Die Pegnitzhütte war eine Eisengießerei in Pegnitz, die sich mit dem Bau von Wasser-, Dampf- und Gasarmaturen aller Art, Hydranten, Pumpen sowie mit der Herstellung von Rohguss beschäftigte und von 1890 bis 1959 existierte. Danach ging die AMAG-Hilpert-Pegnitzhütte AG mit den Werken Nürnberg und Pegnitz in der Klein, Schanzlin und Becker AG (KSB) auf.
Der Begriff Pegnitzhütte war ursprünglich die Bezeichnung für das 1890 gegründete Pegnitzer Werk allein, tauchte aber seit 1927 auf Briefköpfen als Name für das Gesamtunternehmen auf, lange bevor dies 1939 der amtliche Firmenname wurde: AMAG-Hilpert-Pegnitzhütte Nürnberg.Raschke S. 84.
Prägende Persönlichkeiten
Richard Kuhlo Der AMAG-Generaldirektor Richard Kuhlo emittierte in den Jahren 1890 bis 1898 zur Finanzierung der umfangreichen Investitionen, vor allem für Kauf und Ausbau der Werke in Pegnitz und Wien, in mehreren Schritten neue Aktien. Er erhöhte das Eigenkapital auf 5 Millionen Mark und nahm 1898 1,2 Millionen Mark Fremdkapital auf. Das veränderte langfristig die Eigentümerstruktur.Raschke S. 18.
Albert Gallisch In den Jahren 1920 bis 1936 leitete der Marine-Oberstabsingenieur a. D. Albert Gallisch das Zweigwerk in Pegnitz. Die Belegschaftsziffer schwankte damals zwischen 400 und 600. Der mechanischen Werkstatt war eine Gießerei von etwa 500 t monatlicher Leistung angegliedert, die den Guss für Eigenbedarf, für das in Nürnberg befindliche Stammhaus und für Kunden lieferte.Gallisch: Lebenslauf, zitiert bei Kasch S. 90.
Hans Gentner Die herausragende Stellung der Arbeiterbewegung in Pegnitz bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein ist zu wesentlichen Teilen der Persönlichkeit von Hans Gentner zuzuschreiben, der zeitweilig als Pegnitzer Bürgermeister fungierte.Raschke S. 70 ff.
Unternehmerische Entwicklung Vorgeschichte in Nürnberg Am 1. Mai 1854 gründete der Rotgießermeister Johann Andreas Hilpert (1829–1873) in Nürnberg eine eigene Firma, die am 2. Juli 1889, 16 Jahre nach seinem Tod, von seinen Erben in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde mit dem Namen Armaturen- und Maschinenfabrik Aktiengesellschaft, vormals J. A. Hilpert, kurz AMAG Hilpert.Gert von Klass, 1954, S. 23.
Vorgeschichte in Pegnitz mini|rechts|Ehem. Pegnitzhütte, heute KSB, Mai 2021 Zu den Naturschätzen der Pegnitzer Gegend gehören Farberden. Diese lockten ein französisches Unternehmen in die Stadt. Es erwarb 1881 gegenüber dem neuen Bahnhof von Pegnitz ein Gelände und baute zunächst östlich von Pegnitz bei den Dörfern Troschenreuth und Sassenreuth die in der geologischen Juraformation Dogger-Beta anstehenden roten und gelben Farberden (Rötel, Bolus) in einer sogenannten Bruchhütte ab. Für die Weiterverarbeitung zu Erdfarben errichtete diese Firma 1882 eine „große Fabrik“ am neuen Pegnitzer Bahnhof, die „Pegnitzhütte“.Diese montanindustrielle Bezeichnung für die Fabrikanlage am Bahnhof blieb über Jahrzehnte erhalten und wurde 1939 sogar Bestandteil des handelsrechtlichen Firmennamens der AMAG. Heute ist der Begriff im örtlichen Sprachgebrauch nicht mehr erkennbar (Raschke S. 11.) Die Pariser Firma florierte jedoch nicht und stellte schon zwei Jahre später 1884 ihren Betrieb ein. Der Name Pegnitzhütte aber ist seit jener Zeit mit diesem Ort verbunden.Gert von Klass, 1954, S. 26 f.; Raschke S. 11 und 174.
Nach der Zwangsversteigerung der französischen „Dampffarbmühle“ mit 2.100 Tonnen roher und gemahlener Farberden folgte im März 1885 die Versteigerung der Pegnitzmühle, die zunächst an ein örtliches Konsortium ging.
