mini|Das erste Marshalsea, Gravur aus dem 18. Jahrhundert (aus Edward Walford, „Southwark: High Street“ in Old and New London, Band 6, 1878)
Das Marshalsea (1373–1842) war ein berüchtigtes Londoner Gefängnis in Southwark, einen halben Kilometer südlich der London Bridge über die Themse gelegen, letzte Mauerreste heute am Angel Place, einer Gasse östlich der Durchgangsstraße Borough High Street. Obgleich es eine Vielzahl verschiedener Gefangener beherbergte, darunter Piraten, Meuterer, Aufwiegler oder andere politische Häftlinge, wurde es vornehmlich als Schuldgefängnis bekannt.Jerry White: London In The Eighteenth Century. Random House, 2012, ISBN 1-4481-2953-2, S. 449 (). Dies folgt der Tatsache, dass die Hälfte aller Gefängnisinsassen im England des 18. Jahrhunderts säumige Schuldner waren.Tambling 2009, S. 56.Jerry White: London In The Eighteenth Century. Random House, 2012, ISBN 1-4481-2953-2, S. 447 ().
Es wurde, wie alle Gefängnisse Englands bis zum 19. Jahrhundert, privat und auf kommerzieller Basis geführt. Äußerlich mutete es wie ein altes Universitätsgebäude an; darin aber wurde mit Erpressung Geld „verdient“.Ginger 1998, S. 41 und 217 Schuldner, die im 18. Jahrhundert in solchen Gefängnissen einsaßen und gleichwohl noch etwas Geld aufbringen konnten, hatten Zugang zu Geschäften, Speisesälen und auch Kneipen innerhalb und außerhalb des Areals. Je nach Umfang ihrer Strafe, aber auch ihrer finanziellen Zuwendungen an die Aufseher wurde ihnen gestattet außerhalb der Gefängnismauern einer Arbeit oder dem Betteln nachzugehen. Anderen hingegen bot sich nur eine Sackgasse, bei der sie in einer von neun kleinen Zellen zusammen mit Dutzenden anderen Schuldnern einsaßen. Was zudem zur Erhöhung ihrer Schuldenlast führte, da sie zeitgleich auch ihren Gefängnisaufenthalt zahlen mussten.Ginger 1998, S. 41–46 Dabei geschah es, dass die Ärmsten an Hunger starben und Aufsässige mit Körperstrafen behandelt wurden. Eine parlamentarische Untersuchungskommission stellte 1729 fest, dass innerhalb von nur drei Monaten 300 Insassen an Hunger verstarben; an heißen Sommertagen starben pro Tag acht bis zehn Gefangene.
Weltweite Bekanntheit erhielt das Marshalsea durch den Schriftsteller Charles Dickens und die Erwähnung dieser Einrichtung in seinen Romanen, insbesondere in der Satire Little Dorrit von 1857. Hier kommen autobiographische Momente seines Lebens zum Tragen: Dickens Vater saß 1824 aufgrund von Schulden, welche sich auf recht komplexem Wege bei einem Bäcker angehäuft hattenAus dem Buch Little Dorrit von Charles Dickens: , , im Marshalsea ein; Charles war daraufhin gezwungen die Schule aufzugeben und an einer Fabrikmauer als Schuhputzer Geld zu verdienen.
1870 wurde das Gefängnis weitgehend abgerissen. Verbliebene Teile dienten bis ins 20. Jahrhundert als Ladengeschäfte und sonstige Räumlichkeiten. Heute steht dort eine öffentliche Bücherei (John Harvard Library). Der einzige Überrest ist eine lange Steinmauer, welche die südlichste Einfriedung des Gefängnisses darstellt. Eine Plakette erinnert an den Ort, dessen Abriss Dickens zufolge „die Welt nicht schlechter“Litte Doritt. Einleitung (). machte.
