mini|Jacques-Louis David & Georges Rouget: Kaiserkrönung Napoleons I. am 2. Dezember 1804, 1805–1807 Der barocke Altarraum der Kathedrale Notre-Dame in Paris aus rot-weißen Marmor-Bögen auf Pfeilern, mit einem aufwändigen Marmor-Fußboden und reichem Skulpturen-Schmuck entstand zwischen 1708 und 1714 auf Weisung von König Ludwigs XIV. unter Leitung des Architekten Robert de Cotte. Während der französischen Revolution verloren Pfeiler und Bögen ihren Dekor aus vergoldeten Blei-Reliefs. Bronze- und Marmor-Statuen wurden teils zerstört, teils ausgelagert.Vgl. Thomas W. Gaehtgens: Notre-Dame. Geschichte einer Kathedrale, München 2020, S. 64–70, S. 86–90; Katharina Krause: Der "Voeu de Louis XIII": die Chorausstattung von Notre-Dame in Paris unter Ludwig XIV., München 1989, S. 60–65, bes. S. 61; Marcel Aubert: La Cathédrale Notre-Dame de Paris. Notice historique et archéologique, Paris 1919, S. 41–48; Sylvain Laveissière: Le Sacre de Napoléon peint par David, Musée du Louvre, Paris 2004, bes., Kat. Nr. 26, S. 93: Zeichnung von Jacques-Louis David des Altarraums. Bleistift-Zeichnung, laviert, im Bestand von: Lille, Palais des Beaux-Arts, Pl. 1196. Die Ansicht des Altarraumes mit dem Dekor für die Krönung ist wahrscheinlich wenige Tage vor der Krönung entstanden. Die Zeichnung von Jacques-Louis David zeigt die Architektur der Rundbogen mit Pfeilervorlagen ohne den vormals reichen Relief-Dekor (u. a. ohne Gloriole) und den Altarraum mit der Marmorgruppe der Pietà in der Altarnische. In die hohen Bogenöffnungen sind Zuschauer-Tribünen auf zwei Ebenen eingebaut: im Erdgeschoß und einem zusätzlich eingezogenen Zwischengeschoß. In entsprechend schlichter Gestalt diente der Altarraum danach als Kulisse unter anderem für die Kaiserkrönung von Napoleon Bonaparte und Joséphine de Beauharnais am 2. Dezember 1804 oder die Taufe des „Grafen von Paris“ (Comte de Paris) am 2. Mai 1841.Der Täufling, Louis Philippe Albert d’Orléans (1838–1894), war ein Enkel des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe (1773–1850) bzw. der Erstgeborene von dessen ältestem Sohn und Thronfolger, Ferdinand Philippe d’Orléans, Herzog von Chartres (1810–1842). Vgl. dazu das Ölbild von Hippolyte Sebron: Taufe des „Grafen von Paris“ (Comte de Paris) am 2. Mai 1841

Die Ummantelung der mittelalterlichen Kalkstein-Bögen aus rotem und weißem Marmor wurde dann ab 1858 durch Eugène Viollet-le-Duc bei der Restaurierung des Innenraums von Notre-Dame vollständig entfernt.Vgl. Gaehtgens, S. 104–115, bes. S. 108; Krause, S. 64f; Aubert, S. 48–59, bes. S. 57f. Erhalten sind vom barocken Altarraum Teile des Marmor-Fußbodens, sechs Bronze-Plastiken und drei Marmor-Skulpturen.

Vorgeschichte mini|hochkant|Philippe de Champaigne: Das Gelöbnis von König Ludwig XIII. (Le vœu de Louis XIII) 1638 Am 10. Februar 1638 stellte König Ludwig XIII. mit der „Erklärung von Saint-Germain-en Laye“ (Declaration de Saint-Germain-en Laye) das Königreich Frankreich unter den Schutz der Maria, die am Fuße des Kreuzes um ihren verstorbenen Sohn trauert (Pietà). Als Dank für die erhoffte Fürsprache gelobte Ludwig XIII. unter anderem die Errichtung eines neuen Hochaltars in der Kathedrale Notre-Dame in Paris. Dieser Altar sollte Maria mit dem vom Kreuz abgenommenen Jesus zeigen. Außerdem sollte Ludwig XIII. dargestellt sein, wie er Maria sein Königreich darbietet, symbolisiert durch Krone und Zepter.Vgl. Gaehtgens, S. 64f; Krause, S. 3–9, S. 22; Maurice Vloberg: Notre-Dame de Paris et le Vœu-de-Louis XIII. La vie de la cathédrale aux XVIIe et XVIIIe siècles racontée par l'image, Paris 1926.

Dieses Gelöbnis (vœu) erfüllte der 1643 verstorbene König in den letzten fünf Jahren seiner Regierung nicht mehr. Zwar erneuerte König Ludwig XIV. am 25. März 1650 während der Regentschaft seiner Mutter das Versprechen seines Vaters.Vgl. Gaehtgens, S. 65; Krause, S. 22; Vloberg, S. 78–80. Doch es dauerte 48 Jahre, bis 1698 konkrete Planungen begannen, die letztlich auch zur Einlösung des Gelöbnisses führten. Frühere Planungen des Jahres 1685 waren wieder verworfen worden. Treibende Kraft hinter dem dann schließlich realisierten Projekt war der Erzbischof von Paris, Louis-Antoine de Noailles (Erzbischof seit 1695), unterstützt von Françoise d’Aubigné, Marquise de Maintenon.Vgl. Gaehtgens, S. 65f; Krause, S. 28–52, bes. S. 29.

