Die International Fire Academy in Balsthal in der Schweiz ist eine Feuerwehrschule, die auf die Entwicklung von Taktiken und Techniken sowie die Ausbildung von Feuerwehrangehörigen für die Bewältigung von Einsätzen in unterirdischen Verkehrsanlagen spezialisiert ist. Sie wird vom Interkantonalen Feuerwehr-Ausbildungszentrum in Zusammenarbeit mit der Gasser Felstechnik AG betrieben. Hauptanteilseigner sind die Basellandschaftliche und die Solothurnische Gebäudeversicherung, zwei öffentlich-rechtliche Anstalten, welche die kantonale Aufsicht über das Feuerwehrwesen innehaben.
Standorte Die International Fire Academy hat ihren Sitz in Balsthal im Kanton Solothurn. Am selben Standort befindet sich das Interkantonale Feuerwehr-Ausbildungszentrum. Beide Organisationen betreiben dort Übungsanlagen für eine einsatznahe Feuerwehrausbildung. Der zweite Standort befindet sich in Lungern im Kanton Obwalden.
Geschichte Nach dem Brandereignis im Mont-Blanc Strassentunnel zwischen Chamonix (F) und Aosta (I) am 24. März 1999 setzte der Direktor des Schweizer Bundesamtes für Strassen (ASTRA)) eine Task Force ein. Sie sollte die Sicherheitsaspekte beim Gotthard-Strassentunnel und beim San-Bernardino-Tunnel untersuchen. Nach dem Brandereignis am 29. Mai 1999 im Tauerntunnel wurde die Untersuchung auf alle Tunnel des Schweizer Strassennetzes mit einer Länge von mehr als 600 m ausgedehnt. Im Schlussbericht der Task Force vom 23. Mai 2000 wird betont, dass die baulichen und technischen Sicherheitseinrichtungen ihre volle Wirkung nur entfalten können, wenn sie mit einem effizienten Ereignisdienst und dem richtigen Verhalten der Verkehrsteilnehmer abgestimmt sind. Als eine Massnahme schlug die Task Force daher den Bau eines Übungstunnels vor und forderte, dass die Übungsanlage realistisch sein und den definierten Ereignisszenarien entsprechen soll.
Vorstudien und Entwicklungsarbeit Im Sommer 2001 startete das Interkantonale Feuerwehr-Ausbildungszentrum in Balsthal auf Initiative von Bernhard Fröhlich, Direktor der Basellandschaftliche Gebäudeversicherung, das Projekt Tunnel. Die Auftaktveranstaltung für die Vorstudien zur Entwicklung von Übungsanlagen am 24. Oktober 2001 wurde von dem Brand im Gotthard-Strassentunnel überschattet, bei dem an diesem Tag elf Menschen starben., auf spiegel.de
Bau der Übungstunnelanlagen und Gründung der International Fire Academy 2005 beauftragte das Bundesamt für Strassen (ASTRA) die Basellandschaftliche Gebäudeversicherung und die Solothurnische Gebäudeversicherung als Trägerinnen des Interkantonalen Feuerwehr-Ausbildungszentrums in Partnerschaft mit der Gasser Felstechnik AG, an den Standorten Balsthal und Lungern zwei Übungstunnelanlagen für die Ausbildung von Ereignisdiensten zur Bewältigung von (Brand-)Ereignissen in Tunneln zu bauenifa Übungs tunnelanlagen sind im Bau (PDF; 1,1 MB), auf loeschblatt.ch, abgerufen am 23. Dezember 2020 und eine Feuerwehr-Einsatzlehre für die Bewältigung solcher Ereignisse in Strassentunneln zu entwickeln. Im selben Jahr gründete das Interkantonale Feuerwehr-Ausbildungszentrum ein Didaktik- und Entwicklungsteam und gewann Feuerwehrangehörige und Experten für den Bau und Betrieb von Verkehrstunneln für die Mitarbeit. Dieses Gremium erarbeitete die Einsatzlehre und die didaktischen Grundsätze für die Ausbildung.
2006 begann der Bau der Übungstunnelanlagen. 2007 beauftragten die Schweizerischen Bundesbahnen AG ergänzend den Bau eines Bahn-Übungstunnels. Die Erstinvestitionen in die Übungstunnelanlagen betrugen insgesamt 44 Millionen Schweizer Franken. Am 2. Oktober 2009 wurden die Übungstunnelanlagen in Balsthal und Lungern eröffnet und die International Fire Academy als selbstständige Gesellschaft gegründet. Seit 2010 werden standardisierte Ausbildungen für Schweizer Feuerwehrangehörige angeboten.
