Alagna Valsesia (walserdeutsch Lannja oder Im Land, im piemontesischen Dialekt der Val Sesia Lagna) ist eine italienische Gemeinde (comune) in der Provinz Vercelli der Region Piemont. Sie ist Träger des vom Touring Club Italiano verliehenen Umwelt- und Tourismusqualitätssiegels Bandiera Arancione.
Lage und Einwohner Alagna ist die oberste Gemeinde im Valsesia an der Südseite des Monte-Rosa-Massivs auf einer Höhe von . Seit 2019, nach der Eingemeindung von Riva Valdobbia, nimmt sie eine Fläche von 133,17 km² ein; diejenige der alten Walsergemeinde Alagna betrug 72 km². Die Streusiedlung liegt knapp 100 Kilometer nordwestlich von der Provinzhauptstadt Vercelli entfernt im Naturpark Alta Valsesia und hat Einwohner (Stand ).
Gemeindegliederung Die Gemeinde besteht aus 32 Fraktionen, die sich um die vier Ortsteile Centro, Oubna-um, Unna-hin und in Olter (it. Otro) gruppieren. Die Fraktionen des Ortsteils Centro sind Zar Sogu (it. Resiga), Im Undre Grobe (it. Reale inferiore), Im Oubre Grobe (it. Reale superiore), Z’Jakmuls Hus (it. Casa Giacomolo), Z’Pudelenn (it. Pedelegno), Zar Chilchu (it. Centro), In d’Bundu (it. Bonda), In d’Ekku (it. Indeccu), In d’Stïtz (it. Stitz), Z’Purratz Hus (it. casa Porrazzo), Z’Juassis Hus (it. casa Prati). Zu Oubna-um gehören Fum Diss (it. Dosso), Fum d’Boudma (it. alle Piane), In d’Wittine (it. Wittine), Fun d’Rùfinu (it. Rusa), Im Garrài (it. Goreto), Im Adelstodal (it. Montella). Die Fraktionen von Unna-hin sind Zam Steg (it. Ponte), Z’Kantmud (it. Pedemonte), Im Rong (it. Ronco), Im Oubre Rong (it. Ronco superiore), Z’Uttershus (it. Uterio), Z’San Niklòs (it. San Nicolao), Im Wold, In d’Mèrlette (it. Merletti). Zu in Olter (it. Otro) gehören Felleretsch, Follu, Tschukke, Dorf, Scarpia, Weng und Pianmisura.
Die meisten dieser Fraktionen zeichnen sich durch sehr gut erhaltene historische Holzbauten aus. Sie wurden im späteren 20. Jahrhundert vom Architekten Arialdo Daverio (1909–1990) vollständig wissenschaftlich dokumentiert.Arialdo Daverio. In: alagna.it. Abgerufen am 27. September 2026. Siehe im Weiteren das Kapitel Literatur.
Am 1. Januar 2019 wurde zudem die südöstlich liegende Gemeinde Riva Valdobbia mit ihren 20 Fraktionen Balma, Boccorio, Buzzo, Cà di Ianzo, Cambiaveto, Cà Morca, Cà Piacentino, Cà Verno, Cà Vescovo, Gabbio, Isolello, La Montata, Oro, Peccia, Piana Fuseria, Piane, Rabernardo, Sant’Antonio, Selveglio und Vogna Sotto eingemeindet, so dass die Gemeinde Alagna Valsesia seit 2019 aus 53 Fraktionen besteht.
Schutzpatron der vier Ortsteile Centro, Oubna-um, Unna-hin und in Olter ist Johannes der Täufer (Giovanni Battista) und für das eingemeindete Riva Valdobbia mit seinen Fraktionen der Erzengel Michael (San Michele). 470px|mini|links|Zentrum von Alagna Valsesia 270px|mini|Ortsmuseum im Weiler Pedemonte/Z’Kantmud
Nachbargemeinden Die Nachbargemeinden der Gemeinde Alagna sind Alto Sermenza (VC) sowie Gressoney-La-Trinité und Gressoney-Saint-Jean im Aostatal, Macugnaga in der Provinz Verbano-Cusio-Ossola und Zermatt im Schweizer Kanton Wallis.
Bevölkerungsentwicklung Die folgenden Zahlen sind hinsichtlich der Zeit vor 2019 auf das heutige Gemeindeterritorium umgerechnet.
