mini|Palais Petschek (2012) Das Palais Petschek (tschechisch Petschkův palác) ist ein neoklassizistisches Gebäude in der Prager Neustadt. Es entstand nach Entwürfen des Architekten Max Spielmann zwischen 1923 und 1925 als Bankhaus Petschek & Co. der Prager Familie Petschek. Während des Zweiten Weltkriegs diente das Gebäude als Zweigstelle der Gestapo im Protektorat Böhmen und Mähren, anschließend der tschechoslowakischen Geheimpolizei StB als Zentrale. Ab Ende 1948 wurde das Palais vom Ministerium für Außenhandel der Tschechoslowakei genutzt und 1989 in die Liste der Nationalen Kulturdenkmale Tschechiens aufgenommen. Heute beherbergt es einen Teil des tschechischen Ministeriums für Industrie und Handel.

Bankhaus Petschek & Co. Die Familie Petschek zählte bis zum Jahr 1918 zu den bedeutendsten Finanz- und Industriedynastien in Österreich-Ungarn.Fritz Weber: Vor dem großen Krach – Österreichs Banken in der Zwischenkriegszeit am Beispiel der Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe. Böhlau Verlag Wien, 2016, S. 471. Sie waren Anteilseigner und Hauptaktionäre zahlreicher Bergwerke und Banken. Ein hohes Aktienkapital hielten die Prager Petscheks an der Österreichischen Kredit-Anstalt für Handel und Gewerbe sowie der Anglo-Österreichischen Bank, der Böhmischen Escompte-Bank und zahlreichen weiteren Kreditinstituten.Helena Krejčová, Mario Vlček: Výkupné za život. V Šenově u Ostravy, nakl. Tilia, 2009. S. 334–415. Nach dem Zerfall der Donaumonarchie und der Gründung der Tschechoslowakei versuchte die neue Regierung in Prag, sämtliche Kapitalverbindungen zwischen österreichischen Banken und der tschechoslowakischen Industrie zu lösen.Hans Kernbauer: Währungspolitik in der Zwischenkriegszeit. Geschichte der oesterreichischen Nationalbank von 1923 bis 1938. Verlag der Oesterreichischen Nationalbank, 1991, S. 32 f.

Mit einem sogenannten Nostrifizierungsgesetz wurden Inhaber und Aktionäre von Unternehmen im Gebiet der Tschechoslowakei gezwungen, die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft anzunehmen und den Hauptsitz ihrer Gesellschaften in die Tschechoslowakei zu verlegen.Ctibor Nečas: Počátky územní expanze Živnobanky. in: Studia minora facultatis philosophicae, 32. Sborník prací filozofické fakulty Brněnské univerzity, 1985, S. 81–92.Antonie Doležalová: Zwischen Autarkie, Emanzipation und Diskriminierung: Die Nostrifizierung in der Tschechoslowakei nach 1918. In: Bohemia, Ausgabe 53, 2013, S. 47. Da sich der größte Teil der Unternehmen und des Aktienbesitzes der Prager Petscheks auf dem Gebiet des neuen Staates befand, gründeten sie am 5. November 1920 das Bankhaus Petschek & Co.Ústecko a uhli‘ – od Prvoppcatku k Uhlobaronum XXI. Ústecká kulturní platforma, abgerufen am 5. Dezember 2020. Eigner waren zu je gleichen Anteilen:

Otto Petschek (1882–1934), erstgeborener Sohn von Isidor Petschek und Familienoberhaupt Paul Petschek (1886–1946), Sohn von Isidor Petschek Friedrich Petschek (1890–1940), Sohn von Isidor Petschek Hans Petschek (1895–1968), Sohn von Isidor Petschek Julius Petschek (1856–1932), Bruder von Isidor Petschek Walter Petschek (1899–1998), Sohn von Julius PetschekPetschek & Co. Books Discovered Once Again, abgerufen am 4. Dezember 2020.

Nach Otto Petscheks Tod gingen seine Anteile auf seinen Sohn Viktor (1914–2008) und die Anteile von Julius Petschek nach seinem Tod auf dessen Tochter Grete (1894–1980) über. Die zuweilen anzutreffende Darstellung, dass Ignaz Petschek Inhaber oder Teilhaber der Bank war, ist nicht zutreffend, da er schon im Jahr 1913 von seinen Brüdern aus allen Unternehmungen der Familie ausgeschlossen wurde.

