Die Harfe und der Schatten (spanisch: „El arpa y la sombra“) ist der Titel des letzten, 1979 veröffentlichten Romans Alejo Carpentiers. Erzählt werden die Versuche zweier Päpste, Christoph Kolumbus wegen seiner Entdeckungen selig zu sprechen, und im Kontrast dazu die Lebensbeichte des Seefahrers. Die deutsche Übersetzung von Anneliese Botond wurde ebenfalls 1979 publiziert.Ajejo Carpentier: „Die Harfe und der Schatten“. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1979.
Überblick In seinem historischen Roman kontrastiert Carpentier den Plan Papst Pius IX. und seines Nachfolgers Leo XIII., Kolumbus als Symbolfigur für die Verbindung der Alten mit der Neuen Welt selig zu sprechen, mit der Lebensbeichte des Seefahrers über seine Strategien, Vizekönig von Amerika zu werden, und lässt so Kolumbus selbst den Mythos vom genialen Entdecker einer neuen Welt untergraben. Der Roman besteht aus drei Teilen. Der erste handelt von Papst Pius IX. und seinem Plan, im zweiten blickt Kolumbus auf sein Leben zurück, der dritte erzählt von der Verhandlung über die Seligsprechung. → Die Abschnitte des Romans I Die Harfe
(1) Papst Pius liest die Petition zur Seligsprechung Kolumbus‘.
(2) Der Rückblick auf seine Biographie,
(3) die Reise nach Chile und den
(4) Aufenthalt in Santiago endet mit der Unterzeichnung des Antrags.
II Die Hand
(1) Kolumbus wartet auf den Beichtvater. Inzwischen blickt er zurück auf:
(2) Seine Wollust und seine Wissbegierde,
(3) die Informationen über die Reisen der Wikinger nach Amerika,
(4, 5) seine Werbung für eine Erkundung der Westroute nach Asien,
(6) die Zustimmung Königin Isabellas für eine Expedition,
(7) seine Seereise über den Atlantik,
(8, 9) die Landnahme und Suche nach den Goldgruben,
(10) seine Rückreise nach Spanien,
(11) den Empfang in Barcelona und die Präsentation der Indianer, die Kritik der Königin und ihr neuer Auftrag,
(12) die weitere Seereise und seine Vorschläge für die Kolonisierung der Länder mit Indianersklaven,
(13) seine Rückkehr von der zweiten Reise, das Verbot der Indianerversklavung und
(14) seine Idee einer Missionierung der Indianer.
(15) Kolumbus zieht ein selbstkritisches Resüme,
(16) er will aber nicht seine Innensicht beichten.
III Der Schatten
(1) Kolumbus Geist besucht die Reliquiensammlung des Vatikans und
(2) verfolgt die Verhandlung seiner Seligsprechung vor dem Kollegientribunal,
(3) anschließend löst er sich im Äther auf.
Handlung I Die Harfe Die Handlung spielt 1869, fünf Jahre nach der Veröffentlichung der Enzyklika „Quanta cura“ mit dem Anhang „Syllabus errorum“, einer Liste mit 80 von der Kirche als falsch verurteilten Aussagen.
Papst Pius IX. wird auf dem Tragsessel aus der Sakramentskapelle des Petersdoms zu seinen Privatgemächern im Apostolischen Palast in der Vatikanstadt getragen (1. Abschnitt). Hier liest er das zur Unterzeichnung bereitliegende Dekret zur Seligsprechung Christoph Kolumbus‘. Vor dreizehn Jahren, 1856, hat er den französischen Historiker Graf Roselly de Lorgues beauftragt, zur Stützung seines Antrags eine Geschichte des Amerika-Entdeckers zu schreiben. Jetzt, da ihm alle Gutachten vorliegen, zögert er mit der Unterschrift, weil die Ritenkongregation normalerweise nur zeitnahe und keine historischen Fälle untersucht. Nach der Erinnerung an die Vorgeschichte (2–4) bringt er die Akte dann doch auf den Weg der Überprüfung (4).