Geschichte und Sprache 120px|mini|links|Altes Wappen in Gebrauch bis 2021 Wie Rima und Rimella im Sesiatal sowie das westlich anschließende Gressoney im Lystal und das nördlich angrenzende Macugnaga im Anzascatal wurde auch Alagna im 13. und 14. Jahrhundert von den Walsern besiedelt. In einer Urkunde von 1302 ist von Anrigetus Ursus, alemannus de Pè de Moyt („A. U., Alemanne/Deutscher am Fuße des Colle Mud“) die Rede, und in einer Urkunde von 1319 geht es um die Übertragung von Rechten an einem Grundstück in Pedemonte an die Brüder Zanino und Nicolino, Söhne des Enrico aus Macugnaga.Enrico Rizzi: [Vorwort.] In: Comitato organizzatore 8° Walsertreffen Alagna (Hrsg.): Alagna Valsesia, una comunità walser. Valsesia Editrice, Borgosesia 1983, S. 3 f.Silke La Rose: Walser Recht ennetbirgen – Ein Beitrag zu Ursprung und Verlaufsbedingungen der Walserwanderung. Teil II: Rimella und Alagna. In: Wir Walser 1 (2006) 7–17. Während die tiefer gelegenen Gebiete von Zuwanderern aus Magugnaca eingenommen wurde, stammten die Bewohner des höher gelegenen Seitentals Val d’Otro hingegen wohl aus Gressoney; nachweislich gilt dies für das benachbarte Val Vogna, für welches 1325 einige Familien aus dem Lystal bezeugt sind. Eine zusammenhängende Gemeinde Alagna begann sich erst im 15. Jahrhundert zu bilden. Auf die Walser gehen der örtliche höchstalemannische Dialekt, gewisse Traditionen und die typischen Holzbauten zurück. Ein (im Sommer täglich und im Winter am Wochenende geöffnetes) Museum über die Dorfkultur findet sich in der Fraktion Pedemonte.
Etliche Einwohner Alagnas und seines Nachbarorts Riva Valdobbia – einem Gebiet, das als «Prismell» bekannt war – machten in der Frühneuzeit als bedeutende Baumeister Karriere; siehe Liste von Prismeller Baumeistern. Ägidius Tschudi vermerkte in seiner Gallia Comata, die Einwohner des Prismells seien alles Steinmetze und gute Maurer, die weit herumreisten. 1527 sind in den Offnungsbüchern von Basel zahlreiche Prismeller und Steinhauer etwa mit den Namen Murer, Ruffener (vergleiche den Artikel Ulrich Ruffiner), Bonder, Heintz und Ysenmann verzeichnet. In Zürcher Bürgerverzeichnissen erscheint schon 1507 ein Ulrich Giger, «der murer uß Lamparten», 1520 ein Anthony Giger, «uß Sesenthal by Novara, der steinmetz», und 1543 wurde die aus Alagna beziehungsweise dem dortigen Weiler Boudma stammende Familie Bodmer (Nachkommen von Lorenz Bodmer «uß dem Schwartzental» [d. h. aus dem Sesiatal] und Melchior Bodmer, Steinmetz aus dem Prismell) ins Bürgerrecht aufgenommen. Auch die Solothurner Familie Altermatt kann auf Alagna beziehungsweise die Oltermatta im Oltertol (Valle d’Otro) zurückgeführt werden. Tätig waren die Prismeller Baumeister überdies im Wallis, in Bern, Freiburg, Luzern und Glarus sowie in Mailand, Lyon und Prag.Abschnitt nach Paul Zinsli: Walser Volkstum in der Schweiz, in Vorarlberg, Liechtenstein und Piemont. Huber, Frauenfeld 1968 (mit zahlreichen Neuauflagen), S. 360–364.Casimiro Debiaggi: Gli artisti di Alagna. In: Comitato organizzatore 8° Walsertreffen Alagna (Hrsg.): Alagna Valsesia, una comunità walser. Valsesia Editrice, Borgosesia 1983, S. 225–246.
Das Walserdeutsche ist in Alagna am Aussterben. Nach einer Erhebung, die Maria Concetta di Paolo von der Universität Pescara 1996 durchführte, hatten damals von insgesamt 443 Einwohnern 37 Personen eine aktive und 23 eine passive Mundartkompetenz.Maria Concetta Di Paolo: Inchiesta demografica e sociolinguistica. In: Studi alemannici I. Edizioni dell’Orso, Torino 1999, S. 175–222. 1935 hatten laut Pier Paolo Viazzo von insgesamt 499 Einwohnern noch 292 eine aktive und 25 eine passive Sprachkompetenz;Pier Paolo Viazzo: Sui modi e sulle cause del declino del dialetto walser di Alagna, contenuto. In: Wir Walser. Halbjahresschrift für Walsertum 28/1, 1990, S. 28–33. laut Karl Bohnenberger sprachen im frühen 20. Jahrhundert von 632 Einwohnern 442 deutsch.Karl Bohnenberger: Die Mundart der deutschen Walliser im Heimattal und in den Außenorten (= Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik. Band 6). Huber, Frauenfeld 1913, hier S. 6. Dokumentiert ist die Ortsmundart, vom Sprachatlas der deutschen Schweiz abgesehen, insbesondere in Publikationen von Giovanni Giordani, Emil Balmer und Sergio Maria Gilardino (siehe das Kapitel Literatur).