Hintergrund Wortherkunft mini|Innenansicht des Marshalsea Court, 1800, einem Teil des Gefängnisses Marshalsea, wollte man es wörtlich ins Deutsche übersetzen, hieße etwa „Marschallei“. Das Wort Marshall (deutsch: Marschall) stammt von Althochdeutsch , zusammengesetzt aus , „Pferd, Mähre“ und „Knecht, Diener“. Es bezeichnet ursprünglich den „Roßknecht“. Mit dem Titel seines Herrn steigt – wie auch bei Mundschenk „Tafeldiener“, Kämmerer „Kammerdiener“ – auch seine Bedeutung, zu „Stallmeister“ (Marstaller) und später zu allgemeiner Bedeutung im Sinne „Kommandeur der Reiterei“. Später war es ein Titel der den Hofgerichten vorstehenden Beamten.
Marshalsea (oder Marshalcy) war also der ursprüngliche Name eines Gerichts (in voller Länge: „Court of the Marshalsea of the Household of the Kings of England“). Das Gefängnis wurde lediglich für die Beschuldigten des Gerichts angebaut; auch um diese bei einer Berufung für die Überstellung zum Court of King’s Bench festzuhalten. Das Gericht wurde auch „Court of the Verge“ (deutsch etwa: Gericht des Umlandes) genannt, weil es für die Vergehen im Bereich des Palastes zuständig war. Dieser Bereich wurde mit 12 Meilen (knapp 20 Kilometer) um den Palace of Whitehall, dem Wohnsitz der englischen Königsfamilie, definiert. Allerdings war das Marshalsea auch ein mobiles Gericht, welches in der Lage war mit dem König im Land umherzuziehen. Es war zuständig für Gesetzesverstöße und Schuldnervergehen von Angestellten des königlichen Haushalts, z. B. Dienern, Beamten oder Küchenpersonal. Zunehmend aber wurde das Gericht auch für Personen außerhalb des königlichen Haushalts angerufen.Jones 1970, S. 7–8; McIntosh 1979, S. 728 und 733
Southwark Gegründet im Jahr 43 durch die Römer, diente Southwark als südlicher Einlasspunkt Englands nach London. Insbesondere folgend der Watling Street, der alten Römerstraße, kommend von Canterbury. Diese mündete in die heutige Southwarker Borough High Street und von da weiter zur alten London Bridge.Thornbury 1872, S. 17; Philpotts 2003, S. 90. Das Gebiet erlangte seinen, zuweilen zweifelhaften, Ruf durch seine Reisenden und Gasthöfe, darunter das Tabard Inn. Diese fluktuierende Masse an Einwohnern brachte neben Armut auch Prostitution, Bear- und Bullbaiting, Theater (darunter William Shakespeares Globe Theatre) und Gefängnisse. Begünstigt durch die rigiden Gesetze der City of London, welche derartiges Spektakel aus seinen Mauern wies; dies aber den Verbannten auch künstlerische und wirtschaftliche Freiheiten ermöglichte, die in der u. a. durch die Puritaner regierten City nicht gegeben waren. 1796 gab es fünf Gefängnisse in Southwark: The Clink, King’s Bench, Borough Compter, das White Lion und das Marshalsea. Fünf von 18 gesamt in London.Philpotts 2003, S. 90.