Planung mini|Jérôme Roussel: Projekt des Hauptaltars nach Entwurf von Jules Hardouin-Mansart, Medaille 1699 Am 19. März 1699 genehmigte König Ludwig XIV. einen Entwurf von Jules Hardouin-Mansart für einen neuen Hochaltar und die Umgestaltung des Altarraums. Geplant war ein Baldachin-Ziborium aus Bronze nach dem Vorbild von Gian Lorenzo Bernini im Petersdom in Rom.Vgl. Gaehtgens, S. 67; Krause, S. 31–34, S. 198; Paris, Archives Nationales, 01 1690, 52 Hochaltäre dieser Form finden sich in der Kirche Notre-Dame du Val-de-Grâce und im Invalidendom.Vgl. Gaehtgens, S. 67; Krause, S. 24f, S. 227, dort Anm. 108 und 111.

Beim Baldachin-Ziborium in Notre-Dame sollten vier spiralförmig gedrehte Säulen auf hohen Podesten vier Bronze-Bügel tragen. Das Baldachin-Ziborium sollte frei im Altarraum stehen. Dessen mittelalterliche Kalkstein-Bögen auf Säulen im Erdgeschoss und die Wand-Zone darüber sind bei dem Entwurf in Rundbögen auf Pfeilern mit Pfeiler-Vorlagen („Lisenen“) umgestaltet. Diese Lisenen setzen sich in der Wand-Zone über den Bogenöffnungen fort. Die mittlere Bogenöffnung des Altarraums ist mit einer Nische geschlossen, die Halbkuppel bzw. Kalotte zeigt ein Rautenmuster. Als Relief-Schmuck lagern über den Rundbögen paarweise Engel, an den Pfeilern sind Trophäen geplant. Der Altarraum ist durch Gitter in den Bogenöffnungen vom umgebenden Chorumgang abgeschlossen. Eine Pietà in Form einer Skulptur oder eines Gemäldes zeigt der Entwurf nicht.

Nach Abbruch des alten Hochaltars und aller Elemente des Altarraums einschließlich der alten Gitter erfolgte am 7. Dezember 1699 die feierliche Grundsteinlegung durch den Pariser Erzbischof Louis-Antoine de Noailles im Beisein des Domkapitels.Vgl. Krause, S. 34f; Vloberg, S. 103. Der Grundstein enthielt unter anderem eine Goldmedaille von Jérôme Roussel mit einer Darstellung des Entwurfs.Vgl. Krause, S. 34, S. 229, dort Anm. 145; Pierre-Marie Auzas: Les Grandes heures de Notre-Dame de Paris. Huit siècles d'histoire dans la célèbre cathédrale de France, Paris 1951; Nr. 63, Nr. 87 (Medaillen von Nicolas Delaunay und Jérôme Roussel).

Am 19. Juni 1700 wurden Modelle im Maßstab 1:1 aus Holz, Gips und eventuell auch Papiermaché vom Altar und von der Verkleidung der Bogenöffnungen des Altarraums der Öffentlichkeit präsentiert.Vgl. Krause, S. 35; Paris, Archives Nationales, 01 1690, 37. Am 20. Mai 1701 besuchte König Ludwig XIV. Notre Dame und begutachtete diese Modelle. Der König fand den Platz des Baldachin-Ziboriums im Altarraum nicht passend. Er wünschte eine Verlegung in die Vierung.Vgl. Gaehtgens, S. 67; Krause, S. 39–41; Mercure Galant, Mai 1701, S. 290–296 (Besuch Ludwigs XIV. in Paris), bes. S. 292–294; Danach hat der König die Kanoniker des Domkapitels um eine schriftliche Abstimmung gebeten, bei der zwei Drittel der Kanoniker für einen Standort in der Vierung stimmten. Vgl. Mercure Galant, Mai 1701, S. 293: Sa Majesté témoigna à Mr le Cardinal de Noailles, & aux Chanoines, le desir qu'Elle avoit de voir ce vœu accompli, Elle leur demanda leurs sentimens par écrit sur le choix de la place où ce grand Autel seroit élevé, & si on le laisseroit à la place, où estoit le Modele, ou si on le mettoit à la Croisée, c'est à dire à la place du jubé, à la maniere des Eglises d'Italie. On a sceu depuis que les Chanoines ayant donné leur avis, il s'en est trouvé plus des deux tiers qui ont opiné pour la Croisée. Das Baldachin-Ziborium wurde dann nach längeren Diskussionen letztlich verworfen, das Modell im Altarraum im September 1703 abgerissen.Vgl. Krause, S. 51; Jules Guiffrey (Hrsg.): Comptes des bâtiments du Roi, Bd. 4, Paris 1896, Spalte (Sp.) 957 (1703, Maurerarbeiten ("Maçonnerie")): 11 novembre : à CATARD, entrepreneur, pour le démolition qu'il a fait du modèle du maître-autel de Notre-Dame au mois de septembre denier […] 800 [livres]". Die Gestaltung der Erdgeschoss-Bögen des Altarraums entsprach aber bereits seit 1699 der ab 1710/1711 realisierten Ausführung. Erst ab Mitte des Jahres 1709 entfernte man diese provisorische Verkleidung.Jules Guiffrey (Hrsg.): Comptes des bâtiments du Roi, Bd. 5, Paris 1901, Spalte (Sp.) 342, (1709, Tagelöhner-Arbeiten (Ouvriers à Journées): 8 may 1709 - 2 janvier 1710: à ceux qui ont travaillé tant à démolir l'ancien modèle du maître-autel de l'eglise de Notre-Dame de Paris qu'aux piliers pour y poser les marbres).

