Gerhard Georg Bernhard Ritter (* 6. April 1888 in Sooden/Werra; † 1. Juli 1967 in Freiburg im Breisgau) war ein deutscher Historiker. Er lehrte von 1925 bis 1956 an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau und prägte die deutsche Geschichtswissenschaft in der Nachkriegszeit nachhaltig.

Leben mini|Deckblatt der Heidelberger Dissertation von 1912 Gerhard Ritter entstammte einer ursprünglich im hessischen Willingshausen beheimateten freien Bauernfamilie, deren Mitglieder jedoch in großer Zahl in die Pfarrer- und Beamtenschicht aufgestiegen waren.Hessisches Geschlechterbuch, Fünfzehnter Band (= Deutsches Geschlechterbuch, Bd. 124), Limburg an der Lahn 1960, S. 451 f.Christoph Cornelißen: Gerhard Ritter. Geschichtswissenschaft und Politik im 20. Jahrhundert. Düsseldorf 2001, S. 23. Er wurde als Sohn des lutherischen Pfarrers Gottfried Theodor Ritter (1856–1934) und dessen Frau Charlotte, geb. Schaub (1864–1946), in Sooden an der Werra (heute: Bad Sooden-Allendorf) geboren. Er hatte vier Brüder und zwei Schwestern, darunter waren der Orientalist Hellmut Ritter, der Industrielle Friedbert Ritter und der Theologe Karl Bernhard Ritter.Christoph Cornelißen: Gerhard Ritter. Geschichtswissenschaft und Politik im 20. Jahrhundert. Düsseldorf 2001, S. 24. Ritter besuchte die Volksschule in Hessisch Lichtenau und von 1901 bis 1906 das humanistische Gymnasium zu Gütersloh (heute: Evangelisch Stiftisches Gymnasium Gütersloh).Christoph Cornelißen: Gerhard Ritter. Geschichtswissenschaft und Politik im 20. Jahrhundert. Düsseldorf 2001, S. 29, 38 ff.

Nach dem Abitur studierte Gerhard Ritter ab Ostern 1906 Geschichte, Staatswissenschaften, deutsche Philologie und Philosophie an den Universitäten von München, Heidelberg, Leipzig und Berlin. Er wurde bei Hermann Oncken über Die preußischen Konservativen in der Krisis von 1866 promoviert. Nach der Promotion 1912 war Ritter als Gymnasiallehrer in Magdeburg tätig.

Im Ersten Weltkrieg kämpfte er zuerst an der Ostfront. Er wurde zum Leutnant der Reserve befördert und erlebte die Eroberung von Warschau im Sommer 1915 als Erfüllung langgehegter Hoffnungen.Christoph Cornelißen: Gerhard Ritter. Geschichtswissenschaft und Politik im 20. Jahrhundert. Düsseldorf 2001, S. 77. Ab 1916 war er an der Westfront eingesetzt. Dort wurde er mehrfach, etwa während der Schlacht an der Somme, schwer verwundet und mit dem Eisernen Kreuz (1. Klasse) ausgezeichnet.Christoph Cornelißen: Gerhard Ritter. Geschichtswissenschaft und Politik im 20. Jahrhundert. Droste, Düsseldorf 2001, S. 76 ff. und 86.

Nach Kriegsende erhielt er von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften den Auftrag, eine Geschichte der Universität Heidelberg zu verfassen. Dies veranlasste ihn, die wissenschaftliche Laufbahn eines Historikers einzuschlagen.