Internationale Ausrichtung Von 2010 bis 2012 führte die International Fire Academy Pilotkurse und Workshops mit Feuerwehren aus Europa und Übersee durch und öffnete 2012 den Ausbildungsbetrieb allgemein für ausländische Feuerwehren. Um den Erfahrungsaustausch unter Feuerwehrführungskräften zu Einsätzen in unterirdischen Verkehrsanlagen zu fördern, richtete die International Fire Academy im selben Jahr ihr erstes Kommandanten-Forum aus. Seither findet das Kommandanten-Forum regelmässig an unterschiedlichen Orten statt. Im September 2013 wurde die International Fire Academy bei der Konferenz „Fire Protection and Safety in Tunnel“ in Norwegen als „Europas führende Feuerwehrakademie für Ausbildung und Training in unterirdischen Verkehrsanlagen“ ausgezeichnet.
Genehmigung und Publikation der „Einsatzlehre Strassentunnel“ Im Jahr 2012 genehmigte die Schweizerische Feuerwehrinspektorenkonferenz die an der International Fire Academy erarbeitete Einsatzlehre für die Intervention in Strassentunneln. Sie ist seither einheitliche Ausbildungsgrundlage für alle Feuerwehren in der Schweiz. 2014 publizierte die International Fire Academy das Fachbuch „Brandeinsätze in Strassentunneln“, das die Einsatzlehre und wesentliche Inhalte der Ausbildungen dokumentiert. Das Buch erschien unter dem Titel „La defense incendie dans les tunnels routiers“ 2015 in französischer Sprache. Die englische Ausgabe mit dem Titel „Firefighting operations in road tunnels“ folgte 2016. 2017 gab die International Fire Academy ergänzend zwei Merkblätter „Brandeinsätze in Strassentunneln“ als Ausbildungshilfe auf Deutsch, Französisch, Englisch und Italienisch heraus.
Entwicklung, Genehmigung und Publikation der „Einsatzlehre Bahntunnel“ 2015 erweiterte die International Fire Academy das Didaktik- und Entwicklungsteam um Bahnexperten, um eine Einsatzlehre für die Intervention in Bahntunneln zu entwickeln. Die Lehre wurde 2018 von der Schweizerischen Feuerwehrinspektorenkonferenz als einheitliche Ausbildungsgrundlage für die Schweiz genehmigt. Das Fachbuch „Brandeinsätze in Bahntunneln“ gab die International Fire Academy 2020 heraus. Es dokumentiert die Lehre sowie ergänzendes Hintergrundwissen zu Bahnanlagen, zur Einsatztechnik und Einsatzvorbereitung und wird durch zwei Merkblätter „Brandeinsätze in Bahntunneln“ ergänzt.
Ausbau der Übungsanlagen für Bahnereignisse alternativtext=Überblick über das Gelände der International Fire Academy am Standort Balsthal (CH)|mini|Standort der International Fire Academy in Balsthal Mit der Entwicklung der Einsatzlehre Bahntunnel legte die International Fire Academy einen Grundstein dafür, von den Eisenbahn-Infrastrukturbetreibern der Schweiz langfristig mit der zentralen ortsunabhängigen Ausbildung von Schweizer Einsatzkräften für Bahnereignisse beauftragt zu werden. Ein weiterer Grundstein war der Ausbau der Ausbildungsinfrastruktur im Jahr 2018. Dadurch wurden zusätzliche Kurskapazitäten geschaffen und die Darstellung weiterer Einsatzszenarien und -bedingungen ermöglicht. Die Investitionen für den Ausbau betrugen vier Millionen Schweizer Franken, wovon die Hälfte in den Ausbau der Brandsimulationsanlagen floss.
Tunnel-Ausbildungsstätten alternativtext=Feuerwehrangehörigen im Strassen-Übungstunnel der International Fire Academy üben einen Löschangriff auf brennende Fahrzeugattrappen|mini|Löschangriff im Strassen-Übungstunnel alternativtext=Feuerwehrangehörige üben unter einsatznahen Bedingungen im Bahn-Übungstunnel der International Fire Academy|mini|Einsatzübung im Bahn-Übungstunnel alternativtext=Auf dem Bahn-Übungsgelände liegt ein umgekippter Bahnwagen, in dem Feuerwehrangehörige die Rettung von Personen üben.|mini|Umgekippter Bahnwagen auf dem Bahn-Übungsgelände alternativtext=Feuerwehrangehörige üben einen Löschangriff in einer Tiefgarage an der International Fire Academy in Balsthal|mini|Lektion Brandbekämpfung im Übungsparkhaus alternativtext=Für die Ausbildung im Taktikzentrum nutzt die International Fire Academy eigens konstruierte Glastische und Projektoren für die Planspieltechnik|mini|Planspieltechnik im Taktikzentrum alternativtext=In der Übungstunnelanlage der International Fire Academy in Lungern ist das Brandereignis mit zwei Lkw eine der großen Herausforderungen für Feuerwehrangehörige|mini|Szenario mit zwei brennenden Lkw in Lungern Die International Fire Academy verfügt in Balsthal über einen Strassen- und einen Bahn-Übungstunnel, ein Bahn-Übungsgelände, ein Übungsparkhaus und ein Taktikzentrum. In Lungern betreibt sie eine weitere Übungstunnelanlage. Alle Übungsanlagen bilden die jeweils einsatzrelevanten Elemente realer unterirdischer Verkehrsanlagen im Massstab 1:1 ab. Die eingesetzten Fahrzeugattrappen sind mit gasbefeuerten Brandstellen ausgestattet.