Ein Entwurf, vermutlich aus dem Jahr 1703, zeigte bereits große Ähnlichkeit mit der verwirklichten Neugestaltung.Entwurf für den Altarraum von ca. 1703, erhalten in: Französische Nationalbibliothek (Bibliothèque Nationale de France), Estampes Va 254a, Fonds Robert de Cotte Nr. 1858. Nach weiteren fünf Jahren Stillstand verpflichtete sich dann schließlich der Kanoniker Antoine de la Porte am 7. Februar 1708 vertraglich, der königlichen Baubehörde (den Bâtiments du Roi) ab 1709 jährlich 10.000 livres als Darlehen zum Bau des neuen Hochaltars zur Verfügung zu stellen.Vgl. Krause, S. 28–53, bes. S. S, 51–53, S. 202; Archives Nationales Paris, O1 1690, 52. Daraufhin befahl im August 1708 König Ludwig XIV. die Errichtung eines neuen Hochaltars und die Neugestaltung des Altarraumes. Außerdem wurde auch der Kapitel-Chor sowie der Lettner neu gestaltet. Ein für den Kapitel-Chor neu angefertigtes Chorgestühl hat sich erhalten.Vgl. Gaehtgens, S. 67; Krause, S. 112–139.

Nachdem Jules Hardouin-Mansart im Mai des Jahres 1708 verstorben war, lag die Realisierung der Arbeiten in der Verantwortung von Robert de Cotte (1656–1735), Nachfolger seines Schwagers als oberster königlicher Architekt (premier architecte du roi).

Bau mini|hochkant|Pierre Drevet nach Hyacinthe Rigaud: Porträt von Robert de Cotte, 1713 Nach Abbruch-, Maurer- und Zimmererarbeiten in den Jahren 1709 und 1710, begann direkt anschließend 1710/1711 die Verkleidung der mittelalterlichen Kalkstein-Bögen und der Wandfläche darüber mit Marmor, sowie das Verlegen eines Marmor-Fußbodens.Zu den Abbruch-, Zimmerer und Maurer-Arbeiten vgl. Krause, S. 55; Comptes, Bd. 5, Sp. 242, 336, 342, 427, 506; Zu den Marmorarbeiten vgl. Krause, S. 66f, 238f, dort Anm. 273–280; Comptes, Bd. 5, Sp. 341, 433, 512, 517, 611, 615, 696f, 702, 788f. Paris, Archives Nationales, O1 1690, 42. Nach Krause entwarf Jean-Baptiste Belain de Fontenay den Fußboden. Sie schreibt ihm auch die im "Fonds Robert de Cotte" in der Bibliothèque Nationale erhaltene farbig aquarellierte Zeichnung zu (Bibliothèque Nationale de France, Estampes Va 443, Fonds Robert de Cotte Nr. 676), die 1943 Pierre Lepautre zugeschrieben wurde, eine Zuschreibung, der die französische Nationalbibliothek immer noch folgt.

Im Jahr 1711 starteten die Arbeiten an den Chorgittern.Vgl. Krause, S. 55, 140–144, bes. S. 140, Comptes, Bd. 5, Sp. 606f, 692, 783, 850. Ab 1712 begannen dann Zahlungen an Bildhauer für den Relief-Schmuck auf den Pfeiler-Vorlagen im Erdgeschoss und der Wand-Zone darüber, sowie über den Bogenöffnungen. Außerdem sind ab 1712 Vergütungen für Bronze-Plastiken und für die drei zentralen Marmor-Skulpturen belegt.Vgl. Krause, S. 55, 66–73; Comptes, Bd. 5, Sp., 609, 610, 695. Im Jahr 1713 wurde sehr wahrscheinlich ein Wachs- und Gipsmodell einer Pietà im Maßstab 1:1 im Altarraum aufgestellt.Vgl. Krause, S. 92; Comptes Bd. 5, 1901, Sp. 695: "8 juin : auxd. COUSTOU frères, parfait payement de 2275 [livres] pour les modelles de cire et de plâtre du Vœu du Roy Louis XIII qu'ils ont faits pour le chœur de l'église de Notre-Dame pendant 1712 […] 1275 [livres]".