Vorstudien zur Geistesgeschichte der Spätscholastik lieferten die Grundlage für seine Habilitation im Jahre 1921, mit Studien zur Spätscholastik, erneut bei Oncken in Heidelberg, wo er auch 1918 bis 1923, vor und nach der Habilitation lehrte. Sein erster Ruf auf eine Professur führte ihn 1924 an die Universität Hamburg. Bereits 1925Marcel vom Lehn: Westdeutsche und italienische Historiker als Intellektuelle? Ihr Umgang mit Nationalsozialismus und Faschismus in den Massenmedien (1943/45–1960). Göttingen 2012, S. 51, schreibt, Ritter sei 1927 nach Freiburg gewechselt. nahm er das Ordinariat an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg an, das er bis zu seiner Emeritierung 1956 behielt. Ritters Berufung nach Freiburg war wegen seiner deutschnationalen und verfassungsfeindlichen Einstellung allerdings sehr umstritten.Folker Reichert: Gelehrtes Leben. Karl Hampe, das Mittelalter und die Geschichte der Deutschen. Göttingen 2009, S. 162. Gerade im katholischen Milieu Freiburgs schlug dem entschiedenen Lutheraner zunächst einiges Misstrauen entgegen. Es wurde erst überwunden, als die Abneigung des Nationalkonservativen Ritter gegenüber dem NS-Regime ruchbar wurde.Christoph Cornelißen: Gerhard Ritter. Geschichtswissenschaft und Politik im 20. Jahrhundert. Droste, Düsseldorf 2001, S. 150 ff. Zu seinen zahlreichen akademischen Schülern zählten u. a.

Ritter organisierte nach Kriegsende maßgeblich die Gründung des Deutschen Historikerverbandes am 12. Oktober 1948 und wurde 1949 dessen erster Vorsitzender.Marcel vom Lehn: Westdeutsche und italienische Historiker als Intellektuelle? Ihr Umgang mit Nationalsozialismus und Faschismus in den Massenmedien (1943/45–1960). Göttingen 2012, S. 53. Dabei sorgte er für eine konservative Linie in seinem Sinne. Auch zur Neukonstituierung des Geschichtsunterrichts trug er maßgeblich bei. Er unterstützte die Wiedergründung des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands 1949 und wirkte auf die Herausgabe neuer Geschichtslehrbücher ein. Sie sollten die deutsche Geschichte zwischen „Selbstentehrung“ und „Selbstüberhebung“ darstellen. 1962 wandte er sich gegen das neue Fach Gemeinschaftskunde und gegen methodische Neuerungen wie die Gruppenarbeit und behauptete, diese würden zu „uferlosem Geschwätz“ führen. Seine in GWU veröffentlichten Thesen prägten die konservativen Geschichtslehrer stark.Bärbel Kuhn: Historische Bildung als Welt- und Menschenkunde. In: Wolfgang Hasberg, Manfred Seidenfuß (Hrsg.): Modernisierung im Umbruch. Geschichtsdidaktik und Geschichtsunterricht nach 1945. Münster u. a. 2008, S. 361–376. 1955 wurde er in den Vorstand des Comité International des Sciences Historiques (CISH) aufgenommen. Ritter war auch nach seiner Emeritierung wissenschaftlich und publizistisch tätig.

Er war Mitglied der Wissenschaftsakademien in Heidelberg, Berlin und München, der Historischen Reichskommission, der Accademia Nazionale dei Lincei, der Royal Historical Society, der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und des Comité International des Sciences Historiques.

Ritter starb nach kurzer Krankheit kurz nach seinem 79. Geburtstag. Sein Grab befindet sich unweit seines Ferienhauses in Saig im Schwarzwald.Klaus Schwabe: Gerhard Ritter. In: Baden-Württembergische Biographien, Band 1, Stuttgart 1994, S. 302. Ein Teil des Nachlasses von Ritter wird als Depositum im Hessischen Staatsarchiv Marburg (Bestand 340 Ritter b) aufbewahrt. Der wichtigere Teil befindet sich im Bundesarchiv Koblenz, wobei sein umfangreicher wissenschaftlicher Briefverkehr herausragt.

Familie 1919 heiratete Ritter Gertrud Reichardt, Tochter eines wohlhabenden badischen Beamten. Sie bekamen drei Kinder (Berthold, Renate und Friedrich).Christoph Cornelißen: Gerhard Ritter. Geschichtswissenschaft und Politik im 20. Jahrhundert. Droste, Düsseldorf 2001, S. 111 und 115.

Werk Ritters als Buch erschienene Dissertation über die preußisch-konservative Opposition zu Bismarcks deutscher Einigungspolitik fußte weitgehend auf ungedrucktem Material und gab den Anstoß zu weiteren Publikationen zum monarchischen Gedanken in Preußen, zur großdeutsch-kleindeutschen Problematik und zur Parteiengeschichte.