Wirtschaft und Tourismus In der Vergangenheit wurde in Alagna Gold abgebaut. Ende des 19. Jahrhunderts gewann der Ort wichtige touristische Bedeutung durch seine Nähe zum Monte Rosa und diente als Talort für Besteigungen der Gipfel des Massivs. Heute ist der Ort bekannt für die vielfältigen Möglichkeiten zum Bergsteigen und für den Wintersport. Die Margheritahütte, das höchstgelegene Gebäude Europas, liegt im Gemeindegebiet, nahe der Grenze zur Schweiz.
Bau der Anlagen am Belvedere 1947 wurde eine kuppelbare Einseilumlaufbahn durch die Firma Piemonte Funivie aus dem Dorfzentrum auf einen oberhalb gelegenen Felssims mit dem Namen Belvedere errichtet. Die Anlage war die erste kuppelbare Kabinenbahn der Welt und zeichnete sich durch eine extrem steile Trasse aus. Der erschlossene Berg ist geprägt durch einen beeindruckenden Blick auf das Monte-Rosa-Massiv, dem er seinen Namen verdankt („schöne Aussicht“). Neben der Bergstation wurde ein Hotel errichtet, das jedoch später niederbrannte. Spätestens mit dem Bau eines kurzen Schleppliftes und einer Sesselbahn durch die Firma Marchisio war seit den 1950er Jahren auch Skisport möglich. Seit einem schweren Unglück 1971, bei dem eine Gondel über das Seil im Steilstück abrutschte und auf folgende Gondeln prallte, liegen sämtliche Anlagen am Belvedere brach.
Bau der Punta-Indren-Seilbahn In der Zeit von 1958 bis 1965 wurde unter maßgeblicher Leitung des im Tal geborenen Ingenieurs Giorgio Rolandi in drei Sektionen eine Ceretti e Tanfani Pendelbahn auf die 3260 m hohe Punta Indren gebaut. Die Bahn erschloss den inmitten von Gletschern gelegenen Felsgrat, der Teil der Südflanke des Monte Rosa ist, in drei Sektionen über die Mittelstationen Zar Oltu (1800 m) und Bocchetta delle Pisse (2400 m). Diese Anlage stellte eine der beeindruckendsten Bahnen der Alpen dar und war mit ihrer exponierten, extrem langen und sehr abgelegenen Trasse eine absolute technische Meisterleistung. Wie aufwändig der Bau war, zeigt sich nicht nur in der sehr langen Bauzeit, sondern auch der Errichtung einer bis heute in Teilen vorhandenen für sich bereits sehr aufwändigen Bauseilbahn. Auch die massiven Betonstationen zeugen von einem Ingenieursgeist, der den extremen klimatischen Bedingungen des rauen Hochgebirges etwas entgegensetzen wollte. Um im Gletscherbereich überhaupt bauen zu können, musste eigens besondere Vorkehrungen in Form einer Art Sarkophag getroffen werden. Eine weitere technische Besonderheit ist eine sehr hohe Betonstütze in der Mitte der dritten Sektion der Punta Indren Seilbahn, die als Mitteleinstieg für Schifahrer gebaut worden war.
Etwa Ende der 1960er Jahre folgten zwei Schlepplifte auf dem Indren- und dem Borsgletscher, die den Sommerschibetrieb ermöglichten und ebenfalls sehr beeindruckende Konstruktionen darstellten. Da im Gletscherbereich keine Stromkabel verlegt werden konnten, wurden die Antriebe der Anlagen in die Seilbahnbergstation integriert und die Schlepplifte als sogenannte Dreieckslifte ausgeführt. Bei diesen beiden Liften läuft das Rückseil statt direkt zur Talstation über extrem aufwändige Konstruktionen über die Felsgrate zu einer dritten Station – dem Antrieb an der Seilbahnbergstation – und erst von dort wieder zur Talstation zurück. Damit können die Lifte von der zentralen Seilbahnbergstation aus angetrieben werden.
Der Lift auf dem Borsgletscher wurde Anfang der 1980er Jahre durch eine Lawine endgültig zerstört und besteht seitdem nur noch als Ruine. Der Lift auf dem Indrengletscher wurde Anfang der 90er Jahre komplett ersetzt, die Reste der alten Anlage sind heute noch neben der bestehenden Anlage im Bereich der Bergstation zu sehen. Anfang der 1980er Jahre folgte ein zweiter Lift auf dem Indrengletscher (Rocette), der bis in eine Höhe von 3550 m an der Borsscharte (Forcella Bors) führt.
Zusätzliche Beschäftigungsanlagen wurden beim Bau der Seilbahn in den 1960er Jahren in Form des Balmdakorbliftes und des Einersessellifte „Mullero“ im Bereich der zweiten Mittelstation Bocchetta delle Pisse errichtet. Der Balmakorblift wurde Mitte der 1980er Jahre ebenfalls durch eine Lawine zerstört und anschließend lawinensicher wieder aufgebaut, was zu der legendären bunkerartigen Talstation und dem berüchtigten extrem langen und sehr hohen ersten Spannfeld führte.
Touristischer Aufschwung und Niedergang