Der Beit Bialik (auch Bejt Bialik; ) in Tel Aviv war die letzte Station an Wohn- und Schaffensorten von Israels Nationaldichter Chaim Nachman Bialik (1873–1934) und wurde nach seinem Tode biographisches Museum zu seinem Leben und Werk. Der Beit Bialik ist zudem Forschungsstätte mit Archiv und Fachbibliothek und als Bau eine bekannte Landmarke des Eklektizismus und damit beispielhaft fürs Bauen in den Gründungsjahren Tel Avivs.Hadassah Aghion, Tel Aviv: Bauhaus & eclectic styles ['Tel Aviv: esprit Bauhaus et éclectisme', Paris: Marcus und Guysen, 2009, ISBN 978-2-7131-0284-4; engl.], Lisa Maronese (Übers.), Paris: Marcus, 2018, S. 52. ISBN 978-2-7131-0348-3.

Das Gebäude entstand von 1924 bis 1926 nach Plänen Joseph Minors im Stil eines neo-östlichen Eklektizismus mit orientalisierenden Anklängen,Joachim Schlör, Tel Aviv — vom Traum zur Stadt: Reise durch Kultur und Geschichte, Frankfurt am Main: Insel, 1999, (=Insel Taschenbuch; Bd. 2514), S. 200. ISBN 978-3-458-34214-4. der Einflüsse Alex Baerwalds erkennen lässt, dessen Schüler Minor gewesen war. Die in Denkmalpflege spezialisierte Architektin Nitza Metzger-Szmuk, 1990 bis 2002 Konservatorin Tel Avivs, besorgte 2006 bis 2009 die fachgerechte Restaurierung. Trägerin des Hauses ist die Stadt Tel Aviv-Jaffa darin unterstützt von Aguddat haSoferim haʿIvrijjim (Verband hebräischer Schriftsteller) und israelischem Ministerium für Kultur und Sport.

250px Lage mini|Tel Avivs Welterbezonen mit dem Beit Bialik im Quartier Bialik (Zone C) Der Beit Bialik im Rechov Bialik 22 () und an dessen ehemaligem Wendeplatz namens Kikkar Bialik () befindet sich in einem Viertel, das als Bauerwartungsland von der Terraingesellschaft Geʾullah erworben wurde, die ihre Neubaugebiete 1914 mit Tel Aviv verwaltungstechnisch vereinigte. Das Adamat Geʾullah () genannte Gebiet, dessen Toponym mit Tel Avivs rasanter Entwicklung in Vergessenheit geriet, wird heute mit weiteren Siedlungskernen subsumiert unter Tel Aviv haQəṭannah (),Hadassah Aghion, Tel Aviv: Bauhaus & eclectic styles ['Tel Aviv: esprit Bauhaus et éclectisme', Paris: Marcus und Guysen, 2009, ISBN 978-2-7131-0284-4; engl.], Lisa Maronese (Übers.), Paris: Marcus, 2018, S. 59. ISBN 978-2-7131-0348-3. das mit weiteren Vierteln zum Stadtteil 5 gehört, der mit den Stadtteilen 3, 4 und 6 den Bezirk Mitte bildet.

Das Viertel bildet eine ruhige WohnlageChristian Schönwetter, und wurde in den 1930er Jahren eine beliebte und dadurch gediegen bebaute, gehobene Wohngegend. Der Beit Bialik liegt auf einem Dünenhügel und ist umgeben von Bauten des Eklektizismus und mehrheitlich des Internationalen Stils, eingebettet in seichte Höhenunterschiede der seewärtigen, heute überbauten Dünen.Weiße Stadt Tel Aviv: Zur Erhaltung von Gebäuden der Moderne in Israel und Deutschland, Christian Blatt (Institut für Werkstoffe im Bauwesen, Uni Stuttgart), Miriam Hohfeld (Bundesbauministerium), Gereon Lindlar mit Kornelius Götz (Büro für Restaurierungsberatung, Bonn) und Dietlinde Schmitt-Vollmer (ifag, Uni Stuttgart), Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hrsg.), Troisdorf: Rautenberg, 2015, S. 23. ISBN 978-3-87994-158-2. Die Straße und ihre Umgebung sind innerhalb des UNESCO-Schutzbereichs als Quartier Bialik (oder Zone C) des Welterbes Weiße Stadt Tel Aviv definiert.Weiße Stadt Tel Aviv: Zur Erhaltung von Gebäuden der Moderne in Israel und Deutschland, Christian Blatt (Institut für Werkstoffe im Bauwesen, Uni Stuttgart), Miriam Hohfeld (Bundesbauministerium), Gereon Lindlar mit Kornelius Götz (Büro für Restaurierungsberatung, Bonn) und Dietlinde Schmitt-Vollmer (ifag, Uni Stuttgart), Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hrsg.), Troisdorf: Rautenberg, 2015, S. 21. ISBN 978-3-87994-158-2. Tel Avivs Weiße Stadt ist ein Erhaltungsgebiet, das die UNESCO 2003 als Welterbe verzeichnete und die weltweit größte Ansammlung von Gebäuden im Stil des Bauhauses darstellt.„Decision Code: 27 COM 8C.23“, in: Decisions adopted by the 27th Sessions of the World Heritage Committee in 2003 (30. Juni bis 5. Juli 2003), Welterbekomitee (Hrsg.), Paris: UNESCO World Heritage Centre, 2003.

