auch gegen sie kämpfen kann.“ Dies war eine der ersten Male, in denen Lord Dunmore offen mit der Verhängung des Ausnahmezustandes drohte. Und obwohl er noch keine formellen Beschlüsse gefasst hatte, verbreitete sich die Nachricht über sein Vorhaben in der Kolonie sehr schnell. Nicht lange nach diesem 21. April bot eine Gruppe von Sklaven dem königlichen Gouverneur an, in seinen Dienst zu treten. Doch obwohl er sie wieder fortschickte, blieben die kolonialen Sklavenhalter seinen Absichten gegenüber misstrauisch.
Nachdem die kolonialen Proteste gewalttätig geworden waren, floh Lord Dunmore aus dem Gouverneurspalast in Williamsburg, schiffte sich am 8. Juni 1775 in Yorktown ein und nahm Zuflucht auf der Fregatte HMS Fowey. Danach verstärkte er seine Streitkräfte über mehrere Monate hinweg, indem er durch Plünderungszüge weitere Vorräte aufbrachte, sowie durch an Sklaven gerichtete Einladungen, sich seinen Truppenverbänden anzuschließen.
Als mit dem House of Burgesses die gesetzgebende Körperschaft der Kolonie Virginia entschied, dass Dunmore mit seiner Abreise seinen Rücktritt angezeigt hatte, entwarf er eine formelle Proklamation, die nun nach ihm benannt wurde. Er unterzeichnete sie am 7. November 1775 und eine Woche später wurde sie öffentlich verkündet.
Dunmores Proklamation Durch dieses offizielle Dokument rief Lord Dunmore den Ausnahmezustand aus und verurteilte alle aufständischen Kolonisten als Landesverräter, die der Krone gegenüber untreu geworden seien. Außerdem erklärte das Dokument „alle Leibeigenen, Neger oder andere... als frei, die fähig und willens sind, Waffen zu tragen...“. Lord Dunmore erwartete, dass eine mittels dieser Proklamation ausgelöste Revolte mehrere Auswirkungen haben würde: In erster Linie würde diese seine eigenen Streitkräfte stärken, die zu diesem Zeitpunkt lediglich 300 Mann zählten und von Verstärkungen aus dem von britischen Truppen gehaltenen Boston abgeschnitten waren. In zweiter Linie hoffte er darauf, dass eine solche Aktion bei den Kolonisten die Angst vor einem allgemeinen Sklavenaufstand wecken würde. Dadurch erhoffte er sich, dass diese ihre eigene Revolte aufgeben würden.
Vollständiger Wortlaut der Proklamation:
Reaktion der Kolonisten Der zweite Virginia-Konvent zeigte sich entrüstet über Lord Dunmores Proklamation und reagierte darauf am 14. Dezember 1775 mit einer unmissverständlichen Erklärung, in der angekündigt wurde, dass alle flüchtigen Sklaven hingerichtet werden würden:
Zeitungen wie die Williamsburger Wochenzeitschrift The Virginia Gazette veröffentlichten die Proklamation in ihrem vollen Wortlaut. Zudem wurden Patrouillen organisiert, um nach geflüchteten Sklaven zu fahnden, die den Versuch unternahmen, Lord Dunmores Angebot anzunehmen. Die Gazette kritisierte nicht nur, dass Dunmore nur den Sklaven der Aufständischen die Freiheit anbot, die bereit waren, ihm zu dienen. Sie stellte auch in Frage, ob er sein Wort halten würde, weil er vermeintlich angedeutet hatte, dass er die entkommenen Sklaven auf den Westindischen Inseln verkaufen würde (tatsächlich lässt sich diese Behauptung aus Dunmores Proklamation jedoch nicht herauslesen). Die Zeitung warnte daher die Sklaven: „Lasst euch also nicht … durch die Proklamation dazu verleiten, euch zu selbst zu verderben.“ Da nur sehr wenige Sklaven des Lesens und Schreibens kundig waren, war dies jedoch mehr ein symbolischer Schritt. Außerdem wurde angemerkt, dass es sich bei Dunmore selbst um einen Sklavenhalter handelte.
Am 4. Dezember empfahl der Kontinentalkongress den virginischen Kolonisten, Dunmore „bis zum Äußersten“ Widerstand zu leisten. Am 13. Dezember reagierte der vierte Virginia-Konvent mit einer eigenen Proklamation. In dieser wurde erklärt, dass alle Sklaven, die innerhalb von zehn Tagen zu ihren Herren zurückkehrten, begnadigt würden. Diejenigen aber, die dies nicht taten, würden „ohne Berücksichtigung des benefit of clergy (dem Vorrecht der Geistlichkeit) gehängt“ werden.
Die Schätzungen über die Anzahl der entflohenen Sklaven, die zu Dunmores Truppen gelangen konnten, variieren zwar, sie bewegen sich aber im Allgemeinen zwischen 800 und 2000.
Die entflohenen Sklaven, die Dunmore in den Truppendienst aufnahm, wurden im so genannten Lord Dunmore’s Ethiopian Regiment organisiert. Die einzige nennenswerte militärische Auseinandersetzung, an der Dunmores Regiment teilnahm, war die Schlacht von Great Bridge am 9. Dezember 1775 bei Chesapeake, die mit einer entscheidenden Niederlage der Briten endete. Am Ende erwies sich Lord Dunmores Strategie als erfolglos, da seine Streitkräfte weniger als ein Jahr später durch einen Ausbruch der Pocken dezimiert wurden. Als er mit seinen Truppen schließlich 1776 aus der Kolonie abzog, führte er 300 der ehemaligen Sklaven mit sich.
Im Jahr 1779 erließ dann der britische General Sir Henry Clinton die Philipsburg-Proklamation, die die Freilassung der Sklaven von revoltierenden Sklavenbesitzern im gesamten Aufstandsgebiet ausrief. Dies galt auch für den Fall, dass sich diese nicht bei den britischen Truppen meldeten. Dies führte zu einer deutlich größeren Anzahl von entflohenen Sklaven.
Es wird vermutet, dass im Lauf des gesamten Unabhängigkeitskrieges bis zu 100.000 Sklaven versuchten, von ihren Besitzern zu flüchten und sich den Briten anzuschließen.
Am Ende des Krieges siedelten die Briten etwa 3.000 ehemalige Sklaven in die ihnen treu gebliebene kanadische Kolonie Nova Scotia um. Auch wenn die Zahl der dadurch befreiten Sklaven im Vergleich zur gesamten Sklavenbevölkerung gering war, fanden bis zum amerikanischen Bürgerkrieg durch diese beiden Proklamationen mehr amerikanische Sklaven ihre Freiheit, als durch jede andere Initiative.
Siehe auch Emanzipationsproklamation
Literatur
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Amerikanischer Unabhängigkeitskrieg Kategorie:Sklaverei in den Vereinigten Staaten Kategorie:Britische Kolonialgeschichte (Amerika) Kategorie:Militärgeschichte (Virginia) Kategorie:Geschichte Nova Scotias Kategorie:Historisches Dokument Kategorie:1775