Der Firmensitz befand sich zunächst im Vrchlického sady Nr. 7 (Stadtpark nahe dem Prager Hauptbahnhof).Anzeige im Wiener Tageblatt vom 31. Mai 1921, S. 11. ANNO – AustriaN Newspapers Online, abgerufen am 23. Dezember 2020. Als Prokurist und Jurist der Petschek-Bank konnte bereits im Oktober 1920 Georg Popper, zuvor Direktor der Anglo-Österreichischen Bank in Prag, gewonnen werden.Geschäftsnachrichten Prager Tageblatt vom 15. Oktober 1920, S. 6. ANNO – AustriaN Newspapers Online, abgerufen am 23. Dezember 2020. Während der Durchschnittsverdienst eines Arbeiters in der Ersten Tschechoslowakischen Republik bei monatlich 200 Kronen lag, bezog Popper von den Petscheks ein Jahresgehalt in Höhe von 2 Millionen Kronen.Historie der Stadt Olomouc (Kolik si vydělali před sto lety? Starosta bral desetinásobek průměrného platu) Olomoucký REJ, abgerufen am 23. Dezember 2020.

Nur wenige Schritte vom Wenzelsplatz entfernt, entstand an der Ecke der Straßen Bredovská (heute Politických vězňů) und Washingtonova (heute Opletalova), gegenüber dem Deutschen Theater (heute Staatsoper Prag), zwischen 1923 und 1925 das Palais Petschek als Unternehmenssitz der Petschek-Bank.Ingeborg Fiala-Fürst, Jaromír Czmero (Hrsg.): Kulturgeschichtliche Daten zur deutschmährischen Literatur. Amici Amico III. Univerzita Palackého v Olomouci, 2011, S. 216. Das monumentale fünfgeschossige Bauwerk sollte die Stabilität der Bank, ihr Kapital und ihre Macht demonstrieren. Der Bau, bei dem zum ersten Mal in Prag Fahrzeugkräne zum Einsatz kamen, wurde bis zum Jahr 1929 verschiedentlich erweitert und kostete über 150 Millionen Kronen. Das neoklassizistische Gebäude entstand aus Stahlbeton nach den Entwürfen des Architekten Max Spielmann. Die Fassade erhielt im unteren Teil eine Granit- und im oberen eine Travertinverkleidung.Petschek Palais Offizielles Portal der Stadt Prag, abgerufen am 5. Dezember 2020.

Trotz seines historisierenden Aussehens war das Palais Petschek damals hochmodern. Dazu zählten unter anderem ein Rohrpostnetz, Heizung und Vollklimaanlage in jedem Raum, eine zentrale TK-Systemanlage, Telefone in allen Büros, eine Tiefgarage, eine eigene Druckerei und Paternosteraufzüge, die noch heute in Betrieb sind. Unterkellert wurde das Gebäude mit zwei Untergeschossen. Die in beiden Kellern eingebauten Schließfächer und in meterdickem Beton eingemauerten Tresorräume mit massiven Stahltüren sind ebenfalls noch vorhanden. Von der luxuriösen Innenausstattung des Bankhauses zeugen original erhaltene Kronleuchter aus böhmischem Kristall, aufwändig verzierte Stuckdecken, Marmor, Scagliola und die Holzwandvertäfelung der Räume.Skryté poklady architektury – 50. díl – Petschkův palác TVarchitect.com, abgerufen am 5. Dezember 2020.

Das Bankhaus Petschek & Co. entfaltete sich zur größten Privatbank in der Ersten Tschechoslowakischen Republik.Willi Strauß: Die Konzentrationsbewegung im deutschen Bankgewerbe. Walter de Gruyter GmbH & Co KG, 2020, S. 24.Jutta Günther, Dagmara Jajeśniak-Quast: Willkommene Investoren oder nationaler Ausverkauf? Ausländische Direktinvestitionen in Ostmitteleuropa im 20. Jahrhundert. BWV Verlag, 2006, S. 77. Es war die Zentrale der Prager Petscheks, wo alle Fäden ihrer mitteleuropäischen Unternehmungen zusammenliefen. Neben dem Eigenhandel und der Verwaltung des familiären Vermögens, betrieb das Bankhaus Petschek & Co. ein umfangreiches Fremdgeschäft (Investment Banking).Ludwig Mellinger (Hrsg.): Die Bank. Band 31. Ausgabe 2. Bank-Verlag Berlin, 1938, S. 1710. Die Leitung oblag bis Juni 1934 Otto Petschek, danach seinem Bruder Hans.Helena Krejčová, Mario Vlček: Výkupné za život. V Šenově u Ostravy, nakl. Tilia, 2009. S. 334–415. Sehr enge Verknüpfungen bestanden mit der Berliner Handels-Gesellschaft in Deutschland und mit der Creditanstalt in Österreich, wo Otto Petschek bis 1931 auch Mitglied des Aufsichtsrats war.Fritz Weber: Vor dem großen Krach – Österreichs Banken in der Zwischenkriegszeit am Beispiel der Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe. Böhlau Verlag Wien, 2016, S. 471.Petschek, Julius Deutsche Biographie, abgerufen am 4. Dezember 2020.