Der Beit Bialik steht unter Denkmalschutz, viele Gebäude in der Nähe sind ebenfalls Baudenkmäler wie das an der Kikkar Bialik gegenüberliegende stadtgeschichtliche Museum im Beit haʿIr (), 1925 von Mosche Czerner als Ph. Skora’s Building erbaut für Philip Eliʿezer Skora, und diesem südlich benachbart der ebenfalls eklektizistische Beit Schmuʾel Balder (Rechov Idelson 31) aus dem Jahr 1925 vom Namensgeber.Nitza Metzger-Szmuk (), Bauhaus Tel Aviv Site Plan / תֵּל־אָבִיב מַפַּת הָאֲתָרִים, Boʿaz Ben-Menasche (; Übers.), Tel Aviv-Jaffa: , 1994, Abschnitt 4. Zweites Haus weiter nördlich an der Kikkar Bialik ist das Felicja-Blumental-Zentrum für Musik und -Bibliothek (), 1995–1997 von Nili Portugali (), repliziert als Fassade jene des Vorgängerbaus an gleicher Stelle, des Beit Schenkar, 1931 von Dov Herschkovitz (; 1878–1935) als Wohnhaus für den Industriellen und Mäzen Arie Schenkar (; 1887–1959) und Familie erbaut und 1994 abgebrochen.

mini|Keramiktafel mit Namen des Hauses Beit Ch. N. Bialik () Dem Beit Bialik direkt gegenüber befindet sich am Rechov Bialik 21 Ecke Kikkar Bialik und Rechov Idelson das private kenntnisreiche und gut ausgestattete Bauhaus-Museum des Sammlers Ronald Stephen Lauder.Weiße Stadt Tel Aviv: Zur Erhaltung von Gebäuden der Moderne in Israel und Deutschland, Christian Blatt (Institut für Werkstoffe im Bauwesen, Uni Stuttgart), Miriam Hohfeld (Bundesbauministerium), Gereon Lindlar mit Kornelius Götz (Büro für Restaurierungsberatung, Bonn) und Dietlinde Schmitt-Vollmer (ifag, Uni Stuttgart), Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hrsg.), Troisdorf: Rautenberg, 2015, S. 84. ISBN 978-3-87994-158-2. Diesem wiederum gegenüber am Rechov Idelson 29 in Sichtweite vom Beit Bialik, befindet sich der Beit Liebling, jetzt Informations- und Besucherzentrum des Welterbes Weiße Stadt Tel Aviv.Jonathan Dubossarsky, „Beit Bialik: Das Heim des israelischen Nationaldichters“, Magali Zibaso (Übers.), in: Ariʾel: Eine Zeitschrift zur Kunst und Bildung in Israel, Nr. 104 (Oktober 1997), S. 16–27, hier S. 25. . Unweit weiter südlich im Rechov Bialik 14 ist das intime Museum Beit Rubin zu Leben und Œuvre des Malers Reʾuven Rubin.Joachim Schlör, Tel Aviv — vom Traum zur Stadt: Reise durch Kultur und Geschichte, Frankfurt am Main: Insel, 1999, (=Insel Taschenbuch; Bd. 2514), S. 29. ISBN 978-3-458-34214-4.

mini|Eingang unten im Wartturm (Südwesteck des Baus), links (nordwestlich) flankiert vom Erker der Bibliothek und rechts von der Pergola der Dachterrasse, 2014

Nutzung heute

Der Beit Bialik ist ein aktives Museum mit Dauerausstellung, Bibliothek und Archiv zu Leben und Werk Chaim Nachman Bialiks. Der aufwändig rekonstruierte Bau ist selbst ein Schaustück mit wiederhergestelltem ursprünglichem Interieur und Originalmöbeln und Kunstwerken aus Bialiks Sammlung. Nach Bialiks Tode übernahmen es Freunde seiner und die 1921 auf seine Initiative gegründete Aguddat haSofrim haʿIvrijjim () die Erhaltung und Umgestaltung des Wohnhauses der Bialiks zu Museum, Gedenk- und Forschungsstätte Beit Bialik.