Gefängnisse in England mini|Eine verbliebene Hinweistafel auf einer Brücke in Sturminster Newton, Dorset, die jeden, der die Brücke beschädigt, warnt, dass er hierfür in die Kolonien deportiert würde
Bis zum 19, Jahrhundert wurde in England die Gefängnisverwahrung nicht als Strafe begriffen, ausgenommen von kleineren Vergehen wie Landstreicherei; Gefängnisse waren lediglich dazu gedacht, Schuldner festzuhalten bis ihre Gläubiger ausbezahlt waren oder ihr weiteres Schicksal durch Richter bestimmt wurde. Letzteres konnte eine Hinrichtung umfassen (in Großbritannien erst 1964 abgeschafft), Auspeitschen (beendet 1961), das Einzwängen in Stöcken (beendet 1872), das Stellen an den Pranger (beendet 1830), die Bestrafung durch den Tauchstuhl (vergl. Waterboarding; beendet 1817), Verpflichtung zum Militär oder die Deportierung nach Amerika oder Australien (beendet 1867).McGowen 1995, S. 72; West 2011, S. 164 1774 gab es bei einer Gesamtbevölkerung von sechs Millionen Menschen in Großbritannien gerade einmal etwas über 4.000 Gefangene, davon die Hälfte säumige Schuldner.West 2011, S. 164 (Zum Vergleich: 2019 gab es 78.832 Strafgefangene in England und Wales bei einer Gesamtbevölkerung von 56 Millionen.)Prison population hits record 85,000 after end of early releases In: The Guardian. 23. April 2010England and Wales population rises 3.7m in 10 years In: The Guardian. 16. Juli 2016 Vor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776, deportierte Britannien zwischen 1719 und 1772 30.000 Gefangene zu ihren Dreizehn Kolonien.McConville 1995, S. 121. Während des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges (1775–1783) wurden viele Kriegsgefangene in Gefängnisschiffen eingeschlossen. Dabei gab es aufgrund extrem schlechter Haftbedingungen mehr Opfer (ca. 7000) als in allen Schlachten des Krieges (4435). Eines dieser Schiffe war beispielsweise die Jersey der Royal Navy. Allein in der Wallabout Bay am East River gab es mindestens 16 Gefängnisschiffe der Briten mit 11.000 Gefangenen. 1787 begann die Deportation von Straffälligen, bei der 164.000 Männer und Frauen auf 806 Schiffen bis zum gesetzlich verfügten Ende dieser Praxis im Jahr 1867 nach Australien geschickt wurden.
Die hernach in Großbritannien errichteten Gefängnisse des 18. Jahrhunderts waren im Grunde mehrstöckige Wohnanlagen, zum Teil mit freiem Zugang für die Öffentlichkeit. Sie wurden aber nachlässig gewartet und waren oftmals schmutzig. Auch enthielten sie etliche Räume in zum Teil feuchten Kellern. Die Gefängnisse befanden sich im Besitz Adeliger und boten ihnen durch Verpachtung an Dritte eine Verdienstmöglichkeit.McGowen 1995, S. 71–73
Die Gefangenen mussten für ihre Unterbringung zahlen, wie auch für ihre Versorgung und Kleidung. Selbst die karge Möblierung ihrer Zellen mussten sie aus eigenen Mitteln bestreiten. So wurde ein Gefangener nicht aus der Haft entlassen, weil er dem Gefängnis Geld für die Untersuchungshaft schuldete. Dieses Vorgehen fand selbst Zustimmung bei dem Rechtsgelehrten Matthew Hale.McGowen 1997, S. 74. Gefängniswärter verkauften Lebensmittel oder ermöglichten privilegierteren Gefangenen gegen eine Beteiligung an den Einnahmen eigene Geschäfte zu eröffnen; das Marshalsea enthielt so nach und nach mehrere Geschäfte und sogar kleine Restaurants.McGowen1995 S. 73 Gefangene, die sich keine Nahrungsmittel leisten konnten und auch nicht von außen unterstützt wurden, konnten im Gefängnis an Hunger sterben. Das Gefängnis stellte keine Ernährung ihrer nichtzahlenden „Gäste“ zur Verfügung.McGowen1995 S. 73–74; Philpotts 1991; Hughes 1998, S. 37.
Das erste Marshalsea (1373–1811) Überblick mini|hochkant=1.2|alt=|Südliche Front der Nordseite des ersten Marshalsea, 1773. Das Gebäude mit den Säulen war ein Gerichtsgebäude. Ganz rechts die Türe zu dem berüchtigten Strong Room, wo Gefangene in der Nähe des Abwasserkanals festgehalten und bestraft wurden.
Das Marshalsea belegte nacheinander zwei Gebäude der gleichen Straße in Southwark. Das erste Haus datierte zurück zum 14. Jahrhundert und fand sich auf der Höhe des Hauses 161 der heutigen Borough High Street.Philpotts 2003, S. 91 Gegen Ende des 16. Jahrhunderts geriet das Gebäude in einen zunehmend baufälligen Zustand.Adams 2009, S. 221. So ließ 1799 die Regierung verlauten, dass sie das Gefängnis 120 m weiter südlich neu errichten wolle (heute Hausnummer 211 in der gleichen Straße).