In der Tschechoslowakei zählten die Petscheks nicht nur wegen ihres immensen Reichtums und ihres wirtschaftlichen Einflusses zur Machtelite, sondern auch aufgrund ihrer philanthropischen Aktivitäten und kulturellen Hegemonie.Unikátní šance. Obávaná Pečkárna se o víkendu zdarma otvírá veřejnosti IDnes vom 19. Mai 2018, abgerufen am 4. Dezember 2020. Das Bankhaus Petschek & Co. war ein aktiver finanzieller Unterstützer der Prager Secession, des Deutschen Theaters, des Prager Kunstgewerbemuseums sowie verschiedener deutschsprachiger Komponisten und Schriftsteller.The Historical Role of the Museum of Decorative Arts (and Other Museums in the Czech Republic) in Obtaining Looted Art; S. 1003. Central Registry European Association for Jewish Studies, abgerufen am 5. Dezember 2020.Susanne Fontaine: Leo Kestenberg – Musikpädagoge und Musikpolitiker in Berlin, Prag und Tel Aviv. Rombach, 2008, S. 220.

Neben staatlichen Restriktionen hatte die im Jahr 1929 ausgebrochene Weltwirtschaftskrise erhebliche Auswirkungen auf die Geschäfte des Bankhauses Petschek & Co.Norman Eisen: The Last Palace. Europe‘s Extraordinary Century Through Five Lives and One House in Prague. Hachette UK, 2018. Die Krise traf die tschechoslowakische Industrie und das Finanzwesen besonders hart. Innerhalb kurzer Zeit setzte ein dramatischer Währungsverfall der Krone ein. Die größten Einbrüche erlebte das Land im Frühjahr 1933, in anderen europäischen Ländern wurde da bereits die Talsohle durchschritten.Weltwirtschaftskrise der 30er – die Tschechoslowakei traf es besonders hart Radio Praha International vom 17. Oktober 2009, abgerufen am 6. Dezember 2020. Aufgrund der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung in der Tschechoslowakei und Deutschland, entschied sich die Familie im Jahr 1932 ihre Unternehmen zu verkaufen.

Der Rückzug der Prager Petscheks aus Mitteleuropa wurde von Otto Petschek und nach dessen Tod von seinem Bruder Hans nach einem festen Plan geleitet. Zwischen 1934 und 1936 etablierten sie sich geschäftlich in England und zogen alle bis September 1938 in die USA.Petr Štěrba: Rodina Petschků: Čeští Rothschildové? (1. část). Univerzity Karlovy, 15. November 2017. finmag vom 9. Juni 2008, abgerufen am 5. Dezember 2020. Im Frühjahr 1938 bot die Familie der Živnostenská banka den Verkauf ihres kompletten Besitzes in der Tschechoslowakei an. Das Geschäft wurde im Juli 1938 realisiert.Jutta Günther, Dagmara Jajeśniak-Quast: Willkommene Investoren oder nationaler Ausverkauf? Ausländische Direktinvestitionen in Ostmitteleuropa im 20. Jahrhundert. BWV Verlag, 2006, S. 77 f. Ab dem 9. November 1938 gehörte das Palais Petschek dem tschechoslowakischen Finanzministerium und sollte öffentlichen Zwecken dienen.

Gestapo-Zweigstelle mini|Palais Petschek (1941)

Im Palais Petschek richtete die Gestapo zwei Monate nach der Zerschlagung der Rest-Tschechei die Staatspolizeileitstelle Prag als Hauptquartier im Protektorat Böhmen und Mähren ein. Im Souterrain befanden sich elf Zellen, in denen Vernehmungen bis zum 4. Mai 1945 stattfanden. Insgesamt wurden hier etwa 36.000 Personen, im Durchschnitt jeden Tag 16 Menschen, verhört. Es handelte sich dabei um Tschechen, Deutsche, Emigranten, Widerstandskämpfer, Kommunisten, Juden oder gewöhnliche Kriminelle. Mehrere Gefangene erlagen den Folterungen, nicht wenige wurden nach den Verhören im Gefängnis Pankrác hingerichtet oder in Konzentrationslager deportiert.Prag unterm Hakenkreuz Prager Zeitung vom 11. Dezember 2013, abgerufen am 6. Dezember 2020.