Im November 1885 erwarben die Nürnberger Kaufleute Alfred Merkel und Wilhelm Kauffmann die Fabrikanlage, und schon bald war im örtlichen Anzeigeblatt zu lesen, dass „die Abbrucharbeiten an der ehemaligen Farbenfabrik dahier“ bereits begonnen haben und dass „die nothwendigsten baulichen Veränderungen, sowie die Einrichtungen, die für eine Drahtfabrik erforderlich sind, im Laufe des Winters bewerkstelligt werden, und hoffen die Herren Unternehmer, bis zum Monat März mit der Fabrikation beginnen zu können“.
Mit etwa 25 Beschäftigten begann im Frühjahr 1886 die Firma F. C. Merkel die Produktion von leonischen und Kupferdrähten. Die niedrige Beschäftigtenzahl in der „großen Fabrik“ offenbarte früh das geringe wirtschaftliche Potential des Unternehmens. Die geschäftlichen Erwartungen sowohl der Farben- als auch der Drahtfabrik in Pegnitz erfüllten sich nicht. Die Gründe für das Scheitern dieser Unternehmen nach jeweils kurzer Zeit sind nicht bekannt.
Zwei Jahre später, am 28. Oktober 1889, gab Wilhelm Kaufmann, der Teilhaber der Firma F. C. Merkel, beim Bezirksamt Pegnitz ein Gesuch zu Protokoll, in seiner Pegnitzer Fabrik eine Eisengießerei einrichten zu dürfen. Tatsächlich wollte die Firma F. C. Merkel keine Gießerei aufbauen, sondern ihr brachliegendes Werk verkaufen, und für den Kaufinteressenten – Richard Kuhlo von der Nürnberger AMAG – war entscheidend, dass er in der Fabrik eine Eisengießerei betreiben konnte und nicht mit Hindernissen rechnen musste.Raschke S. 12 f.
Gründung und Ausbau des Zweigwerks Pegnitz 1890 wurde die Eisengießerei in Pegnitz gegründet.https://www.pegnitz.de/kultur-brauchtum/geschichtliches/pegnitzer-geschichte/ Standortvorteile waren: Gleisanschluss niedrige Lohnkosten günstiger Kaufpreis der vorgefundenen und geeigneten Fabrikgebäude einfache Verfügbarkeit von Wasser und Sand.Raschke S. 14. Da die Zeit für die Errichtung neuer Gebäude nicht abgewartet werden musste, waren schon vier Monate nach dem Abschluss des Kaufvertrages für die Fabrik zwei Kupolöfen betriebsbereit. Am 25. Juni 1890 wurden sie in Betrieb genommen und die AMAG begann mit 40 Arbeitern die Produktion in Pegnitz.Raschke S. 25.
Die Hoffnung auf Steigerung des AMAG-Reingewinns durch das Pegnitzer Zweigwerk ging zwei Monate nach Produktionsbeginn am 16. August 1890 in den Flammen eines Großbrandes unter. Ein überhitzter Trockenofen hatte das Holzdach der Gießerei entflammt. Weil die Versicherungen in Ordnung waren, konnte der rasche Wiederaufbau mit feuerfestem Dach schon 1891 abgeschlossen werden. Der schwere Brandschaden hatte eine erhebliche Umgestaltung der Fabrik zur Folge.Raschke S. 26.
In den Werken Pegnitz und Nürnberg arbeiteten im Jahr 1898 insgesamt 1.500 Menschen, die meisten am Standort Nürnberg. Pegnitz mit seinen damals ca. 400 Mitarbeitern war nur eine relativ kleine Zweigstelle mit dem Schwerpunkt Gießerei. Doch auch dieser Zweigbetrieb war für die damalige Zeit ein „Großbetrieb“ und das Gesamtunternehmen mit seinen weit mehr als 1.000 Beschäftigten ein „Riesenbetrieb“. Mit einem Umsatzerlös von 8,1 Mio. Mark (1898) und 9,5 Mio. (1899) gehörte das Unternehmen zur bayerischen Großindustrie.Raschke S. 18
Besonderheiten im Pegnitzer Betrieb Die Pumpenfertigung wurde im Nürnberger Werk konzentriert und die Armaturenfertigung zunehmend nach Pegnitz verlagert. Die Pegnitzer Gießerei hatte beide Werke mit dem benötigten Grauguss zu versorgen.Raschke S. 21.
Für den Aufbau der Armaturenfertigung brauchte man (Eisen-)Dreher und (Maschinen-)Schlosser, und diese mussten ebenfalls von außerhalb der Stadtgrenzen kommen und sogar im nicht-bayerischen „Ausland“, etwa in den mitteldeutschen Industrieregionen angeworben werden. So war der erste Vorsitzende des 1898 gegründeten Sozialen Partei-Vereins (gemeint ist der Sozialdemokratische Verein) ein Schlosser aus Sachsen, ein „Revisor“ des Vereins stammte aus Magdeburg. Diese Männer brachten neben ihrer beruflichen Kompetenz als Metallfacharbeiter auch eine ausgeprägte politische Überzeugung mit.
Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, begann die Fabrik sogleich mit der betrieblichen Ausbildung. Am 8. März 1891 befanden sich bereits vier Lehrlinge in der Pegnitzhütte, von denen einer das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet hatte. Zu diesen Lehrlingen „der ersten Stunde“ gehörte auch Hans Gentner, der spätere Bürgermeister von Pegnitz.Raschke S. 23.
Der Konjunkturaufschwung im Deutschen Reich führte zu einem raschen Ausbau der Produktionskapazitäten in Pegnitz.Raschke S. 31. Die inzwischen „zahlreichen Arbeiter“ begrüßten im Juni 1908 den bayerischen Kronprinzen Ludwig „mit Hochrufen“, als dieser seine Reise nach Bayreuth für einen „erlauchtesten Besuch“ der Stadt Pegnitz unterbrach und bei der Gelegenheit auch der Pegnitzhütte einen Kurzbesuch abstattete.Bauer S. 493.
Umstellung auf Kriegsbedarf Der Erste Weltkrieg beendete die „goldenen Jahre“ zwischen 1895 und 1913 – jenen langlebigen Konjunkturaufschwung, der Deutschland in das Spitzentrio der Industriestaaten getragen hatte und Pegnitz in die „Liga“ der (kleinen) Industriestädte. Aus den 40 Arbeitern, mit denen die Fabrik 1890 in Pegnitz begann, waren bis 1914 über 400 geworden. Für die AMAG-Arbeiter wirkte es sich vorteilhaft aus, dass ihr Betrieb in die deutsche Rüstungsindustrie einbezogen wurde.
Mit Beginn des Ersten Weltkriegs musste das Werk seine Produktion auf Kriegszwecke umstellen. Das waren nicht nur Schiffskreiselpumpen für die Kaiserliche Marine, sondern auch Artilleriegeschosse. Die Pegnitzhütte richtete ihren Betrieb auf den Kriegsbedarf ein und stellte Granaten und Wurfminen her.Bauer S. 495. Dafür musste die Fabrik sowohl personell als auch maschinell expandieren. 1915 wurde ein dritter Kupolofen in Betrieb genommen. Zeitweise wurde zusätzlich in Nachtarbeit gearbeitet.Raschke S. 75.
Insgesamt war der Krieg für die Rüstungsunternehmen höchst profitabel. Die (indirekte) Beteiligung am U-Boot-Bau brachte der AMAG positive Impulse für die Fortentwicklung der Kreiselpumpe, deren Gussteile in Pegnitz produziert wurden. In den Kriegsjahren gelangen die ersten Schritte, mit der Kreiselpumpe auch Säuren zu fördern, wodurch neue Geschäftsfelder in der sich nach dem Krieg kräftig entwickelnden chemischen Industrie erschlossen wurden.Raschke S. 77.
Anschluss an die VAG 1925 wird die AMAG Gründungsmitglied der „Vereinigten Armaturen-Gesellschaft mbH (VAG)“, an der neben fünf weiteren Firmen sowohl AMAG-Hilpert als auch die „Klein, Schanzlin & Becker AG“ in Frankenthal (KSB AG)” beteiligt waren. In der kartellartigen Vertriebsgesellschaft wurden die Produktionsprogramme abgesprochen und so der Wettbewerb zwischen den Mitgliedern eingeschränkt. Dem standen gesamtwirtschaftliche Vorteile gegenüber: Schieber und Hydranten wurden in DIN-Normen gefertigt, dies ermöglichte größere Produktionsserien und damit günstigere Herstellungskosten. Sowohl die VAG-Gründung als auch der Zugriff von KSB auf die AMAG-Aktien fallen in eine Zeit, in der in Deutschland ein zunehmendes Streben nach Marktbeherrschung und Wettbewerbsbeseitigung zu Kartellbildungen und Unternehmenskonzentration führten.Raschke S. 83.
Übernahme durch die KSB mini|Aktie über 100 RM der AMAG-Hilpert-Pegnitzhütte AG vom 4. Juli 1935 Die Aktienmehrheit an der AMAG-Hilpert-Pegnitzhütte AG erwarb 1930 der Generaldirektor der Firmengruppe Klein, Schanzlin & Becker AG (KSB), Jacob Klein. Klein führte die Serienfertigung von Armaturen und Pumpen ein. Insbesondere die Einführung von Normpumpen für die chemische Industrie war sein Verdienst.
Zum 100-jährigen Firmenjubiläum 1954 schrieb der Wirtschaftsjournalist Gert von Klass:
Industrielle Entwicklung Die Werke in Pegnitz und Nürnberg stützten sich auf folgende Erfindungen und technische Entwicklungen:
Neumannsche Evolventenpumpe