1925 veröffentlichte Ritter eine Biografie Martin Luthers, die Luther positiv darstellte. Es war eine Auftragsarbeit, von der er vielfach revidierte Neuauflagen bis in die Zeit nach 1945 herausbrachte. Stand für ihn anfangs Luthers Profil als „religiöses Genie“, als Begründer einer neuen reformatorischen Theologie und, aus der Sicht der Zwanzigerjahre, auch als Verkörperung des „ewig Deutschen“ im Vordergrund, so hat er später die „Weltwirkung“ und die Sozialethik der Reformation stärker hervorgehoben.Klaus Schwabe: Zur Einführung. Gerhard Ritter – Werk und Person. In: Klaus Schwabe, Rolf Reichardt (Hrsg.): Gerhard Ritter. Ein politischer Historiker in seinen Briefen. Boldt, Boppard 1984, S. 17 f.

Weitere Biografien verfasste er über den preußischen Staatsmann Karl Freiherr vom und zum Stein, den preußischen König Friedrich den Großen sowie in den 1950er Jahren über seinen Freund Carl Friedrich Goerdeler, der als Widerstandskämpfer nach dem 20. Juli 1944 hingerichtet worden war. Ritters Œuvre war sehr breit gefächert – mit Themen vom späten Mittelalter bis in die Zeitgeschichte.Christoph Cornelißen: Gerhard Ritter. Geschichtswissenschaft und Politik im 20. Jahrhundert. Düsseldorf 2001, S. V.

Eines der Hauptwerke Ritters hing gleichfalls mit einem äußerlichen Anlass zusammen, dem hundertsten Todesjahr des Freiherrn vom Stein. In seiner umfangreichen „politischen Biographie“, die nach gründlichen Quellenstudien den preußischen Politiker in den Hintergrund der napoleonischen Zeit und der deutschen Freiheitskriege einbettete, wollte Ritter den Reichsfreiherrn als Exponenten eines spezifisch deutschen Frühliberalismus und Mitbegründer eines gesamtdeutschen Nationalgefühls hervortreten lassen, dessen bedenkliche Auswüchse er freilich auch kritisierte.Klaus Schwabe: Zur Einführung. Gerhard Ritter – Werk und Person. In: Klaus Schwabe, Rolf Reichardt (Hrsg.): Gerhard Ritter. Ein politischer Historiker in seinen Briefen. Boldt, Boppard 1984, S. 31 ff.

Die dritte Biographie, die Ritter vor dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichte und Friedrich den Großen zum Gegenstand hatte, ist nur vor dem Hintergrund der NS-Diktatur zu verstehen. Diese machte den Preußenkönig zum Vorläufer Hitlers. Ritter wollte gegensteuern, indem er das „historische Profil“ des Monarchen als aufgeklärtes und an den Rechtsstaat gebundenes Gegenbild zur NS-Diktatur hervorkehrte, ohne mit Rücksicht auf die politische Zensur diesen Zweck allerdings ausdrücklich beim Namen zu nennen.Klaus Schwabe: Zur Einführung. Gerhard Ritter – Werk und Person. In: Klaus Schwabe, Rolf Reichardt (Hrsg.): Gerhard Ritter. Ein politischer Historiker in seinen Briefen. Boldt, Boppard 1984, S. 39 ff., 127, 289 f., 301 und 324.

Bald nach 1945 wandte sich Ritter auch der Geschichte des deutschen Widerstandes zu. Auf Bitten der Familie Goerdeler verfasste er eine Biographie des von den Männern des 20. Juli designierten deutschen Reichskanzlers, den die NS-Justiz nach dem gescheiterten Umsturzversuch ermorden ließ. Ritter legte mit diesem Buch die erste umfassende auf unveröffentlichten Quellen beruhende Darstellung des deutschen Widerstandes vor, die, soweit sie die Person Goerdelers betrifft, bis heute gültig geblieben ist.Christoph Cornelißen: Gerhard Ritter. Geschichtswissenschaft und Politik im 20. Jahrhundert. Droste, Düsseldorf 2001, S. 554–557; Klaus Schwabe, Rolf Reichardt (Hrsg.): Gerhard Ritter. Ein politischer Historiker in seinen Briefen. Boldt, Boppard 1984, S. 339.