Der Beit Bialik dient seit 1937 als Museum und Archiv für den Nachlass Bialiks mit all seinen Reden, Archivalien zu seinen kulturellen Aktivitäten, seinen Artikeln, Manuskripten, Fragmenten von Gedichten, Erzählungen und erweitert ihn, in dem es alles sammelt, was mit dem Dichter und seinem Werk in Verbindung steht, von Objekten der Folklore über Briefe und Photos von und zu Bialik aus Nachlässen anderer Personen bis zu Literaturzeitschriften, wissenschaftlicher und populärer Sekundärliteratur. Der langjährige Direktor Moscheh Ungerfeld hatte bis in die 1980er Jahre eine Forschungsbibliothek mit 60'000 Bänden aufgebaut, davon reichlich jüdisch religiöse Literatur, darunter viele seltene Erstausgaben.

mini|Erker in der Bibliothek, 2018 mini|Blick von der Treppe, die in den ersten Stock führt, in die Halle mit Pfeilerdurchbruch zum Kaminzimmer und Sitzecke im Norderker, 2013 Der Bibliotheksraum im Hause diente bis 1984 als öffentliche Bücherei, v. a. für Jugendliche, mit Leihverkehr aus einem entsprechenden Bücherbestand, während in jenen Jahren Bialiks Büchersammlung im Archiv untergebracht war. Die Redaktion des Monatsmagazins Moznajim () des Schriftstellerverbands hatte ihren Sitz im Hause. Seit der Wiedereröffnung 1991 nach sieben Jahren Renovierung und Neukonzeption stehen Bialiks Bücher wieder in den dafür nach Minors Design geschaffenen Regalen und Vitrinen.

Bialiks Sammlung von etwa 4'000 Büchern, davon viele von den Autoren persönlich bewidmet, spiegelt seine kulturellen Quellen und Interessensgebiete sowie seine sprachlichen Fähigkeiten wider, ein Gros der Bücher befasst sich mit dem jüdischen Themenkanon, die vor allem in Hebräisch, Jiddisch, Deutsch und Russisch abgefasst sind. Bialik war gegen den hölzerner Erker der Bibliothek, doch Minor überzeugte ihn, dass der Beit Bialik in seiner Straßenfront einen Erker brauche, wie ein Gesicht eine Nase. Bialik nutzte seine Bibliothek für Recherchen zu seinen Essays, nonfiktionalen Schriften und Redaktionstätigkeit im Verlag Dvir.

Die Dauerausstellung ab 1991 erstellten Ziva Shamir (), 1940 bis 2010 Literaturwissenschaftlerin der Universität Tel Aviv, und der italienisch-israelische Theaterwissenschaftler Jonathan Dubossarsky, ab 1984 Leiter des Beit Bialik, gestalterisch in Zusammenarbeit mit der Weishoff ʿIzzuv waHafaqah BaʿA"M der Graphiker Ariʾella Weishoff und Eliʿeser Weishoff ().Ziva Shamir und Jonathan Dubossarsky, The Bialik House, (Stadtkommune Tel Aviv-Jaffa; Hrsg.), Tel Aviv-Jaffa: , 1992.

Die Ausstellung umfasst 15 Stationen, zum Gebäude und den Bauplänen (Nr. 1), zu Bialiks Kindheit (2), Etappen auf seinem Weg als Lernernder und Gelehrter (3), Bialik in Tel Aviv (4), alle im Parterre, und zu seinem Schaffen im ersten Stock, so zu seinen frühen Werken (5), zu seiner Lyrik (6), als Poet des Zorns über den Pogrom von Kischinjow (7), zu seinen langen Gedichten (8), zu Bialiks Prosa und Essays (9), zu seinem Schaffen als Herausgeber und Kompilator von Sammelwerken wie der Sefer haʾAggadah, die Sippurei haMiqra (eine Kinderbibel), mittelalterliche Schriften ibn Gabirols und ibn ʿEsras, Kommentare zur Mischna, technische Wörterbücher des Hebräischen (10), zu seinen Werken der Kinderliteratur (11), zu seinem Wirken in Volkskunde und Volksdichtung (12), zu Bialik als Verfasser in und Verfechter des Jiddischen (13), zu seinem Übersetzungswerk wie Wilhelm Tell, Don Quijote, Dybbuk und Theaterstücke (14) und schließlich (15) zu seinem Ableben.

mini|300px|Porträt Manja Bialiks über Sofa, Spiel- und Ablagetisch in Bialiks Arbeitszimmer, 2015 Das Architekturbüro Nitza Metzger-Szmuk renovierte und rekonstruierte zwischen 2006 und 2009 den Beit Bialik so originalgetreu wie möglich. Dabei wurden die originale, orientalisch beeinflusste Farbgebung ermittelt und den Wänden zurückgegeben. Der Keller wurde flächenmäßig verdoppelt, isoliert und klimatisiert, um Bücher und Archivalien dort unbeschadet zu bewahren, was vorher nicht immer der Fall war. Im Archiv, weltweit größte Sammlung zu Bialik, finden sich Autographen, Briefe und 300 Manuskripte, dazu Neuerwerbungen aus Käufen und Schenkungen.Jonathan Dubossarsky, „Beit Bialik: Das Heim des israelischen Nationaldichters“, Magali Zibaso (Übers.), in: Ariʾel: Eine Zeitschrift zur Kunst und Bildung in Israel, Nr. 104 (Oktober 1997), S. 16–27, hier S. 26. Ungerfelds Engagement verdankt das Archiv viele Rara, wie Handschriften frühen hebräischen Journalismus. Das Archiv empfängt regelmäßig Forscher und ist ihnen bei Recherchen dienlich.

mini|Spiel- und Schreibtisch vor Bildern von «Bialik mit Rawnitzki beim Studium» und von «Achad HaʿAm» mit Nordfenster, 2015