Eingeschoben in die Szene der Unterzeichnung ist der Rückblick auf die Vorgeschichte des Dekrets. Sie beginnt mit der Kindheit des Papstes, des Sohnes aus der gräflichen Familie Giovanni Maria Mastai-Ferretti in Sinigaglia bis zu seinem Eintritt in den Orden des Hl. Franziskus und seiner Priesterweihe in Rom. Zu seiner Amerikareise kam es, als der neue apostolische Nuntius in Chile ihn bat, ihn wegen seiner Spanischkenntnisse als sein Auditor zu begleiten (2). Die meisten südamerikanischen Staaten hatten zu diesem Zeitpunkt ihre Unabhängigkeit von Portugal und Spanien erklärt, waren aber von Bürgerkriegen und ideologischen Kämpfen zwischen Katholiken und Freigeistern verschiedener Ausprägung überzogen. In diesem Zusammenhang ist die Strategie Bernhardo O’Higgins, des nach der Unabhängigkeit 1818 ersten Regierungschefs Chiles, zu sehen: Er bat Papst Pius VII. um die Entsendung einer apostolischen Delegation, um die chilenische Kirche neu zu organisieren und sie mit Unterstützung des Vatikans dem Einfluss der spanischen Kirche zu entziehen und damit eine befürchtete Basis für die Rückeroberung des Landes zu beseitigen. 1823 fuhr Mastai mit dem Gefolge des Gesandten, Erzbischof Giovanni Muzi, auf der „Héloïse“ von Genua aus über Montevideo nach Buenos Aires und reiste nach einer Pause 1824 über die Kordilleren nach Santiago (3).
Bei ihrer Ankunft in Santiago erfuhren die Italiener, dass O’Higgins gestürzt worden war und sie waren unsicher, ob sein Nachfolger im Präsidentenamt Ramón Freire y Serrano seine Politik anders ausrichtete, vielleicht in Richtung Liberalismus und Säkularisierung. Mastai unterhielt sich mit den Gebildeten der Stadt, um die Stimmung im Land zu erkunden, über die Utopien der Französischen Revolution und verbarg sich, um sie zum freien Sprechen zu animieren, in jesuitischer Schulung unter einer Maske des liberalen und fortschrittsfreundlichen Katholiken. Die Verhandlungen mit Freire ergaben kein klares Bild, er verkündete die Pressefreiheit und strebte offenbar eine nationale Kirche ohne Bindung an Rom an. Die Vatikandelegierten gerieten in die öffentliche Kritik, sie seien Spione und wollten alte Strukturen restaurieren und die Reformen behindern. Muzi sah seine Mission als gescheitert an und reiste mit dem Gefolge nach Italien zurück.
Mastai wertete seine Erfahrungen aus. Er sah, dass sich der Katholizismus in Südamerika sehr von dem europäischen unterschied. Im Vatikan kannte man nicht die Namen der in Chile verehrten Heiligen und nicht die vielen regionalen Varianten der christlichen Feste. Um ein gemeinsames Band zu knüpfen, müsste es einen universal anerkannten Heiligen geben. Mastai dachte an Christoph Columbus, der einen Kontinent für die Missionierung entdeckt hatte. Diese Erinnerung führt zur Unterzeichnung. Ergänzend zu den Gutachten wünscht er sich, er wäre Beichtvater des „Entdeckers des Planeten“ gewesen (4).
II Die Hand Der Hauptteil des Romans spielt im Mai 1506 in Valladolid und erzählt die fiktive Autobiographie von Kolumbus, gestützt auf viele Quellen, Bordbuch, Berichte über die zeitgenössischen Diskussionen usw. Der sterbende Kolumbus überdenkt den „Irrgarten [s]einer Vergangenheit“ mit den Worten Augustinus „Mein Leib erträgt nicht länger die Last meiner blutenden Seele“ (Abschnitt 15). Es ist ein „Prozess, in dem [er] letztendlich allein […] mit seinem Gewissen [ist]. Das [ihn] schwer beschuldigt und auch wieder frei spricht“. Als er in seinen Reisenotizen blättert, „überfallen [ihn] Grausen, Gewissensnöte, Scham, das Wort GOLD so oft darin zu lesen“. „Es ist, als hätte ein böser Zauber, ein höllischer Hauch diese Handschrift besudelt, die mehr die Suche nach einem Land des Goldenen Kalbs zu beschreiben scheint, als die Suche nach dem Gelobten Land zur Rettung von Millionen in der unheilvollen Finsternis der Götzenanbetung befangener Seelen“ (10). Er resümiert: „Du bist durch eine Welt gegangen, die dich gefoppt hat, als du glaubtest, sie erobert zu haben, und die dich in Wirklichkeit aus ihrem Umkreis vertrieben hat, so dass du nun ohne hier und ohne dort bist. Ein Schwimmer zwischen zwei Wassern, ein Schiffbrüchiger zwischen zwei Welten, wirst du heute oder in der Nacht oder morgen sterben als Hauptfigur in erfundenen Geschichten“ (15). Dem Beichtvater will er aber nur das erzählen, „was in Marmor geschrieben werden kann“, d. h. seine offizielle Version (16).