Strassen-Übungstunnel in Balsthal Der zweispurige Strassen-Übungstunnel in Balsthal hat eine Länge von 300 m. Er verfügt über zwei Portale, einen befahrbaren Querschlag, einen überdruckbelüfteten Seitenstollen, einen Schutzraum sowie eine Fahrbahnunterquerung. Der Zugang ist zusätzlich von aussen über verschiedene Türen und Treppen möglich. Bis zu sechs Brandattrappen – vom PKW bis zum Reisebus – werden in die Übungsszenarien integriert. Hinzu kommen bis zu 50 Fahrzeuge als Requisiten, darunter auch Tankfahrzeuge und Linienbusse.
Bahn-Übungstunnel und Bahn-Übungsgelände in Balsthal Der einspurige Bahn-Übungstunnel ist 100 m lang. Die Einsatzkräfte müssen bis zum Brandherd im Tunnel bis zu 300 m lange Anmarschwege zurücklegen. Von den vier Eisenbahnwagen sind zwei mit 14 Gasbrandstellen beflammbar. Die darstellbaren Szenarien reichen vom Kleinbrand bis zum Vollbrand mit Übergriff auf einen zweiten Wagen. Ein Triebwagen kann um zwei Achsen geneigt werden, um eine Entgleisung zu simulieren. Auf dem Bahn-Übungsgelände im Freien liegt ein umgekippter Bahnwagen. Dort werden insbesondere unterschiedliche Arten des Zugangs und der Personenrettung trainiert.
Übungsparkhaus in Balsthal Das Übungsparkhaus hat drei versetzte Ebenen, die über diverse Zugänge erreichbar sind. Es kann auch als Tiefgarage beübt werden. Neben der Brandbekämpfung und dem Suchen & Retten ist das Lüftungsmanagement mit mobilen Lüftern ein zentrales Ausbildungsthema.
Taktikzentrum in Balsthal Das Taktikzentrum dient der Ausbildung von Einsatzleitern und zur Entwicklung von Einsatzkonzepten. Dort wird eine speziell entwickelte Projektionstechnik genutzt, um verschiedene Lagen durchspielen zu können. Drei nebeneinander liegende Räume repräsentieren dabei die beiden Portale und das Tunnel-Innere. Die Planspielszenarien werden von unten auf grosse, beschreibbare Glastische projiziert. Ein vierter Raum steht für die Feuerwehr-Leitstelle bzw. die Betriebszentrale des Eisenbahn-Infrastrukturbetreibers zur Verfügung.
Übungstunnelanlage in Lungern Die Übungstunnelanlage in Lungern befindet sich tief im Berg. Das Kernstück ist der Brandabschnitt im 125 m langen Strassen-Übungstunnel. Der maximale Angriffsweg von 650 m über das unterirdische Wegesystem ist ein Belastungstest für Atemschutzgeräteträger. Für das Üben der Brandbekämpfung stehen zwei Sattelauflieger- und eine PKW-Attrappe bereit. Das zentrale Szenario ist an das Brandereignis im Gotthard-Strassentunnel von 2001 angelehnt. Ein Tunnelabschnitt im Rohausbruch ist 390 m lang und wird u. a. für die Vorbereitung auf Einsätze auf Tunnelbaustellen genutzt.
Kursangebot und Beratung Für Feuerwehren werden folgende Ausbildungsformate und Dienstleistungen angeboten:
Kurse „Einsätze in Strassentunneln“ Kurse „Einsätze in Bahntunneln“ Kurse „Einsätze in Tiefgaragen“ Kurse für Ausbilder (nur in Zusammenarbeit mit Feuerwehrinstanzen) Individualisierte Trainingsprogramme individualisierte Schulungen bei den Feuerwehren vor Ort
Nebst dem Kursangebot unterstützt die International Fire Academy Feuerwehren bei der Entwicklung und Umsetzung anlagenspezifischer Interventionskonzepte. Sie berät hierbei systemisch und nutzt auch Elemente der Planspieltechnik, um taktische Entscheide herbeizuführen.
Methodik und Didaktik