Zu Beginn seines Rückblicks beschuldigt er sich der Wollust als Weintrinker und Besucher von Bordellen in allen Häfen, in denen seine Schiffe anlegten. Das Gegenstück zu seinen leiblichen Genüssen war seine Wissbegierde. Er beobachtete die Natur, die Tiere, die Wellen- und Wolkenbildungen, die Windrichtungen, den Vogelflug usw. und sammelte Berichte über die Fahrten anderer Seemänner. Beides nutzte er mehr für die Navigation als die Seekarten. Alles, was er in alten Sagen, z. B. der Argonautensage, antiken Mythen und historischen Reiseberichten über die Seefahrt in ferne Länder und deren Bewohner finden konnte, interessierte ihn (2).
Eine entscheidende Etappe in seiner Biographie ist die Nordlandfahrt für die Firma Spinola und Di Negro mit dem Lotsen Meister Jakob, der in Irland an Bord kam. Kolumbus glaubte, hier am äußersten Rand der Erde zu sein und an die Grenze des Bekannten zu stoßen (3). Da erzählte ihm Jakob von den Fahrten der Wikinger vor langer Zeit. Er hatte aus den Schriften Adam von Bremens und Ordericus Vitalis von den isländischen Vinland-Sagas erfahren, in denen von den Reisen Leif Erikssons, Leif-vom-guten-Glück genannt, zu einem Grünland und einem Weinland im Westen berichtet wird.
In der Erinnerung an diese Informationen, die ihn zu seiner Suche nach einem Land im Westen animierten, bezeichnet er sich in seiner Lebensbeichte als Schwindler. Er verschwieg nämlich die Quelle seiner Idee und wanderte mit seiner „Wunderschaubühne“ von Hof zu Hof und warb für seinen Plan, unbekümmert darum, für wen er segeln würde. Wichtig war für ihn, als Seefahrer das Ziel zu erreichen. Die Verbreitung der christlichen Lehre durch Missionare könnte später kommen. Um Mäzene zu finden, die ihm Schiffe ausrüsteten, versprach er ihnen auf einem sicheren Seeweg den Handel mit imaginären sagenhaften gold- und gewürzreichen Ländern und berief sich auf griechische Sagen. Er zitierte Jesaja und Salomon aus der Heiligen Schrift und v. a. Senecasaus der Tragödie „Medea“, chorus secundus, 375–379 Prophezeiung: „Kommen werden […] Zeiten, da das Ozeanische Meer die Bande der Dinge lockert und ein großes Land sich auftut und ein neuer Seemann […] eine neue Welt entdeckt.“ Er fand für seine Idee, auf einer Westroute nach Indien zu gelangen, interessierte Zuhörer, die seinen Plan kontrovers diskutierten. An den Königshöfen hatte er jedoch keine Fürsprecher und man wollte wegen der hohen Kriegskosten kein Geld in ein unsicheres Projekt investieren (4).
Daraufhin entwickelte er eine neue Strategie. Er versuchte, in den Kreis des Adels durch die Heirat mit Filipa de Perestrelo e Moniz einzudringen, er erfand zur Veredlung seiner Biographie ein Studium in Pavia, eine Freundschaft mit Herzog René sowie einen Admiralsonkel und streute gezielt Gerüchte aus, er würde auch mit dem portugiesischen und französischen König über einen Vertrag verhandeln (5). So gelang es ihm nach einiger Zeit, er war inzwischen vierzig Jahre alt und, in Carpentiers Version, der Geliebte Isabellas von Kastilien, die Königin von der Idee zu überzeugen, dass der Lauf der Weltgeschichte von Assyrien, Mazedonien, Rom, Germanien nach Spanien, wie die Bewegung der Gestirne, von Osten nach Westen gerichtet ist und es ihre Sendung ist, diese Linie über den Atlantik fortzusetzen (6). mini|Globus von Martin Behaim, 1492 Im August 1492 trat er mit drei Schiffen die Reise an. Er hatte das „berauschende[-] Gefühl, in neue Windstriche aufzubrechen, den Ruhm […] und vielleicht sogar die Unsterblichkeit im Andenken der Menschen an Einen, der […] schon jetzt auf den Titel eines Welterweiterers Anspruch erheben kann“ zu erringen. Als er merkte, dass die geplante Seemeilenzahl überschritten wird, täuschte er die immer unzufriedener werdende Mannschaft durch zu niedrige Angabe der täglich zurückgelegten Strecken. So konnte er eine Meuterei verhindern und im Oktober sein Ziel erreichen, sich Großadmiral des Ozeanischen Meeres, Vizekönig und Gouverneur auf Lebenszeit aller entdeckten und noch zu entdeckenden Länder nennen zu dürfen. Nun begann, wie er meinte, auf einer Insel Cipangos, d. h. Japans, die Suche nach der „Goldhauptgrube“, mit der er die Investoren geködert hatte (7–9).